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Jean Pierre Andrevon, Philippe Cousin: Das Haus gegenüber

Jean Pierre Andrevon, Philippe Cousin
Das Haus gegenüber
Originaltitel: L’immeuble d’en Face
Frankreich, 1982
Heyne Verlag, München, 1991
Taschenbuch, Phantastik/Horror/Science-Fiction/Groteske, ISBN: 3-453-05381-8, 272 Seiten, 9,80 DM
Aus dem Französischen von Georges Hausemer
Umschlagillustration: Dieter Rottermund
http://jp.andrevon.com/
http://www.rottermund.de/index.php

„In den vier Jahren, die er nun schon über das Parkett rollt wie ein eingesperrtes Karnickel, hat George das Haus genau kennengelernt. Er kennt es besser, als wenn er die Treppen hinauf und hinab gestiegen, als wenn er zu den Leuten in die Wohnung gegangen wären. Er kennt es dank der Geräusche, der Luftzüge, der winzigsten Temperaturschwankungen. Die Wasserspülung im Abflussrohr um halb zwölf, das ist der Bewohner vom vierten Stock rechts, der immerzu an Verstopfung leidet. Der Lärm im Treppenhaus, vor allem gegen drei Uhr mittags, das ist natürlich der Australier, der vom Holzhändler heimkommt. Die Billardkugeln, die über die Fliesen rollen, das ist stets der alte Lessourd, der immer noch mit Kohlen heizt und beim Füllen seines Ofens jedesmal die Hälfte daneben schüttet.“
(Georges wollte auf die dritte Etage)

Erdgeschoss, links: Jacques-Pierre Hougremont
Dieses Licht, das aus dem Dunkeln kommt
Ein seltsamer Traum hatte den 45-jährigen Jacques-Pierre Hougremont heimgesucht. Die Erinnerungen an seine jüngere Vergangenheit schienen darin wie ausgelöscht, sein Zimmer verzerrt und lichtdurchflutet bis zur Unkenntlichkeit. Dann erkannte er einige Personen, die, wie er sich erst später erinnert, schon lange tot sind. Am folgenden Tag, der geprägt ist von seiner Routine als Übersetzer, nimmt er eine unvorteilhafte Veränderung in seinem Aussehen wahr, sowie einige nicht zu ignorierende Krankheitsanzeichen. In der folgenden Nacht ereilt ihn ein ganz ähnlicher Traum, bis er, nun 23-jährig, am folgenden Morgen erwacht.

Erdgeschoss, rechts: Hector Poi
Der zerstückelte Mann
Auch Hougremonts Nachbar Hector Poi, Witwer und Gendarm im Ruhestand hat wiederholt einen bizarren Traum. Ihm ist als würden seine Glieder sich strecken und ein Eigenleben anstreben. Tags darauf findet Poi seine Schuhe verschmutzt, obwohl er sie am Abend zuvor geputzt hatte. Auch erinnert er sich an die Fernsehsendungen, die während seines Nachtschlafs ausgestrahlt wurden. Dabei ist es gänzlich ausgeschlossen, dass er sein Schlafzimmer verlassen hat. Als die Gendarmen – alarmiert aufgrund der Sorge eines Freundes – Pois Wohnung betreten, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens.

Erste Etage, links: Jérôme Pensedur
Der Mann, dem die Außerirdischen alles wegnahmen
In nur zwei Tagen haben die Außerirdischen Xix den Planeten Erde erobert. Um sich nun mit allem Irdischen vertraut zu machen, wird alles, was sich auf der Erde befindet unter akribischer Buchführung eingesammelt und mit riesigen Raumschiffen auf den Planeten Xix verbracht. Von Meeren und Bergen über Gebäude, Brücken, Straßen, bis hin zu den Einrichtungsgegenständen einzelner Wohnungen, wie der von Jérôme Pensedur.

