Roter Hering

Darf’s ein roter Hering sein?

Geheimnisvoll. Dieses Wort allein erzeugt in uns ein Gefühl von Spannung, ein Kribbeln in den Venen, einen Schub von Neugier im Gehirn. Denn wir sind von Natur aus wissbegierige Wesen. Wir lieben die Herausforderung, verwickelte Probleme zu lösen, verschlüsselte Rätsel zu knacken und unvollständige Puzzles zu vervollständigen. Und kein anderes literarisches Genre weckt diese Neugier und Entdeckungsfreude mehr als der Krimi. Aber im Kern eines jeden faszinierenden Geheimnisses ist auch die kunstvolle Täuschung enthalten.

Irreführung ist eine Kunst, die darin besteht, die Leser von der wahren Antwort, dem wahren Schuldigen oder dem wahren Grund abzulenken. Eine gelungene Irreführung ist wie ein magischer Trick, bei dem man denkt, dass das Kaninchen aus dem Hut kommt, obwohl es die ganze Zeit hinter einem seidenen Tuch versteckt war. Eine spezielle Form der Irreführung in Krimis ist der raffinierte rote Hering. Diese hinterlistigen Techniken helfen dem Autor, die Spannung aufrechtzuerhalten, indem er immer wieder unerwartete Wendungen in die Handlung einfügt.

Indem Autoren die Kunst der Ablenkung und Irreführung beherrschen, halten sie den Leser in einem Zustand der Unsicherheit und lassen ihn sich fragen, ob er jemals festen Boden unter den Füßen haben wird. Die besten Autoren verstehen es, geschickte Fallen zu stellen, in die der Leser unweigerlich und oft wider besseren Wissens hineintappt.

Was hat es mit dem roten Hering auf sich?

Ein Roter Hering bezieht sich auf ein Ablenkungsmanöver, das uns von der eigentlichen Spur abbringen soll. Der Ausdruck kommt aus dem Englischen und meint wörtlich einen geräucherten Salzhering, der einen starken Geruch absondert. Manche glaubten, dass man damit Jagdhunde verwirren oder auf eine falsche Fährte locken konnte. In der Literatur und im Film wird ein Roter Hering oft verwendet, um uns zu überraschen oder zu täuschen. Wir folgen einer Spur, die sich später als falsch oder unwichtig herausstellt. Was braucht es also, um diese gewundenen, schlüpfrigen und ach so köstlichen Ablenkungsmanöver zu meistern?

Das erste Gebot der Stunde ist Subtilität. Ein Ablenkungsmanöver muss eher ein leises Flüstern als eine schrille Schlagzeile sein. Er sollte den Leser sanft vom Weg abbringen, ohne dass er merkt, dass er in die Irre geführt wurde. Dies ist jedoch ein heikler Balanceakt. Der Hinweis muss wichtig genug sein, um bemerkt zu werden, aber auch wieder nicht so auffällig, dass sein Zweck offensichtlich ist.

Das können Figuren sein, die etwas zu verbergen haben, die nicht die ganze Wahrheit kennen oder sagen, die andere manipulieren wollen. Die Leserinnen und Leser werden solchen Figuren gegenüber automatisch misstrauisch sein und versuchen, ihre wahren Absichten zu ergründen. Das macht sie zum perfekten Vehikel für ein Ablenkungsmanöver. Zum Beispiel der ehemalige Freund, der noch nicht über die Trennung hinweg ist, der gerissene Hausverwalter, der immer etwas im Schilde führt, oder die harmlos wirkende Tante mit einer dunklen Vergangenheit. Dabei geht es nicht darum, seine Leser zu verärgern. Das passiert allerdings ziemlich oft und man erkennt daran leicht den minder begabten Autor. Nein, es geht darum, eine komplexe und faszinierende Erzählwelt zu erschaffen, in der jede Figur mehr ist als sie scheint.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Timing. Wenn man ein Ablenkungsmanöver zu früh einführt, kann es in Vergessenheit geraten; wenn man es zu spät bringt, kann es wie ein kläglicher Versuch aussehen, die Aufmerksamkeit mit aller Gewalt umzulenken. Der Trick ist, es zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einzubauen, meistens genau dann, wenn die echten Hinweise an Spannung zunehmen. Es ist, als würde man dem Tanz eine Bewegung hinzufügen, wenn der Rhythmus eintönig wird.

Ein geschickter Impressario von Ablenkungsmanövern zu werden, bedeutet, die menschliche Natur zu verstehen, unsere inhärenten Voreingenommenheiten und Vorurteile zu erkennen und sie dann meisterhaft auszunutzen. Die Magie liegt in der Fähigkeit, gleichzeitig zu führen und in die Irre zu führen, gleichermaßen zu geben und zu nehmen und den Leser dazu zu bringen, dem Autor zu vertrauen, auch wenn er eben nicht vertrauenswürdig ist.

Das Ziel ist nicht, die Leser zu täuschen oder zu frustrieren, sondern sie in eine so faszinierende Welt einzuladen, dass jeder falsche Hinweis, jede falsche Fährte, ein vergnüglicher Teil der Reise ist.

