Film Noir: Vom Sandsack, der nie das Mädchen kriegte

Bogart ist hässlich. Bogart ist schön. Er ist hart. Und irgendwo im Tiefen weich. Bogart spielt im Film Noir. Zerrissen und zynisch. Kaltschnäuzig und clever. Schnell. Auch böse. Aber vom Leben gezeichnet, wenig geläutert und trotzdem gut. Ein dreckiger Ritter. Der faire Spieler. Finster lächelnd für eine schwarz-weiße Ewigkeit. Bogart ist Bourbon. Er raucht. Flucht. Wittert, beschützt und schießt. Er ist Mann. Der Mann. Bogart ist Film Noir. Es gibt keinen anderen, der diesen Titel tragen kann, ohne den Hut abnehmen zu müssen.

(c) Warner Bros.

Humphrey Bogart ist Sam Spade in John Hustons Die Spur des Falken. Und in der Liga der Hartgesottenen, zu der die großen, ganzen Typen wie Robert Mitchum, Dick Powell, Robert Montgomery und Alan Ladd gehören, verkörpert er den private eye, als wäre für ihn maßgeschneidert worden. So, als hätte Dashiell Hammett ihn aus der dunklen Ecke heraus herbei gepfiffen und ihn, ohne den Kerl zu rasieren und lackieren, in die schäbige kleine Kanzlei gesetzt, um ihn machen zu lassen. Aus dem Bauch raus. Instinktiv richtig.

Pflicht in jedem Whiskyglas

Es wurde genial. Mit der tatsächlich bereits dritten und gleichsam authentischsten, da Werk und Ideologie getreusten Verfilmung des Hammett-Romans The Maltese Falcon (Der Malteser Falke) schlug 1941 die Stunde. Prinzipiell fühlbar war es gegen Mitternacht, als damit das Fundament gleichwohl Monument in spe für den Film Noir geschaffen war. Nicht bloß skizziert oder nur wegweisend, sondern klar diktiert.

Fortan sind die schlagfertigen, auf spießiges Bürgertum und scheinheilige Traditionswerte zielenden Wortgefechte, die expressionistische Schwarz-Weiß-Ästhetik mit ihren Schattenspielen, das Ungeschönte und die düstere Dramatik einer echten Kriminal-Reality-Mär oberste Pflicht hinter und vor der Kamera, in jedem Drehbuch, in jedem zerknitterten Trenchcoat, in jedem geleerten Whiskyglas.

(c) Warner Bros.

Im Malteser Falken geht Privatdetektiv Sam Spade, mürrisch, wütend und kühl kalkulierend mit einer möglicherweise großen, gewinnbringenden Angelegenheit, einem immer undurchsichtiger werden Fall nach. Sein Partner wird ermordet, der von Spade gesuchte Mann ebenfalls, eine schöne Frau erzählt Lügen, eine kostbare Vogelstatue wird gesucht, Verbrecher mischen (natürlich) mit, und alle miteinander sind korrupt und nur auf eigene Vorteile bedacht. Moralische und rechtliche Bedenken oder überhaupt grundehrliche Charaktere gibt es nicht. Am Ende haben alle verloren.

Bis auf Spade in einem Punkt: Seine Geliebte wartet offensichtlich auf ihn. Die Witwe seines erschossenen Partners, mit der er zuvor schon eine Affäre gehabt hat. Die schöne Lügnerin, letztlich eine Doppelmörderin und Betrügerin, die ihn mit weiblicher Raffinesse noch von ihrer Liebe zu ihm zu überzeugen versucht, um mit heiler Haut davon zukommen, weist er knallhart ab:

“Du hast nur eine Chance, mit dem Leben davon zu kommen, wenn Du hübsch artig bist, mein Täubchen, und vor Gericht alles zugibst, was Du auf dem Gewissen hast. Wenn sie Dich aber aufhängen, werde ich Deiner stets gedenken.”

Klassischer Kern: Der Falke

Der Malteser Falke ist zweifellos der klassische Kern des Film noir. Natürlich gab es zuvor bereits Stranger on the third Floor (1940), und natürlich zählt die Mord-Geschichte von Boris Ingster mit Peter Lorre als unheimlicher “Fremder” im Treppenhaus mit ihren stilistischen und thematischen Merkmalen zur “Schwarzen Serie”. Aber dem Falken damit rein rechnerisch den Rang des einen, Regeln und Richtungen am unantastbarsten festlegenden Film streitig zu machen, wäre nicht im Sinn der ganz großen Sache. Und das war sie. Groß.

