Necronomicon – Das gefährlichste Buch der Welt

Alles lag an diesem Buch, das, einmal aufgeschlagen, alles verschlang, was es zu verschlingen gab. Hatte ihn das Buch dermaßen in seinen Bann gezogen, dass er eingeschlafen war und jetzt mit den letzten Eindrücken der Zeilen in seinem eigenen Traumgebilde umherirrte?

Er hatte den alten Folianten zunächst in einem Antiquariat für seltene Bücher entdeckt und dieses wiederum nur durch einen Zufall ausfindig gemacht. Das war an einem dieser frühen Abende bei einem seiner Spaziergänge gewesen. Jetzt erinnerte er sich, wie er sich gewundert hatte, denn er kannte alle Buchläden in der Stadt, doch diesen kannte er nicht.

Inspiriert von den Werken Lovecrafts fertigt der Künstler Zorano fiktive Seiten aus dem Necronomicon an, die in seinem Shop auf Etsy gekauft werden können.

Das Antiquariat lag in einem Kellergewölbe verborgen, gemieden von den Bewohnern der behaglichen Umgebung, ihren trügerischen Schatten, fern von den Schritten des möglichen Willens, immer in der Nacht, denn tief unten, wo es sich ausdehnte und dem Erdmittelpunkt entgegenwankte, schien nur die Dunkelheit zu Hause zu sein, auch dann, wenn die Sonne ihre Pranken ausstreckte und sich demütig und schmerzlich zurückzog, sobald die Finsternis ihr Gebiss zeigte.

Beim Durchblättern der Seiten beschleicht einen ein beklemmendes Gefühl. Es ist, als strahle das Necronomicon eine böse Aura aus und flöße denen, die es wagen, seine Geheimnisse zu ergründen, Respekt und Schrecken ein. Man spürt das Erbe des Wahnsinns und der Verzweiflung, als wäre jedes Wort und jedes Bild mit der dunklen Geschichte seiner früheren Besitzer belastet. Das Necronomicon zu berühren ist nicht nur eine visuelle oder taktile Erfahrung, es ist eine Konfrontation mit einer uralten und unheilvollen Macht, ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, als der Mensch noch nicht alleiniger Herrscher der Welt war. Das Schließen des Buches hinterlässt ein Gefühl der Flucht, aber auch eine beunruhigende Neugier, was passieren könnte, wenn sein Wissen genutzt wird. Es ist ein verbotenes Objekt des Wissens, dessen bloße Existenz Vernunft und Moral herausfordert, ein Testament der dunklen Abgründe, die sich unter der Oberfläche unserer Realität verbergen.

Necronomicon im Fandom
Necronomicon im Fandom

Das Necronomicon, auch „Buch der Toten“ genannt, taucht zum ersten Mal in Lovecrafts Kurzgeschichte „The Hound“ aus dem Jahr 1922 auf. Lovecraft zufolge kam ihm die Idee zum Necronomicon in einem Traum. In seiner Übersetzung bedeutet Necronomicon „Ein Bildnis des Gesetzes der Toten“, eine bessere Etymologie wäre jedoch „Ein Buch zur Klassifizierung der Toten“.Seitdem ist es ein wiederkehrendes Motiv in Lovecrafts Erzählungen und in der Phantastik im Allgemeinen. Obwohl es sich um eine Zusammenfassung von Lovecrafts Gedanken handelt, hat es durch seine detaillierte Beschreibung, die erzählte Geschichte und die wiederkehrenden Anspielungen eine außergewöhnliche Wirkung entfaltet. Viele Menschen glaubten und glauben noch heute, dass dieses unheimliche Werk tatsächlich existiert.

Der ursprüngliche Verfasser des Necronomicon war Abdul Alhazred, ein arabischer Dichter, der um das Jahr 700 lebte. Alhazred, der in Damaskus lebte, wird in den Geschichten als „verrückter Araber“ beschrieben, der nach dem Verfassen der schrecklichen Verse des Buches den Verstand verlor. Die Legende besagt, dass das Necronomicon nicht nur die Geheimnisse des Universums enthält, sondern auch Schlüssel zur Beschwörung uralter Götter und Wesen wie Cthulhu, Nyarlathotep und Yog-Sothoth – sowie Rituale, die den Kontakt mit ihnen ermöglichen sollen. Alhazred soll dieses Wissen in Blut auf Seiten aus menschlicher Haut niedergeschrieben haben.