Erste Etage, rechts: Léon Lessourd
Die Wände haben Beine
Nicht genug, dass sein Etagennachbar Pensedur von heute auf morgen verschwunden ist, ohne sich zu verabschieden. Jetzt ist auch noch ein junges, unverheiratetes Paar, dazu noch Ausländer, in dessen Wohnung eingezogen, ohne dass er, Lessourd, informiert wurde. Ein regelrechter Affront gegen den nationalstolzen Franzosen. Schließlich weiß doch jeder, was die jungen, unverheirateten Leute, dazu noch Ausländer, so treiben. Importieren Müßiggang, Drogen und Schlimmeres. Der ohrenbetäubende Krach, der des Abends plötzlich zu ihm herüberdringt, eine wahre Kakofonie aus Musik, Stimmen und Gelächter, gibt ihm Recht. Alle Gegenmaßnahmen, die Lessourd über Tage und Nächte hinweg ergreift, werden von drüben überboten und mit jedem erneuten Angriff rücken die Wände seiner Wohnung näher zusammen.

Zweite Etage, links: Georges
Georges wollte auf die dritte Etage
Seit einem Unfall, den er mit vierzehn Jahren erlitten hat, ist George von der Hüfte an abwärts gelähmt. Heute, mit 18, hadert mit seiner männlichen Unzulänglichkeit. Da hört er eines Abends in der Wohnung über sich die zögernden Schritte einer Frau und eine Stimme, die ihn ruft. Dabei ist die dritte Etage nur ein Zwischengeschoß, über das niemand redet und das angeblich nicht bewohnt ist. Einige Tage darauf findet George, nach mehrmaligem Auf und Ab zwischen zweiter und vierter Etage, hinter der Tapete des Treppenhauses tatsächlich den Eingang in den dritten Stock. Die dahinter befindlichen Räumlichkeiten sehen wie eine Kulisse aus, die nur auf ihn, Georges, zu warten scheint. In der Wohnung wartet eine nackte Frau auf ihn. Eben jene Autofahrerin, die ihn vor Jahren zum Krüppel gefahren hat und die ein ganz besonderes Arrangement mit dem Hausbesitzer hat.

Zweite Etage, rechts: Familie Goulot
Krieg ist Krieg
Ein penetranter Türklingler reißt die Familie Goulot aus ihrem wohlverdienten Feierabend. Draußen steht ein Offizier, der Monsieur Roger Goulot zunächst mitteilt, dass dieser zum Oberfeldwebel befördert wurde, bevor er beinahe lapidar verkündet: „Es ist Krieg“. Sofort weiß der Familienvater, was zu tun ist. Gerade noch rechtzeitig verteilt er die notwendigen Dienste an seine Familienmitglieder und bereitet die Wohnung zur Verteidigung vor, da entern die feindlichen Truppen – vom Innenhof des Hauses aus durch das Fenster des elterlichen Schlafzimmers – bereits die Wohnung. In der Wohnung entbrennt ein erbittertes Gefecht. Doch wie soll eine einzelne Familie gegen die übermächtige Artillerie der Angreifer bestehen, die mit Panzern und Flugzeugen in ihre Räume eindringen?

Vierte Etage, links: Familie Parmentier
Gastfreundschaft
Seit zwanzig Jahren laden sich die Parmentiers (6 Kinder) und die Mageollets (8 Kinder) jeden Samstag gegenseitig zu einem guten – was vor allem „üppig“ bedeutet – Essen ein. Ohne Vorsatz haben sich die Veranstaltungen zu einem Wettstreit entwickelt, stets das Menü der jeweils vergangenen Woche zu übertreffen. Doch seit Kurzem wird bei den Parmentiers das Geld knapp und Madame Parmentier muss alle hausfraulichen Tricks aufbieten, die Mahlzeiten preiswert zu strecken. Bald schon werden sie auf Fleisch verzichten müssen. Undenkbar in dieser Lage. Doch Monsieur Parmentier hat den rettenden Einfall und die Mageollets wundern sich, dass über die folgenden Wochen die Kinder der Parmentiers – eins nach dem anderen – auf ausgedehnte Urlaubsreisen gehen.

Vierte Etage, rechts: Amelie Lehureux
Was verstopft den Abfluss?
Die Abende von Mutti, Vati und der kleinen Amelie Lehureux sind von familiärer Routine geprägt. Dem gemeinsamen Essen, der Beobachtung des stummen Fernsehprogramms, dem erotischen Tanz und den anschließenden Erwachsenenspielen der Eltern, weil Mutti immer so gut nach „Arabiens Wohlgerüchen“ duftet. Auch denkt sich Vati immer neue Geschichten darüber aus, was denn die Verstopfung des Abflusses in der Küche verursacht hat. War es letzte Woche noch eine übergroße Raupe, so ist es heute eine Giraffe, die sich von Speiseresten und Spülmittel ernährt und nun schon längst zu groß ist, um das enge Rohr zu verlassen, oder gar eine Wurst aus dem Blut eines spanischen Massenmörders, der vor dem Galgen geflohen ist und nie gefasst wurde. An diesem Abend beschließt Amelie selbst herauszufinden, was sich wirklich im Abfluss versteckt.