Wie eben auch Bogart, der sich erst im Alter von einundvierzig Jahren in einer Rolle fand, die ihn beweisen ließ, welch besondere Spezies Mann er verkörpern konnte, ohne sich zu verbiegen: Die des lakonischen, in sich instabilen und doch knallharten Kerls, der das Leben kennt. 1940 kam High Sierra (Entscheidung in der Sierra) mit Bogart als Gangster Roy Earle in die Kinos. Sein persönliches Signal, dem Lockruf des Weltruhms folgen zu dürfen.

Gefährlich auch ohne Kanone

Zuvor hatte der in New York geborene Humphrey DeForest Bogart (1899 – 1957), Sohn eines recht bekannten Arztes, der ihm freilich nur Schulden vererbte, auf Theaterbühnen und schließlich in Filmkomödien wie Broadway’s like that (1930) gespielt, bevor er in The Petrified Forreste  (Der versteinerte Wald, 1935) als rauer Ganove seinen weiteren Kurs markierte. Auf die “schweren Jungs” mit meist unrühmlichem Ende war er zuerst einmal festgelegt. Im elitären Rampenlicht allerdings standen andere: Die Heroen des Gangsterfilms der 1930er Jahre wie Edward G. Robinson, George Raft und James Cagney.

“Ich war der Sandsack. (…) Ging immer drauf und kriegte nie das Mädchen.” (Bogart)

Mit Roy Earle in High Sierra freilich war dann unabdingbar der schwer zu nehmende Bogart-Prädikat-Halunke geboren, scheinbar abgebrühter Ego-Macho mit ausgeprägtem Charakter und somit letztendlich eben doch ein feiner Kerl, – für den Raymond Chandler bezeichnende Worte fand. Bogart blieb da treu, gut finster und wurde stark.

“Bogart ist natürlich auch viel besser als jeder andere Schurkendarsteller. (…) Bogart wirkt auch ohne Kanone gefährlich. Außerdem hat er einen Humor, der den bekannten heiseren Ton der Verachtung enthält.” (Chandler)

Dem “besten Schurken” folgte der ähnlich schwer zu packende Detektiv gleichen Grundwesens, der in Tote schlafen fest (1945, The Big Sleep, Romanvorlage: Raymond Chandler) als Detektiv Philipp Marlowe den Schmutz beseitigt.

(c) Eckelkamp Verleih

Auch als aus dem Krieg heimkehrender Fallschirmjäger in Späte Sühne/Ein Mensch verschwindet (Dead Reckoning, 1947) agiert Bogart als privater Ermittler, indem er einem Verbrechen nachgeht, in das sein plötzlich spurloser verschwundener Freund involviert war. In Ein einsamer Ort (In a lonely Place, 1950) spielt er einen Drehbuchschreiber unter Mordverdacht, in The Two Mrs. Carrols (1947) ist er tatsächlich der Mörder, psychopathisch und innerlich eiskalt, nach außen überlegen und so normal wirkend wie ein gesunder, kreativer Kopf es eben sein sollte. Könnte.

In Key Largo (1948) ist Bogart zwar kein cooler, gerissener und schnüffelnder Kerl, sondern ein desillusionierter, zynischer Kriegsveteran. Interessant dabei aber ist, dass er sich, ähnlich wie in dem sechs Jahre zuvor gedrehten Welterfolg Casablanca, vom offensichtlich gleichgültigen, nur an sich selbst interessierten Mann zum couragierten Widerstandskämpfer wandelt. Key Largo oder Gangster in Key Largo/Hafen des Lasters von John Huston wird grundsätzlich dem Film noir zugerechnet, einige Filmkritiker sehen ihn aber als “Grenzgänger”.

Der berühmte Hollywood-Ganove Edward G. Robinson erzählte, dass Humphrey Bogart sich als Privatmensch immer mehr mit der Tough-Guy-Rolle identifiziert habe, die ihm diesen einen speziellen Stempel für sein Publikum natürlich auch aufgedrückt hatte. Robinson soll diese Entwicklung als Freund bedauert haben.

Aber das ist die eine Geschichte. Die andere erzählt von phantastischen Schattenspielen für die Ewigkeit. Diese andere ist unsere.

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