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Peek-a-boo-bang schlägt’s um Mitternacht

Die blaue Dahlie, 1946, copyright: Paramount Pictures

Es war einst eine mysteriöse Lady, die in Hollywood aufgrund ihrer wunderschönen blonden glänzenden Haare das Peek-a-boo-Girl getauft wurde. Diesen Namen kannte ich bis dato noch nicht. Aber die Lady kenne ich sehr wohl und sehr lange schon. Ich fand sie immer atemberaubend.

Veronica Lake. Heißkalt gesottene Erotik pur. Es sind die 1940er. Mitternachtskino. Die Lake ist die undurchschaubare Nachtclubsängerin Ellen in This Gun for Hire – Die Narbenhand. Die geheimnisvolle Verführerin Joyce in Die blaue Dahlie. Die ausgebuffte Janet in Der gläserne Schlüssel. Veronica Lake lächelt kalkuliert. Spöttisch. Begehrlich. Mit Augenmerk auf ihn gerichtet: Alan Ladd, kühl, wortkarg, attraktiv, ein Mann, dem man den Killer inside bedenkenlos verzeiht.

„Ich bin scharf rasiert, sauber und nüchtern – egal nun, ob’s einer merkt.“ (Chandler)

Der gläserne Schlüssel, 1942, copyright: Paramount Pictures

Alan Ladd ist ein Kerl, der das exakt genauso hätte sagen können, ohne auf Nachfrage, auf Widerspruch, – warum ist einem sowas so verdammt egal?! – , zu stoßen. Monoton, eisig und gültig. Man hätte an seinen Lippen geklebt, scheu genickt und sein Amen geflüstert.

Lake und Ladd sind die Suchenden im edlen Schatten, sehnsuchtsvoll und dabei abgeklärt, oft kaltschnäuzig und gleichwohl aufgewühlt vom finsteren Chaos um sie herum. Letztendlich finden sie sich irgendwie und verlieren sich doch, stets auf Umwegen, die von Korruption, Verrat, Misstrauen und Tod gezeichnet sind.

Ich bin da immer gern mit gelaufen durch die Nacht. Damals. Ist schon eine bedenkliche Weile her.

Suchende im heißkalten Schatten

Da fällt mir dieser Schnösel an der Ruhr-Uni ein, der den Film Noir „Steinzeitkino“ nannte. Das war, nachdem er im Vorlesungsverzeichnis auf Prof. Dr. Else Sowiesos mehrstündigen Vortrag über „Schatten und Licht – Technik und Visionen“ gestoßen war. Zugegeben, der Titel klingt jetzt nicht nach Nervenkitzel pur, und Filme aus den 1940ern/-50ern galten auch zu meiner mehr als leicht vergilbten Studienzeit schon als recht betagt. Waren aber hinlänglich bekannt. Mir zum Beispiel.

Was ich dem oben erwähnten Schwätzer geflissentlich nicht unter die Nase rieb, weil ich keine lästige Diskussion mit ihm wollte. Mit dem Typ, der süffisant lächelnd neben ihm stand, übrigens auch nicht. Der meinte sinngemäß zitiert: „Macht die alte Else doch glatt die schwarze Serie. Komm schon, Mann, das hat was.“

Was das seiner Ansicht nach nun konkret hatte, hätte mich damals vielleicht sogar beeindruckt. Und komplett mundtot gemacht. Ich studierte Film nicht. Ich guckte ihn. Und wenn ich mochte, was ich da sah, sagte ich: „Klasse Film.“ Punkt.

Tatsächlich guckte ich mit meinen Eltern, meiner älteren Schwester und unserem Onkel Dieter im Abendprogramm recht häufig und auch recht gern eben das, was unter Film Noir zu verstehen ist, ohne dass auch nur einer aus unserer Runde von der Existenz dieses Begriffs wusste. Da lief auf ARD oder WDR Der dritte Mann, Der falsche Mann, Die Lady von Shanghai, und wir waren dabei. Ich könnte noch nicht mal sagen, ob das daran lag, dass unsere Eltern Riesenfans von Bogart, Cagney, Hayworth & Co. waren. Oder ob das an mangelnden Alternativen auf den beiden anderen Sendern lag.

