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Deutsche Horror-Literatur

Dieser kleine Artikel ist kein vollständiger Abriss eines Themas, sondern ein Denk- und Diskussionsanstoß

Das Titelbild zeigt eine Szene aus The Exorcism of Emily Rose

‘Deutsche Horror-Literatur … gibt es das und ist sie überhaupt möglich?’ Diese Frage, die ich vor wenigen Jahren in einem Lese-Forum fand, hört sich einerseits irritierend an, geht man allerdings die Liste jener Autoren durch, die Horror schreiben und gleichzeitig den englischsprachigen Autoren Paroli bieten können, wird diese Frage immer einleuchtender.
Das Problem ist, da sind sich einige Experten einig, das Marketing, mit dem gearbeitet wird. Aber eben auch die Reputation. Es wäre Unsinn, zu behaupten, deutschsprachige Autoren schrieben generell schlechter als ihre englischsprachigen Kollegen. Wenn aber unsere Verlage nicht imstande sind, Konzepte zu entwickeln, wie man Autoren des Genres vernünftig aufbaut, kaum Wagnisse eingehen und – mit wenigen Ausnahmen – literarische Qualität auch gar nicht gefragt ist, sondern hauptsächlich Plot-orientiertes Reißbrett-Schreiben, dann wird es für all jene, die ‘es drauf’ hätten natürlich auch schwierig, ihre ambitionierten Sachen zu verkaufen. Zwar könnte man behaupten, sie hätten ja die Möglichkeit des Self-Publishing, das tatsächlich rege um sich greift – jedoch ist dort bisher nirgendwo irgendein Titel qualitativ auffällig geworden. Mit Verkaufszahlen hat Anspruch, wie wir alle wissen, nicht das geringste zu tun. Daraus aber zu schließen, dass unsere Autoren ‘nicht könnten’, wäre zu Kurz gegriffen. Bleiben wir bei den Verlagen. Ein Flaggschiff der deutschen Szene ist sicherlich der FESTA VERLAG. Von Phantastik-Couch. de gefragt, ob er die Augen noch nach deutschen Talenten offen halte (“Immerhin haben Sie sich mit deutscher Phantastik der EDITION METZENGERSTEIN ihr erstes Standbein geschaffen.”), antwortete er lapidar: “Nein, neue deutsche Autoren interessieren mich gar nicht mehr.” Phantastik-Couch hat es leider an dieser Stelle versäumt, diesen wichtigen und interessanten Punkt näher zu betrachten. Besser lief es bei Fantasyguide. Frank Festa erläuterte das Warum seiner
Ablehnung:

“[…]sie äffen die Bestellerautoren nach. Ist es denn nicht so? Ich meine das übrigens nicht böse, ich stelle es nur fest. Wie heißen denn die Serien und deren Helden? Bitte, sollen wir uns anlügen oder die Tatsachen erkennen? Sagen Sie mir nicht Hohlbeins Werke seien typisch deutsch! Oder diese ganzen Fantasy-Klone! Ohne King, Lovecraft, Barker, Tolkien und Prachett sähe die moderne deutsche Phantastik ganz anders aus. Dieses Getue um die deutsche Phantastik ist so dumm, die Autoren sollten lieber versuchen, in sich hineinzuhorchen um eigene literarische Wege zu gehen. Andererseits ist das heute wohl sehr schwer für einen jungen Kreativen, diesen Einflüssen zu entgehen, denn TV, Buchmarkt usw. sind absolut durchtränkt von US-Vorlagen. Das ist sehr schade.”

Und weiter:

“Sollte mir etwas frisches, eigenständiges angeboten werden, würde ich es wahrscheinlich veröffentlichen. Aber entweder sind es Kurzgeschichten, oder Klon-Romane oder Selbstanalysen der Autoren. Letzterer Schwerfälligkeit und Langweiligkeit ist zumindest
typisch deutsch, aber das interessiert niemanden.”

