Außerhalb des Genres

© Craig Kosak

Das Fantasy-Genre ist ein merkwürdiges Ungeheuer, das mit seiner großen Reichweite eine Vielzahl von Inhalten und Themen abdeckt. Es gibt Geschichten über das Erwachsenwerden, Geschichten über das Bewältigen von Problemen, Geschichten über das Töten von Drachen und Monstern. Es ist nicht durch Orte, Ideen oder Charaktertypen einzugrenzen, die wir normalerweise zur Definition eines Genres verwenden. Tatsächlich ist es eher so, dass die Leute ein Buch in diese Kategorie stecken, wenn es eine von hundert Eigenschaften aufweist, die üblicherweise mit Fantasy in Verbindung gebracht werden. Eine Abenteuergeschichte wird zur Fantasy, wenn es darin einen magischen Schatz gibt, eine Rachegschichte wird zur Fantasy, wenn der Schurke ein Monster ist. Auf diese Weise fallen unzählige Bücher in den klaffenden Schlund dieses Genres. Das ist an sich kein Problem, vielmehr ist es eine der großen Stärken der Fantasy. Ihr Potential, ihre Formbarkeit gibt ihr die größtmögliche Bandbreite.

Offensichtlich gibt es eine Fülle von Ideen und Formen, die die Traditionen des Genres ausmachen, seltsame Portale zu anderen Welten, fantastische Kreaturen wie Drachen, Tropen wie dunkle Herren und Barbaren mit magischen Schwertern. Aber es sind nur Möglichkeiten, die durch Wiederholung und nicht durch Notwendigkeit hervorgerufen werden. Es gibt nur wenige wirklich solide Richtlinien für das, was als Fantasy zu betrachten ist. Für einige der Subgenres sind vielleicht ein paar Besonderheiten erforderlich, aber ansonsten erhält der Autor einen Freibrief dafür, was er einbeziehen kann und was nicht. Natürlich gibt es Bücher, die sich enger an ihre Tradition binden, manche von ihnen können großartiger Lesestoff sein, während andere leider als langweilig und formelhaft empfunden werden. Derartige Probleme beruhen meist auf eine mangelnde Erfahrung mit dem Kanon oder sind auf die direkte Absicht, Genreliteratur zu schreiben, zurückzuführen.

© Edward Miller

Durch das unendliche Potential der Fantasy gibt es wirklich keine Notwendigkeit, irgendeine Genrekonvention zu befolgen, und tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Gründen, darüber hinaus zu gehen. Sieht man sich andere Gattungen und Schreibstile an und studiert ihre Methoden und Formen, erkennt man, dass diese einem Autor nur einen größeren Fundus an Ressourcen einbringen kann. Er kann sich von Geschichten inspirieren lassen, die völlig außerhalb der typischen Genreerfahrung liegen, neue Wege und Erzählweisen erforschen und natürlich auch benutzen. Einige der interessantesten Fantasy-Bücher, die ich gelesen habe, waren Geschichten mit atypischen Plots, die in eine Fantasy-Form gegossen wurden; was ist ‚Die Lügen des Locke Lamora‚ anderes als ein Kriminalroman in einem Fantasy-Setting? Und warum nicht? Das Genre hat die Reichweite, um die Geschichte unterzubringen und das Ergebnis ist hervorragend. Eine Fantasygeschichte kann alles sein, was ein bisschen Magie enthält, es gibt keine Notwendigkeit, sich auf mystische Schwerter und dunkle Herren zu beschränken.

Einige Autoren bemühen sich sehr, eine Fantasywelt zu erschaffen, aber ihr Anliegen sollte es sein, eine lebendige Welt zu kreieren, in der dann eben Elfen leben. Geschichten sollten sich nicht auf Questen oder andere Pfade beschränken, die man gemeinhin für Fantasy hält. Ignoriert die kleine Stimme, die sagt, dass ein Spionagethriller keine Fantasy sein kann. Gebt diesen Spionen Amulette, die sie unsichtbar machen, und ihr seid bereit. Fantasy kann die Kulisse, die Atmosphäre dieser Welt sein, aber sie sollte dem Autor niemals diktiert werden. Mit ein wenig Aufwand kann sie wie Ton geformt und in fast jedes Format gebracht werden.

© La Chapaliere Folle

Man braucht das Genre nicht einmal komplett mit einem anderen Einfluß zu färben, wie es etwa bei den großformatigen Komödien von Terry Pratchetts Scheibenwelt der Fall ist. Manchmal genügen ein paar Optimierungen, um der Geschichte eine größere Tiefe und Fülle zu verleihen. In einer wahrhaft realisierten sekundären Welt wird es Raum für alle möglichen Ereignisse und verschiedene kleine Geschichten geben, die eine voll ausgestattete und lebendige Erzählung ausmachen.

Eriksons ‚Spiel der Götter‚ ist eine Serie epischer Fantasy, die sich jedoch in ihrer langen, zehnbändigen Saga aus verschiedenen Elementen und Genres zusammensetzt. Es gibt natürlich die Schlachten, die Magie, die Fantasy-Elemente, bestehend aus Göttern und Helden, aber es gibt auch humoristische Szenen in den Kapiteln von Bugg und Tehol, die diese schwere Kost ein wenig Luftiger machen, während sie sich durchschlagen müssen. Es gibt auch Horrorelemente, aufreibende Passagen, z.B. als eine Gruppe von Reisenden auf die Ruinen einer alten Festung stößt, die gar nicht so ruhig und leer ist, wie sie denken. All diese Aspekte und Ereignisse verflechten sich zu etwas, das größer ist als irgendeine andere Fantasygeschichte. Hier haben wir eine wirklich vollkommen entwickelte Welt mit subtilen Nuancen und vielschichtigen Einflüssen, die dazu dienen, die Geschicklichkeit des Textes zu zeigen. Ein großartiges Stück Literatur.

Werke wie diese erinnern uns daran, dass es in der Fantasy nicht nur um Großereignisse und Helden geht, die gegen Schurken kämpfen, sondern auch um eine Menge anderer Dinge. Es können Spione, Gauner und Detektive durch die Handlung laufen. Es kann große Fluchtversuche, mörderische Geheimnisse und erbitterte Rivalitäten geben, die sich in einem Wirrwarr von Handlung und Gegenhandlung umeinander winden. Wenn man eine abwegige Idee in der Geschichte unterbringen kann, besitzt die Fantasy die Fähigkeit, sie aufzunehmen.

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