E.T.: Ich habe ihn gefunden, er gehört mir!

Könnte auch ein kleiner niedlicher Hund sein, von dem da die Rede ist. Gemeint ist aber ein kleiner hässlicher Außerirdischer. Und bevor sich bei dem bösen Wort hässlich in dieser allgemeinen Schrecksekunde fatale Empörung breit macht, sei rasch beschwichtigt: E.T. ist zwar tatsächlich und nun wirklich keine Schönheit, aber so mit das Goldigste und Liebenswerteste, das die Filmindustrie, in persona Regie-Größe Stephen Spielberg, der Welt geschenkt hat.

Gefunden, behalten, für immer meins! Denkt der elfjährige Elliott hoffnungsvoll, nachdem er den runzligen Wicht aus der anderen Galaxie mit den großen Bitte-bitte-Augen entdeckt, kennen und so richtig in die Kinderseele zu schließen gelernt hat, ruft es trotzig aus und wird natürlich eines Besseren gelehrt. Denn der zum allerbesten Freund Auserkorene, den er am liebsten ganz für sich allein haben will, ist nun mal kein wuscheliger Vierbeiner, der sich über sein neues Heim freut und nie wieder weg möchte. E.T. ist ansatzweise menschlich definierbar. Nur klüger und besser. Und er hat schon ein Zuhause.

(c) UIP

Der Schrumpelgnom aus dem Weltall lebt drei Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt auf einem fremden Planeten. Dorthin will er zurück. Auch, wenn Elliott, sein junger Erdenfreund, ihm mächtig ans Herz gewachsen ist. E.T. , unbeabsichtigt von seinen Leuten in völlig ungewohnter Umgebung in der Nähe von Los Angeles zurückgelassen, hat schreckliches Heimweh. Und da schlucken wir alle schon mal kräftig und stöbern nach Papiertaschentüchern. Denn bei E.T. werden die Augen feucht. Immer noch und immer wieder.

Der friedliche kleine Extra-Terrestrial kam im Dezember 1982 in die deutschen Kinos, ein halbes Jahr nach dem amerikanischen Filmstart, und binnen kürzester Zeit schaffte er es, ein Publikumsliebling zu sein, über den nichts leicht Verträumtes sagen zu können als absolutes No-Go galt. Die Leute waren hin und weg, strömten in Massen in die Kinos und kamen verzückt wieder hinaus, krümmten mit verschmitzt-verklärtem Blick den Zeigefinger und sagten mit verstellter Stimme, ähnlich der es eines Kette-rauchenden Mainzelmännchens: „Nach Hause telefonieren.“

Und niemand fand das merkwürdig. Man nickte sich lächelnd zu und verstand. E.T. gesehen. Klar. Es hat Boom-Boom gemacht.

Nach Hause telefonieren

E.T. , obgleich auch nur eine Kunstfigur, freilich ein sehr phantasievoll und ausgesprochen gelungen erfundenes Geschöpf mit sinnig erdachter Geschichte, nahm etwas von dem Argwohn, mit dem die Menschen Fremdartigem begegnen, auch von der Angst vor einer Bedrohung von außen. Seine Persönlichkeit ist außergewöhnlich, er hat nichts Schlechtes, nichts Unsympathisches, nichts Aggressives an sich.

Seltsam sieht er aus, klar. Und da wir etwas arg voreingenommen davon überzeugt sind, der Mensch in Form und Gestalt sei eine wohlproportionierte und grundsätzlich optisch angenehme Kreatur, wirkt das Wesen aus den Weiten des Alls schon als etwas Groteskes, auf den ersten Blick sogar recht Scheußliches aus unserer speziellen Perspektive: E.T., Hautfarbe schlammbraun, ist gedrungen, hat bodenlange Arme, kurze Entenfüße und einen gewaltigen Schädel, der auf einem langen dünnen Hals sitzt. Sein Gesicht ist knittrig, der Mund breit und ohne Lippen, der Körper unbehaart. Wirklich schön sind tatsächlich nur seine großen blauen Puppenaugen. Aber da genügt auch nur ein einziger Blick daraus, und man ist hin und weg. So lieb. So warm und freundlich. Reicht für ein Leben und noch mehr.

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Die Geschichte von E.T., eine geniale Kombination von Science-Fiction und Märchen, über zehn Jahre lang eine der ewigen Besten und längst schon Legende, erzählt von der ganz besonderen Freundschaft eines kleinen Jungen zu einem Außerirdischen, der mit seinen Artgenossen in einem Raumschiff nahe L.A. in einem Wald gelandet ist, um auf Forscherkunde zu gehen. Beim Sammeln von Pflanzenproben werden sie entdeckt, fliegen panisch davon und vergessen dabei einen ihrer Kameraden in der Hektik: E.T.
Der sucht Schutz in einem Schuppen, wo ihn der 11jährige Elliott findet, sich fürchterlich erschreckt und erstaunt erkennt, dass das kleine „Monster“ mindestens genausoviel Angst vor ihm hat wie er vor ihm.

