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So finster die Nacht

So finster die Kinder. So finster die Nacht. So phantastisch die Erzählung. Geschrieben von John Ajvide Lindqvist, 2008 in Schweden genial düster verfilmt von Tomas Alfredson, zwei Jahre später als amerikanische Hommage von Matt Reeves nicht minder stark unter dem Titel Let me in auf die Leinwand gebracht. Soeben wieder gesehen. Soeben wieder schwer beeindruckt. In diesem Fall vom schwedischen Original.

oskarDa knirscht der Schnee so gut, da ist der Trotz so echt. Da hat das Mädchen diese großen, dunklen, wissenden Augen, die Hunderte von Jahren gesehen haben. Da ha hat der Junge diese unbeholfene Zärtlichkeit, dieses plötzliche Erfahrung vom so Unheimlichen und doch so Möglichen in sich. Da hat man das Gefühl, dass dieser so kühl und dabei so fröstelnd tief gehend inszenierte Film wirklich friert und Wärme braucht. Ein Film, der tatsächlich so wirkt, „als hätte sich Anne Rice entschieden, eine Geschichte von Astrid Lindgren zu schreiben.“ (Fantasy Filmfest)

„So finster die Nacht lebt vom weißblonden, blauäugigen Kare Hedebrant und der unergründlich alterslosen Lina Leandersson, die mit unendlich traurigen Augen wie ein Zigeunerkind barfuß durch den Schnee wandelt und es schafft, dass man ihr die unschuldige erste Liebe genauso abnimmt wie die blutdurstige Jägerin, die sich seit Jahrhunderten an ihren Opfern labt.“ (Michael Althen, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Stolze sechzig Filmpreise, weitere fünfzehn Nominierungen erzielte Alfredsons Verfilmung von Lindqvists düsterem Roman (2004, Latt den ratte komma), der, ganz einfach betrachtet, von einer Freundschaft im tief verschneiten Stockholm erzählt, die ungewöhnlich ist. Gut, vieles entspricht nicht der Norm. Oft ist das sogar besser. Im Fall von Oskar, introvertiert, einsam, aufmerksam und zornig, und der im tristen Wohnblock neu hinzugezogenen Eli, verhalten, ebenso allein, sensibel und gefährlich, ist es eine Freundschaft, die von außergewöhnlichen Gefühlen und Verhaltensmustern, gleichwohl von einer begrenzten Zukunft gezeichnet ist.

Oskar ist ein zwölfjähriger Junge, Eli ein androgynes Vampirkind, das gleichaltrig aussieht, tatsächlich aber seinen Geburtstag längst nicht mehr kennt. „Ich bin schon sehr lange zwölf“, sagt Eli, die bei Oskars Frage, ob sie in ihrer luftigen Bekleidung im Schnee nicht friere, nur schulterzuckend antwortet: „Ich habe vergessen, wie das ist.“

„Zwölf sein ist ohnehin schon Mist. Dazu noch geschiedene Eltern haben, der Hackblock für die Klassenkameraden sein und den Winter in einer schwedischen Trabantenstadt verbringen – mehr braucht’s eigentlich nicht für einen Horrorfilm. […] Oskar ist komisch, Eli ist komisch, beide sind einsam – das sind starke Gemeinsamkeiten.“ (Peter Uehling, Berliner Zeitung)

friendsDie beiden treffen sich nur in der Dämmerung, anfangs zögerlich, aber neugierig aufeinander, letztendlich mit einer Selbstverständlichkeit, die zu ihnen beiden passt, weil sie einander gut tun. Sie mögen sich, sie helfen sich. Im Buch erfährt der Leser, dass Eli im 18. Jahrhundert als Junge geboren, als Lustknabe kastriert und schließlich zum Vampir gemacht wurde. Eli hat in den 1980er Jahren auch einen männlichen Gefährten, den sie schon als Kind gekannt hat und der jetzt, lange schon erwachsen, als eine Art Ersatzvater für sie Nahrung beschaffen soll. Der Beschützer spielt auch im Film eine Rolle, freilich weiß man nichts über ihn. Er erweist sich für Eli als unfähig, verstümmelt sich resigniert selbst und stirbt freiwillig durch Elis Biss.

Als Oskar klar wird, wer Eli wirklich ist, dass sie sich von Blut ernährt und dafür morden muss, hält er zu ihr. Sie dankt es ihm, indem sie den von Schulkameraden gemobbten Freund rettet: Eli tötet Oskars junge Widersacher, sie ist für ihn zurückgekehrt, um ihm zu helfen, obgleich sie die Stadt mittlerweile hätte verlassen müssen. Für sie wird es riskant in der Gegend, ihre Opfer, die sie nachts reißt wie ein Raubtier, blieben natürlich nicht unentdeckt.

Wirklich grausame Bilder gibt es im Film nicht, wer visuell Details erhofft, könnte glatt enttäuscht sein.

„Schockmomente kommen vor, aber sie sind eben gerade nicht spektakulär, sondern werden in Hoyte van Hoytemas Bildern von der Nacht auch schon wieder verschluckt, kaum dass sie sich angedeutet haben.“ (Christoph Egger, NZZ)

fuegoDas ist Horror anderer Art. Da ist viel mehr als Schreck und Grauen, da geht eine fürchterliche Erkenntnis tief unter die Haut. Ins Auge sticht eine tragische, fast schon deprimierend farblose Szenerie, kein Gedärm, kein Blutschwall. Im amerikanischen Remake, das zur Verblüffung und zum Unmut vieler nur zwei Jahre nach der exzellenten schwedischen Verfilmung auf den Markt kam und im Vorfeld zu derber Kritik von etlichen Seiten führte, geht es zweifellos unruhiger zu. Es ist typisch anders Horror-lastig, doch aber erstaunlich gut ähnlich und damit auch respektvoll der schwedischen Fassung gegenüber:

„Da gibt es Einstellungen, die wie 1:1 übernommen wirken. Nur einige schöne Action-Sequenzen sind hinzugekommen.“ (Der Spiegel)

Kurzum: Let me in ist durchaus Klasse gemacht, „der beste amerikanische Horrorfilm der letzten 20 Jahre“, wie Großmeister Stephen King urteilt(e), und das gilt natürlich als dickes Kompliment. Wenn auch schwedisch eben immer noch schwedisch gemeint ist. Das ist dann exakt die grandios kühle Atmosphäre, die einem ohne Klimbim-Grusel-Effekte, dafür aber eisig und so verdammt realistisch ins Gesicht weht, wenn Lindqvist schreibt und Alfredson filmt.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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