Das Buch trägt ursprünglich den Titel „Al Azif“, was sich auf das summende Geräusch von Insekten bezieht, das in der arabischen Folklore mit den Stimmen von Dschinn und anderen übernatürlichen Wesen assoziiert wird. Lovecraft behauptete, dass der Autor durch seine Reisen und die Erkundung von Ruinen in der arabischen Wüste Zugang zu verborgenen Geheimnissen erhielt. Alhazred soll dort Erkenntnisse über uralte, kosmische Entitäten gewonnen haben, die weit über das menschliche Verständnis hinausgehen. Laut Lovecraft wurde es in verschiedene Sprachen übersetzt, darunter Griechisch und Latein. Übersetzer wie Theodorus Philetas und Olaus Wormius trugen zur Verbreitung bei, doch das arabische Original ging angeblich verloren. Besonders die lateinische Version, die als verflucht gilt, wird in Lovecrafts Geschichten immer wieder erwähnt. Sie ist leichter zugänglich, doch das Lesen soll den Verstand des Lesers gefährden. Lovecraft fügte später sogar eine fiktive englische Übersetzung durch den elisabethanischen Okkultisten John Dee hinzu, was die Geschichte des Buches mit der europäischen Geistesgeschichte verknüpft.

Das gefährlichste Buch der Welt
Das gefährlichste Buch der Welt

Die detaillierte Geschichte des Necronomicons ist eine Synthese vieler Einflüsse. Lovecraft ließ sich unter anderem von der Gothic-Literatur inspirieren, die oft geheimnisvolle, schimmlige Bücher mit verbotenen Überlieferungen thematisiert. Auch die arabische Erzähltradition, insbesondere die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“, prägten seine Vorstellung. Lovecraft liebte die farbenfrohen und mystischen Geschichten der mittelalterlichen muslimischen Welt. Hinzu kommt der zeitgenössische Einfluss des Fluchs von Tutanchamun, der in den 1920er Jahren durch die Entdeckung des Grabes weltweite Aufmerksamkeit erregte. Von diesem Fluch soll in einem alten arabischen Folianten berichtet worden sein, so überliefert es die exzentrische Schriftstellerin Marie Corelli, die einen Brief in den Zeitungen veröffentlichte, nachdem Lord Carnarvon kurz nach der Öffnung des Grabes von Tutanchamun auf mysteriöse Weise an einer Blutvergiftung gestorben war:

„Als jemand, der sich sein ganzes Leben lang mit der ägyptischen Mystik beschäftigt hat, kann ich sagen, dass es mich nicht überrascht, wenn den wagemutigen Forschern, die die Gräber der toten Monarchen des Landes ausgraben wollen, ein Unfall passiert. So steht es in der Bibel, ein seltsames Wort mit einer seltsamen Bedeutung dahinter.  In einem seltenen Buch, das ich besitze und das nicht im Britischen Museum zu finden ist, mit dem Titel „Die ägyptische Geschichte der Pyramiden“, übersetzt aus dem arabischen Original von Vattie, dem Arabischlehrer Ludwigs XVI. von Frankreich, heißt es, dass jedem unvorsichtigen Eindringling in ein versiegeltes Grab die schlimmste Strafe folgt. Dieses Buch enthält lange und detaillierte Listen der Schätze, die mit einigen der Könige begraben wurden, und unter diesen werden „verschiedene geheime Tränke genannt, die in Kästchen eingeschlossen sind, damit diejenigen, die sie berühren, wissen, wie sie leiden werden“. Ich frage also: War es ein Mückenstich, der Lord Carnarvon so schwer getroffen hat? Könnte es sein, dass er etwas Giftiges unter dem Gewand oder den Juwelen des begrabenen Königs berührt hat? Jedenfalls empfinde ich das Eindringen des modernen Menschen in die dreitausendjährige Ruhe und den Todesschlaf der ägyptischen Könige als eine Art Entweihung und Sakrileg, und das wird und kann nicht gut gehen.“

Dieses Buch, das später als „Das Ägypten des Murtadi“ identifiziert wurde, enthielt Legenden über Flüche und magische Geheimnisse des alten Ägyptens. Obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass Lovecraft Corellis Brief kannte, weist seine Beschreibung des Necronomicon bemerkenswerte Parallelen zu diesem Text auf.

Das Necronomicon selbst wird in den Erzählungen als ein Buch beschrieben, das sowohl Schrecken als auch Faszination auslöst. Schon die Berührung der Seiten, „die unter den Fingern knistern“, wird als unheimlich beschrieben. Die Tinte, schwarz wie die tiefste Nacht, formt unverständliche Worte und schreckliche Bilder. Jedes Umblättern setzt ein kaum wahrnehmbares Flüstern frei, so wie das Buch selbst atmet, durchdrungen von unheilvollem Leben.

