Ein Gespräch mit Creepy Creatures Reviews

Ich freue mich, heute auf einen sogenannten Booktube-Kanal aufmerksam zu machen, der doch viel mehr ist, und den einige von euch natürlich längst schon kennen dürften. Die Rede ist von Creepy Creatures Reviews. Das Phantastikon hat sich mit dem engagierten Macher Florian Jung unterhalten.

Phantastikon: Hallo Florian! Zunächst mal danke, dass du dir Zeit genommen hast, um ein paar Fragen zu beantworten.

Creepy Creatures: Hallo Michael, danke für die Einladung zum virtuellen Gespräch!

Phantastikon: Wie kamst du eigentlich auf die Idee, deinen Youtube-Kanal zu starten? War dir ein einfacher Buchblog nicht genug oder schreibst du nicht gerne?

Florian Jung, Betreiber des Youtube-Kanals “Creepy Creatures Reviews”

Creepy Creatures: Mir hat das Hantieren mit Kameras immer Spaß gemacht, ich war aber nie sehr gut darin. Das Schneiden hat mir mehr gelegen und deswegen wollte ich einfach beides verbinden: Kameraübung und Schnitt. Ich mag es einfach, mit Musik, Bildern und Effekten Stimmung zu erzeugen, auch wenn das unterschiedlich gut gelingt. Gerade das Zusammenspiel zwischen Ton und bewegten Bildern macht YouTube für mich spannend. Aber es gibt auch geschriebene Artikel – da ist der Vorteil, dass man lange an Formulierungen feilen kann und gerade bei reportageartigen Artikeln diese immer weiter bearbeiten und auf den neusten Kenntnisstand setzen kann.

Phantastikon: Wie stehst du selbst zu den unzähligen Buchblogs, die ja seit Jahren groß in Mode sind?

Creepy Creatures: Es wäre, glaube ich, ziemlich frech, wenn ich jetzt über andere Blogs herziehen würde. Fakt ist, dass mir die Blogs gefallen, die sich sachlich und ernsthaft mit ihren Themen auseinander setzten. Das Aufgesetzte, Überzuckterte in vielen modernen (und, seien wir ehrlich: jüngeren) Vlogs und Blogs – jedenfalls kommt es mir so vor – ist gar nicht mein Ding. Ich mag es auch gar nicht, wenn man sich einfach immer nur selbst zur Schau stellt und die Inhalte in den Hintergrund geraten. Das mag überheblich klingen, aber ich hoffe, ich erwecke diesen Anschein nicht. Diese Art Blogs und Vlogs schaue ich mir nicht an und lese sie mir auch nicht durch. Aber wie angedeutet, gehöre ich mit 40 zu den älteren und wahrscheinlich in den Augen vieler jüngerer auch langweiligen oder behäbigen, unmodernen Blogbetreibern. Das ist wiederum das Recht dieser, mich doof zu finden. Am Ende ist alles eine Geschmacksfrage und es ist gut, dass es die eine wie auch die andere Art des Bloggens gibt. Der pure Mainstream und angehimmelte Idole, die einfach nur sich selbst als Marke haben, interessieren mich aber einfach nicht.

Phantastikon: Findest du den Trend, dass Leser über Bücher berichten anstatt Fachleute, eher gut oder siehst du das auch kritisch?

Creepy Creatures: Das ist eine sehr gute Frage! Da Bücher nicht für berufsmäßige Kritiker (was auch immer einen Menschen dazu macht) geschrieben sind, sondern für „normale“ Leser, finde ich es gut, wenn auf Augenhöhe über Bücher gesprochen wird. Ich bin ja auch nur ein normaler Leser, der halt darüber spricht, was er gelesen hat. Mehr maße ich mir nicht an. Also, um es kurz zu machen: ja, ich finde es gut, dass man nicht mehr nur auf Kritiker angewiesen ist – und auf die Bücher, die jene besprechen. Ich habe deswegen über Phantastik begonnen zu bloggen, weil ich einfach zu wenige Vlogs dazu gefunden habe. Ich wollte meine Leidenschaft mit anderen teilen, denen es ebenso ging. Das gilt ebenso für jedes andere gesellschaftliche Thema und jede andere literarische Gattung, auch wenn sie mir vielleicht nicht gefällt. Aber ich finde es immer toll, wenn sich Nischen öffnen und sie ein Teil der Kultur werden. Es ist wichtig, dass die literarische Szene zeigt, wie vielfältig sie ist.

