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Wenn du denkst, jetzt holt es dich

(Titelbild: Mama, copyright: Universal Pictures, 2013)

Was könnte dich holen, Bruder, Schwester im Geiste? Es. Sie. Er. Das Grauen. Die Vorstellung. Der Tod. Ganz banal der Tod. Unumgänglich, natürlich.

Ich war noch sehr klein, als ich dachte, Kirchturmglocken würden ihn ankündigen. Sie schlugen zwölfmal, und ich hätte längst schon schlafen müssen, neben mir eingerollt meine jüngere Schwester, der grüne Bär und die einarmige Katze zwischen uns, gut zugedeckt, um die Nacht sicher zu überstehen. Aber es war nicht mein Bett. Es war keine Nacht, die mir richtig erschien, weil sie mich ganz allein für sich haben wollte. Da war kein vertrautes Ohr, in das ich verschwörerisch hätte flüstern, kein nach Zuhause schmeckendes Kissen, in das ich trotzig hätte spucken können.

Es war ein hässliches altes Krankenhaus, – tatsächlich war es schon sehr alt und wurde zwei Jahre später abgerissen – , und ich war mir sicher, dort sterben zu müssen. Warum ich dort war, ist jetzt, so viele Jahre später, kaum der Rede wert: Ein Fahrradunfall, Gehirnerschütterung, Schnitte, Risse und der übliche Dreck im Gesicht. Keine Narben. Kein Trauma. Denke ich. Es war schnell vergessen.

Was nie gegangen ist, ist dieses Bild von mir um Mitternacht auf der Kinderstation eines furchtbar alten Krankenhauses, ein noch so winziges, ratloses Mädchen mit bandagiertem Kopf und weit aufgerissenen Augen in einem fremden Bett in einem fremden Raum mit schlafenden Fremden, die nicht meine Schwestern, nicht mein Bruder, kein Bär, keine Katze waren. Für mich waren sie alle so gut wie tot.

Ich hörte die Glockenschläge, zählte mit und war mir beim zwölften Schlag sicher, dass es gleich vorbei sein würde mit mir. Irgendwas würde passieren. Würde kommen. Mich holen. Und niemand wäre da, um etwas zu sagen. Oder zu erklären. Zu helfen. Oder einfach zu verhindern, dass irgendwas mich kriegt und sterben lässt.

Das alles war mir so klar, erschien mir so entsetzlich und doch so echt und so grausam selbstverständlich, dass ich in der Nachtschwester, die sachte die Türklinke hinunterdrückte, um die träumenden Kleinen nicht zu stören, den sich auf leisen Sohlen anschleichenden Tod sah. Oder sonstwas, das ich damals vermutlich ganz anders ausgedrückt hätte. Ohne es anders zu meinen. Erstaunlicherweise schrie ich nicht. Ich sah nur einen Schatten und bereitete mich mit meinen sieben Jahren vor.

Ich könnte diese kleine Geschichte besser erzählen. Spannender. Gruseliger. Finsterer. Ich könnte sie großartig ausschmücken und sie ganz und gar phantastisch machen. Das wäre aber falsch. Ich war grad mal sieben, und alles, was für mich in diesem Moment in dieser Nacht von Bedeutung gewesen ist und an das ich mich erinnere wie an jedes böse wahre Märchen war dieses intensive Gefühl, nach Punkt Zwölf ganz allein sterben zu müssen. Weil irgendein Irgendwas dafür sorgen würde. Unnötig, von Angst zu reden. Sie braucht keine Erwähnung. Sie diktiert.

Etliche Jahre später sprach mein Vater von einer glatzköpfigen Nonne, die während der Kinderlandverschickung in der klösterlichen Herberge in Mittenwald am Ende eines langen unbeleuchteten Flurs auf einem Stuhl gesessen und Nachtwache geschoben hatte. Die Jungen mussten in der Dunkelheit auf dem Weg zur Toilette an ihr vorbei, und mein Vater sagte, er hätte sich eher dreimal hintereinander in die Hose gepinkelt als sich ihr auch nur einen Schritt zu nähern. Er hätte gewusst, dass sie ihn, nur ihn packen würde, gewusst, dass er, niemand sonst, nur er unmittelbar sterben müsse, würde die kahlköpfige Nonne nach ihm greifen. Und es sei ihm heute noch klar, dass es richtig war, sich von ihr fern zu halten. Das sagt er mit einer Ernsthaftigkeit, die weder erwachsen noch kindlich ist. Sie ist einfach nur echt. Sie duldet kein Das-gibt-es-nicht.

