Wonder Woman ist ein Spiegel amerikanischer Ängste, Sehnsüchte und feministischer Hoffnungen, erschaffen von einem Mann mit zwei Frauen, einem Lasso und einer obsessiven Überzeugung.

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, beinah kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.
Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.
Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.
Marstons ungewöhnliches Privatleben
William Moulton Marston lebte in einer offenen Dreiecksbeziehung mit seiner Ehefrau Elizabeth Holloway Marston und der Psychologie-Studentin Olive Byrne, der Nichte der Frauenrechtlerin Margaret Sanger. Beide Frauen hatten Kinder mit ihm. Elizabeth und Olive lebten nach Marstons Tod 1947 noch jahrzehntelang zusammen. Beide inspirierten Wonder Woman maßgeblich: Elizabeth durch Intelligenz und Stärke, Olive durch ihre Armbänder, die der Figur als Vorbild für die legendären „Bracelets of Submission“ dienten.
Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Comicschreiber. Er hatte eine dezidierte pädagogische und fast messianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was das Beste wäre, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war der literarische Beweis für diese These, die sich heute immer mehr zu verdichten scheint.
Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters
Die Figur hat eine selbst für Comic-Verhältnisse ungewöhnlich reichhaltige Herkunft. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island, einer geheimen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Revisionen, darunter die weitgehend kanonisch gewordene aus den 1980er Jahren von George Pérez, machten Zeus zu ihrem Vater, was dramatisch zwar konsequenter, aber weitaus weniger subversiv ist.

Als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island notlandet und gerettet werden muss, verlässt Diana die Insel, um ihn in die Welt der Menschen zurückzubegleiten und im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten zu kämpfen. Sie nimmt die Identität von Diana Prince an, einer Krankenschwester. Dieses Kostüm wirkt in seiner Banalität komisch neben dem funkelnden Sternenbanner-Outfit.
Was Marston in den frühen Comics dann entfaltete, war ein seltsames, freudianisch überladenes Universum voller Fesselungen, Unterwerfungen und psychologischer Machtspiele. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen jemand – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder auf andere Weise in seiner/ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Akribie um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Der DC-Herausgeber Sheldon Mayer und der Ethikausschuss der Branche waren regelmäßig besorgt. Marston erklärte ihnen geduldig, dass all dies symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Fesseln.
Ob man ihm glaubt oder nicht, ist eine andere Frage. Die Forscherin Jill Lepore, die 2014 die maßgebliche Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons Fetische und seine feministische Überzeugung untrennbar miteinander verwoben waren, und dass man das eine nicht ohne das andere verstehen kann.
Das Lasso der Wahrheit
Marstons berühmtestes Erfindung war der Lügendetektor, und Wonder Womans Lasso der Wahrheit ist deshalb kein Zufall. Das „Lasso of Truth“ zwingt jeden, der damit gefesselt wird, die Wahrheit zu sagen. Eine direkte Übertragung seiner wissenschaftlichen Obsession ins Fantastische. Das goldene Lasso war ursprünglich aus dem Gürtel der Göttin Gaia geschmiedet und unzerstörbar.
Nach Marston: Die Jahrzehnte des Vergessens und Wiederfinders
Als Marston 1947 an Krebs starb, verlor die Figur ihre wichtigste Stimme, und ihre schärfsten Kanten. Robert Kanigher übernahm das Schreiben und machte aus Wonder Woman eine sehnsuchtsvolle Romanheldin, die Steve Trevor heiraten wollte und sich mit alltäglicheren Abenteuern begnügte. Das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.

Die 1960er Jahre brachten eine Krise eigener Art mit sich. Im Zuge der Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor Wonder Woman ihre Kräfte vollständig und wurde – man reibe sich die Augen – zur Besitzerin einer Modeboutique. Das war als Modernisierung gedacht, als Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter. Herausgekommen ist jedoch einer der größten Fehlgriffe der Comicgeschichte. Die Frauenrechtlerin Gloria Steinem war so entsetzt, dass sie 1972 Wonder Woman im Originalkostüm auf das Titelblatt der ersten Ausgabe des Ms. Magazine setzte, als eine Art öffentliche Rehabilitation, die signalisierte: Diese Figur gehört dem Feminismus, nicht der Boutique.
Die eigentliche Rettung kam 1987 mit George Pérez und seiner bahnbrechenden Neuinterpretation nach Crisis on Infinite Earths. Pérez verankerte Wonder Woman tief in der griechischen Mythologie, gab ihr mit Themyscira (dem neuen Paradise Island) eine komplexe politische Heimat und zeichnete sie mit einer Würde und Komplexität, die zuvor selten erreicht worden waren. Es war das erste Mal seit Marston, dass sich eine echte künstlerische Vision durchsetzte, die sich nicht entschuldigen musste.
Phil Jimenezes elegante Linien in den frühen 2000ern, Greg Ruckas dichte politische Prosa und Gail Simones emotionale Schärfe – all das sind Meilensteine in der Geschichte einer Figur, die immer dann am stärksten ist, wenn ihre Autoren verstehen, dass Wonder Woman nicht Stärke statt Mitgefühl verkörpert, sondern Stärke als Mitgefühl. Das ist Marstons Vermächtnis, ob man seine persönlichen Eigenheiten mag oder nicht.
Was die Figur wirklich besonders macht
Man könnte meinen, Wonder Woman sei lediglich das weibliche Pendant zu Superman oder Batman. Das ist ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Superman ist der Immigrant, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman ist etwas Anderes: eine Figur, die aus einer fremden Kultur stammt und diese für überlegen hält, aber dennoch beschließt, der menschlichen Welt zu helfen, aufgrund einer aktiven, freiwilligen Entscheidung für das Gute.
Das macht sie aus philosophischer Sicht interessanter als die meisten ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch Heroismus Heilung sucht. Sie handelt aus einer Position der Stärke und Unversehrtheit heraus. Ihre Waffe ist das Lasso der Wahrheit und nicht die Faust des Zorns. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und wenn sie es tut, trägt sie die Last dieser Entscheidung sichtbar mit sich.
Die Armbänder, die sie trägt – im Original „Bracelets of Submission“ – sind eines der merkwürdigsten Symbole der Comicgeschichte. Von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Erinnerung an ihre frühere Versklavung und sind zugleich unzerstörbare Schutzwaffe und Mahnmal. Sobald Wonder Woman die Armbänder ablegt, verliert sie in manchen Versionen die Kontrolle über ihre Kraft und wird gefährlich. Freiheit ohne Begrenzung ist keine Befreiung, sondern eine andere Form der Gefangenschaft. Marston, der Psychologe, steckt also in jedem Detail.
Nachtrag des Autors: Einige Dinge, die mich beim Schreiben besonders fasziniert haben: Marstons Lügendetektor und das „Lasso of Truth” sind kein Zufall. Es ist dieselbe Obsession, einmal als Wissenschaft, einmal als Mythos. Und: Jill Lepores Biografie „The Secret History of Wonder Woman” (2014) ist wirklich eine Pflichtlektüre, wenn jemanden das Thema tiefer interessiert. Lepore legt offen, wie sehr Elizabeth Holloway und Olive Byrne die Figur prägten, während Marston allein den Ruhm kassierte.