Jack Sparrow (Der torkelnde Pirat)

Die Geschichte des wohl berühmtesten Piraten der Popkultur ist hauptsächlich eine Geschichte darüber, wie Johnny Depp ihn interpretierte. Allerdings sorgte gerade diese Interpretation zu Beginn für einige Irritationen. Und fast wäre eine der beliebtesten Filmfiguren aller Zeiten gar nicht zustande gekommen.

Der Pirat als Rockstar

Als Johnny Depp sich auf die Rolle des Captain Jack Sparrow im ersten Fluch der Karibik-Film vorbereitete, las er alles, was es über Piraten zu wissen gab, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie seine Figur aussehen sollte. Je mehr er über Piraten las, desto mehr bekam er den Eindruck, dass sie die Rockstars ihrer Zeit waren.

Sie waren trinkfeste, exzentrische Schwindler und waren ständig unterwegs, begleitet von immensem Ruhm, der ihnen auf ihren Reisen folgte. Ihr extravagantes Aussehen und Verhalten, das manchmal bizarr, aber immer unterhaltsam war, trug das übrige zu ihrem Mythos bei. Piraten nahmen sich die Freiheit, sie selbst zu sein und entschuldigten sich nicht dafür.

Keith Richards; Archivbild

Johnny Depp bekam also eine Vorstellung davon, was Jack Sparrow sein könnte, aber er wusste, dass es einen echten Rockstar brauchte, um sich von ihm inspirieren zu lassen. Also wandte er sich an seinen Freund Keith Richards von den Rolling Stones, den er als „den größten Rock and Roll-Star aller Zeiten“ ansah.

Er studierte Keith Richards, ohne dass dieser davon etwas mitbekam, traf sich so oft wie möglich mit ihm, noch bevor die eigentlichen Dreharbeiten begannen. Viele der Eigenarten, Persönlichkeitsmerkmale und sogar die Stimme von Jack Sparrow sind aus Depps Studie über Keith Richards hervorgegangen.

Es dauerte nicht lange, bis Jack Sparrow in Johnny Depps Vorstellung Gestalt annahm. Er erkannte, dass er etwas Großes aus dieser Figur machen konnte.

Der besondere Pirat – Ein Schock für Disney

Der Piart Jack Sparrow
(c) Walt Disney Pictures

Das Problem bestand darin, dass die Führungskräfte von Disney, die für den Film verantwortlich waren, eine ganz andere Vorstellung von Jack Sparrow hatten. Sie wollten einen herkömmlichen Piraten, wie man ihn in durchschnittlichen Piratenfilmen erwarten durfte: auf eine raue, gutaussehende Art und Weise männlich, mit einem leicht dunklen Sinn für Humor. Nichts Außergewöhnliches.

Aber Johnny Depps Captain Jack Sparrow war nun nichts, was die Leute bei Disney jemals zuvor in einem Piratenfilm gesehen hatten. Depp gab ihnen einen Jack Sparrow, der sowohl männlich als auch feminin agierte, abseits des Mainstreams, ganz zu schweigen von einem sehr unerwarteten Auftreten.

Sie waren schockiert, und im Grunde genommen verachteten sie die ihnen gebotene Darstellung. In einem Interview mit Vanity Fair beschrieb Depp, wie die entsetzten Disney-Manager anfingen, ihn mit Fragen zu traktieren:

„Was ist mit Jack Sparrow los? Ist er ein komischer Dummkopf? Ist er betrunken? Und übrigens: ist er vielleicht sogar schwul?“

Aber die schlimmste Reaktion behielt sich der Disney-Chef vor, der, nachdem er ein paar Aufnahmen mit Jack Sparrow sah, wütend schrie: „Er ruiniert den Film!“

Die Dinge entwickelten sich nicht gut und es schien, als müsse Johny Depp auf den interessanteren Jack Sparrow zugunsten eines faderen Charakters verzichten, den Disney wollte.

Die Chance nutzen

Johnny Depp wollte jedoch nicht nachgeben, er interessierte sich zu sehr für den von ihm geschaffenen Charakter und war bereit, sich für ihn einzusetzen.

Interessanterweise hatte Disney Depp überhaupt erst angeheuert, weil sie einen Film wollten, der aufregender und interessanter daher kam als ein herkömmlicher Disney-Film. Aber jetzt, da sie einen Charakter hatten, der genau das war, bekamen sie kalte Füße.

