Absolute Batman

„Was bleibt vom Ritter, wenn man ihm das Schloss wegnimmt?“

Absolute Batman #1
© DC

Es gibt eine Frage, die jeden Batman-Autor irgendwann einholt, ob er will oder nicht: Ist Bruce Wayne überhaupt interessant, wenn man ihm seine Milliarden wegnimmt? Die meisten weichen dieser Frage aus. Scott Snyder hat sie im Oktober 2024 frontal beantwortet — und die Antwort hat den Comicmarkt erschüttert wie seit Jahren nichts mehr, das aus den beiden großen Häusern DC und Marvel kam.

Absolute Batman ist (wie alles im gegenwärtig laufenden Absolute Universe) ein Gedankenexperiment. Gleich die erste Ausgabe 2024 wurde zum erfolgreichsten Comic des Jahres. Niemand hatte das auch nur annähernd erwartet. Scott Snyders machte sich vor dem Start sogar sorgen, dass nicht einmal die Mindestanforderung erfüllt werden könnte, um die Serie überhaupt am Laufen zu halten.

Kurz gesagt: Das Ding ist eingeschlagen wie eine Bombe, die niemand kommen sah..

Das Absolute Universe — Snyders großes Projekt

DC hat mit dem Absolute Universe ein eigenes Imprint gestartet, das losgelöst von der Hauptkontinuität läuft. Hier sollen die bekanntesten DC-Figuren von Grund auf neu gedacht werden. Diese Idee geht auf Gespräche zurück, die Snyder gemeinsam mit Autor Joshua Williamson bereits 2022 mit DC führte. Keine Rücksicht auf 85 Jahre Handlungskontinuität. Keine Verpflichtung gegenüber dem kanonischen Status quo. Nur die Kernfrage sollte weitergedacht werden: Was ist wirklich essentiell an dieser Figur?

Snyder hat das Imprint miterfunden und überwacht es auch als kreativer Kopf. Dass er dann selbst auch noch schreibt, war ursprünglich gar nicht geplant. Er hatte sich anfangs als beratende Instanz gesehen, der andere Autoren anleitet. Ein Batman, der Arbeiterklasse war nur ein Beispiel-Konzept, um zu erklären, was er vorhatte.

Erst mal alles umwerfen

Die Ausgangslage des Absolute Universe lautet: Vertrautes radikal umkehren, aber den emotionalen Kern bewahren. Bei Absolute Batman bedeutet das konkret: Bruce Wayne ist 24 Jahre alt, arbeitet als Bauingenieur der Stadt, und bekämpft als Vigilant die Kriminalität mit selbst entwickelter Ausrüstung. Er wuchs in Crime Alley auf, ein Herrenhaus hat er nie von innen gesehen. Sein Training absolviert er in einem heruntergekommenen Boxclub.

Klingt simpel. Ist es aber nicht.

Wer jahrelang Batman gelesen hat, weiß, welche Funktion das Wayne-Vermögen immer hatte. Es ist das große Ausweichinstrument. Wenn Bruce an eine Grenze stößt, kauft er sich raus. Er kauft bessere Technologie, bessere Informationen, bessere Verbündete. Die Unbesiegbarkeit des klassischen Batman hängt nicht an seiner Intelligenz oder seinem Training allein — sie hängt vor allem daran, dass er buchstäblich unbegrenzte Ressourcen hat. Das macht alles ziemlich komfortabel. Und Komfort ist der Tod von Spannung.

Snyder selbst bringt das Problem auf den Punkt: In manchen Geschichten fühlt es sich an, als würde Batman nach unten schlagen. Und es ist nicht schwer, nach unten zu schlagen, wenn man ein Milliardär ist. Dieser Satz ist entlarvend ehrlich, und er benennt auch gleich, was viele Batman-Lesende seit Jahren latent spüren, ohne es so klar sagen zu können oder zu wollen. Es gibt auch keinen Grund mehr, Bonzen in irgendeiner Form bewundernd gegenüber zu stehen, ob sie nun Wayne heißen oder Tony Stark.

Die Lösung ist denkbar einfach und dabei radikal: Snyder beschreibt die Serie als bewusste Umkehrung des ideologischen Rahmens der klassischen Batman-Mythologie. Bruce steht für Chaos und Anarchie, während die klassisch bösartigen Figuren nun für Ordnung und das System stehen.

