Darth Vader (Die Attraktion des Bösen)

Als Darth Vader 1977  in den ursprünglichen Star Wars-Filmen vorgestellt wurde, war er ohne Einschränkungen eine erschreckende Figur. George Lucas gab uns ein Porträt des Bösen in groben, leicht verständlichen Umrissen. Die tiefe, dröhnende Stimme, die schädelartige schwarze Maske und das Cape: Vader war die Art von Charakter, der keine Skrupel hatte, jemandem mit den Händen die Kehle einzudrücken, und das waren nur die ersten 15 Minuten des Films. Er war die Blaupause des Bösen, der sich Luke Skywalker auf seiner Heldenreise stellen musste, so knallhart, dass er anfangs nicht einmal eine große Hintergrundgeschichte benötigte. Als in „Das Imperium schlägt zurück“ bekannt wurde, dass er Lukes Vater ist, hatte er die Rebellion bereits physisch und emotional lahmgelegt. Seine Rehabilitation in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ war der reinste Ausdruck der zugrundeliegenden Aussage des Star Wars-Universums, dass letztlich das Gute über das Böse siegen wird.

Darth Vader und die inkonsequente Darstellung

(c)Elbenwald; Wer kuschelt nicht gerne mit einem Massenmörder?

Die ganze Charakterisierung wurde durch die Prequel-Trilogie untergraben, die Anakin Skywalker als einen weinerlichen, launischen Jungen darstellte. Jeder Hinweis auf den unheiligen Terror, den Lord Vader symbolisierte, wurde durch eine Kombination aus schlechter Charakterisierung, schlechter Regie und schlechtem Schauspiel rückgängig gemacht.

Es ist schwer zu übersehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Vader, der in den Prequels so verunstaltet wurde, und der Tatsache gibt, dass er in der Popkultur so viel zugänglicher geworden ist.

Relativ harmlose Bösewichte sind leicht zu verkaufen, wenn es um Lizenzierung und Merchandising geht. Aber ein Überbösewicht kann kein Überbösewicht ohne echte Macht sein. Und während Darth Vader an seinem Kuschelimage gearbeitet hat, haben sich das Studio und Lucasfilm hintergründig bemüht, den Charakter wieder zu seinen Wurzeln zu führen. Und Vader ist in den kanonischen Begleitbüchern und Comics dann auch wirklich erschreckend.

Im Roman „Die Sith-Lords“ von 2015 tötet Darth Vader auf Geheiß des Kaisers ein Kind – und dessen Dorf. In der Animationsserie“ Star Wars Rebbels“ beaufsichtigt er die Inquisitoren, die er schickt, um die verbleibenden Jedi auszurotten und zu ermorden. Und in Marvels Darth Vader Comic-Serie schlachtet Vader Tusken-Räuber auf Tatooine, nur um sich die Zeit zu vertreiben. In diesen Arbeiten ist Darth Vader äußerst grausam und steht im Widerspruch zu jahrelangem Marketing, das die Figur als niedlich und quasi liebenswert positioniert.

(c)thriftbooks; Kinderbuch-Reihe

Strategisch ist es für Disney sinnvoll, den Charakter auf mehreren Ebenen zu erfassen. Darth Vader ist viel zu bekannt, um nicht in irgendeiner Weise von Nutzen zu sein, und Disney versteht natürlich, dass nicht alle Star Wars-Geschichten auch für alle Star Wars-Fans geschaffen sein müssen. Wie beim Marvel Cinematic Universe, das bereits auf mehreren Plattformen existiert, lässt das Star Wars-Franchise ganze Handlungsstränge für sich allein ablaufen, ohne die übergreifende filmische Erzählung zu beeinflussen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die allgemeine Star Wars-Öffentlichkeit Vader als einen mürrischen Onkel sieht, während echte Anhänger die Tiefen seiner Dunkelheit erkennen können, wenn sie das denn wollen. In der Tat hat Disney Vaders Bosheit in ein Geschäft verwandelt, das auf bestimmte demographische Faktoren ausgerichtet ist, und es zahlt sich aus. Rogue One lässt die Zuschauer Darth Vader in Aktion sehen, was für jeden spannend ist, der die Figur jemals auf dem Bildschirm gesehen hat. Aber Fans, die begriffen haben, wie beängstigend er wirklich ist, werden umso begeisterter sein.

Das Abschlachten Unschuldiger in den Medien außerhalb der Filme kann Disney eigentlich nicht recht sein, vor allem dann nicht, wenn das Star Wars-Imperium auf dem Verkauf von Spielzeug aufgebaut wird. Aber selbst wenn Darth Vaders Eigenschaften universell sein sollen, werden bestimmte Aspekte davon – insbesondere das immer größer werdende Universum der Nebengeschichten – immer außerhalb des Mainstreams existieren, weit weg von der offensichtlichen kritischen Aufmerksamkeit.

Die Durchschnittsverbraucher werden weiterhin Spielzeug und Pyjamas für Kleinkinder kaufen, ohne wirklich darüber nachzudenken, dass auf der Kleidung ihres Kindes ein genozidaler Wahnsinniger prangt. Und die Fans werden die ausgezeichneten Comics trotz des beunruhigenden Kommerzialismus weiterhin kaufen. Disney gewinnt trotzdem, solange die Qualität sowohl des Storytellings als auch des Merchandising für alle Beteiligten hoch genug bleibt.

Karl Marco

Karl Marco

Karl Marco wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Er absolvierte ein Studium, arbeitet aber hauptsächlich als Förster. Er findet sein Glück in der Pokultur genauso wie bei Shakespeare, wobei er ein bisschen mehr Glück dann doch in der Popkultur erfährt. Da er das Phantastikon für das beste Magazin überhaupt hält ist es klar, dass er ab und zu daran mitarbeitet.

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