Selina Kyle schleicht seit achtzig Jahren durch Seiten und die Frage nach Gut und Böse ist noch immer unbeantwortet.
Die Diebin, die von Anfang an mehr war

Catwoman betrat im Frühling 1940 in Batman #1 erstmals die Bühne, damals jedoch nicht unter ihrem allseits bekannten Namen Catwoman; sie hieß da noch schlicht „The Cat“ und war eine anonyme Diebin, die auf einem Luxusdampfer Batman und Robin ein kostbares Juwel stahl und entwischte. Mit dieser Figur schufen Bob Kane und Bill Finger im selben Heft, in dem auch der Joker sein Debüt feierte, einen Charakter von solcher Faszination, dass sie problemlos die Aufmerksamkeit des gesamten Heftes auf sich zog.
Bemerkenswert ist vor allem, dass The Cat erfolgreich entkam. Sie wurde weder besiegt noch verhaftet oder mit einer moralischen Lektion konfrontiert. Batman ließ sie ziehen, vermutlich, weil er von Anfang an eine gewisse Sympathie für sie empfand. Das war 1940, in der zweiten Ausgabe mit Batman und in einem Genre, das zu dieser Zeit stark auf klare moralische Unterscheidungen setzte. Doch hier erschien eine Schurkin, die das Spiel für sich entschied, und ein Held, der dies akzeptierte. Es war eine der kühnsten und revolutionärsten Einführungen in der Geschichte der Comics.
Bill Finger & Bob Kane
Die Urheberschaftsfrage rund um Catwoman spiegelt dieselbe Problematik bei Batman wider. Über viele Jahrzehnte wurde Bob Kane als alleiniger Schöpfer genannt, während Bill Finger, der maßgeblich für die konzeptuelle Gestaltung verantwortlich war, keine Anerkennung erhielt. Finger prägte entscheidende Elemente wie den Namen „Gotham City“, das Design von Batmans Kostüm und die tiefgründige Psychologie der Figur. Erst im Jahr 2015, über 40 Jahre nach Fingers Tod im Jahr 1974, würdigte DC offiziell seinen Beitrag. Catwoman steht daher ebenfalls für eine Geschichte, die einmal mehr von institutioneller Ungerechtigkeit geprägt ist.
Bob Kane: Der offiziell anerkannte Schöpfer mit Geschäftsinstinkt
Bob Kane sicherte sich früh die rechtlichen Vorteile für seine Zukunft. Ein Vertrag garantierte ihm die alleinigen Rechte an Batman und allen Figuren aus dieser Reihe. Die Verlage druckten seinen Namen als Zeichner in die ersten Hefte, obwohl häufig andere Künstler im Hintergrund die Tuschestifte führten. Sein tatsächlicher gestalterischer Anteil an Catwoman lässt sich schwer messen. Unbestritten bleibt sein Talent für vorteilhafte Verträge und kluge finanzielle Entscheidungen.
Bill Finger: Der wahre Schöpfer im Schatten
Während Kane die Verträge unterschrieb, war es Bill Finger, der Batman Leben einhauchte. Er schrieb die ersten Geschichten, entwarf die düstere Atmosphäre von Gotham City sowie ikonische Charaktere wie den Joker und Robin. Es wird angenommen, dass er auch ein wesentlicher Architekt der Grundzüge von Catwoman war. Doch trotz dieses prägenden Beitrags wurde Finger Zeit seines Lebens nie offiziell als Mit-Schöpfer von Batman anerkannt. Er starb 1974 mittellos und vergessen – ein Schicksal, das die Comicindustrie immer noch beschämt. Erst Jahrzehnte später erhielt er posthum die würdige Anerkennung, die ihm gebührt hätte.
Fingers Geschichte ist für das Verständnis von Catwoman von zentraler Bedeutung, da sie die Bedingungen beleuchtet, unter denen diese Figur geschaffen wurde. In der frühen Comicbranche herrschte ein System, das kreative Arbeit systematisch enteignete. Jene, die die Verträge besaßen, verdrängten die wahren Ideengeber. Catwoman, eine Figur, die stiehlt und damit die bestehende Eigentumsordnung infrage stellt, entstammt einem Umfeld, in dem Finger selbst Opfer solcher Praktiken wurde – sein geistiges Eigentum wurde ihm genommen. Es wäre zu weit hergeholt, dies als bewusste Allegorie zu interpretieren. Als unbewusste Ironie jedoch wiegt es schwer und verleiht der Geschichte eine tiefere Ebene.
