Etrigan ist Jack Kirbys düsterstes Vermächtnis und ein seltsamer Schatz im DC-Universum
Ein König, ein Zauberer und eine ewige Bürde

Es gibt Momente in der Geschichte der Comics, die sich rückblickend wie Naturgewalten anfühlen – künstlerische Schöpfungen, bei denen ein einzelner Autor eine neuartige und so fremdartige Idee zum Leben erweckt, dass das Medium danach nicht mehr ganz dasselbe war. Die Erschaffung von Etrigan durch Jack Kirby im Jahr 1972 ist einer dieser seltenen Augenblicke. Und doch bleibt diese Meisterleistung heute überraschend wenig gewürdigt.
Die Prämisse ist so schlicht wie gewagt: In der letzten Nacht von Camelot, als König Artus‘ Reich im Chaos von Feuer und Verrat unterging, verschmolz der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan mit einem menschlichen Ritter namens Jason Blood. Dies war eine Strafe und zugleich ein Schutz – eine ambivalente Verbindung aus Fluch und Gabe. Ob dies Merlins wahre Absicht war, bleibt absichtlich unklar. Seit jenem Moment wandelt Jason Blood als unsterblicher Zeuge des Verfalls menschlicher Zivilisation durch die Jahrhunderte, belastet mit dem Wissen um die Vergänglichkeit der Welt. Gleichzeitig birgt er die Macht, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimform spricht und die Mächte des Bösen mit einer Begeisterung bekämpft, die nicht weniger erschreckend wirkt als das Übel selbst.
Ursprung
Jack Kirby ließ sich bei der Entwicklung von Etrigan von mittelalterlicher Dämonologie, der Faust-Sage sowie seiner persönlichen Faszination für das Konzept des „edlen Wilden“ inspirieren, einer Figur, die moralische Komplexität weniger durch Vernunft als durch Instinkt erfährt. Der Kontext von Camelot diente stets als thematisches Fundament der Figur: Etrigan ist ein Überbleibsel einer einst glorreichen, mythischen Ära, die ihrer eigenen Größe nicht standhalten konnte.
Jack Kirby: Autor, Zeichner, Visionär
Als Miterfinder ikonischer Figuren wie Captain America, den Fantastic Four, den X-Men, den New Gods, Darkseid, Thor und unzähligen weiteren Charakteren hat Jack Kirby unauslöschliche Spuren in der Welt der Comics hinterlassen. Bereits 1972, als er Etrigan ins Leben rief, galt er als lebende Legende. Gleichzeitig war er jedoch ein Mann, der tief enttäuscht von Marvel zu DC wechselte, um dort die Chance auf absolute kreative Freiheit zu ergreifen.
Die DC-Phase im Kontext
Kirbys Jahre bei DC (1970–1975) markieren das wohl eigensinnigste und ambitionierteste Kapitel seiner Karriere. In dieser Zeit entstanden nicht nur Etrigan und die Fourth World-Saga, sondern auch Werke wie OMAC und Kamandi. Diese Serien waren kommerziell nur bedingt erfolgreich, überforderten jedoch konzeptionell die damaligen Möglichkeiten des Mediums und setzten neue kreative Maßstäbe.
Um Etrigan wirklich zu verstehen, muss man zunächst Jack Kirby verstehen. Eine Aufgabe, die alles andere als leicht ist. Jacob Kurtzberg, der sich Jack Kirby nannte, stammte aus der jüdischen Einwanderergemeinschaft der Lower East Side. Für ihn waren Comics ein Medium, um moderne Mythen zu erschaffen. Gemeinsam mit Joe Simon schuf er in den 1940ern Captain America und damit ein kulturelles Symbol, dessen Bedeutung weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis in die Gegenwart reicht. In den 1960ern baute er zusammen mit Stan Lee das Marvel-Universum auf, das die Popkultur nachhaltig prägen sollte. Doch trotz seiner revolutionären Leistungen blieben ihm sowohl die Rechte an seinen Figuren als auch die verdiente Anerkennung weitgehend verwehrt.
Als Kirby 1970 zu DC wechselte, trieb ihn ein beinahe unstillbarer kreativer Hunger an. Sein Ziel war es, etwas zu schaffen, das zumindest ideell ganz ihm gehörte. Die Fourth World-Saga, mit zentralen Figuren wie Darkseid, Orion und New Genesis, war der Ausdruck dieses Strebens: ein kosmisches Epos, das den ewigen Konflikt zwischen Freiheit und totaler Kontrolle thematisiert. Etrigan hingegen entstammt einer anderen Facette seines Schaffens; er ist das dunklere und intimere Pendant dieser Mythologie. Weniger kosmisch in seinem Auftreten, dafür tief verwurzelt in den Abgründen der menschlichen Seele.
Kirby entwarf Etrigan in einer Phase seines Lebens, in der er zwei scheinbar widersprüchliche Identitäten vereinte. Er war sowohl der unangefochten mächtigste Comickünstler seiner Zeit als auch ein Mann, der die innere Zerrissenheit einer Bestie kannte, und die schien nie das richtige Gefäß zu finden.
Warum spricht der Dämon in Versen?
Es ist eines der markantesten und zugleich meistdiskutierten Merkmale der Figur. Dabei war dies ursprünglich in Kirbys Konzept gar nicht vorgesehen: Der Etrigan des Jahres 1972 sprach noch ganz ohne Reime. Wie andere Schurken in Comics äußerte er sich in großspuriger Prosa. Erst Alan Moore brachte 1984 in seiner Interpretation der Figur in Swamp Thing die revolutionäre Idee ein, Etrigan in Jamben und Reimen reden zu lassen.
Moore erkannte das ästhetische Potenzial, das in der mittelalterlichen Herkunft der Figur schlummerte und von der Originalserie ungenutzt geblieben war. In der Tradition englischer mittelalterlicher Dichtung – von Beowulf bis hin zu den Mysterienspielen des 14. Jahrhunderts – sprachen Dämonen und übernatürliche Wesen oft in gebundener Sprache. Dies diente sowohl dazu, ihre Andersartigkeit zu unterstreichen, als auch, weil Magie und Versform traditionell eng miteinander verbunden galten. Als Autor und zugleich literarisch versierter Denker griff Moore diese Tradition auf und legte sie Etrigan in den Mund.
Sprachstil · Etrigan
Gone, gone the form of man,
Rise the demon Etrigan!
Die zwei Zeilen, die Jason Blood zur Beschwörung verwendet, gehören zu den ikonischsten Versen in der Geschichte der Comics. Sie besitzen eine Qualität, die nur wenigen Schlagworten gelingt. Sie wirken wie eine Liturgie, ein Gebet, das jedoch in die falsche Richtung flüstert. In den späten 1980er-Jahren verfeinerte Matt Wagner die Figur in seiner preisgekrönten Miniserie The Demon und hob Etrigans gereimtes Sprechen zu einem wahrhaft literarischen Werkzeug. Wenn der Dämon spricht, hat man die Szene schon bildlich vor Augen, noch bevor man das erste Wort gelesen hat.