Elliott (Henry Thomas) versteckt E.T. vor der Öffentlichkeit, so gut er kann, aber seine Geschwister, der 17jährige Michael (Robert McNaughton) und die siebenjährige Gerti (Drew Barrymore), kommen hinter das Geheimnis und helfen ihrem Bruder, als Regierungsbeamte den mysteriösen Besucher aus dem Weltall aufspüren und an ihm herum experimentieren. Zuvor kontaktet E.T. bereits per Telepathie mit seiner Crew, die irgendwo im Sternenhimmel schwebt und den Verlorengegangenen natürlich nicht im Stich lassen will.

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Es wird noch richtig spannend, bevor E.T. letztendlich wieder ins Raumschiff steigen und die ersehnte Heimreise antreten kann. Spannend und so großartig gefühlvoll. So dramatisch, wenn E.T. stirbt (er stirbt ja nicht!), um Elliott zu retten, weil die beiden mittlerweile gefühlstechnisch wie aus einem Blut sind. So sensationell, wenn die Jungs mit E.T., der das möglich macht, auf ihrem BMX-Rädern durch die Vollmond-Nacht zum Raumschiff fliegen. So rührend, wenn Elliott und E.T. voneinander Abschied nehmen und die süße Gerti diesem wunderbaren E.T. zum Schluß einen Kuss auf die Nase gibt.

Vorher gibt’s noch diesen herrlichen Dialog zwischen Greg, Freund von Michael, und Elliott, nachdem man sich fiebrig überlegt hat, wie E.T. wieder in das Raumschiff gelangen könnte:

Elliot: Ok, er ist ein Mann aus dem Weltraum, versteht ihr, und wir bringen ihn zu seinem Raumschiff.
Greg: Kann er nicht einfach – hochgebeamt werden?
Elliot: Das hier ist die Realität, Greg.

Realität! Eben. Exakt das trifft auch die globale Gunst des Publikums. So einer wie E.T. dürfe getrost und bedenkenlos reell sein. So stellt man sich wohl gern ein Alien vor. Das könnte, konnte man Anfang der 1980er und kann es sich selbstredend auch heutzutage schön denken, wie nett das wäre, wenn so ein lieber, friedlicher, kluger und freundlicher Kerl plötzlich vor der eigenen Tür stehen würde.

Das Ding: Schlechtes Timing

Da kam denn John Carpenter mit Das Ding kurz nach dem Start von Spielberg’s Fantasy-Mär nicht so ganz gelegen. Sein Science-Fiction-/Horror-Film über ein Forscherteam in der Antarktis, das der zerstörerischen Macht von Aliens, im vorgegebenen Fall Formwandler, gegenübersteht, floppte an den Kinokassen. Es war schlichtweg schlechtes Timing: Die Kinobesucher waren schwer verliebt in E.T., kauften sich T-Shirts mit seinem Konterfei und wollten ihn aus Stoff, Plüsch und Plastik auf der Nachtkonsole stehen haben. Carpenter’s krasse Nummer mit der bösen Bedrohung von außerirdischen Lebensformen aus dem Kosmos wirkte so ausnüchternd wie der Sprung ins eiskalte Wasser in beschwipstem Zustand.

Kurzum: Der Zeitgeist war ein anderer, gedanklich wollte man mit E.T. Händchen halten und sich nicht fressen lassen. Carpenter selbst, der zuvor mit Halloween und der Klapperschlange fette Kassenknüller und zugleich Ausnahme-Filme gedreht hatte, sagte im Nachhinein, Das Ding sei trotzdem sein persönlicher Favorit, er habe da echten guten Horror gemacht. Hat er zweifellos. Aber da saß E.T. eben schon auf Wolke Sieben. Ganz oben. Und hat Sternschnuppen regnen lassen. So ungefähr zumindest. Denn die Menschen waren wie berauscht von ihm.

Gruselige Fortsetzung

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Erstaunlich eigentlich, dass es nie eine Fortsetzung gab: Wiedersehen mit E.T., E.T. rettet die Menschheit, Elliott im All…nichts von dem ist passiert. Bei einem Film mit weltweiten Einahmen von 800 Millionen Dollar gilt das als Ausnahmefall: Ein Riesenerfolg ohne Sequel. Freilich gab es diesbezüglich sehr wohl Pläne: Universal wollte unbedingt E.T. II, und es lag auch rasch ein Drehbuch vor, Titel: „E.T. – Nocturnal Fears“ (Nächtliche Ängste). Eine Story mit bösen, fleischfressenden Albino-Mutanten. Fand man aber zu gruselig, zumal Spielberg stets betonte, er wolle dem Original seine „Jungfräulichkeit“ nicht rauben.

Ergo blieb es bei dem einen großen Wahren,  der seinen glühenden Zeigefinger ganz sanft in unsere Herzen gebohrt hat. Irgenwie auf ewig.

E.T.: Ich bin immer bei dir.
Elliot: Ich bin immer für dich da.

In Legenden der Leidenschaft spielt Henry Thomas den sensiblen Samuel, Bruder des wilden, schönen Tristan (Brad Pitt). Dieser unschuldige, liebe Blick. Unverkennbar der „kleine“ Elliott. Da fällt einem wieder E.T. ein. Nach Hause telefonieren. Da lächelt man. Und Brad Pitt ist glatt vergessen. Zumindest kurzfristig.

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