Acht Jahrzehnte Verwandlung

Kaum eine andere Figur hat im Laufe ihrer Geschichte so viele Kostümwechsel durchlaufen wie Catwoman. Jedes ihrer Outfits spiegelt dabei einen Aspekt ihrer Persönlichkeit wider. Das Kleid aus den 1940er-Jahren symbolisiert, dass sie unbemerkt in der Menge verschwindet, wenn ihr danach ist. Der Latex-Anzug der 1990er unterstreicht, wie sie ihre Erscheinung als Waffe einsetzt. Die Schutzbrille aus dem Brubaker-Run wiederum zeigt sie als professionelle Diebin. Bei Catwoman ist das Kostüm ein Ausdruck ihres Selbst, auch wenn sie damit im Grunde immer die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Eine besondere Erwähnung verdient Julie Newmar, die Catwoman 1966 in der Batman-Fernsehserie verkörperte. Sie schuf etwas, das die Comics bis dahin nur angedeutet hatten: eine vielschichtige Figur mit Humor, sinnlicher Selbstsicherheit und einer Intelligenz, die der Batmans ebenbürtig war. Newmar verstand intuitiv, was die besten Autoren von Catwoman erst Jahre später vollständig zu Papier bringen sollten. Diese Frau setzt dieselben Waffen ein wie ihr berühmtester Gegenspieler, verfolgt dabei jedoch völlig andere Ziele.
Zwölf Jahre Schweigen

Kaum ein Beispiel verdeutlicht die Absurdität des Comics Code Authority besser als der Umgang mit Catwoman. Die 1954 während der Wertham-Panik ins Leben gerufene Zensurinstanz der Comicindustrie legte fest, dass Kriminelle in Comics weder verherrlicht noch ihre Taten ungestraft bleiben durften. Catwoman, die an ihren diebischen Umtrieben sichtbar Freude hatte und dabei immer wieder entkam, fiel dieser Regelung sofort zum Opfer.
Von 1954 bis 1966 verschwand die Figur dadurch vollständig aus den regulären Veröffentlichungen von DC Comics, ganze zwölf Jahre lang. Eine der spannendsten Persönlichkeiten des Batman-Universums wurde eliminiert, weil sie nicht mit den vorherrschenden moralischen Vorstellungen vereinbar war. Erst die berühmte Batman-Fernsehserie holte sie zurück. Die Produzenten benötigten eine zentrale weibliche Gegenspielerin, und Julie Newmar hauchte der Figur im Studio neues Leben ein, nachdem sie in den Comics verdrängt worden war.
Dieses zwölfjährige Exil zeigt unmissverständlich: Catwoman ist eine Charakterfigur, die die Grundprinzipien des Genres – das Dogma, dass Verbrechen zwingend zu sühnen sei – tiefgreifend infrage stellt. Sie wurde verbannt, weil es keine Lösung für die Provokation gab, die sie verkörperte.
Die großartigste Catwoman-Geschichte ist politisch

Ed Brubakers legendärer Catwoman-Run, der 2001 mit Darwyn Cookes Neuinterpretation der Figur begann, gehört zu den reifsten und durchdachtesten Geschichten, die je über Selina Kyle erzählt wurden. Der Grund dafür liegt in einer simplen Entscheidung. Brubaker gab Catwoman ein Zuhause, und nicht irgendeins. Sie kehrt ins East End zurück, in das ärmste Viertel Gothams, und macht es zu ihrem Rückzugsort wie auch zu ihrem Schutzgebiet.
Diese Entscheidung mag auf den ersten Blick rein fiktional erscheinen, doch sie hat eine tief politische Dimension. Während Batman als Wächter über ganz Gotham City erhaben ist, also jener Metropole der Reichen, des mächtigen Finanzsektors und der kulturellen Elite , schlägt Selina ihre Zelte in einem Bezirk auf, der jene beherbergt, die sonst von Batmans Fokus ausgeschlossen bleiben: Sexarbeiterinnen, Obdachlose, Einwanderer und viele andere, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter stehen. Indem sie sich diesen Menschen verpflichtet fühlt und deren Schutz übernimmt, formuliert Catwoman ein stilles, aber kraftvolles Statement über soziale Ungleichheit, Eigentumsverhältnisse und die offensichtlichen Grenzen eines bürgerlichen Heldentums, das sich mehr um teure Juwelen sorgt als um den täglichen Überlebenskampf der Vergessenen und Unsichtbaren.