Was sich zunächst anhört wie eine oberflächliche Verdrehung ist tatsächlich ein struktureller Umbau. Der Batman des Mainstreams kämpft für die Ordnung gegen das Chaos, und weil er Milliardär ist, steht er dabei immer auf der Seite des Systems, egal wie sehr er sich als Außenseiter inszeniert. Der Absolute Batman kämpft gegen das System. Er ist der Störfaktor, nicht das Korrektiv.

Die verdrehten Archetypen

Was Snyder mit dem Ensemble anstellt, ist handwerklich bemerkenswert. Jede vertraute Figur wird nicht einfach umgeschrieben — sie wird in ihrer Funktion gespiegelt, so dass die Beziehung zum klassischen Charakter Teil der Lektüre wird. Man liest gleichzeitig diesen Comic und seine Vorlage.

Absolute Batman #2
Alfred und Batman © DC

Alfred Pennyworth ist dabei die radikalste Umgestaltung. Er ist ein erfahrener MI6-Agent, der nach Gotham entsandt wird, um die terroristische Organisation der Party Animals zu untersuchen. Er fungiert als moralischer Kontrapunkt zu Bruce, ist pragmatisch und weltmüde, wo Bruce jung und idealistisch ist. Er trägt keine weißen Handschuhe und serviert keinen Tee auf einem Tablett. Obwohl er den Befehl erhält, Batman zu eliminieren, verweigert er den Befehl. Es ist die Entscheidung eines alten Mannes, der in seinem Leben zu viele falsche Befehle befolgt hat.

Alfred als Erzähler ist dabei eine schlaue strukturelle Wahl: Der Leser sieht Bruce Wayne durch fremde, zunächst feindliche Augen. Das erzeugt eine Distanz, die dann langsam aufgelöst wird, und in dieser Auflösung liegt mehr emotionale Wucht als in jeder klassischen Origin-Story.

Der Joker ist die zweite große Inversion, und hier zeigt Snyder seinen wirklichen thematischen Ehrgeiz. Jack Grimm V ist ein kühl kalkulierender Milliardär mit generationenaltem Vermögen und einem weltweiten Einflussgeflecht, die vollständige Umkehrung seiner Mainstream-Verkörperung. Kein Prinz des Chaos, kein clownesker Anarchist. Altes Geld. Das ist strukturelle Macht, die sich einen Philanthropen-Anstrich kaufen kann.

Absolute Joker
Der Joker in Absolute Batman #15 © DC

Wer das liest und nicht sofort an reale Entsprechungen denkt, liest zu schnell über die offensichtliche Oberfläche hinweg. Snyder legt das überhaupt nicht subtil an. Der reichste Mann in Gotham ist der Joker. Chaos ist nicht das Gegenteil von Ordnung — es ist die Ordnung, wenn man genug Geld hat, sie zu definieren. Das ist völlig unverblümt unsere Welt wie wir sie jeden Tag erfahren.

Die Kindheitsfreunde sind eine der originellsten Entscheidungen der Serie. Killer Croc, der Riddler, der Pinguin und Catwoman — allesamt klassische Gegenspieler Batmans — sind hier Bruces enge Freunde aus der Kindheit in Crime Alley. Das verändert etwas Fundamentales an der Mechanik der Schurkengalerie. Wenn die Frage bisher war, warum Batman diese Menschen bekämpft, dann lautet sie jetzt, warum denselben Umständen unterschiedliche Menschen werden.

Nick Dragotta und das Visuelle

Wenn man über Absolute Batman redet kommt man an Nick Dragotta natürlich nicht vorbei. Vor dieser Serie war er vor allem für East of West (mit Jonathan Hickman) bekannt — eine düstere, apokalyptische Science-Fiction-Saga, in der er seinen Sinn für Monumentalität und Flächenkomposition unter Beweis gestellt hat. Superhelden im klassischen Sinne hatte er vorher kaum gezeichnet.

Snyder wollte für sein Projekt auch keinen Superhelden-Zeichner, der das alles routiniert aus dem Ärmel schüttelt. Er wollte jemanden, der nicht in den eingefahrenen visuellen Rhythmus des Genre verfallen würde.