Phantastikon: Dein Video „Phantastische Literatur – oder: wo sich die Geister scheiden“, (Video am Ende des Artikels) hat damals einige Wellen geschlagen. Gab es während der Dreharbeiten etwas, mit dem du nicht gerechnet hättest? Und wie hast du dich auf die doch aufwendige Produktion vorbereitet?

Creepy Creatures: Ich freue mich immer noch riesig darüber, dass der Film so viel gesehen wurde und wird. Tatsächlich habe ich nur von Volker Weidermann (dem Kritiker des „literarischen Quartetts“) wirklich Ablehnung erfahren. Alle anderen Drehorte und Interviewpartner – auch das ZDF, das sehr großzügig darin war, mich in die Sendung zu lassen und mich sehr hilfreich unterstützt hat! – waren sofort dabei, haben gerne und teils auch mit viel eigenem Aufwand (wie etwa Tom Finn, der extra einen Besuch in Köln damit verbunden hat, für das Interview zu mir nach Hause zu kommen) den Film unterstützt. Das war super. Vorbereitet habe ich mich nur bei der Erstellung eines Fragenkatalogs – das Beschwerlichste war die Drehreise nach Berlin, die koordiniert werden musste und einiges an Logistik gebraucht und Geld gekostet hat. Das wiederum wäre ohne die Hilfe meiner Frau kaum möglich gewesen. Es kostet aber vor allem Energie, die ich ja gerne in den Film gesteckt habe.

Phantastische Literatur – oder: wo sich die Geister scheiden – Video am Ende des Artikels

Phantastikon: Wie bereitest du dich im Allgemeinen auf deine Interviews vor? Kommen die Autoren zu dir oder bist du selbst viel unterwegs?

Creepy Creatures: Viele Interviews mache ich virtuell, also per Mail oder Chat. Für die Videointerviews reise ich zwar hin und wieder, warte aber meistens bis zu Messen oder Cons, auf denen die Leute eh sind. Dann mache ich ein paar Monate vorher einen Termin und überlege mir einfach, was mich an diesen Leuten interessiert, formuliere das als Frage und drücke dann auf den roten Knopf. Ich will bewusst nichts zu perfektionistisch planen und zu überambitioniert sein. Sonst geht Spontanität und irgendwie auch der Spaß verloren

Phantastikon: Bist du viel auf Conventions zu finden oder interessieren dich solche Veranstaltungen eher weniger?

Creepy Creatures: Ich bin viel zu selten auf Cons. Da die Leipziger Buchmesse einfach viel Geld verschlingt, bin ich dann nur noch auf der MarburgCon und der BuCon. Sonst wird das einfach zu viel. Zur FeenCon gehe ich auch hauptsächlich, weil sie um die Ecke ist.

Phantastikon: Kaufst du deine Bücher oder arbeitest du mit Rezensionsexemplaren?

Creepy Creatures: Den Großteil der Bücher (ungefähr 90%) kaufe ich mir selbst. Aber hin und wieder bitte ich auch um Rezensionsexemplare. Das wird zwar immer wieder von Leuten auch kritisch gesehen – was ich verstehen kann – aber es ist halt dann doch irgendwann ein teures Hobby, das Lesen.

Phantastikon: Hast du literarische Vorlieben? Klar, im Grunde sprichst du genau über all das auf deinem Kanal …

Creepy Creatures: Ja, ich bin echter Phantast. Ich liebe einfach guten Horror (oder das, was ich darunter verstehe), visionäre SciFi und hin und wieder auch Fantasy, wobei ich finde, dass gerade hier viel seichter Kram erscheint. Ich lese das seit meiner Jugend, habe mit Astrid Lindgren schon als Kind Phantastik gelesen und lese das bis heute einfach am liebsten. Wenn ich ehrlich bin, lese ich nichts anderes. Früher habe ich Krimis und Gesellschaftsromane gelesen, aber ich mochte das einfach irgendwann nicht mehr lesen.