Obwohl Lovecraft zu Lebzeiten betonte, dass das Necronomicon eine reine Erfindung sei, hat sich das Buch in der Popkultur verselbstständigt. Viele Leser nahmen die fiktionale Darstellung als Hinweis auf ein tatsächliches Buch, und bereits im 20. Jahrhundert erschienen vermeintliche „Übersetzungen“ dieses mysteriösen Buches.

Es wurde erstmals 1977 von Magickal Childe, einem der bekanntesten okkulten Läden in New York, in einer luxuriösen, in Leder gebundenen Ausgabe herausgegeben. Später wurde es als Taschenbuch veröffentlicht und erreichte so eine viel breitere Leserschaft.

Die bekannteste Version wurde 1977 von Magickal Childe, einem der bekanntesten okkulten Läden in New York, in einer luxuriösen, in Leder gebundenen Ausgabe herausgegeben. Später wurde es auch als Taschenbuch veröffentlicht und erreichte so eine viel breitere Leserschaft. Der anonyme Autor, der sich Simon nannte, behauptete, dass seine Übersetzung auf alten sumerischen Texten basiert, sie weist jedoch wenig Gemeinsamkeiten mit Lovecrafts Originalbeschreibung auf. Trotzdem fand es eine breite Leserschaft, insbesondere unter Anhängern des Okkultismus.

Nach Lovecrafts Tod 1937 führte sein Freund August Derleth sein literarisches Erbe fort. Derleth erweiterte den Cthulhu-Mythos und erwähnte das Necronomicon in seinen eigenen Geschichten. So bleibt das Buch ein Symbol für das Unaussprechliche und Verbotene. Es verkörpert Lovecrafts Grundgedanken, dass hinter der sichtbaren Realität Abgründe lauern, die das menschliche Verständnis übersteigen. Die Mischung aus fiktiver Geschichte, poetischer Beschreibung und kosmischem Schrecken macht das Necronomicon zu einem der eindrucksvollsten Werke der modernen Literatur.

Quellen:

  • Harms, Daniel and Gonce III, John Wisdom (1998). The Necronomicon Files: The Truth Behind Lovecraft’s Legend. Red Wheel/Weiser.
  • Tyson, Donald (2004). Necronomicon: The Wanderings of Alhazred. Llewellyn Publications.
  • Lovecraft, Howard Phillips (1984). The History of the Necronomicon. Necronomicon Press.

Robert Arthur: Die Geister, die ich rief

Dankbarer Weise leben wir in einer Zeit, in der uns immer wieder längst vergessene Geschichten ins Haus flattern. Es besteht ein unbedingtes Interesse, altes wieder hervorzukramen, weil es in der Regel besser ist als all das Zeug, das man heute zu lesen bekommt. Robert Arthur wäre sicherlich einer dieser vergessenen Autoren, wenn er nicht die drei Detektive erschaffen hätte. Vermutlich gäbe es keinen Grund, in seinen zahlreichen Erzählungen zu stöbern. Viele wissen nicht einmal, dass er ein Experte seltsamer Geschichten war, eine regelrechte Größe wenn es darum ging, die größten Unwahrscheinlichkeiten mit herrlich gewöhnlicher Plausibilität zu erzählen. Der Kosmos-Verlag brachte bereits 2024 die deutsche Übersetzung des Originals mit dem Titel „Die Geister, die ich rief“ heraus. Das mag etwas Verwirrung stiften, denkt man doch unweigerlich an den Filmklassiker mit Bill Murray, dessen Vorlage Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte war. Aber „Geister und mehr Geister“ ist auch nicht das Gelbe vom Ei, vor allem, weil das wieder Mary Hottingers Gespenster-Anthologien ins Gehege gekommen wäre. Natürlich hat der Kosmos-Verlag in Robert Arthurs Geschichten gekramt, weil er mit den drei Fragezeichen sozusagen das Flaggschiff des Verlags auf den Weg gebracht hat (was 1964 nun wirklich niemand ahnen konnte). Aber es handelt sich immerhin um einen Autor, der hierzulande noch entdeckt werden muss (wobei ich glaube, dass er auch in seinem Heimatland nicht mehr groß bekannt sein dürfte, außer eventuell bei den Pulp-Enthusiasten).

Jüngst in diesen Tagen erscheint dort auch der zweite Arthur-Erzählband mit dem Titel „Im Kabinett der Illusionen“. Man kann nur hoffen, das dies nicht der letzte Band war, denn bei Arthur gibt es noch viel zu entdecken.