Nick Dragotta
Nick Dragotta

Das Ergebnis ist ein Batman, der aussieht wie noch nie ein Batman vorher. Dieser Batman ist groß, massiv und roh — kein aerodynamisch optimierter Superheld, sondern ein Körper, der Arbeit kennt. Er hat Schultern wie ein Gerüstbauer, keine Taille wie ein Modemodell. Sicher, wir haben sowas schon gesehen, aber die Vorzeichen waren doch andere.

Die Bösewichte sollen laut Dragotta explizit furchterregend sein — ein schrecklicher Batman verdient schließlich schreckliche Gegner. Im Hauptuniversum sind die Batman-Schurken längst ikonisiert. Sie sind Marken. Dragotta behandelt sie aber als Monster, Systeme, und Alpträume. Der Joker in seiner demaskierten Form ist eine Kreatur mit einem Mund voller reißender Zähne, die nur an unaufhörlichen Konsum interessiert sind, die auf allen vieren läuft, und wenn sie aufrecht geht eine menschliche Form bewahrt, die an die Mainstream-Version des Milliardärs Bruce Wayne erinnert. Das ist natürlich Symbolik mit dem Vorschlaghammer — aber es funktioniert.

Frank Martins Kolorierung verdient ebenfalls Erwähnung. Die Farbpalette ist weder der neonbunte Spektakel-Look moderner Superhelden noch das düstere Schwarz-Blau, das Batman Begins zur Schablone gemacht hat. Gotham riecht nach Asphalt, nicht nach Gothic Novel.

Snyder und Batman — eine komplizierte Liebesgeschichte

Scott Snyder hat Batman schon einmal neu definiert. Sein Run mit Greg Capullo, der 2011 mit The New 52 begann, gilt bis heute als einer der wichtigsten Batman-Runs der letzten dreißig Jahre. The Court of Owls, Death of the Family, Zero Year — das war ein psychologisch zerfurchter, mythologisch aufgeladener Dark Knight.

Absolute Batman ist das Gegenteil davon, und das ist die interessantere Entscheidung. Snyder widerholt sich nicht. Wo sein früherer Batman in Dunkelheit und Mythologie badete, ist dieser Batman jung, wütend und körperlich. Wo der klassische Snyder-Batman immer eine kühle Überlegenheit ausstrahlte — immer einen Plan hatte, immer einen Schritt voraus war — schlägt dieser Batman mit dem Kopf gegen Wände. Wieder und wieder. Weil er nicht weiß, wie man es besser macht. Weil er keine Ressourcen hat, die ihn sichern.

Snyder will, dass Bruce auf Dinge stößt, die sich unbeugsam anfühlen — riesige vernetzte Systeme, die nicht zu ändern sind, sodass man nur noch irgendwie damit Leben muss. Ein Kompromiss. Das ist Alfreds Sichtweise als eine Art Söldner, der in die Stadt kommt. Batmans Haltung ist das genaue Gegenteil: Er glaubt, dass man seinen Kopf einfach immer wieder dagegenschlagen muss, bis es sich ändert.

Das ist die eigentliche ideologische Achse der Serie. Und Snyder lässt offen, wer recht hat — was für ein Superhelden-Comic ungewöhnlich respektvoll gegenüber dem Leser ist.

Das Arkham-Problem — und seine Aktualität

Ein Detail der Serie, das in der Begeisterung über das visuelle Spektakel manchmal untergeht, verdient besondere Aufmerksamkeit: das Arks-System. Arkham Asylum wird in ein privates Geheimgefängnis namens die „Arks“ umgewandelt. Diese unregulierten Einrichtungen werden von der kriminellen Organisation des Jokers finanziert und dienen als Mittel zur Kontrolle der Gotham-Bevölkerung. Auch hier bewegen wir uns in der Realität, denn Privat finanzierte Gefängnisse als Instrument sozialer Kontrolle sind tatsächliche amerikanische Institutionen. Snyder spricht hier nicht über Gotham. Er spricht über ein Land, in dem das Gefängnissystem zum Geschäftsmodell wurde und in dem die Frage, wer eingesperrt wird, untrennbar mit der Frage verbunden ist, wer Geld hat oder nicht.

Ark M
© DC

Was Absolute Batman ist und was es (noch) nicht ist

Absolute Batman ist seit Oktober 2024 monatlich erschienen und befindet sich im Frühjahr 2026 noch mitten in seiner laufenden Geschichte. Es ist kein abgeschlossenes Werk wie Watchmen oder Black Hammer. Es kann immer noch sein, dass spätere Handlungsbögen Versprechungen nicht einlösen.

