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Gotham

Am 22. September startete in den USA die 4. Staffel der Batman-Origins-Serie Gotham. Manchmal ist es unsinnig, über eine Serie zu schreiben, bevor man sie komplett beurteilen kann, hier aber dürfte klar sein, dass Batman-Fans sie sich ansehen müssen, und jene, die auch ohne den Fledermausmann leben können, trotzdem einen Blick riskieren sollen, vorausgesetzt, sie stehen auf eine künstlerisch überzeichnete Noir-Atmosphäre, die gar nicht verhehlen will, dass sie sich zwischen Tim Burton und Christopher Nolan ansiedelt, dabei aber völlig eigene Akzente im DC-Universum setzt, und die drehen sich nicht zuletzt um die Entstehungsgeschichte der später berüchtigten Superschurken, die hier zum ersten Mal aus ihren Löchern kriechen. Mit einer eindrucksvollen Besetzung und einer geradezu epischen Parade von Polizisten und Gaunern (im Grunde taucht hier alles auf, was in Gotham Rang und Namen hat – nur nicht Batman) spult sich die Serie ab, bevor Bruce Wayne sich dazu entschließt, als Fledermaus  verkleidet den Ganoven des Nachts nachzustellen.

Gotham läuft unter der Prämisse ‘Was wäre, wenn?’ Also: was wäre, wenn Jim Gordon derjenige war, der als junger GCPD-Rookie die Morde an Thomas und Martha Wayne untersucht hat? Dabei versucht die Serie, einige Figuren neu zu beleuchten und Beziehungen unter ihnen mitsamt den bisherigen schwarzen Flecken im Batman-Universum aufzudecken.

Den Kern aber bildet der junge Kriegsveteran Jim Gordon, der in Gotham in den härtesten Bezirk versetzt werden will und Detective Harvey Bullock. Die beiden haben es mit dem Mord an einem reichen Ehepaar im Theaterviertel zu tun. Als Bullock erfährt, wie berühmt die Opfer waren, will er den Fall erst nicht, aber es ist bereits zu spät, und von diesem Punkt an finden sich die beiden verwickelt in der komplizierten Unterwelt der Stadt wieder.

Batman ist zwar nicht Teil der Serie, dafür aber Bruce Wayne. Als zwölfjähriger Junge trifft er in seiner dunkelsten Stunde auf Jim Gordon. Von Beginn an lässt die Serie keinen Zweifel daran, dass sie das Versprechen Jim Gordons an den jungen Bruce als Motivation nutzt, die Verantwortlichen am Tod seiner Eltern zu finden und vor Gericht zu stellen.

Federführend bei Gotham ist Bruno Heller, der bereits die Verantwortung bei HBOs Rom inne hatte, und das deutet bereits auf das epische Erzählmuster hin. Und Heller hatte bereits vor den Dreharbeiten angekündigt, dass die Ausstattung der Serie visuell die der Filme übertreffen würde. Allerdings war der Look, den Tim Burton und Christopher Nolan der Stadt gaben, durchaus sehenswert und Gotham hat nach dieser Aussage eine gewisse Bringschuld, die aber durchaus gemeistert wird.

Hellers Gotham ist ein lebendiger, überfüllter, tosender Ort, der den Geist New Yorks in den 70ern beschwört. “Grimmig und schmutzig und sexy und gefährlich,” sagt Heller. Und was die Figuren selbst angeht, sagt er weiter,

“ist es zwingend notwendig, die Dinge und Geschehnisse, die wir alle kennen, miteinander zu vermischen. Es geht darum, die geheimen Hintergründe dieser Geschichten zu erzählen. Wenn du diese Geschichten exakt so erzählst, wie sie bereits vorher erzählt wurden, weil du der bestehenden Mythologie treu blieben willst, fügst du ihr nichts Neues hinzu. Du musst Wege finden, mehr darüber herauszufinden. Die Hälfte des Vergnügens besteht darin, herauszufinden, welche Person sich wann in welchen Charakter verwandelt.”

Abgesehen von der Möglichkeit, die Galerie der Batman-Schurken bei ihrer Entstehung zu sehen – Hugo Strange, Mr. Freeze, den Joker, den Pinguin, den Riddler usw. – ist es die Besetzung, die die Fans bisher begeistern konnte. Die Bekanntgabe von Ben McKenzie als Jim Gordon, Donal Logue als Harvey Bullock und Jada Pinkett Smith als Fish Mooney hatte viele anfängliche Zweifler dann doch applaudieren lassen. Absolut herausragend werden die Rollen von Oswald Cobblepot (Pinguin) und Alfred Pennyworth (Batmans Butler) interpretiert. Sie sind deshalb so besonders, weil sie sich von allem unterscheiden, was wir bisher zu sehen bekamen. Und selbst Pinkett Smiths Darstellung der Fish Mooney, die in den Comics nicht vorkommt und eigens für die Serie gestaltet wurde, fügt sich grandios ein.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

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