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Slipstream

Kommen wir nun zu einer merkwürdigen Geschichte, die als Slipstream begann, die New Wave Fabulists unter ihren Mantel nahm, die Postmodernisten sowieso, und heute mit dem gleichermaßen irreführenden Begriff New Weird einen neuen Anlauf nimmt. Keiner der aufgeführten Begriffe ist eine wirkliche Genrebezeichnung, die man noch um Surrealismus und Bizarro Fiction erweitern könnte, ohne den Kern zu treffen.

Slipstream ist die etwas unbequeme Definition einer Literatur, die die Kluft zwischen dem Mainstream und der spekulativen Literatur, bestehend aus Science Fiction, Fantasy und Horror überwindet. Wenn die gemeinte Literatur aber wirklich definiert werden soll, dann kann man sie im günstigsten Fall seltsam oder äußerst seltsam nennen, abgeleitet von der Anthologie, die neben einem Aufsatz von Bruce Sterling, der Slipstream als Genre im Jahre 1989 einführte: Feeling very strange – The Slipstream Anthology, die allerdings erst im Jahre 2006 von James Patrick Kelly und John Kessel herausgegeben wurde. Darin erklären die Autoren, dass die kognitive Dissonanz das Herzstück des Slipstream sei, und dass es sich dabei weniger um ein Genre als vielmehr um einen literarischen Effekt wie Horror oder Komödie handelt, um einen Geisteszustand oder eine Herangehensweise, die außerhalb jeder Kategorisierung liegt. Ähnlich wie im Magischen Realismus werden physikalische Gesetze gebrochen, aber niemand wundert sich darüber, was der herkömmlichen Phantastik-Theorie mit ihrem angeblichen Riss widerspricht. Die typischen Charaktere der spekulativen Literatur – Magier, Zombies, Aliens gibt es hier normalerweise nicht, also können die seltsamen Begebenheiten auch nicht auf sie abgewälzt werden. Es sind die gewöhnlichen Menschen im Angesicht merkwürdiger Umstände selbst, die eine Slipstream-Geschichte ausmachen.

Hinzu kommt ein „literarisches “ Anliegen. Die Autoren gehen durch ihren Stil ein Risiko ein. Form, Thema und Stimmung erheben sich über die Handlung, die zwar nicht unwichtig ist, die sich aber dem, was der Autor sagt und wie er es sagt, unterordnet. Die Form ist wichtiger als die bloße Abfolge von Ereignisse, wie man sie heute überall vorgesetzt bekommt. Das berühmteste Beispiel einer Slipstream-Geschichte ist Shirley Jacksons „Die Lotterie“. Oberflächlich betrachtet geht es darin um eine kleine amerikanische Gemeinschaft. Es gibt kein zugrundeliegendes Übel, das wie in einer gewöhnlichen Horrorgeschichte im Hintergrund lauert. Sicher ist das eine Horrorgeschichte, aber die Natürlichkeit der Kulisse und der Figuren weicht niemals dem entfesselten Terror. Es gibt kein Monster, das man fürchten muss. Die Plausibilität der Geschichte wird nie in Frage gestellt. Die Ereignisse fühlen sich real an, auch wenn die Umstände unglaublich sind. Das ist Slipstream. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist schlicht und einfach verwisch oder gar nicht vorhanden.

Der größte Teil dieser Geschichten wird in der Kurzform geschrieben, daher tauchen einige der besten von ihnen in Zeitschriften oder Magazinen auf. Längere Romane neigen dazu, eher durch kommerzielle Beschränkungen ihr Ziel zu verfehlen. Kurzgeschichtenschreiber hingegen dürfen sich austoben und experimentieren. Andererseits liegt hier das gleiche Problem vor wie in der Weird Fiction; es ist schwieriger, die Atmosphäre des Unheimlichen, Seltsamen in einem Roman in voller Länge aufrechtzuerhalten. Michael Cisco gilt als einer der wenigen Autoren, die das überhaupt je geschafft haben.

Was bedeutet das aber im praktischen Kontext? Im Grunde hat der Begriff außerhalb der literaturtheoretischen Debatte keinen Nutzen. Im Deutschen gibt es diesen Begriff gar nicht, und wenn, könnte man am ehesten Alban Nikolai Herbsts Wolpertinger-Roman dazu zählen, was aber freilich nicht geschieht. Borges, Kafka, Pynchon, John Crowley und Italo Calvino sind unter diesem Bergriff subsumiert worden, Virginia Woolf und Umberto Eco, Samuel Beckett, Marquez, Nabokov und Toni Morrison.  Hier wird deutlich, dass Slipstream hauptsächlich auf Hochkaräter der Weltliteratur zutrifft, die ebenfalls zum postmodernen Kanon zu zählen sind. In der phantastischen Literatur, die auch als solche deklariert wird, sind formale Energieleistungen eher nicht zu finden, weil hier hauptsächlich Leserorientiert gearbeitet wird. Man könnte den Slipstream also auch als komplexes literarisches Spiel betrachten, in dem die Debatte, was denn Phantastisch sei, keinen Nutzen erfährt. Hier sind ohne Zweifel neue Erzähltechniken gefragt. Man muss aber hinzufügen, dass der Begriff ganz allgemein als überholt gilt und sich aus gutem Grund nie etabliert hat. Es gibt darin nichts, was nicht mit den üblichen Begriffen der spekulativen Literatur, des Surrealismus, der Metaphorik oder der Satire abgedeckt werden könnte.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.