Was bereits sicher ist: Die erste Phase, gesammelt in Vol. 1: The Zoo, hält, was sie verspricht. Der zweite Sammelband, Vol. 2: Abomination, führt die Bane-Konfrontation aus — und Bane als physische Manifestation eines Systems, das Menschen bricht, ist in dieser Lesart fast schon überdeutlich. Manchmal ist Snyder nicht subtil genug. Man hat das Gefühl, er will die Welt der Fiktion komplett verlassen.

Aber das ist das Risiko, das ambitionierte Comics eingehen. Wer nichts riskiert, schreibt mittelmäßige Superhelden-Hefte, die niemanden herausfordern.

Absolute Batman aber fordert heraus. Es stellt die richtige Frage: Ob ein Mann ohne Geld, ohne Höhle, ohne Butler — ob dieser Mann wirklich Batman sein kann. Und ob die Welt, in der er das sein muss, vielleicht die relevantere Stadt ist.

Die Antwort entwickelt sich noch. Aber der Weg dorthin ist bereits jetzt eines der besten Comicerlebnisse der laufenden Dekade.


Empfohlener Einstieg: Absolute Batman Vol. 1: The Zoo (DC Comics, 2025). Wer sofort einsteigen will: Heft #1 ist durch den anhaltenden Nachdruck mittlerweile leicht zu bekommen, selbst in deutscher Übersetzung. Für den historischen Kontext lohnt sich danach ein Blick in Snyders früheren Batman-Run mit Greg Capullo, weil der Vergleich zeigt, wie weit Snyder bereit war, sich selbst zu widersprechen. Aber das war auch noch eine andere Zeit, eine andere Welt.

Neil Gaimans Coraline

Coraline

Neil Gaimans Roman Coraline sorgte bei seinem Erscheinen im Jahr 2002 für Furore, als er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde. Der Stop-Motion-Virtuose Henry Selick katapultierte das Kinderbuch noch einmal in eine ganz andere Umlaufbahn, bevölkert von atemberaubenden Bildern, die in revolutionärem stereoskopischem Digital-3D gerendert wurden.

Coraline ist eine Geschichte, bei der man aufpassen muss, was man sich wünscht, und eine Geschichte über Selbstvertrauen. Um diese Geschichte im Film zu erzählen, setzt Selick auf die altmodische Stop-Motion-Animation – das heißt, man setzt Puppen auf Miniaturkulissen und bewegt sie ein wenig, dreht ein paar Bilder und bewegt sie dann wieder. Die Puppen haben breite, glatte Gesichter auf Stangenbeinen und -hälsen; ihr Ruckeln ist kaum wahrnehmbar, reicht aber aus, um dem Film den Anschein von liebevoller Handarbeit zu geben.

Selick hat mit dem japanischen Zeichner Tadahiro Uesugi zusammengearbeitet, und sie haben einen Look entwickelt, der teils Tim Burton, teils Pinocchio, teils japanischer Manga ist. Aber das wird dem Film nicht gerecht, er hat eine ganz eigene Farbpalette. Man hat das Gefühl, mit der großäugigen Heldin durch eine Puppenstubenwelt zu schweben.

Die Protagonistin des Films ist ein mutiges, aber gelangweiltes elfjähriges Mädchen. Selicks Coraline kann Kinder und Erwachsene mit Träumen und Albträumen nach Hause schicken, die sie vielleicht nie mehr loswerden. Wie Alice im WunderlandDer Zauberer von Oz und sogar Beetlejuice ist Coraline ein allegorischer Film, der den Wert des alltäglichen häuslichen Lebens erforscht, indem er ihm sowohl Schrecken als auch Heiterkeit einflößt.

Als die junge Coraline Jones mit ihren Eltern Charlie und Mel in die unwirtliche und feuchte Umgebung von Ashland, Oregon, zieht, beginnt für sie ein Leben in tristen Grau- und Brauntönen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Und während der Regen, der Schlamm und der Nebel ihrer neuen Umgebung am Ende des Films zum Leben erwecken, sind sie zu Beginn nur die Gitterstäbe von Coralines Gefängnis, das durch ihre ständig abgelenkten Eltern, die keine Zeit haben, die neuen Erfahrungen ihrer Tochter zu verarbeiten, noch verschlimmert wird. Die Isolation lässt Coraline empfänglich sein für weitere ruchlose Möglichkeiten. Dank Selick und Gaiman dauert es nicht lange, bis sich diese entfalten. Schon bald wird Coraline von einem schrulligen Jungen namens Wybie Lovat, einer eigens für den Film geschaffenen Figur, und seiner unheimlichen schwarzen Katze verfolgt. Wybie schenkt Coraline eine Puppe, die bis auf zwei schwarze Knöpfe an den Augen genau wie sie aussieht.