Man könnte jetzt sagen: Frank Festa hat es mit deutschsprachigen Autoren versucht und es hat nicht geklappt. Und wenn ein Kenner wie er das sagt, dann muss ja etwas dran sein. Ist es natürlich auch. Wenn ich allerdings an eine Eddie M. Angerhuber denke, die – diesmal also andersherum – sogar in Amerika als Kultautorin gefeiert wird (freilich nur in Szenekreisen der Ligotti-Gemeinde, aber: ist DAS nicht sowieso die richtige Adresse?), kommen einem Zweifel.

Eigentlich ist es eine Tragödie. Die Meinung vieler Leser, die das Werk von Eddie M. Angerhuber kennen und schätzen, ging dahin, dass man fast einhellig der Meinung war, die Autorin werde nachfolgende Generationen prägen. Aber Angerhuber hat das Schreiben (zumindest das Veröffentlichen) eingestellt und ist nur in tiefsten Szenekreisen bekannt. Natürlich auch bei Szene-Kollegen, aber davon zeigt sich kaum jemand beeinflusst von Angerhubers Stil. In deutscher Sprache bleibt sie bis heute solitär. Natürlich bemüht man gerne Ligotti, mit dem Angerhuber in Kontakt steht. Auch haben wir ihr einige Ligotti-Übersetzungen zu verdanken, sowie – eigentlich eine deutsche Ligotti-Webseite. Aber die hängt seit Jahren unbeaufsichtigt und lieblos verlassen im Netz. Ihre eigene Webseite existiert nicht mehr. Eine Tragödie also deshalb, weil es in unserer mediokeren Literatur-Landschaft dringend einer Eddie M. Angerhuber bedarf, die aus dem drögen Einerlei herausragt wie ein Sendemast.

Sie selbst hat einige ihrer Geschichten ins Englische übersetzt, was man im Grund vergessen kann. Und selbst Angerhuber gelingt das freilich nicht reibungslos, wie man in Nocturnal Products betrachten kann – könnte; denn das Buch ist unglaublich rar und ging 2009 für $162.86 CDN über den Tresen. Aber warum sollte man? Wir haben gottlob die muttersprachlichen Werke.

In “Grim Reviews” ist zu lesen:

“Es gibt obskure Horror-Sammlungen, die nur für einen hohen Preis zu haben sind, sobald sie den Markt erreichen. Und dann gibt es solche, die niemals überhaupt an der Oberfläche auftauchen. Ein solcher Band ist Eddie M. Angerhubers “Nocturnal Products”. Erschienen als Taschenbuch bei Britain’s Rainfall Books 2002, heimste die Veröffentlichung einiges Lob ein, bevor sie in der Versenkung verschwand und in ungerechtfertigte Vergessenheit geriet.”

Und weiter:

“Es ist meine aufrichtigste Hoffnung, dass Eddie Angerhuber nicht nur eine vage Fußnote in der großen Enyklopädie der phantastischen Literatur bleibt.”

Es steht jedoch zu befürchten, dass es so sein wird, lieber Grim Blogger – und werte Liebhaber einer niveauvollen Variante echter Horror-Stücke.

Das kleine Zwischenspiel habe ich nur zwischengeschoben, um zu zeigen, dass wir hierzulande nicht die Einzigen sind, die Probleme haben, wenn wir uns auf die Suche nach guter Horror-Literatur machen.

Weder Poe, noch Lovecraft, Blackwood, Bierce, und auch nicht Ligotti oder Angerhuber brachten je sich selbst und ihren Verlagen etwas ein. Und von diesen Größen reden wir doch schließlich, wenn wir “Horror” meinen, oder nicht? Auf der anderen Seite haben wir dann King, Barker, Straub … die gezeigt haben, dass man mit einem Genre, das eigentlich nie jemand für voll genommen hat. einen irrsinnigen Erfolg verbuchen kann. Wie geht das zusammen – und was haben Verlage damit zu tun? Die Antwort: Alles! Hätte damals in den grauen 70er Jahren, für damalige Verhältnisse nicht das irrsinnige Wagnis von Carrie auf sich genommen, um danach überhaupt erst zu erkennen, dass da ein echtes Bedürfnis bestand – King wäre vermutlich ein sehr unterhaltsamer Lehrer geblieben. Es liegt an Kurzgeschichten, die nichts einbringen? Falsch. den dort schlägt ja in der Hauptsache der Puls des ganzen Genres. Clive Barker hat mit seinen fünf Büchern des Blutes, mit denen er sogar debütierte, seinen Kultstatus sehr eindrucksvoll untermauert. Und auch wenn seine Romane kaum weniger erfolgreich sind, sind sich Connoisseurs darin einig, dass diese einzigartige Collection von Short Stories eigentlich seine Meisterschaft abbilden. Wollten wir einen Roman von Lovecraft? Ich zumindest kann das für mich verneinen (Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath ist übrigens genausowenig ein Roman wie Arthur Gordon Pym von Poe, auch wenn es sich hier und da eingebürgert hat, längere Erzählungen dafür zu halten).

