Alfred E. Neumann (Das rätselhafte Mondgesicht)

Der Gründer des MAD-Magazins Harvey Kurtzman erinnerte sich in einem Interview an die Illustration eines grinsenden Jungen, den er Anfang der fünfziger Jahre auf einer Postkarte entdeckt hatte:

„Das Portrait eines Kürbisgesichts. Sein Blick teilweise der eines Besserwissers, teilweise der eines glücklichen Kindes. Darunter stand: „What, Me Worry?“. (Was, ich und besorgt?)

MAD Nr. 30

Aus diesem Kürbisgesicht wurde Alfred E. Neumann, das Maskottchen von MAD. Der schelmische, unveränderliche Rothaarige gab sein offizielles Debüt im Dezember 1956, als er auf dem Cover von MAD Nr. 30 als Einschreibekandidat für das Präsidentenamt erschien. Seitdem ist er auf fast jedem MAD-Cover zu finden. Dort tut er nichts anderes, als in die Maske berühmter Persönlichkeiten zu schlüpfen, sie zu imitieren und mit nichts als einem schläfrigen Grinsen vorzutäuschen. Obwohl MAD ihm seinen Zweck und ein dauerhaftes Zuhause gab, bleibt seine Herkunftsgeschichte schwer fassbar. Es handelt sich bei ihm – neben anderen Dingen – um das Gesicht einer Pflaumenmuswerbung. Neumann ist für immer gleichbedeutend mit dem Magazin und seiner unendlichen Respektlosigkeit, aber das Rätsel seines wahren Alters kann ebenfalls die Trumpfkarte des Tricksters sein.

In die Ecken der frühen Ausgaben von MAD setzte Kurtzman das Ich-und-besorgt?-Gesicht als visuelles Miniaturmotiv ein, das am Rande der dicht gepackten Schwarz-Weiß-Seiten der Publikation auftauchen würde. Als Al Feldstein 1956 die redaktionelle Kontrolle von Kurtzman übernahm, machte er den Jungen zum neuen Aushängeschild der Vollfarbzeitschrift. Maskottchen waren inzwischen zu einem Prestigepunkt geworden: Der Playboy hatte sein Häschen, Esquire hatte den großäugigen Mr. Esky.

„Ich entschied mich, dass ich dieses visuelle Logo als Aushängeschild von MAD haben wollte, so wie Unternehmen den Jolly Green Giant und den Hund, der für RCA ins Grammophon bellt“,

sagte Feldstein 2007.

Feldstein gab das erste Titelbild bei Norman Mingo in Auftrag. Als sechzigjähriger Veteran der kommerziellen Illustration war Mingo auf Pin-ups im Vargas-Stil und rockwelleske Darstellungen der amerikanischen Mittelklasse-Kultur spezialisiert. Er befand sich kurz vor dem Ruhestand, als er auf die Anzeige der New York Times reagierte, die ILLUSTRATOR WANTED lautet. Er schreckte zunächst zurück, als er zum ersten Mal den Hauptsitz des Magazins in 485 „MADison Avenue“ besuchte, aber sein üppiger Stil passte perfekt zu der aufkeimenden Publikation, und er brauchte die Arbeit. Beginnend mit dem Neumann-Auftrag malte er in den nächsten zwanzig Jahren die meisten Cover von MAD.

Feldstein sagte Mingo, dass er nicht wollte, dass der Junge

„wie ein Idiot aussieht – ich will, dass er liebenswert ist und eine Intelligenz hinter seinen Augen leuchtet. Aber ich will, dass er diese Zum-Teufel-Einstellung hat, dass er jemand ist, der seinen Sinn für Humor bewahrt, selbst wenn die Welt um ihn herum zusammenbricht.“

MAD-Insider bezeichneten den Jungen mit verschiedenen Namen – Mel Haney, Melvin Cowsnofsky – aber als das Magazin die Rechte an dem Gesicht gewann, wurde er offiziell Alfred E. Neumann getauft. Ein Pseudonym ohne einen bestimmten Hintergrund, einer von vielen erfundenen Namen, die zum running gag der Zeitschrift wurden. Bis 1965, als das Gesicht an Statur gewann und zu einer vertrauten Pointe der Popkultur wurde, führte die Witwe eines Cartoonisten namens Harry Spencer Stuff eine Klage gegen MAD. Neumann, so behauptete die Klägerin, sei eine Kopie von Stuffs Karikatur „The Original Optimist“, auch bekannt als „Me-sorry?“, die er 1914 urheberrechtlich schützen ließ.