Fünfte Etage, links: Francine und Francois Douchy
Die junge Tote vom fünften Stock
Obwohl niemand im Haus näheres von beiden weiß, begegnen alle dem jungen Ehepaar Francine und Francois Douchy mit Respekt und Freundlichkeit. Die selben Tugenden, die die Douchys auch ihren Mitbewohnern entgegen bringen. Eines Tages meinen einige der Mieter, eine Veränderung an Francine wahrzunehmen. Scheint die Frau nicht blasser als sonst zu sein? Und sitzt nicht das Kleid etwas lockerer als noch beim letzten Mal? Als der Doktor zu einem Dauergast in der fünften Etage wird, wird die Sorge zur Gewissheit und schon bald darauf findet Francines Beerdigung statt. Doch kaum zwei Wochen später meinen einige, neben Francois‘ auch eine weibliche Stimme aus der Wohnung im fünften Stock zu hören. Als gute Nachbarn erkundigt man sich natürlich und staunt nicht schlecht als plötzlich Francine Douchy wieder in der Tür steht. Zwar noch etwas kränklich aussehend, schwerelos und fast sogar durchscheinend, doch durch kleine Berührungen und freundschaftliche Küsse, die sie von nun an mit ihren Nachbarn tauscht, erholt sie sich schnell wieder und gewinnt zusehends an Substanz.

Fünfte Etage, rechts: Der Australier
Der Australier
Jeder, der ihn nach seiner ungewöhnlichen Tätigkeit fragt, wenn er einmal wieder Planken, Rollen und Taue durch das Treppenhaus trägt, gibt Chester Hood, der Australier, die selbe Antwort. Er baut oben, in seiner Wohnung, ein Schiff, mit dem er die Welt umsegeln wird. Und heute ist es so weit. Das Schiff ist fertig gestellt, der Stapellauf kann stattfinden.

„Georges hat mit allen Mietern des Hauses darüber gesprochen, sofern er ihnen zufällig begegnet ist. Es sind rätselhafte Menschen, die anscheinend alle etwas zu verbergen haben. […] Das seltsame ist, das niemand den Wunsch zu haben scheint, mehr über dieses berüchtigte dritte Stockwerk zu erfahren. Wenn man sie fragt, wer dort wohne, dann antworten sie: „Niemand.“ Wenn man sie dann fragt: „Aber warum denn?“, dann erklären sie “Ich weiß es nicht.“. Und jedesmal schließt Georges mit der Frage: „Waren sie jemals dort?“ – „Nein.“ Niemand ist jemals auf der dritten Etage gewesen. Es ist nicht allzu schwierig herauszufinden, dass in Wirklichkeit niemand weiß, wo sie sich befindet. Von der zweiten erreicht man unverzüglich die vierte Etage, und damit hat es sich.“
(Georges wollte auf die dritte Etage)

MEINUNG
Mit DAS HAUS GEGENÜBER haben die beiden Autoren Jean-Pierre Andrevon und Philippe Cousin ein Mittelding zwischen Episodenroman und einer verbundenen Kurzgeschichtensammlung verfasst. Zehn Parteien teilen sich die sechs Stockwerke von Nummer 5, Rue de Saintonge – fünf, wenn man die geheime dritte Etage abzieht, zu der kein Eingang zu existieren scheint – und jede Familie, jeder Bewohner erlebt dort skurrile, geheimnisvolle und bisweilen erschreckende Ereignisse, die das Autorenduo mit einem handfesten Hang zur Übertreibung erzählen.