Die besten roten Heringe

Ablenkungsmanöver sind die treuen Begleiter des Krimi-Genres, die Handlanger des Detektivs auf der Suche nach der Wahrheit. Sie sind die Früchte, die unsere literarische Ernährung aufpeppen, die erzählerischen Schelme, die unsere Annahmen in Frage stellen und unseren Intellekt reizen. Kurz gesagt, rote Heringe sind das Salz in unserem Krimi-Soufflé, der Absinth in unserem literarischen Cocktail, der ihm die köstliche Würze der Ungewissheit und Komplexität verleiht.

Begeben wir uns auf eine fröhliche Jagd durch die Seiten einiger der besten Kriminalromane, auf der Suche nach den besten roten Heringen, die jemals in irgendwelchen Kapiteln herumgeschwommen sind.

Beginnen wir mit Agatha Christies berühmtem Roman „Und dann gabs keines mehr“ beginnen. In diesem Meisterstück der Täuschung werden zehn Unbekannte auf eine verlassene Insel gelockt, wo sie nach einem bekannten Abzählreim einer nach dem anderen umgebracht werden. Christie legt im ganzen Buch geschickt falsche Fährten, die fast jeden Charakter verstricken, alle verdächtig machen und den Leser bis zum Schluss ratlos lassen. Die Geschichte ist so raffiniert konstruiert, dass man selbst dann, wenn man meint, die falschen Fährten entlarvt zu haben, immer noch auf dem Holzweg ist. Das ist die Brillanz von Dame Christie!

Unsere nächste Station ist Sir Arthur Conan Doyles „Der Hund von Baskerville„, wo der legendäre Detektiv Sherlock Holmes auf einen besonders gespenstischen roten Hering trifft. Die Legende eines geisterhaften Hundes, der die Familie Baskerville heimsucht, wird als das zentrale Rätsel dargestellt. Doch er entpuppt sich als Ablenkung vom eigentlichen menschlichen Bösewicht. Conan Doyle führt uns mit seiner meisterhaften Erzählkunst in die Sümpfe des Übernatürlichen, nur um dann eine hinterhältige menschliche Hand hinter den Verbrechen zu enthüllen.

Wenn wir in die Neuzeit eintauchen, stoßen wir auf die labyrinthische Handlung von „Gone Girl“ von Gillian Flynn. Flynn setzt ein geschicktes Ablenkungsmanöver ein, als sie uns Amy Dunnes Tagebuch vorstellt, das sich später als Teil von Amys akribischem Plan erweist, ihrem Mann den Mord anzuhängen. Das Tagebuch ist unser Fenster zu Amys Gedankenwelt, und wir vertrauen ihm bedingungslos, nur um festzustellen, dass es uns in die Irre führt.

Als Nächstes tauchen wir in das Schattenreich von „Verblendung“ von Stieg Larsson ein. Hier verwebt Larsson gekonnt eine Geschichte von Unternehmenskorruption, persönlichen Rachefeldzügen und unaussprechlichen Verbrechen. Die Geschichte ist eine Fundgrube für Ablenkungsmanöver, mit mehreren Handlungssträngen, die zwar relevant erscheinen, aber eben doch nur Ablenkungsmanöver sind. Einer der brillantesten Momente ist der, in dem der Fokus auf Harriets mögliche Mörder gelenkt wird, so dass wir das zentrale Rätsel – Harriets Verbleib – vergessen.

Kommen wir nun zu den verschlungenen Wegen von „Tausend kleine Lügen“ von Liane Moriarty. Der gesamte Roman dreht sich um eine einzige, fesselnde Frage: Wer ist bei dem Quizabend gestorben? Moriarty lässt geschickt Andeutungen über verschiedene Charaktere fallen, weckt Verdächtigungen und spinnt ein kompliziertes Netz aus roten Heringen. Der Leser wird in dem Glauben gelassen, dass eine der Hauptdarstellerinnen das Opfer ist, aber in einer verblüffenden Wendung stellt sich heraus, dass es sich um eine Person handelt, von der man es am wenigsten erwartet hätte.

Die Ablenkungsmanöver in diesen Romanen sind keine bloßen Handlungselemente; sie sind geschickte Striche auf der Leinwand der Erzählung, die Tiefe, Intrigen und Aufregung hinzufügen. Sie sind die Chamäleons der Welt der Geschichten, geschickt in der Tarnung, Experten in der Irreführung. Diese Meister des Krimis haben uns gezeigt, dass es bei der Kunst der Irreführung nicht nur darum geht, die Wahrheit zu verschleiern, sondern auch darum, den Weg dorthin zu verschönern, ihn faszinierender, fesselnder und lebendiger zu machen.

Letztendlich geht es nicht um das Ziel, den Krimi oder das Wie, sondern um die Reise. Es geht um die verlockenden Umwege, die verwirrenden Kreuzungen, die Irrwege, die uns von den ausgetretenen Pfaden ablenken, nur um uns wieder auf sie zurückzuführen. Und während wir durch dieses verschlungene Labyrinth navigieren, erkennen wir, dass das Beste an einem Kriminalroman nicht die Enthüllung der Wahrheit ist, sondern der köstliche Nervenkitzel, in die Irre geführt zu werden. Ein Hoch auf die Ablenkungsmanöver, die unbesungenen Helden des Krimis, die Meister der Irreführung. Mögen sie lange in den Gewässern der Intrigen schwimmen!

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