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Von Maus-Detektiven und Menschen

Olivia Rutigliano ist die stellvertretende CrimeReads-Redakteurin bei Lit Hub. Ihre Arbeiten erscheinen darüber hinaus auf vielen anderen Plattformen. Sie ist Doktorandin und Marion E. Ponsford-Stipendiatin an der Columbia University, wo sie sich auf Literatur und Unterhaltung des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts spezialisiert hat. Wir danken für ihre Bereitschaft, bei uns mitzuwirken. —Phantastikon

Bist du ein Mensch oder bist du ein Maus-Detektiv? In den Zeichentrickfilmen der Walt-Disney-Studios (in denen ein solcher “Maus-Detektiv” vorkommt) kann man sich für Letzteres qualifizieren, indem man besonders loyal, freundlich oder unermüdlich ist. Aber vor allem muss man laut Disney besonders mutig sein, um ein Maus-Detektiv zu sein. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Disney-Filme seit langem für die positivsten Darstellungen der Schädlingsgemeinschaft im 20. Jahrhundert verantwortlich sind, von den Maskottchen Micky und Minnie Maus über die winzigen Helfer in Cinderella bis hin zu den triumphierenden Helden in Die Retter in Down Under und dem sternäugigen Rattenchef in Ratatouille. Alle diese Figuren, so unterschiedlich sie auch sein mögen, eint der Gedanke, dass Mäusen das gelingt, was Menschen nicht können; was ihnen an Größe fehlt, machen sie durch ihr Herz wieder wett.

Aber bedeutet es mehr, ein Maus-Detektiv zu sein, als einfach nur eine Maus zu sein? Das fragt Disneys heute beliebter Film von 1986, Basil, der große Mäusedetektiv, der trotz guter Kritiken an den Kinokassen nur mäßig erfolgreich war. Der titelgebende Detektiv des Films ist Basil aus der Baker Street, ein munteres Mausgenie, das in einer winzigen Wohnung unter der Wohnung des echten Holmes in der Baker Street 221 in London um 1897 lebt. Es lohnt sich zu wiederholen, dass Basil nicht einfach nur ein Abbild von Sherlock Holmes in einem mit Mäusen neu geschaffenen Universum ist; er ist das Maus-Gegenstück zu einem koexistierenden menschlichen Holmes. Jeder Mensch hat hier ein Maus-Gegenstück. Dr. Watson hat die dicke, lustige Maus Dr. Dawson. Holmes’ Vermieterin, Mrs. Hudson, hat ihr Pendant in der Maus Mrs. Judson. Und es gibt sogar eine Mausversion von Königin Victoria, die unter dem Buckingham Palace lebt.

Der Film, der auf den Basil of Baker Street-Romanen von Eve Titus basiert, legt also ein witziges erzählerische Bild im Bild nahe: die Annahme, dass es ein winziges, mauszentriertes Paralleluniversum gibt, das gleichzeitig mit unserer Welt existiert. Wenn die Logik des Films im wirklichen Leben vorherrschen würde, säße ich, während ich diese Zeilen schreibe, draußen auf einer Holzbank, und eine winzige Mausversion von mir würde unter dieser Bank sitzen, mit einem Stück Papier und einem sehr kleinen Bleistift in der Hand, und vor sich hin kritzeln.

Basil, der große Mäusedetektiv

©Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Mir gefällt, dass Basil, der große Mäusedetektiv nicht einfach eine Nacherzählung von Sherlock Holmes ist, bei der Mäuse die Menschen ersetzen. Das Beharren auf einem menschlichen Holmes und einem Maus-Holmes bedeutet, dass der menschliche Holmes zwar in der Lage ist, schwierige Verbrechen zu lösen, Basil sich dafür aber noch mehr anstrengen muss (auch wenn er dieselben logischen Schlussfolgerungen zieht), weil er nur einen Bruchteil von Holmes’ Größe hat und nur einen Bruchteil seiner Kraft besitzt: Er ist eine Maus in einer Menschenwelt. Wie alle Mäuse in den Disney-Filmen muss er sich seinen Weg durch eine Welt voller Objekte bahnen, die zu groß für ihn sind, und Kreaturen, die nur darauf warten, auf ihn zu treten oder ihn zu fressen. Basil aus der Baker Street muss sich viel mehr anstrengen als seine menschliche Version, da Holmes den Komfort hat, in einer Welt zu leben, die für seinesgleichen geschaffen wurde, Basil aber nicht.

Ich finde, dass dies ein besonders überzeugender Schachzug ist, vor allem im Pantheon der Sherlock-Holmes-Adaptionen und -Ableger; was auch immer wir sonst mit Holmes verbinden (umfassende Schlauheit, beeindruckende deduktive Fähigkeiten, umfassendes wissenschaftliches und anthropologisches Wissen usw.), ich finde nicht, dass wir ihn oft mit Anstrengung assoziieren. Zumindest sehen wir sie nicht. In der Tat scheint der Reiz von Sherlock Holmes gerade in seiner Mühelosigkeit zu liegen.