Jetzt aber erst einmal zu den „Geistern, die ich rief“. Da gibt es gleich eine weitere Besonderheit, und die bezieht sich auf die Übersetzung. Meistens bin ich jemand, der mit Übersetzungen auf Kriegsfuß steht, weil sie einfach wahnsinnig schlecht sind. Und sie werden immer schlechter und schlampiger. Hier ist genau das Gegenteil der Fall. Die Übersetzerin ist Anja Herre. Auf ihrer Webseite gibt sie an, dass sie Bücher aus dem Englischen übersetzt (und so auch aus dem Russischen), lektoriert, hinschreibt, umschreibt und nach en richtigen Vorworten, Nachsilben, Bildern und Klängen und Pausen sucht. Das hört sich jetzt nicht nach einer gewöhnlichen Übersetzerin an, und das ist sie auch nicht. Ich kenne einige Originaltexte von Arthur und war am Anfang skeptisch, vor allem nach ihrem Vorwort. Ich dachte mir: wenn ich Robert Arthur lesen will und eine Nachdichtung bekomme, werde ich ziemlich ungehalten sein. Aber das war überhaupt nicht nötig. Ganz im Gegenteil bekommen die skelettierten Geschichten ein Polster und ein Kleid aus einer hervorragend komponierten Sprache, die zwar jedem Detail aus Arthur Erzählungen folgt, aber eben auf eine Weise, die all die Geschichten besser machen. Das hat mich dann doch verblüfft, vor allem in einer Zeit, da Sprache nicht einmal mehr bei Verlagen auch nur ansatzweise einen Stellenwert zu besitzen scheint (und auch die Übersetzungen der drei Fragezeichen von Leonore Puschert unglaublich schlecht sind).

Auf der Rückseite der Originalausgabe „Ghosts and more Ghosts“ schrieb Robert Arthur folgendes:

Die meisten dieser Geschichten wurden in einem großen Haus in den Wäldern des Staates New York geschrieben. Das Haus trug den Namen „Many Stories“; ein Grund, warum das Haus diesen Namen trug, waren die drei Stockwerke inklusive Dachboden und Keller. Ein weiterer Grund waren die ganzen Geschichten, die dort geschrieben wurden, um sie zu verkaufen.

Das Haus war genau richtig für die Arbeit an seltsamen und geisterhaften Geschichten. Als ich mit meiner Familie dort einzog, stand es schon viele Jahre leer. Die Nachbarn waren alle der Meinung, dort würde es spuken. Wenn ich in der Nacht an einer Geschichte schrieb, konnte ich komische Geräusche hören, ein Gewusel kleiner Schritte im Keller, ein Scharren und Flüstern in den Wänden, ein Kieksen und Rascheln, das vom Dachboden direkt über meinem Kopf nach unten drang.

Ich fand heraus, dass die Geräusche auf den Dachboden von einer Kolonie Fledermäuse stammte, die hier schon seit Jahren lebte, während das Haus leer stand. Manchmal, wenn die Fledermäuse durch die Risse, die ihnen als Ein- und Ausgang dienten, eine falsche Abzweigung nahmen, kamen sie in mein Arbeitszimmer im dritten Stock geflogen.

In einer Nacht kamen gleich drei dieser Tiere auf einmal an und huschten und glitten um meinen Kopf herum, als ob sie ein altes magisches Ritual vorbereiten wollten. Ich wusste, dass sie mich genausowenig berühren wollten wie ich sie. Also schrieb ich einfach weiter, und das Rascheln in den Wänden und das Flüstern ledriger Flügel waren die unheimliche Begleitmusik zum Klackern meiner Schreibmaschine.

Das war eine großartige Atmosphäre, um Geister und Dämonen und Gespenster und Zaubersprüche und Hexen beschwören zu können. Ich hoffe, manches davon hat seinen Weg in diese Sammlung gefunden, und dass ihr die Geschichten ebenso genießt wie ich das Schreiben. – Übers. MEP

Die 10 Geschichten in diesem Buch decken eine gewisse Bandbreite des Phantastischen ab. Man könnte sie auch eher als „wunderlich“ anstatt „geisterhaft“ beschreiben. Manche davon lassen sich auch hervorragend weiterträumen. Es gibt keinen Ballast in ihnen, kein unnötiges Wort, ohne dass deshalb irgendetwas zu kurz kommt. Diese unglaubliche Ausbalanciertheit ist Arthurs Markenzeichen und er beherrscht es so gut wie kaum einer aus der Pulp-Ära. Richtig beunruhigend ist tatsächlich die erste Geschichte mit dem Titel „Unsichtbare Schritte“ (Footsteps Invisible), die auch gleichzeitig eine seiner berühmtesten ist.

