Jean Pierre Andrevon, Philippe Cousin: Das Haus gegenüber

„In den vier Jahren, die er nun schon über das Parkett rollt wie ein eingesperrtes Karnickel, hat George das Haus genau kennengelernt. Er kennt es besser, als wenn er die Treppen hinauf und hinab gestiegen, als wenn er zu den Leuten in die Wohnung gegangen wären. Er kennt es dank der Geräusche, der Luftzüge, der winzigsten Temperaturschwankungen. Die Wasserspülung im Abflussrohr um halb zwölf, das ist der Bewohner vom vierten Stock rechts, der immerzu an Verstopfung leidet. Der Lärm im Treppenhaus, vor allem gegen drei Uhr mittags, das ist natürlich der Australier, der vom Holzhändler heimkommt. Die Billardkugeln, die über die Fliesen rollen, das ist stets der alte Lessourd, der immer noch mit Kohlen heizt und beim Füllen seines Ofens jedesmal die Hälfte daneben schüttet.“
(Georges wollte auf die dritte Etage)

A Ghost Story – Zeit ist alles

Es gibt natürlich Gründe dafür, warum Geschichten, die sich um Trauer drehen, auf die Erfahrungen der Lebenden (der Überlebenden) fokussiert sind, die mit dem Schmerz des Verlusts und dem Mysterium der Abwesenheit zu kämpfen haben. Vielleicht aber haben die Toten auch Gefühle. Wenn man darüber nachdenkt, ist das sogar der Urgrund vieler Geistergeschichten. Und genauso verhält es sich bei A Ghost Story, David Lowerys genialen und bewegenden Film von 2017.

Wenn du denkst, jetzt holt es dich

Ich war noch sehr klein, als ich dachte, Kirchturmglocken würden ihn ankündigen. Sie schlugen zwölfmal, und ich hätte längst schon schlafen müssen, neben mir eingerollt meine jüngere Schwester, der grüne Bär und die einarmige Katze zwischen uns, gut zugedeckt, um die Nacht sicher zu überstehen. Aber es war nicht mein Bett. Es war keine Nacht, die mir richtig erschien, weil sie mich ganz allein für sich haben wollte. Da war kein vertrautes Ohr, in das ich verschwörerisch hätte flüstern, kein nach Zuhause schmeckendes Kissen, in das ich trotzig hätte spucken können.

Film Noir: Vom Sandsack, der nie das Mädchen kriegte

Humphrey Bogart ist Sam Spade in John Hustons Die Spur des Falken. Und in der Liga der Hartgesottenen, zu der die großen, ganzen Typen wie Robert Mitchum, Dick Powell, Robert Montgomery und Alan Ladd gehören, verkörpert er den private eye, als wäre für ihn maßgeschneidert worden. So, als hätte Dashiell Hammett ihn aus der dunklen Ecke heraus herbei gepfiffen und ihn, ohne den Kerl zu rasieren und lackieren, in die schäbige kleine Kanzlei gesetzt, um ihn machen zu lassen. Aus dem Bauch raus. Instinktiv richtig.

Die Addams Family – Man mag und kann eben auch anders

Als die amerikanische Fernseh-Nation 1964 erstmalig Bekanntschaft mit dieser seltsamen Familie machte, die niemand wirklich gern in unmittelbarer Nachbarschaft gehabt hätte, war die absolute Mehrheit schon recht irritiert. Diese Leute waren so völlig anders als normal. Gegenteilig. Irgendwie grundsätzlich verkehrt, weil sie Dinge mochten, sagten, machten, die man nicht auf dem sozialen Bildschirm hatte.

Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Wenn du weißt, da ist was

Den Ahnungslosen erzähle ich eine kurze, unspektakuläre Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und es ist nichts passiert.
Für all diejenigen, die es besser wissen und mir ihre wundersamen Gedanken anvertrauen, ist es eine andere Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und niemand war bei mir, der meine Angst mit mir hätte teilen können.

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