Das Buch erschien in der Science-Fiction-Reihe von Heyne, lässt sich jedoch dem Allgemeinverständnis des Genres nicht unterordnen. Wissenschaftliche oder technische Aspekte sucht man hier vergeblich und am ehesten ist noch DER MANN, DEM DIE AUSSERISDRISCHEN ALLES WEGNAHMEN der SF zuzuordnen, doch alleine, weil hier Außerirdische vorkommen. Viel deutlicher ist jedoch der Aspekt, dass Andrevon und Cousin mit dieser Geschichte auf den unverständlich komplexen Behördenbürokratismus zielen, der dem Ottonormalbürger tatsächlich nur absurd erscheinen kann und diesen oft nur hilflos zurücklässt. In mehreren Geschichten lassen sich diese parodistischen Elemente ausmachen, die die Autoren bis ins Grotesk-Fantastische überspitzen. So auch zum Beispiel Léon Lessourds Abneigung vor den Ausländern, die in seine Nachbarwohnung eingezogen sind und die sich bald zu einer ausgewachsenen Panik steigert, die seine eigene Wohnung um ihn herum immer weiter schrumpfen lässt (DIE WÄNDE HABEN BEINE). Auch Familie Goulots pflichtbewusste Aufopferung fürs Vaterland (KRIEG IST KRIEG) übertreibt die kritiklose Dienstbarkeit einiger Zeitgenossen bis aufs Äußerste. Hier wird auch besonders deutlich, dass die Geschmacks- und Moralgrenze der französischen Schreiber deutlich woanders liegt, als man das 1982 (Erscheinungsjahr des französischen Originals) vom dominanten US-Massenmarkt gewohnt ist. So teilt Monsieur Goulot seine älteste Tochter beim Ansturm der feindlichen Truppen, kurzerhand zur „Kompanieentspannung“ ein und rutscht in einer kurzen Gefechtspause mit einem halb tadelnden, hab befriedigten „was für eine kleine Hure“-Gedanken mal selbst schnell drüber. „Es ist schließlich Krieg.“

Solcherlei Ausflüge ins Grobe und Derbe, die hier keine Seltenheit sind, erwartet man nicht unbedingt in einem phantastischen Werk. Damit üben sie zumindest den sperrigen Reiz des Unerwarteten aus. Überhaupt sind die Franzosen nicht gerade für ihre Prüderie bekannt, wie auch GEORGES WOLLTE AUF DIE DRITTE ETAGE beweist, wo der gelähmte Georges ausgerechnet von der Autofahrerin, die ihn einst zum Krüppel gefahren hat, auf der versteckten dritten Etage zu einem sexuellen Tête-à-Tête empfangen wird. Und Madame macht gar keinen Hehl daraus, auch dem Hausherren ab und an zu Diensten zu sein.

Zusammen gehalten werden die Geschichten einmal natürlich durch die gemeinsame Adresse, zum anderen durch die selben Personen, die immer wieder auftauchen, von Nebenfiguren und Statisten zu Hauptakteuren werden und wieder zurück, sofern sie mit dem Leben davonkommen. Jeder im Haus kennt Henriette Parmentier, die bei allen Nachbarn klingelt, um die Haushaltskasse durch den Verkauf von Strickarbeiten aufzubessern. Und jeder musste schon einmal dem Australier ausweichen, wenn dieser einmal wieder mit Brettern beladen seinen Weg durch das Treppenhaus nach oben nahm. Nach und nach streuen die Autoren zwar auch einige Infos über den Besitzer, des Hauses, doch hat dies keine weitere Bedeutung.
Insgesamt bietet DAS HAUS GEGENÜBER eine abwechslungsreiche Sammlung phantastischer Geschichten, die von Übertreibungen ins Surreale und Groteske geprägt sind und damit dem Spießbürgertum mehr als einmal einen Spiegel vorhalten. Die Sprache ist relativ anspruchsvoll, doch immer mit einer gewissen Verve, womit man auch der Übersetzung ein Kompliment aussprechen muss.

Von Jean Pierre Andrevon sind mit der Kurzgeschichtensammlung NEUTRON und den Romanen TÖDLICHE KÄLTE (als Luther HORROR EXPERT 13 und als Bastei DÄMONENLAND 123), DER TOTENTANZ (als Pabel VAMPIR HORROR ROMAN 3 und Bastei DÄMONENLAND 66) (beide unter dem Pseudonym Alphonse Brutsche) noch weitere Veröffentlichungen in Deutschland erschienen, von Philippe Cousin scheint DAS HAUS GEGENÜBER die einzige deutsche Veröffentlichung zu sein.

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