Ein blinder Zeitungsverkäufer wird von einem berühmten britischen Archäologen gebeten, sein scharfes Gehör einzusetzen, um der unerbittlichen Macht, die ihn jagt, einen Schritt voraus zu sein. Dies ist ein unheimlicher Einstieg in das Buch, der Arthurs Fähigkeit unterstreicht, in seinen Erzählungen eine bestimmte Art von Unsicherheit und Grauen zu wecken.

Mr. Miltons Gabe“ (Mr. Milton’s Gift) Ein Mann, der auf der Suche nach einem Geschenk für seine Frau zum Jahrestag ist, bekommt mehr, als er erwartet hat, als er auf einen ungewöhnlichen Kuriositätenladen stößt. Es ist eine der humorvolleren Geschichten in der Sammlung und spiegelt sehr schön die Bandbreite der Geschichten wider, zu denen Arthur fähig war.

Die Rosenquarzglocke“ (The Rose Crystal Bell) – Eine weitere Geschichte, die sich um ein Geschenk dreht, handelt von einem Chirurgen und seiner Frau, die eine einzigartige Glocke mit einem abschreckenden Ruf erwerben. Es ist eine der düstersten Geschichten, der Arthur bis zum Schluss ein angenehmes Element der Ungewissheit hinzufügt, ob hier überhaupt eine übernatürliche Kraft im Spiel ist.

Post aus El Dorado“ (The Stamps for El Dorado) – Diese Geschichte handelt von einem jungen Mann, der über einen einzigartigen Satz Briefmarken aus einem fernen (eigentlich nicht existenten – oder vielleicht noch nicht gefundenen) Land stolpert. Die Prämisse ist wunderbar magisch und die Geschichte ist witzig, aber garniert mit einem Hauch von Melancholie zum Schluss.

Der wundervolle Tag“ (The Wonderful Day) – Ein Kind, das mit Windpocken im Bett bleiben muss, besitzt eine magischen Gabe und wird in der kleinen Stadt, in der es lebt, zu einer schicksalsmächtigen Kraft. Dies ist eine weitere Geschichte, die eher zum Fantastischen als zum Schrecklichen tendiert, denn sie serviert eine beträchtliche Menge an gerechten Desserts in einer sehr buchstäblichen Weise.

Ein komischer Vogel“ (Don’t Be a Goose) – Ein nebulöser Physikprofessor reist in seinem Streben nach Größe mit Hilfe eines Zaubers in die Vergangenheit – mit überraschendem Ergebnis: Er findet sich im Körper eines Ganters wieder. Doch sein Traum, die Weltgeschichte zu verändern, gelingt ihm ausgerechnet durch diesen ungeplanten Fehler.

Glauben Sie an Geister?“ (Do You Believe in Ghosts?) – Ein Radiomoderator ist ein wenig zu erfolgreich darin, die Fantasie seiner Zuhörer zu beflügeln. Diese Geschichte ist ebenfalls in der von Frank Festa herausgegebenen Anthologie „Das Buch der Geister und Spukhäuser“ enthalten, dort aber übersetzt von Alexander Amberg.

Sturkopf Onkel Otis„(Obstinate Uncle Otis) – Nachdem er vom Blitz getroffen wurde, erhält ein sturer Mann die Macht, seine Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, indem alles verschwindet, woran er vor lauter Sturheit nicht glaubt. Auch hier zeigt sich Arthurs Fähigkeit, eine potenziell düstere Prämisse in eine pointierte Geschichte zu verwandeln.

Mr Dexters Drache“ (Mr. Dexter’s Dragon) – Ein Sammler entdeckt mehr, als er erwartet hat, als er über ein Buch mit einer besonderen Illustration eines hungrigen Drachen stolpert. Es zeigt sich auch hier brillant, wie wirkungsvoll Arthur eine Gruselgeschichte konzipieren konnte, die das Grauen heraufbeschwört, aber dennoch für junge Leser geeignet ist.

Hank Garveys Taggeist“ (Hank Garvey’s Daytime Ghost) – Eine weitere Geschichte über die Macht des Eigensinns, in der ein Einheimischer das Leben seines Enkels sogar aus dem Grab heraus bestimmt. Die Geschichte ist unterhaltsam und skurril und schließt den anheimelnden und famosen Band würdig ab.

Obwohl Geister in einem Buch mit diesem Titel erstaunlich wenig vorkommen, gibt es für die jungen Leser viel Fantastisches und Übernatürliches zu entdecken. Das Erscheinen im Kosmos-Verlag mit der wunderbaren Übersetzung von Anja Herre ist ein Glücksfall.

Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

Ich bin sicher, ihr habt alle schon einmal von ihm gehört. Sweeney Todd, der teuflische Barbier der Fleet Street. Sein Friseurstuhl war auf geniale Weise präpariert, denn nachdem Todd einem Kunden die Kehle durchgeschnitten hatte, bediente er einen Bolzen, der die Leiche rückwärts durch eine Falltür schickte, die in den Keller führte. Dort wurden die Opfer zu Fleischpastete verarbeitet, die in der angrenzenden Konditorei verkauft werden sollte. Geleitet wurde das Geschäft von einer Mrs Lovett, deren Vorname – je nachdem, wer die Geschichte erzählt – variiert.

Seinen ersten Auftritt hatte Sweeney Todd in „The String of Pearls“ im Jahre 1846. Autor und Herausgeber: Edward Lloyd, auch wenn man hier und da etwas anderes liest. Etwa zur gleichen Zeit war bereits ein Bühnenstück aufgeführt worden, und das mit großem Erfolg. Die Bühnenversion hatte Dibdin Pitt verfasst und im Britannia Theatre in London aufgeführt. Seit der Konzeption von Sweeney Todd gibt es jedoch Stimmen, die behaupten, dass der Mann auf die ein oder andere Weise tatsächlich gelebt haben könnte. Einige sagen, dass die Figur auf einem historischen Psychokiller basiert, und wieder andere behaupten, dass er genau unter diesem Namen existiert hat. All diese Menschen betrachten Sweeney Todd als die Geschichte wahrer Begebenheiten. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Heute werden wir also versuchen, alle Beweise, die es da draußen gibt, zu präsentieren und so viel wie möglich über die Wahrheit herauszufinden.

Zu Beginn wollen wir Folgendes klarstellen: Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass es jemals einen Menschen namens Sweeney Todd gab, der Verbrechen in der ihm zugeschriebenen Weise begangen hat. Die urbane Legende von Todd wurde schon in der viktorianischen Ära erzählt und ausgeschmückt. So wie man die Geschichte kennt, ist sie jedoch falsch, zumindest so lange, bis Historiker einen Anhaltspunkt dafür finden. Was sehr unwahrscheinlich ist. Es besteht jedoch immer noch die Möglichkeit, dass Sweeney Todd nach dem Vorbild eines echten Mörders, eines Verbrechers oder einer Legende geschaffen wurde; und genau das werden wir in dieser Folge untersuchen.

Aber bevor wir zu den interessanteren Dingen kommen, lasst uns kurz ein paar einfache Optionen besprechen. Die erste ist sehr prosaisch und wird von Michael Anglo in seinem Buch über Penny Dreadfuls – den viktorianischen Horror-Groschenheften – erwähnt, das heute etwas schwer zu finden ist. Er behauptet, dass ein Forscher nach einer gründlichen Suche in den Londoner Verzeichnissen von 1768 – 1850 entdeckte – es ist bezeichnend, dass der Name des Forschers nicht genannt wird – dass ein gewisser Samuel Todd, dessen Geschäft die Herstellung von Perlenketten war, in den 1830er Jahren in der Nähe der Fleet Street lebte. Anglo kommt zu dem Schluss, dass der Autor, während er über die Handlung einer neuen Penny Dreadful-Geschichte nachdachte, von diesem Namen inspiriert wurde und ihn einfach benutzte.

Die zweite Variante ist noch alltäglicher. Sie bezieht sich auf ein Fragment aus Charles Dickens Roman „Leben und Abenteuer des Martin Chuzzlewit“, der zwischen 1843 und 1844, also kurz bevor „The String Of Pearls“ veröffentlicht wurde, in Fortsetzungen erschien. Es lautet so:

„Toms böses Genie führte ihn allerdings nicht in die Buden eines jener Hersteller von Kannibalengebäck, das in vielen gängigen ländlichen Legenden als gutgehendes Einzelhandelsgeschäft in der Großstadt dargestellt wird.“

Das soll nicht heißen, dass der Autor von „The String Of Pearls“ genau dieses Fragment gelesen und als Grundlage für seine Geschichte verwendet hat, obwohl es eine interessante Hypothese ist, da eine große Anzahl von Dickens Werken sofort nach ihrer Veröffentlichung von Autoren der Groschenromane plagiiert wurde. Vielmehr war es im damaligen London eine ziemlich bekannte urbane Legende.