Der von Jon Musker, Ron Clements, Burny Mattinson und Dave Michener inszenierte Film Basil, der große Mäusedetektiv ist eine Geschichte, in der es um die Auseinandersetzung mit Größenordnungen geht. Was im Film folgt, ist buchstäblich Basils schwierigster Fall und seine größte Anstrengung. Basil ist kein Sesseldetektiv, und der echte Holmes ist es auch nicht, aber Basils Abenteuer – sein bisher anspruchsvollstes – führt ihn in Höhen und Tiefen, die für den Holmes, den wir kennen, eher unvorhersehbar sind. Ja, Holmes ringt mit Moriarty am Rande der Reichenbachfälle in der Schweiz (wobei er die Kampfsportart “Bartitsu”, die zum Teil aus Jiu-Jitsu und zum Teil aus Boxen besteht, anwendet, um Moriarty über die Klippe zu schleudern) und jagt den Hund der Baskervilles durch die Moore von Devonshire, aber Basil flickt einen behelfsmäßigen Heißluftballon zusammen und fliegt damit auf die Spitze des Big Ben, was wahnsinnig hoch ist, selbst wenn man keine Maus ist.

Basils Entwicklung ist durch diese Art von großer Verschiebung gekennzeichnet: Er kommt am Ende des Films buchstäblich und gefühlsmäßig sehr weit. Ein kleines schottisches Mäusemädchen namens Olivia Flaversham muss mit ansehen, wie ihr freundlicher Vater, ein Spielzeugmacher, von einer unheimlichen, holzbeinigen Fledermaus entführt wird. Verängstigt und allein versucht sie, den berühmten Mausdetektiv Basil aus der Baker Street ausfindig zu machen, als sie von dem freundlichen Dr. David Q. Dawson abgefangen wird, einem zuvorkommenden Kerl und Ex-Army-Chirurgen, der (wie Basil bei ihrem Treffen herausfindet) gerade vom Militärdienst in Afghanistan zurückgekehrt ist.

Als sie im Quartier des Detektivs ankommen, zeigt sich der überdrehte und von seinen Forschungen besessene Basil desinteressiert daran, von diesem Kind angeheuert zu werden… bis ihm klar wird, dass das Verschwinden ihres Vaters mit den Bewegungen seines größten Feindes Rattenzahn zusammenhängt – einer riesigen, eleganten Ratte, die einen umbringt, wenn man sie anspricht. Er wird von einem älteren Vincent Price in teuflischer, seidiger Perfektion gesprochen. Sobald Basil erfährt, dass Rattenzahn hinter dem Verschwinden von Olivias Vater steckt, tritt er in Aktion und nimmt Dawson und Olivia mit auf die Reise. Am Ende hat er sowohl für die kleine Olivia als auch für Dawson eine Schwäche entwickelt, umarmt das Mädchen liebevoll und fragt den guten Doktor schüchtern, ob er in Zukunft sein Partner werden will.

Eines der großen Vergnügen von Basil, der große Mäusedetektiv ist seine überraschende Realitätsnähe: In diesem mausgroßen Doppeluniversum macht es Spaß, kleine Anspielungen auf den Holmes-Kanon zu entdecken. Da gibt es die offensichtlichen Verbindungen (Basils Vorliebe für Verkleidungen und das Geigenspiel) und die amüsanten Anspielungen (Basils eigener Name erinnert an den großen Basil Rathbone, der in den 1930er und 40er Jahren Sherlock Holmes spielte, sowie an einen der Decknamen des literarischen Holmes; in Arthur Conan Doyles  “Der schwarze Peter” erfahren wir, dass Holmes auch “Basil” heißt). Es gibt fast wörtliche Zitate, z. B. wenn Basil Dawsons Karriere identifiziert (was Holmes im Eröffnungsroman “Eine Studie in Scharlachrot” tut). Noch reizvoller ist, dass wir, wenn wir Holmes im Obergeschoss mit Watson sprechen hören, tatsächlich Basil Rathbones Stimme hören; obwohl der Film nach Rathbones Tod gedreht wurde, wird ein Teil des Dialogs aus einer Jahrzehnte zuvor aufgezeichneten Produktion von “The Red-Headed League” übernommen). — Das geht leider in der deutschen Synchron unter . — Der Übers.

Aber ebenso wie er mit Ähnlichkeiten spielt, findet Basil, der große Mäusedetektiv seine größte Stärke  auch in den Widersprüchen. Was Price’ charmante, herrlich böse Stimme für Rattenzahn besonders unterhaltsam macht, sind die damit verbundenen Merkmale der sprecherischen Selbstgefälligkeit und seiner Gruselfilmkarriere; Rattenzahn ist ein dreckiger Schädling (ein Monster, wie wir schließlich sehen werden), das entschlossen ist, den Anschein von guter Erziehung und Größe zu erwecken, ein wandelnder Widerspruch, wenn es je einen gab.

Aber die ganze Idee von Basil, der große Mäusedetektiv wird von einem Widerspruch angetrieben: dass eine Maus, eine winzige Maus, erfolgreich sein kann, wenn sie es mit Gefahren zu tun hat, die proportional gesehen viel größer sind als die, denen ein Mensch jemals begegnen würde. Wenn Basil, der große Mäusedetektiv eine These hat, dann unterscheidet sie sich von der der Holmes-Geschichten; in diesem Film geht es darum, hart zu arbeiten, um in den Bereichen erfolgreich zu sein, in denen man nicht von Natur aus zum Erfolg prädestiniert ist. Holmes und Basil mögen gute Chemiker und Ermittler sein, aber Basil hat den größeren Nachteil. Es ist einfach schwieriger, ein Riese zu sein, eine Legende sogar, wenn man der Kleinste ist. Und man muss schon sehr mutig sein, um es zu schaffen.