Als Depp erkannte, dass Disney kurz davor stand, den Jack Sparrow, der ihm vorschwebte, zu verhindern, beschloss er, alles auf eine Karte zu setzten. Er teilte dem Konzern mit, dass es hier um alles oder nichts ginge. Entweder vertrauten sie ihm, da er davon überzeugt war, dass dies der richtige Captain Jack Sparrow für den Film sei, oder sie entließen ihn hier und jetzt, weil er die Figur nicht anders spielen werde.

Damit ging Johnny Depp ein hohes Risiko ein, das sich aber am Ende auszahlte. Sein Vertrauen in die Figur überzeugte Disney schließlich und sie hörten auf, ihn zu bedrängen, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Jedenfalls zum größten Teil.

(c) Disney; Auf dieser Zeichnung zu sehen: so wünschten sich die Disney-Verantwortlichen ihren Jack Sparrow, bevor Johnny Depp alles veränderte.

Er musste immer noch darum kämpfen, genau jenes Kostüm und jenes Aussehen in den Film einbringen zu dürfen, den wir heute alle kennen.

Johnny Depp wusste, dass ein Pirat wie Jack Sparrow sich nicht nur wie ein Rockstar verhalten würde, er würde auch wie einer aussehen. Ein fadenscheiniges Kopftuch und ein klischeehafter goldener Ohrring würden nicht ausreichen. Also machte er sich daran, einen Look zu kreieren, der dem Charakter treu blieb und ein wenig auf die Vergangenheit des Piraten hinweist. Dreadlocks, viele Goldzähne (Disney war wirklich nicht glücklich darüber), geflochtener Spitzbart, Tattoos und dergleichen wurden sorgfältig angelegt, um den Look zu kreieren.

Wieder suchte er bei Keith Richards nach Inspiration. Richards hatte die Angewohnheit, kleine Schmuckstücke als Souvenirs von seinen Reisen und Tourneen zu sammeln und sie in sein Haar zu binden. Depp entschied, dass Jack Sparrow genau das wohl auch getan hätte, um sich an seine Abenteuer zu erinnern.

Der Pirat Jack Sparrow
(c) Walt Disney Pictures

Er sah etwas und beschloss, es als Andenken in sein Haar zu binden, und jeder Gegenstand hatte eine Geschichte.

Wie der Rentierknochen, der an einer seiner Dreads hängt. Nur Jack Sparrow kennt die Geschichte, aber sie muss interessant sein, bedenkt man, dass es in der Karibik keine Rentiere gibt.

Johnny Depp war sehr zufrieden mit dem Verlauf des Films, denn alles schien auf den von ihm gespielten Charakter zu passen. Der wahre Test, ob er mit seiner Interpretation Recht hatte, stand aber noch aus.

Captain Jacks Vater

(c) Walt Disney Pictures

Als die  Premiere für Pirates Of The Caribbean: Curse Of The Black Pearl kam, lag eine Frage in der Luft.

Würden die Leute Johnny Depps Version von Jack Sparrow akzeptieren oder einen so ungewöhnlichen Charakter am Ende ablehnen, weil sie ihn nicht verstanden?

Viele Medienvertreter erwarteten ohnehin, dass der Film ein Flop werden würde, weil Piratenfilme zu dieser Zeit nicht besonders populär waren. Darüberhinaus ahnten sie, dass Johnny Depps eigenwilliges Schauspiel die Dinge nur noch schlimmer machte.

Aber genau das Gegenteil trat ein. Fluch der Karibik erwies sich als großer Erfolg und die Art und Weise, wie Johnny Depp Captain Jack Sparrow darstellte, war einer der Hauptgründe für diesen Erfolg. Es war genau der Kitzel, den überschäumenden und etwas seltsamen Piraten dabei zuzusehen, wie er sich geschickt aus schwierigen Situationen herausmanövrierte.

Das schiere Rockstar-Image von Jack Sparrow machte den Piraten zu einem Publikumsliebling und den Film zu einem der beliebtesten aller Zeiten. Und keiner leugnete mehr, dass man mit Johnny Depp die richtige Wahl getroffen hatte. Einen derartigen Erfolg hatte niemand erwartet.

Was Keith Richards betrifft….  er fand erst nach Erscheinen des Films heraus, dass er eine der großen Inspirationen für Jack Sparrow gewesen war.

Karl Marco

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium, arbeitet aber hauptsächlich als Förster. Er findet sein Glück in der Pokultur genauso wie bei Shakespeare, wobei er ein bisschen mehr Glück dann doch in der Popkultur erfährt. Da er das Phantastikon für das beste Magazin überhaupt hält ist es klar, dass er ab und zu daran mitarbeitet.

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