Wir sind dem Geheimnis im Grunde keinen Schritt näher gekommen. Vielleicht liegt es ja weder an den Autoren, noch an den Verlagen, sondern an uns, den Leser, den Fans, den Nerds? Betrachtet man auch hier die amerikanische Szene auf ähnlichen Plattformen wie dem PHANTASTIKON, dann findet dort ein unglaublich reger Austausch statt. Man denkt, man interessiert sich, man diskutiert. Nicht selten weisen Artikel dort 80 und mehr Kommentare auf. Jetzt komme keiner auf die Idee, zu behaupten, das liegt daran, weil die USA ja ein so großes Land sind. Pustekuchen. Es hat etwas mit der Einstellung zu tun, mit Hingabe, denn das ganze Genre der Phantastik fordert nichts anderes – von den Schreibern, den Büchermachen, den Fans. Das Geschäft ist zweitrangig, das ist im Horror so wie im Heavy Metal. Die Leidenschaft allein zählt. Und wir sind nun einmal kein leidenschaftliches Völkchen.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller und Übersetzer, Studium der Psychologie in München. Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Stories im IF #666: “Dorothea”, Stories im Phantastikon: “Der Tod des Sardanapal”, “Der surreale Jahrmarkt”, “Das blaue Kleid”, “Die Gasse der sprechenden Häuser”, “Die Straße Malheur“, “Der Elvegust”.
Projekt Hypnos: Der Bienenstock

9 Kommentare zu Deutsche Horror-Literatur

  1. ‚Deutsche Horror-Literatur … gibt es das und ist sie überhaupt möglich?‘

    Der Artikel lässt die Antwort bewusst offen?
    Ich meine, er beschäftigt sich jetzt mit Eddie M. Angerhuber, mit dem Festa Verlag und Ligotti und das war es. Der Artikel bestätigt daher eigentlich all die Vorwürfe, die sich im ersten Satz finden. Er nennt nämlich noch nicht mal das wenige, das vorhanden ist, sondern konzentriert sich auf die Vergangenheit. Er erwähnt Angerhuber, die nicht mehr veröffentlicht, er nennt Festa, der sich von deutschsprachigen Autoren verabschiedet hat und das war es.
    Schade eigentlich, gibt es doch abseits von den großen englischsprachigen Autoren doch interessanten Lesestoff zu entdecken. Natürlich ist die Suche danach mühsam, aber der Artikel hilft nicht wirklich, sondern beschreibt nur den Status Quo für diejenigen, die auf der Suche sind und diese noch nicht begonnen haben.
    Und somit werden die verborgenen Schätze wohl das gleiche Schicksal erleiden wie es die oben genannte Angerhuber macht. Außer für ein paar Eingeweihte werden sie in Vergessenheit geraten.

  2. Der Artikel ist keineswegs dazu gedacht, eine abschließende Untersuchung zu fabrizieren. Es wäre natürlich wünschenswert gewesen, dass dieses Thema überhaupt jemanden interessiert, deshalb auch der provokative Ton. Aber wie die Erfahrung zeigt, interessiert es eher niemanden. Kein Grund für mich also, das Thema weiter zu verfolgen, da es vielleicht stimmen mag, dass irgendwo auch in deutschen Landen ein Talent sich verdammt gut versteckt, mich der deutsche Markt im Allgemeinen – inklusive der vorgeblichen “Fans” allerdings völlig enttäuscht.