Phantastikon: Wie siesht du die Entwicklung der phantastischen Literatur in Deutschland seit dem du Creepy Creatures machst? Stecken wir da in einer Krise oder ist für dich alles in Ordnung, stabil und zukunftsträchtig? Vermisst du eventuell etwas im Speziellen?

Creepy Creatures: Puh, eine große aber essentielle Frage. Ich finde es toll, dass es so viele Kleinverlage gibt, die in der Phantastik unterwegs sind. Es fallen immer mal wieder ein paar weg und es kommen immer wieder neue, so dass ich aus Lesersicht sage: ich finde, die Szene ist vielfältiger geworden. Wie schwer es aber für diese Verlage ist zu überleben, welche Unmengen an Zeit und Energie diese Kleinverleger investieren, nur um ihre Leidenschaft ausleben zu können, und wie nahe viele an den roten Zahlen vorbei Schrammen, oder sie sogar schreiben, das ist besorgniserregend. Aber dazu werde sich die Verlage selbst qualifizierter äußern können. Ich sehe aber nach wie vor, dass alles außer Fantasy und Stephen King zu wenig Platz in den Buchhandlungen findet. Es ist immer noch so, dass Phantastik als belächelte Literatur bei jenen gilt, die sich der vermeintlichen Hochkultur angehörig sehen. Sie wird immer noch belächelt – aber es gibt einfach auch vieles in der Phantastik, dass echt nicht gut geschrieben ist.

Ich hoffe, dass die Qualität stabil bleibt, dass auch mehr deutsche Autoren gute, hintergründige und anspruchsvolle Phantastik schreiben und damit Erfolg haben. Das sollte gerne mehr werden und vom Publikum auch außerhalb der Phantastik-Szene honoriert werden.

Ich würde mir wünschen, dass die Schranke in den Köpfen, die eine Barriere zwischen Hochliteratur und allem andern bildet, abgerissen wird.

Phantastikon: Wie viele Bücher hast du in etwa zuhause stehen?

Creepy Creatures: Oh… ich weiß es nicht. Ich glaube es sind um die 500. Also gar nicht so viele

Phantastikon: Sortierst du deine Bücher oder stellst du sie einfach irgendwo hin?

Creepy Creatures: Ich sortiere etwas nach Verlagen, bei Autoren, von denen ich viele Bücher habe, auch nach Autoren. Aber ich bin kein gewissenhafter Bibliothekar. Manches steht auch nur da, wo noch Platz ist. Und der wird ständig knapper.

Phantastikon: Hardcover oder Taschenbücher? Kaufst du dir besondere Gimmicks oder Sonderausgaben, vielleicht sogar signiert und etwas teurer?

Creepy Creatures: Ja, ich kaufe mir immer mal wieder Sammlerexemplare. Aber nachdem ich das einige Jahre lang so exzessiv betrieben habe, suche ich mir heute genauer und sorgfältiger aus, welche dieser Sonderexemplare ich mir zulege. Einfach nur kaufen, weil es ein Sammlerstück ist – das mache ich nicht mehr. Aber besondere Bücher sind schon was tolles und ich kaufe immer noch mehr, als ich eigentlich will.

Phantastikon: Liest du gezielt oder eher das, was dir in die Finger kommt?

Creepy Creatures: Ich suche schon gezielt nach Büchern und Autoren. Stöbern in den Buchhandlungen mache ich selten, aber hin und wieder kommt es schon vor. Und manchmal finde ich da dann auch ein Buch, das ich sonst vielleicht übersehen hätte.

Phantastikon: Hast du ein bestimmtes Leseritual?

Creepy Creatures: Leseritual: nö. Ich lese gerne in der Badewanne, aber das ist kaum ein Ritual, da ich abends im Bett ja auch viel lese.

Phantastikon: Nach welchen Kriterien suchst du deine Themen für deinen Kanal zusammen? Du hast ja vor Kurzem sogar Büttenpapier geschöpft!

