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Lange Schicht und einfach kein Ende

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Manchmal ist das Leben herrlich unkompliziert. Da findet man bei der lästigen Suche nach irgend etwas Wichtigem und vermutlich prinzipiell Überflüssigem ein ramponiertes Taschenbuch, und wohlig warm wird’s ums Herz. Nachtschicht. Ich hab es zuerst gelesen, mein Bruder, der schon gierte, als Zweiter, es folgten Wolle Menzel, Thorsten Soundso und Mechthild „Mecki“ Strothmann.

Tatsächlich überlege ich jetzt, ob wir alle damals so bitterlich arm gewesen sind, dass wir ein Taschenbuch für neun Mark achtzig fünfteln mussten. Aber banale Studenten-Pleite war natürlich nicht der Grund. Es ging ums Teilen. Wir haben King wie eine Torte behandelt. Zumindest den aus den 80ern und den frühen 90ern. Paperback-King. Verdammt lange Liste, verdammt lang her.

Sie sind alle noch beisammen: In der Großraumschublade rechts unten in der linken Zimmerecke, wo meine Spinne lebt, ruhen die Katze und das Auto, der lachende Irre, das blutende Mädchen. Im Abgrund fand ich Nightmares and Dreamscapes, auch ihre Zeit würde wieder kommen.

Vorerst schwankte ich ein wenig zwischen Nachtschicht und einem irgendwie vernünftigen Tagesablauf, der mich auch nicht selig machen würde, entschied mich dann, wirklich kurz nur höflich vorbeizuschauen, schlug auf, blätterte. Blieb. Ich verplauderte mich. Wie immer. Natürlich.

Kein denkendes Wesen kann einfach so aufstehen und im Sonnenaufgang verschwinden, wenn jemand zu ihm sagt:

„Unterhalten wir uns, Sie und ich. Unterhalten wir uns über Angst.“

Natürlich siezte er mich auch nach all den Jahren immer noch. Richtig so, wir hatten stets Respekt voreinander.

Bei meiner ursprünglichen Suche, die primär einer wohl irdischen Sache galt, die mir partout nicht mehr einfällt, stieß ich sekundär auf die überirdische Erkenntnis, dass de facto hässliche, da völlig ramponierte Erinnerungsstücke ihre Berechtigung haben, auf ewig in Ehren gehalten zu werden. Auch, wenn sie weder kostbar noch unersetzbar sind.

Night Shift 1978, deutsche Erstveröffentlichung 1984 durch Bastei-Lübbe, 1990 dieser Film. Den braucht man nicht unbedingt.

Night Shift 1978, deutsche Erstveröffentlichung 1984 durch Bastei-Lübbe, 1990 dieser Film. Den braucht man nicht unbedingt.

Für die Taschenbücher in der Großraumschublade rechts unten in der linken Zimmerecke, wo meine Spinne und meine Neigung leben, würde ich mit etwas Glück wohl pro Stück den einen blanken e-bay-Euro plus ein paar Gönner-Cents bekommen. Es in rot und Sie in grün ergäbe nur lächerlich mehr Gewinn. Allesamt sind sie salonuntauglich, zumindest geteilt oder gedrittelt zerlesen eh, die Seiten gelbstichig- fleckig und angeknittert. Die könnte man nicht reinen Gewissens anbieten.
Ich habe selbstverständlich keins, würde es aber auch nicht wollen. Das sind meine alten Kings. Die verstauben gemeinsam mit mir.
Ich lese jetzt weiter, es geht um Angst.

„(…) Das Haus ist leer, während ich diese Zeilen schreibe. Draußen fällt ein kalter Februar-Regen. Wenn der Wind aus der Richtung weht, aus der er gerade weht, haben wir manchmal Stromausfall. Aber im Augenblick brennt das Licht noch, also reden wir ganz aufrichtig über Angst. Reden wir darüber, wie man an den Rand des Wahnsinns kommt…und vielleicht auch noch ein Stück darüber hinaus.“

Das können wir auswendig, das leiern wir hinunter wie das Abendgebet, das wir von unserer Großmutter gelernt haben und die von ihrer und unsere Kinder von uns, so was flüstert man sich in der Dunkelheit zu, um nicht allein zu sein.
Meine Gesellschaft aus der Großraumschublade rechts unten in der linken Zimmerecke, wo meine Neigung über meine Spinne wacht, wirft keinen Schatten, deshalb atme ich für sie. Ich habe es nicht verlernt, die Wölfe heulen wieder, die Augen öffnen sich. Sie sind alle gekommen. Der Boogeyman. Jim, der Wäschemangler, die Kerle im Keller, Norris. Die Ratten. Die Toten. Die Raucher. Die Soldaten.

Einige wurden Filmstars. Böse Sternchen. Gescheitert. Egal.

Ich lasse sie erzählen. Auch untergehen. Sie könnten sich selbst im Vergessen begraben, ich rieche ihre Erde und hole sie zurück. Sie und Ihresgleichen gehören an meine Seite.

Wie aufrichtig es ist, mein altes Taschenbuch. Es kennt mich und macht mir Komplimente, bevor es mich frisst und ausspuckt. Habe ich alles längst hinter mir. Schicht im Schlaf. Trotzdem warnt es mich immer wieder gern davor, nicht schon im Sommer an den Winter zu denken. Will mich wohl nicht verlieren.

Ich lächle. Ich weiß es doch längst.

„Wie schön“, sagte die Stimme aus dem Schrank. „Wie schön.“ Die Worte klangen, als kämen sie aus einem Mund voll verfaulter Wasserpflanzen.“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (140 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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