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Geschichte über Sweeney Todd auf einen echten Mörder zurückzuführen ist, oder zumindest auf einen bestimmten Fall, der in den Zeitungen erwähnt wurde. Besagter Vorfall, der im Jahresregister gefunden wurde, weist einige Ähnlichkeiten mit der Legende auf. Hier der betreffende Ausschnitt vom Dezember 1784, Seite 208:

„Ein bemerkenswerter Mord wurde auf folgende Weise von einem Barbiergesellen begangen, der in der Nähe der Hyde Park Corner lebt. Lange Zeit war er Eifersüchtig auf seine Frau gewesen, aber es gelang ihm doch nie, ihr eine Verfehlung nachzuweisen. Zufällig kam ein junger Herr in den Salon seines Meisters, um sich rasieren und kleiden zu lassen, und als er redselig wurde, erwähnte er, einem feinen Mädchen in der Hamilton Street wiederbegegnet zu sein, von der er in der Nacht zuvor gewisse Gefälligkeiten erhalten hatte, und beschrieb gleichzeitig ihre Person. Der Friseur, der sie als seine Frau erkannte, schnitt dem Herrn, völlig wahnsinnig geworden, die Kehle von einem Ohr zum anderen auf und entwischte.“

Einige Verbinden die Geschichte von Sweeney Todd auch mit dem schrecklichen Fall von Sawney Bean, eines berüchtigten schottischen Kannibalen aus dem 16ten Jahrhundert. Meiner Meinung nach gibt es nichts, was Bean überzeugend mit unserem Barbier verbindet, außer vielleicht einer leichten Ähnlichkeit der Vornamen. Wenn Bean also tatsächlich der Mörder war, auf dem unsere Geschichte basiert, könnten wir Sweeney Todd überhaupt nicht als wahre Geschichte betrachten. Historiker haben die Legende von Sawney Bean längst entlarvt – was wir uns allerdings in einer anderen Folge etwas genauer ansehen werden.

War Sweeney Todd vielleicht ein Franzose?

Dies ist eine der Hypothesen, die aus mehreren Quellen gespeist wird. Es wurde vermutet, dass der Schriftsteller, der die Figur geschaffen hat, die Idee dazu bekam, als er mehrere ältere Ausgaben des Tell-Tale von 1824 durchging, wo er eine Geschichte über mehrere Verbrechen fand, die in der Rue de la Harpe in Paris begangen wurden. Diese Geschichte basiert auf einem früheren Bericht, der im Archiv der Pariser Polizei abgelegt wurde. Ich recherchierte selbst und ich fand tatsächlich ein Buch mit dem Namen „The Terrific Register: Or, Record of Crimes, Judgments, Providences, and Calamities“, das die gleiche Geschichte enthält wie das Tell-Tale, sozusagen Wort für Wort. Sie wurde 1925 veröffentlicht und enthält eine vollständige Darstellung der Verbrechen in der Rue de la Harpe, die ich im Folgenden zusammenfasse:

Zwei opulente Männer, begleitet von einem Hund, gingen in die Rue de la Harpe und betraten den Laden eines Frisörs, um sich rasieren zu lassen. Sie waren in Eile, also trennten sie sich, nachdem der erste Mann fertig war, der daraufhin einige Geschäfte in der Nachbarschaft erledigte, und danach zurückkommen wollte, bevor der Frisör mit seinem Freund fertig war. Als er jedoch zurückkam, informierte ihn der Frisör, dass sein Freund bereits gegangen sei. Dennoch blieb der Hund vor der Tür sitzen, also dachte der Mann, dass sein Freund nur für einen Moment weggegangen sein musste und bald zurückkehren würde. Das tat er nicht. Dann fing der Hund an zu jaulen und der Frisör bat den Mann, ihn zu entfernen. Er versuchte es, der Hund aber blieb hartnäckig. Mittlerweile hatte sich eine kleine Menge vor dem Laden versammelt und die Leute schlugen vor, hineinzugehen und nach dem verschwundenen Mann zu suchen. Als sie schließlich hineinstürmten, fanden sie niemanden. Der Frisör behauptete, er sei unschuldig, und in diesem Moment sprang ihm der Hund an die Kehle. Der Frisör wurde ohnmächtig, und er wäre gestorben, wenn man den Hund nicht angeleint hätte. Jemand schlug vor, das Tier freizulassen, um zu sehen, ob es seinen Besitzer finden könnte. Der Hund stürmte in den Keller. Bei näherer Untersuchung wurde eine Öffnung zum Nachbarhaus entdeckt, wo eine Konditorei lag. Und dort fanden sie die Leiche des vermissten Mannes. Während des Prozesses, bei dem auch die Besitzerin der Konditorei angeklagt wurde, gab der Barbier zu, dass er seine reichsten Kunden ermordete, um sie auszurauben. Die schreckliche Wahrheit wurde enthüllt.