Coraline Szene
© Universal Pictures International Germany GmbH

Für Horror- und Fantasyfans sind Puppen in der Regel leere Gefäße für die Konstruktion von Identität und narrativer Spannung. Das gilt auch für Löcher und Tunnel, die beide wichtige Auftritte haben, in Form eines tiefen Brunnens in der Nähe von Coralines Zuhause, einem Dreifamilienhaus, das sarkastisch Pink Palace genannt wird, und eines Tunnels im Palast selbst, der zu einer anderen Familie führt, in der aufregendere und fürsorglichere Doppelgänger ihrer Eltern leben. Im Gegensatz zu ihren beschäftigten echten Eltern sind Coralines andere Mutter und ihr anderer Vater keine häuslichen Albträume, sondern wahr gewordene Träume. Sie überhäufen sie mit Aufmerksamkeit, Geschenken und leuchtenden Farben, die Selick ohne Unterlass auf die Leinwand schmeißt, um Coralines verführerische Fantasie zum Leben zu erwecken.

Doch wie die Puppe, die Wybie ihr geschenkt hat, haben auch Coralines andere Eltern keine Augen, sondern nur schwarze, ausdruckslose Knöpfe – ein optisches Zeichen, das auf ihre gefährlichere Natur hinweist. Bald werden ihre Ersatzeltern den Preis für ihre Zuneigung nennen: Coralines Augen und ihre Seele, für immer gefangen in ihrer Welt. Der zentrale, existenzielle Horror von Trauer und Reife wird durch eine phantasmagorische Liste bizarrer Charaktere verstärkt, vom urkomischen Zirkusakrobaten Mr. Bobinsky und seinen Mäusen bis zu Miss Forcible und Miss Spink.

Aber der wahre Star von Coraline ist Selicks schwindelerregende Animation, die mit einer Kombination aus schierem Witz und Vorstellungskraft in mühevoller Kleinarbeit mit einem digitalen Doppelkamerarigg erstellt wurde, das CGI jederzeit in den Schatten stellt. In den Händen und der Vorstellungskraft von Selick, der 1993 The Nightmare Before Christmas drehte, werden Kunstwerke wie Vincent Van Goghs Sternennacht und Poesie wie William Shakespeares Hamlet-Selbstgespräch in Coraline zum vibrierenden Leben erweckt.

Wenn es zum schrecklichen Showdown zwischen Coraline und ihrer anderen Mutter kommt, ist man kurz davor, sich in die Hose zu scheißen, egal wie alt man ist. Das ist ein weiterer Beweis für die Kreativität von Selick und Gaiman, der Coraline angeblich aufgrund der Langeweile seiner eigenen Tochter geschrieben hat, die sich über die mangelnde Aufmerksamkeit ihres Vaters ärgerte, während er … nun, bereits an Coraline arbeitete. (Ahoi, Metafiktion!) Es erfordert Mut, in der heutigen Zeit, in der Hochglanzmüll wie Kung Fu Panda und Hannah Montana die Intelligenz und den gesunden Sinn für Angst unserer Kinder verdrängt haben, eine Horrorgeschichte für Kinder zu schreiben. Wir haben uns von der unzensierten Gewalt von Carlo Collodis Abenteuer von Pinocchio aus dem Jahr 1883 und vielleicht sogar von Jeunets und Caros surrealistischem Klassiker Die Stadt der verlorenen Kinder von 1995 weit entfernt. Das heißt, wir haben uns verirrt.

Aber dieser letzte Teil der Geschichte des verlorenen Mädchens könnte das Vertrauen des Publikums in Märchen wiederherstellen. Die Verfilmung von Selick und Gaiman ist ein atemberaubender Spaß, der sich als Coming-of-Age-Geschichte tarnt und mit einer Warnung verpackt ist.