Antikamnia-Kalender von 1908

Um bei der Abweisung der Rechtsverletzungsklage zu helfen, suchte und bat MAD seine Leser um Beweise für die Existenz des Jungen vor 1914. Das Bild, das Kurtzman zuerst auf einer Postkarte entdeckt hatte, entpuppte sich als Portrait eines wandernden Waisenkindes der Low-Budget-Werbung, das man bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückverfolgen konnte. Das Gesicht war auf einem Streichholzheft von 1942 für ein Autoteilegeschäft in Longhorn, Texas zu finden; auf dem Etikett von Happy Jack, einer 1939 hergestellten Limo; auf der Speisekarte für ein Café in Ashland, Nebraska; auf einem Kalender von 1908 für Antikamnia, einem mit Heroin versetztem Heilmittel; in einer Anzeige von 1905 für „schmerzfreie Zahnheilkunde“, darunter stand: ES TUT GARANTIERT KEIN BISSCHEN WEH!, und in einem Spielplan von 1902 für Maloneys Hochzeitstag, einer Musical-Komödie für einfache Leute. Jede Grafik konzentrierte sich auf ein Porträt eines Kindes mit verfilzten roten Haaren, Untertassenohren und einem Drecksgrinsen, minus einem Zahn. Stuff mag das Bild etwas verändert haben, was dem Jungen das verschlafene Grinsen und die gekippte Haltung gab, aber frühere Versionen deuteten darauf hin, dass seine Karikatur selbst eine modifizierte Kopie war. Das Gericht entschied zu Gunsten von MAD: Neumann war ein vaterloser Mutant des öffentlichen Raumes.

In Completely Mad, einer umfassenden Geschichte der Zeitschrift von 1992, berichtete die Schriftstellerin und Forscherin Maria Reidelbach von einer Anzeige für Atmores Hackfleisch und echtem englischen Pflaumenpudding, die sie gefunden hatte, von einem sehr frühen Neumann, der dadurch bis 1895 zurückverfolgt werden konnte.

„Die Gesichtszüge des Kindes sind ausgereift und unverwechselbar“, schrieb Reidelbach, „und das Bild wurde sehr wahrscheinlich von einem noch älteren Archetypus aufgenommen, der noch nicht gefunden wurde.“

Peter Reitan glaubt nicht an unauffindbaren Archetypen. Reitan ist Patentanwalt mit Sitz in Irvine, Kalifornien, und widmet seine Freizeit der Erforschung arkaner Fäden der Popkultur. Unter dem Pseudonym Peter Jensen Brown sammelt er seine Arbeiten in einer Reihe von persönlichen Blogs.

Ende 2012 durchsuchte Reitan die Online-Zeitungsdatenbank Chronicling America nach Informationen über die Cuban Giants, dem ersten afroamerikanischen Profi-Baseballclub. (Frühe Sportgeschichten sind eine weitere Spezialität von Reitan.) Beim Scannen einer Seite aus einem alten Los Angeles Herald bemerkte er, dass ihm ein vertrautes Gesicht aus einer Ecke angrinste. Das zottelige Haar, der fehlende Zahn – Neumann. Eine Bildunterschrift unter dem Gesicht lautet: „Was nützt irgendetwas? Nichts!“ Es warb für ein Theaterstück namens The New Boy. Die Anzeige war vom 2. Dezember 1894.

Reitan war als Junge ein MAD-Leser gewesen, wusste aber nichts von der anhaltenden Debatte über Neumanns Herkunft.

„Das Bild zu finden, hat mich verwundert“, sagt er, „und dann, als ich nachsah, fand ich in einem Blog einen Eintrag, der zu Maria Reidelbachs Buch und der Pflaumenpuddinganzeige von Atmore führte … Da dachte ich, ich könnte da an etwas dran sein.“

Eine Anzeige von 1894 für „The New Boy“

Reitans fand durch seine Recherche die Geschichte von The New Boy, einer Comic-Farce, die in London und New York ein Hit war, bevor sie Ende 1894 und Anfang 1895 nach Amerika kam. Der grinsende Junge war eine Darstellung des Titelhelden des Stücks. Das dem zugrundliegende Bild, so schloss Reitan, basierte wahrscheinlich entweder auf Bert Coote oder James T. Powers, zwei gummigesichtigen, rothaarigen Bühnenschauspielern, die in den frühen Produktionen mitwirkten.

Wie Reitan betont, war die Werbung wahrscheinlich in jeder Stadt zu sehen gewesen, in der die Show während eines Zeitraums von fünf Jahren halt machte, was die Allgegenwart des Jungen erklärt. Bald wurde er für politische Karikaturen und für Werbung genommen, darunter die von Atmores Pflaumenpudding.

Jedes neue Auftauchen lud eine weitere Welle von Nachahmern ein: Der Charakter spaltete und vermehrte sich, stärkte seine Potenz als Mem und verdunkelte jede bestimmte Herkunft.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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