Die Besitzerin der Konditorei, deren Laden so berühmt für herzhafte Pasteten war, dass die Leute aus den entferntesten Teilen von Paris in die Rue de la Harpe strömten, war die Komplizin dieses Halsabschneiders, und diejenigen, die vom Rasiermesser des einen ermordet wurden, wurden durch das Messer der anderen zu diesen Pasteten verarbeitet, mit denen sie – unabhängig von diesen Raubmorden – ein Vermögen verdient hatte.

Diese Geschichte wurde fast zwanzig Jahre vor der angeblich ersten Version von „The String of Pearls“ auf englisch veröffentlicht. Daher müssen wir aufgrund der auffallenden Ähnlichkeit zu dem Schluss kommen, dass die Geschichte des teuflischen Barbiers aus der Fleet Street auf diesem oder einem ähnlichen Bericht basiert. Wenn die Fakten aus diesem Buch korrekt sind, hätten wir eine starke Basis, um Sweeney Todd als eine wahre Geschichte zu betrachten.

Aber – sind die Ereignisse in der Rue de la Harpe wirklich passiert? Ist Sweeney Todd eine wahre Geschichte, die zumindest teilweise auf diesen Verbrechen beruht? Es ist unwahrscheinlich, und ich habe noch keinen endgültigen Beweis dafür gefunden. Manche haben die Wahrhaftigkeit der Geschichte verteidigt, weil sie in den Memoiren aus den Archiven der Pariser Polizei von Fouché erschien, dem ersten Polizeipräsidenten der Stadt. Aber das Problem ist, dass kein anderes Dokument oder Register existiert, was angesichts der Art des Falles verdächtig erscheint.

Einige Quellen behaupten sogar, dass die Darstellung der Rue de la Harpe einer alten französischen Volkserzählung sehr ähnlich ist, die als „Geschichte des Barbiers und der blutigen Pastetenverkäuferin“ aus dem Mittelalter bekannt ist. Theoretisch ist die Geschichte in einer alten Ballade nachweisbar, die folgendermaßen lautet:

Obwohl viele Artikel im Internet sich auf diese Übersetzung beziehen, konnte ich die originale französische Ballade nirgendwo finden und niemand bietet eine seriöse Quelle dafür. Mir erscheint es auch seltsam, dass der Begriff „teuflischer Barbier“ bereits in einer so frühen Version verwendet wird, und auch der Stil der Ballade ist mehr als ungewöhnlich.

In einem der Kapitel von Paul Févals „Le Vampire“ wird die Rue de Marmosette vom Schriftsteller kurz erwähnt:

Paris hat schon immer Märchen geliebt, die ihr das köstliche Gefühl von Gänsehaut geben konnten. Als Paris noch sehr jung war, hatte es bereits viele Geschichten zu erzählen; von der schuldhaften Komplizenschaft zwischen dem Frisör in der Rue de Marmosette, vom Blutstrom der feinen Herren bis hin zu der galanten Metzgerei des Hauses in der Sackgasse Saint-Bernard, dessen abgerissene Mauern mehr menschliche Knochen als Steine beinhalten.

Le Vampire stammt jedoch aus dem Jahre 1865, als der Bericht über die Verbrechen in der Rue de la Harpe bereits veröffentlicht war, und hilft uns daher nicht viel.

Einer Quelle am nächsten kommt das, was in einem Buch über Sweeney Todd von Peter Haining enthalten ist. Dort heißt es, dass er ein Lied in einem Buch mit alten französischen Balladen, das 1845 veröffentlicht wurde, gefunden hat. Er nennt sogar den Namen des Herausgebers, einen gewissen M. Lurin, aber ich konnte keine Notiz über ihn oder über sein Werk finden. Angesicht der Kritik, die Hainings Buch – zumindest teilweise – für eine Erfindung ohne historische Fakten hält, ziehe ich es vor, vorsichtig zu bleiben.

Und zusammengefasst kommen wir zu dem Schluss, dass jedes Argument, das für Sweeney Todd als eine wahre Geschichte sprechen könnte, keine Berechtigung hat. Festzustellen ist, dass seit der viktorianischen Ära eine Tradition existiert, die dieses Geheimnis gerne lüften möchte. Ich schätze, dass viele Webseiten, die sich mit diesem Thema befassen, nur auf den Zug aufspringen möchten. Doch wer weiß, ob eines Tages nicht neue Beweise auftauchen werden. In der Zwischenzeit können wir noch das Penny-Dreadful-Original „The String of Pearls“ und das Musical über Sweeney Todd von Steven Sondheim genießen, auf dem der Film von Tim Burton basiert. Schließlich ist jede einzelne Geschichte auf eine bestimmte Weise wahr.