Ouija – Das Hexenbrett

Das Ouija-Brett, das wir heute kennen und lieben (oder fürchten!), gibt es seit den 1890er Jahren. Allerdings waren „sprechende Bretter“ jahrhundertelang Teil historischer Zivilisationen auf der ganzen Welt. Im alten Rom wurde ein Brett benutzt, um den nächsten König vorherzusagen. In China war das Schreiben mit Geistern eine gängige Methode, um mit den Toten zu kommunizieren, bevor es vor fast einem Jahrhundert verboten wurde. Es liegt auf der Hand, dass die Menschen schon seit langem versuchen, mit Hilfe von Tafeln Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen.

Das Ouija-Brett allerdings ist aus der spiritistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts hervorgegangen und hat eine wirklich seltsame Geschichte. Es hat Todesfälle, Morde und Fehden verursacht, Leben zerstört und einige Dinge ausgelöst, von denen selbst die größten Skeptiker zugeben müssen, dass sie ein wenig merkwürdig sind. Dafür gibt es eigentlich einen guten Grund, und der hat mit unseren eigenen tiefsten, dunkelsten Gedanken zu tun.

Hexenbrett

Die Menschen der viktorianischen Ära waren besonders von Geistern und dem Übernatürlichen fasziniert. Viele Menschen folgten einer Bewegung, die sich Spiritualismus nannte: nämlich der Glaube, dass die Geister der Toten überall um uns herum präsent sind und mit den Lebenden kommunizieren können, wenn sie dazu aufgefordert werden. Die Ausbreitung des Spiritualismus in Nordamerika und Europa wurde von einem Anstieg der Konsumgüter und neuen Erfindungen begleitet. Ständig wurden Produkte auf den Markt gebracht, die versprachen, die Existenz von Geistern zu beweisen, und die die Möglichkeit boten, mit verstorbenen Angehörigen zu kommunizieren. Während viele Menschen wirklich an die spirituelle Kommunikation mit einer unsichtbaren Welt glaubten, machten einige Geschäftsleute, die von diesem Trend profitieren wollten, schnell reinen Tisch. Sie nutzten die düsteren Zeiten, in denen die durchschnittliche Lebenserwartung unter 50 Jahren lag und viele Menschen in den Krieg zogen und nie zurückkamen, gekonnt für ihre Zwecke.

Das Problem bei einer herkömmlichen Séance war, dass es sehr lange dauerte, eine Botschaft an die Wand zu tippen. Wenn es doch nur eine Tastatur gäbe, mit der die Geister schnell genau das ausdrücken könnten, was sie sagen wollten. Und plötzlich gab es eine. Das moderne Ouija-Brett, mit dem wir heute vertraut sind, wurde von Elijah Bond patentiert. Das Geschäft mit der Herstellung und dem Verkauf der Bretter in den Vereinigten Staaten wurde 1891 an die Kennard Novelty Company (und im selben Jahr an die International Novelty Company in Kanada) übertragen. Anhänger der spiritistischen Bewegung des viktorianischen Zeitalters benutzten – wie gesagt – bereits sprechende Bretter, aber Bonds „Ouija Board“ war der erste weit verbreitete kommerzielle Versuch, mit dieser Idee Geld zu verdienen. Eine Kombination aus gutem Timing und cleverem Marketing sorgte dafür, dass dieses Brett ein durchschlagender Erfolg wurde.

Die frühen Ouija-Bretter wurden als „Spiel und Spaß“ für die ganze Familie vermarktet, und viele Menschen aus der Mittelschicht kauften sie tatsächlich zur Unterhaltung, wie ein ganz gewöhnliches Brettspiel. Die Verbindung zum Spiritismus und die Möglichkeit, mit den Toten zu kommunizieren, zogen jedoch eine andere Art von Kunden an. Spiritualisten aller Art waren von dem neuen Produkt fasziniert und fragten sich, ob es ihnen dabei helfen könnte, mit dem Jenseits zu kommunizieren. Für die Kennard Novelty Company, die das Brett herstellte, spielte es keine Rolle, warum die Leute ihr Spiel kauften: Es fand reißenden Absatz und machte sie reich.