  3. Wer auch immer diese vorgeblichen “Fans” sein sollen.
    Egal, Elmar Huber hatte mal die Romane unter die Lupe genommen, die den Vincent Preis gewonnen haben (urspürnglich erschienen in Zwielicht 4):
    https://phanta­s‍tischewelt.wordpreß.com/2014/05/06/mit-skinner-ans-totenmaar-die-vincent-preis-gewinnerromane/

    Vielleicht ist das zum Thema ja für den ein oder anderen eine interessante Lektüre.
    Die Übersicht aller Vincent Preisträger findet sich übrigens hier:
    http://vincent-preis.blogspot.de/2010/08/die-ubersicht-der-bisherigen-vincent.html

  4. Die Unzahl an hungrigen (geh’ ich mal von aus) deutschen Autoren, die in den Horror-Foren stolz und immer wieder ihre Eigenveröffentlichungen präsentieren, müsste doch ganz heiß auf dieses Thema sein. Ist doch wie damals an der Uni: Man kann tatsächlich mit Seelenverwandten sprechen. Diskutieren. Sich austauschen. So was Antiquiertes gibt’s tatsächlich auch hier noch.- Ansonsten und apropos altmodisch: Ich fühle mich von der Flut an Selbstverlegtem zugeknallt. Mir fehlt Selektion. Jede(r) macht und darf auch noch. Ungeniert.

  5. Nun, ich erkenne da nur die Frage nach einem besseren wirtschaftlichen Effekt und wie der zu erreichen wäre. Das hat mit der Sache, um die es hier geht, herzlich wenig zu tun. Mich verblüfft es, wie schlecht deutsche Autoren sind.

  6. Hm, ich finde, das hier ist z.B. eine sehr lesenswerte Geschichte:
    http://vincent-preis.blogspot.de/2011/03/marcus-richter-feuerhaut.html

  7. Ich beziehe mich gar nicht so sehr auf einzelne Lichtblicke, die es natürlich gibt. Ich finde auch bei Jörg Kleudgen das gewisse Etwas. Ich glaube viel mehr an ein interkulturelles Versagen deutscher Autoren, nicht nur im Phantastik-Bereich. Tatsächlich scheinen Poe und Lovecraft einen starken Einfluss zu haben, das ist nur natürlich. Meiner Erachtens findet man hierzulande den Fehler in der Unmöglichkeit einer eigenen Entwicklung. Selbst Kafka, ETA Hoffmann, die ja tatsächlich unserer Tradition entspringen, finden im Ausland mehr Anklang und Weiterentwicklung, ganz zu schweigen von der Belgischen Phantastik ala Jean Ray. Vielleicht wird bei uns der Begriff Horror auch völlig falsch gedeutet und verstanden. Das zeigt allein die nahezu unmögliche Übersetzung des Begriffs “Weird Fiction”, der für mich mehr mit dem “Pure Horror” verwandt ist als der völlig am Thema vorbeigehende Splatter oder andere detaillierte Darstellungen. Im Allgemeinen hängen wir in einem Self-Publisher-Loch fest (wie Karin oben erwähnt), die merkwürdige Ahnungslosigkeit der meisten unserer Verlage tut natürlich sein Übriges.

  8. Wenn man die Entwicklung des Autores als Startpunkt sieht kann man dem Autor (als Institution) aber nur bedingt einen Vorwurf machen. Die Leserschaft, und in zweiter Linie damit auch die Verlagslandschaft, die ja einerseits den Leser mit Stoff versorgt, andererseits dank ihres Angebots ja auch Trends untermauert und befördert, sorgt natürlich dafür, das alles, was auf dem Markt wahrgenommen wird, entweder aus der Ecke Poe/Lovecraft kommt und diesen endlos (und oft doch sehr unispiriert) kopiert oder einen Megatrend nachhechelt, egal ob es Liebesvampire sind, Zombies oder Splatter.
    Aber letztendlich hat ja jeder ein Stück weit den Einfluss, etwas daran zu ändern.

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