Creepy Creatures: Bei der Themenwahl bin ich total egoistisch: ich mache einfach nur das, was mich interessiert. Das Papierschöpfen betreibe ich als Hobby schon seit Jahren, deswegen war es naheliegend, irgendwann dazu auch ein Video zu machen (bzw. 3, aber viele schauen sich die Teile leider nicht an). Ansonsten mache ich einfach das, was mir gerade einfällt oder frage auch mal die Facebook- oder Patreon-Supporter, was sie gerne sehen würden. Aber ich will mich nie an dem orientieren müssen, was vielleicht die meisten Klicks bringt. Es soll mir gefallen und mich interessieren, das ist das Wichtigste – in der Hoffnung, dass es andere auch interessiert.

Phantastikon: Hast du ein Lieblingsbuch, dass alle anderen bis heute überstrahlt?

Creepy Creatures: Schwere Frage. Es gibt ein paar Bücher, die mir immer wieder einfallen. Walter Moers’ „Die Stadt der träumenden Bücher“, Stephen Kings „Es“ (weil es der erste richtige Horror- Roman war, den ich gelesen habe), oder „Die Kinder der Zeit“ von Adrian Tchaikovsky, aber auch „Metro 2033“ von Dimitri Gluchowsky – bin nicht sicher ob ich den Namen richtig geschrieben habe! Aber mir fallen jetzt wieder viele nicht ein, die mir da eigentlich einfallen sollten. Es gibt immer wieder Bücher, die mir länger im Gedächtnis bleiben als andere. Das variiert, und einige geraten dann doch irgendwann wieder in Vergessenheit. Mein Gedächtnis lässt wohl nach…

Phantastikon: Hast du selbst mal versucht, eine Geschichte zu schreiben oder wolltest vielleicht sogar Autor werden?

Creepy Creatures: Nein, ich wollte nie Autor werden. Ich habe mal versucht, eine Geschichte zu schreiben, habe aber gemerkt, dass ich das nicht kann. Man muss auch seine Grenzen kennen und ich bin nicht dazu in der Lage, eine gute, originelle und lesbare Geschichte zu schreiben. Deswegen versuche ich es auch nicht mehr.

Phantastikon: Was gefällt dir an dunkler oder phantastischen Literatur besonders?

Creepy Creatures: Die große Frage! Die kleine Antwort darauf lautet: die Atmosphäre, das nicht-Reale, das Gruselige, Bedrohliche. Der unterschwellige Grusel. Und wenn man das Buch zugeklappt, kann man beruhigt denken: „Gott sei dank ist das alles nur eine Geschichte“. Viele phantastische Romane sind Analogien auf unsere Zeit, enthalten Gesellschaftskritik oder erzählen unsere Geschichte in anderen Farben und Realitäten. Die Realität ist manchmal gruseliger und beängstigender als jede Schauergeschichte, weil sie wahr ist. Ein Buch ist Fiktion und Flucht aus der Realität – jedes mal anders und jedes mal in eine andere Wirklichkeit.

Phantastikon: Wo möchtest du mit deinem Kanal noch hin? Gibt es Projekte, die du unbedingt verwirklichen willst, es bis jetzt aber noch nicht geschafft hast?

Creepy Creatures: Ich weiß nicht so genau, wo ich hin will. Ich lasse mich lieber treiben und gehe nicht zu geplant an Creepy Creatures ran. Es soll Spaß machen und nicht zu einer Wissenschaft oder einer geleiteten Unternehmung führen. Ich möchte auch nicht, dass ich oder der Kanal sich nach PR Regeln und Social-Media-Strukturen richtet, die irgendwer aufgestellt hat, um schnell erfolgreich zu werden. Creepy Creatures ist klein, aber echt, und das soll auch so bleiben. Ich will nicht hip werden, sondern die Zuschauer haben, die sich für diese Art der Literatur interessiert.

Phantastikon: Vielen Dank, Florian, dass du dir Zeit genommen hast, diese Fragen zu beantworten. Wir wünschen dir und deinem Kanal noch eine lange Lebensdauer!

Creepy Creatures: Danke vielmals für das Interview und die guten Fragen!

Schreibe einen Kommentar

* Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.

Dieser text ist urheberrechtlich geschützt!