Brubaker transportierte diese Themen in einer unverwechselbaren Erzählweise, die an die düsteren Tonlagen des klassischen Crime Noir erinnert – schnörkellos und intensiv, aber ohne belehrend zu wirken. Darwyn Cookes Zeichnungen verliehen diesem Ansatz die ästhetische Finesse: mit einer Stilistik, die von den klaren Linien der 1950er-Jahre inspiriert war und doch zugleich eine subtile Dekonstruktion der klassischen Bildsprache vollzog. Gemeinsam schufen Brubaker und Cooke eine Catwoman-Version, die uns deshalb interessiert, weil sie die konkrete soziale Realität berührt.
Die älteste erotische Spannung im Superhelden-Comic
Die Beziehung zwischen Batman und Catwoman gehört zu den längsten und vielschichtigsten romantischen Spannungen im Superhelden-Comic. Seit 1940 umkreisen sie sich gegenseitig mit einer Anziehungskraft, die beide zugleich suchen und auch vermeiden wollen. Es liegt auf der Hand, warum diese Spannung nie vollständig aufgelöst werden kann; gerade deshalb wird sie auch nie langweilig.

Es ist die unterschiedliche Natur ihrer Überzeugungen, die diese Beziehung so bemerkenswert macht. Batman setzt auf Gesetze und Systeme, um Gotham durch Gerechtigkeit zu verbessern. Selina Kyle hingegen vertraut auf Menschen, individuelle Fälle und die flexible Auffassung von Eigentum in einer ungerechten Welt. Ihre Liebe reicht über diese philosophische Trennlinie hinweg, doch keine der beiden Seiten ist bereit, sie zu überschreiten. Denn das würde bedeuten, ihre Identität aufzugeben.
Batman und Catwoman sind solange ein Paar geblieben, weil beide dasselbe Ziel verfolgen: eine bessere Welt für Gotham. Allerdings sind sie grundsätzlich uneinig über das Aussehen dieser Welt.
Tom Kings Herangehensweise an diese Beziehung in seinem Batman-Zyklus (2016–2019) zählt zu den am meisten ambitionierten Kapiteln dieser Geschichte. King behandelte ihre Verlobung als ernsthaften Erzählstrang und stellte die Frage: Können zwei Liebende zusammenleben, wenn ihre Identitäten die Beziehung an sich unmöglich machen? Die Antwort des Zyklus war, dass die Hochzeit scheiterte, da Batman der Meinung war, nur als gebrochener Mann ein echter Held sein zu können. Diese Lösung war umstritten, doch sie war auch ehrlich.
Newmar, Pfeiffer, Hathaway: drei Interpretationen, eine Figur, viele Facetten
Catwoman hat dank Julie Newmar, Michelle Pfeiffer und Anne Hathaway über die Jahrzehnte hinweg eine bewundernswerte Vielschichtigkeit erhalten. Jede von ihnen hat diesen Charakter in Film und Fernsehen einzigartig verkörpert und dabei vollkommen unterschiedliche Ansätze gewählt. Und doch bleibt eins stets gleich: ihr gemeinsamer Draht zu einer tieferliegenden Wahrheit dieser komplexen Antiheldin.
Julie Newmar setzte 1966 in der kultigen Batman-Serie Maßstäbe, indem sie Catwoman mit einer Mischung aus Ironie, Intellekt und selbstbestimmter Sexualität darstellte. In einer Ära, in der Frauenrollen oft nur dekorativ waren, wirkte ihre Interpretation wie ein Aufbrechen erstarrter Muster. Das war für das prüde US-Fernsehen eine kleine Revolution.