Jahrzehnte nach seiner Erfindung erreichte die Popularität des Ouija-Bretts ihren Höhepunkt. In den 1920er Jahren, nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs, erlebte der Spiritismus einen erneuten Aufschwung. Nach dem Verlust so vieler geliebter Menschen in diesem Konflikt und angesichts einer sich verändernden Welt nach den fürcherlichsten Jahren der Geschichte suchten die Menschen nach Orientierung. Und es waren nicht nur die einfachen Leute, sondern auch Prominente und Politiker wandten sich auf der Suche nach Antworten an die Geisterwelt. Neben sprechenden Brettern interessierte man sich auch wieder für Séancen und Medien. Selbst der damalige kanadische Premierminister William Lyon Mackenzie King beteiligte sich aktiv am Spiritualismus, um mit verstorbenen Angehörigen und Mentoren in Kontakt zu treten.

Kurz nachdem er miterlebt hatte, wie seine Erfindung zu neuen Höhenflügen ansetzte, verstarb Elijah Bond. In seinem Nachruf wurde seine ikonische Erfindung allerdings nicht erwähnt, stattdessen konzentrierte man sich auf die Familienmitglieder und die juristische Karriere, die er hinter sich ließ.

Ein Tor zur Hölle?

Bis zum Jahre 1973 erfreute sich die Ouija-Brett schwankender Beliebtheit. Doch mit der Veröffentlichung eines der beliebtesten und bis heute besten Horrorfilme kam der Verkauf fast vollständig zu erliegen. Es handelt sich um „Der Exorzist“ (Zur Dämonischen Besessenheit gibt es bereits einen Artikel im Phantastikon).

Der Film basierte lose auf der wahren Geschichte des Exorzismus von Roland Doe in den 1940er Jahren, aber viele Elemente wurden für den dramatischen Effekt hinzugefügt. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass das Ouija-Brett jemals in der wahren Geschichte von Roland Doe eine Rolle gespielt hat, nahm es in dem Film von 1973 einen wichtigen Platz ein. Selbst William Blatty, der Autor des Romans, der dem Film als Vorlage diente, war davon überzeugt, dass Ouija-Bretter mit dem Bösen in Verbindung stehen. Durch die Hauptfigur Regan, die angeblich von Pazuzu besessen wurde, weil sie mit einem Ouija-Brett spielte, änderte sich die Wahrnehmung des „einfachen Gesellschaftsspiels“ in der Öffentlichkeit für immer.

Schon bald wurden Ouija-Bretter und viele andere Praktiken des Spiritismus von einer Massenpanik erfasst. Die Menschen hatten plötzlich Angst vor dem geliebten Spiel, und fast über Nacht wurde es mit Satan in Verbindung gebracht. In den 1970er und 1980er Jahren überschwemmten weitere Bücher und Filme den Markt, die vor den Gefahren des Ouija-Bretts warnten und die neuen Ängste vor der Kontaktaufnahme mit bösen Geistern aufgriffen. Ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung des Exorzisten gipfelte diese allgegenwärtige Angst vor Spiritismus und Praktiken, die mit der Kontaktaufnahme mit den Toten in Verbindung gebracht wurden, schließlich in der weit verbreiteten Befürchtung, dass Teufelsanbeter überall schreckliche Rituale durchführten. Nachdem Spiritismus mit der Kontaktaufnahme mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde, war der Ruf des Ouija-Bretts für immer mit dem Bösen verbunden.

Trotz seiner ungerechtfertigten negativen Publicity in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wird das Ouija-Brett wiederentdeckt, und einige Menschen fühlen sich wieder wohler mit seiner Präsenz. Sein Auftauchen in beliebten Fernsehsendungen und Filmen, nicht als Gegenstand, mit dem man das Böse beschwören kann, sondern als faszinierendes Spiel, das man mit Freunden spielen kann, hat dazu beigetragen, einige Schäden zu beheben. Es gibt sogar Wettbewerbe darum, wer das größte Ouija-Brett hat. Doch auch wenn das Ouija-Brett immer beliebter wird, weigern sich immer noch viele Menschen, mit ihm in einem Raum zu sein.

Elijah Bond Grabstein
Elijah Bond Grabstein; Wikipedia

Teil dieses Wiederauflebens des Ouija-Bretts ist ein neuer Grabstein auf einem Friedhof in Baltimore. Jahrelang war das Grab von Elijah Bond unmarkiert und fast für die Geschichte verloren. Eine engagierte Gruppe von Liebhabern paranormaler Phänomene, Friedhofsmitarbeitern und Freiwilligen fand schließlich das Grab und sorgte für einen Grabstein zum Gedenken an den Erfinder. Natürlich hat der Grabstein die Form eines Ouija-Bretts.