Ich weiß das. Ich saß ich in einem Flugzeug und war davon überzeugt, dass kein Mensch es lebend verlassen würde. Mag sein, dass das fast lästig profan klingt, weil derartige Gedanken meist keine speziellen sind, mag sein, dass müde abgewunken wird, ach, kennen wir…aber Ihr Besonderen, die Ihr jetzt auf Eure Art bei mir seid, werdet verstehen und bleiben.

Es war auf der Strecke von Dhaka nach Bangkok, und die Stewardessen brachten Reis mit Huhn und schenkten Sang Som aus. Ohne erkennbares Limt. Der Rum war umsonst, das Essen erstaunte, weil niemand mit einer warmen Mahlzeit auf so einer kurzen Strecke gerechnet hatte. Ich hatte einen Fensterplatz, starrte in diese wundersame Nacht, vernahm diese seltsamen Geräusche und sagte meinem Freund, wir würden gleich abstürzen.

Die liebenswürdigen Frauen mit ihrem schwarzen Samthaar waren zu verschwitzt und zu liebenswürdig, und der Pilot krächzte ein von knackenden Geräuschen begleitetes „Sorry, we…’ve…got…problems…get…problems“. Das sorgte für eine gewisse Unruhe bei den Passagieren, deshalb gab es noch mehr Rum.

An der kleinen Maschine, in der wir saßen, war zuvor stundenlang auf dem Flughafen herumgebastelt worden, wir hatten das vom Flughafengebäude aus beobachten können, und irgendwann wurden wir hineingebeten, rollten, stoppten, wurden hinausgeschickt, wieder hineingeholt, rollten, seufzten, stöhnten, waren oben, rumpelten, schaukelten. Waren äußerst skeptisch. Ich sagte zu meinem Freund, das kaputte Ding sei wohl unser Todesvogel, das mochte er nicht hören, er war nicht wie ich.

Ein großer schlanker Mann mit Rastazöpfen im kurzärmeligen Pilotenhemd rannte durch den Gang, grinste mich an, leckte sich Schweißtropfen von den Lippen und raunte mir zu: „P-r-o—b-l-e-m-s.“ Dann verdunkelte sich sein Blick. Er zuckte mit den Achseln. Verschwand. Ich nickte und blickte aus dem Fenster, während mein Freund die beiden weinenden Studentinnen aus Münster hinter uns tröstete. Es musste so sein. Es war in Ordnung. Ich erzählte meinem Freund von dem Mann, er hatte ihn nicht bemerkt.

Als die Maschine Bangkok anflog, hatte ich mich damit abgefunden, nicht auf dem Meeresboden zu liegen zu müssen. Grund zur Hoffnung bestand nicht. Wir würden alle verbrennen. Das Flugzeug würde bei der Landung auseinander brechen und Feuer fangen. Anders wäre es unmöglich. Holen würde es mich auf jeden Fall.

Das hat es nicht. Wie auch das in der Ecke und hinter den Bäumen, das im Schrank und im Wasser und unter dem Bett und hinter mir und neben mir und in mir mich noch nicht geholt hat. Nichts von alledem holt mich, das mich längst hätte haben können. Vielleicht gab es sie auch gar nicht wirklich, den Piloten mit den Zöpfen, die kahlköpfige Nonne, die zwölf Glockenschläge. Aber ich glaube an sie. Einen Sinn erkenne ich nicht. Keinen Nutzen. Keinen Rat.

Warum ich erzähle? Weil es erlaubt ist. Ich muss nicht mehr warten. Es hat mich doch. So lange schon.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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