Ein ganz anderes Licht auf die Figur warf Michelle Pfeiffer in Tim Burtons Batman Returns von 1992. Diese Catwoman war durch persönliches Trauma gezeichnet, ihre Transformation in die katzenhafte Heldin ein kraftvoller Bruch mit der Realität. Schon ihr aus Verzweiflung selbstgenähtes Kostüm erzählte eine eigene Geschichte. Dunkel, schmerzvoll und tief verwurzelt in der Ästhetik der Gothic Novel, trat sie weit über die klassischen Grenzen des Superhelden-Comics hinaus. Mit ihrer Darstellung als gebrochene, aber vielschichtige Figur fand Pfeiffer in Burtons düster-poetischer Welt genau den Raum, den sie brauchte, um Catwoman neu zu definieren.
Anne Hathaway schließlich brachte in Christopher Nolans The Dark Knight Rises (2012) einen völlig anderen Ansatz mit. Ihre Selina Kyle war bodenständig und geerdet, ein Produkt sozialer Ungerechtigkeiten und voller Klassenbewusstsein. Ihre Moral war pragmatisch und zielgerichtet, mehr inspiriert durch die sozialkritische Note eines Autors wie Ed Brubaker als durch die Fantastik eines Tim Burton. Es war eine Catwoman ohne Schnörkel, klug und durchtrieben, die genau wusste, wie diese dunkle Welt funktioniert und wer für ihr Chaos verantwortlich ist.
Ob verspielt, tragisch oder hochgradig realistisch, jede dieser Interpretationen hat ihren Teil dazu beigetragen, Catwoman als eine der großartigsten Charaktere des Batman-Universums zu etablieren. Drei Darstellungen, drei Perspektiven, und doch schimmern durch all diese Varianten immer wieder die Essenz und die unverwechselbare Vielschichtigkeit dieser Figur hindurch.
Die Figur, die das Genre herausfordert
Seit nunmehr achtzig Jahren fungiert Catwoman als moralischer Gegenpol im Batman-Universum. Sie ist jene Figur, deren bloße Existenz die grundlegenden Annahmen des Genres hinterfragt, das auf der Vorstellung basiert, es gäbe eine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse. Ebenso wird vorausgesetzt, dass die Ordnung, für die sie kämpfen, grundsätzlich erstrebenswert ist. Catwoman jedoch stellt all dies in Frage. Sie nimmt von den Reichen, die ihren Wohlstand meist auf fragwürdige Weise erlangt haben. Sie schützt diejenigen, die vom System übersehen oder benachteiligt werden. Und sie liebt einen Mann, der die bestehende Ordnung repräsentiert, lehnt es jedoch ab, diese Ordnung auch für sich selbst zu akzeptieren.
Genau das macht sie zur bedeutendsten Nebenfigur in Batmans Welt und – in ihren schillerndsten Momenten – sogar zu einer noch besseren Protagonistin. Während Batman von Anfang an fest in seiner Identität verankert ist, steht Selina Kyle bei jeder neuen Geschichte erneut vor existenziellen Fragen: Wer bin ich? Nach wessen Regeln handle ich? Diese Fragen bleiben unbeantwortet und sollen es auch bleiben. Eine Catwoman, die eine endgültige Antwort findet, wäre schlicht keine Catwoman mehr.
Die Diebin, die nie gefasst wurde
Selina Kyle entkam erstmals im Jahr 1940 und seitdem konnte sie jedem Versuch, sie auf ein festgelegtes Bild zu reduzieren, geschickt entwischen. Sie ist eine Meisterin der Subversion und entzieht sich hartnäckig jeder Erzählung, die versucht, ihr eine eindeutige Identität aufzudrängen. Das ist ihre wahre Superkraft. Es sind weder die Peitsche noch ihre akrobatischen Fähigkeiten oder ihr Talent als Diebin. Es ist ihre unvergleichliche Fähigkeit, keine greifbare Form anzunehmen, sich einer festen Definition zu entziehen.
Bill Finger, der vermutlich der kreative Kopf hinter der Figur war, hätte diese Charaktereigenschaft womöglich verstanden. Selina ist die Verkörperung des Widerstands gegen ein System, das sie vereinnahmen möchte.
Gotham mag Batman brauchen. Aber jede gute Geschichte braucht Catwoman. Denn ohne sie würde Batman niemals wirklich begreifen, welchen inneren und äußeren Kampf er eigentlich führt.