Der aufmerksame jüngere Leser dürfte jetzt ganz furchtbar erschrecken und vermuten, ich sei eine Wiedergängerin, zumindest schwer vergreist oder in den Hals gebissen und auf ewig jung, aber die Leute, die in ihren ersten Wachtumsperioden ausschließlich vom klassischen TV-Dreigespann zehrten, sind immer noch ordentlich integriert.

Zu verdanken habe ich bereits frühkindliche Couch-Erfahrungen mit dem Film Noir und damit verbundenen Wertschätzungen ergo dem Segen einer zurückliegenden Geburt. Diese Wertschätzungen sind recht unbekümmerter Natur, will sagen, ich habe mich nie großartig mit Prof. Dr. Else Sowiesos „Theorien und Visionen“ beschäftigt. Für mich waren das die zweckmäßig in Schwarz-Weiß gedrehten B-Filme einer Zeit, die in ihrer ganz besonderen Art einfach nicht gewirkt hätten, wären sie farbig gewesen. Vielleicht auch zweckmäßig, weil das Budget für die Machwerke, die vor und nach den Hauptfilmen gezeigt wurden, knapper bemessen war.

Metropolis, 1927, copyright: Universum Film (UFA)

Was als wesentlichen Grund zu nennen geradezu aberwitzig wäre, weil es grad die zweite Klasse ist, die absolut und unvergleichbar hängen blieb. Und die zukünftige Filmschaffende prägte, wie sie selbst sich ihre Wurzeln gegraben hat aus den stilistischen und ästhetischen Raffinessen des Weimarer Kinos , – Das Cabinet des Dr. Caligari (191919, Robert Wiene), Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922, Friedrich Wilhelm Murnau), Metropolis (1927, Fritz Lang)… nennen – , und des französischen poetischen Realismus: Unter den Dächern von Paris (1930, René Clair, Bestie Mensch (1938, Jean Renoir), Kinder des Olymp (1945, Marcel Carné)…

Hollywoods Gangsterfilm aus den 30er Jahren wurde mit dem Film Noir sozusagen zur Kunstform modelliert: Ohne Farbpalette, ohne steifen Glamour-Schnickschnack, dafür mit handverlesener Kameraführung, ausgefeilter Beleuchtungsstrategie, den genialen Vorgaben der Szene-Autoren mit ihrer phantastisch coolen Schreibe wie Chandler, Hammet, Greene, und, nie zu vergessen, diesen charakteristischen Figuren, die scheinbar direkt aus dem Buchdeckel auf die Leinwand gestiegen sind, um in regennasser Nacht ihrem Platz in einer krisengeschüttelten Gesellschaft hinterher zu jagen, die Gesichter von Schatten gezeichnet, die sie schön und lebenshungrig, gerissen und gefährlich machten.

Das Gesetz war dazu da, für Profit und Macht manipuliert zu werden. Die Straßen waren dunkel von mehr als nur der Schwärze der Nacht. (Raymond Chandler)

Veronika Lake und Alan Ladd sind solche speziellen Typen, die sich selbst für uns, die wir ihre Luft dort draußen in der Dunkelheit riechen und atmen und schlucken, in dunklen schweren Stein gemeißelt haben. Unvergesslich, unverkennbar.

Und immens wegweisend war denn auch ihr erster gemeinsamer Film 1942: This Gun for Hire – Die Narbenhand, Regie John Tuttle, Vorlage der Roman „Das Attentat“ von Graham Greene, mit seiner komplexen psychologischen Darstellung der Handelnden charakteristisch für die Weiterentwicklung der Schwarzen Serie, mit Einfluss auf spätere Actionfilme wie die James-Bond-Reihe, vorbildhaft für Der eiskalte Engel  mit Mörder-Beau Alain Delon, Regie: Jean Pierre Melvilles.

This Gun for Hire – Die Narbenhand

Die Narbenhand, 1942, copyright: Paramount Pictures

Die Geschichte: Auftragskiller Raven (Ladd) wird von Nachtclubbesitzer Gates, der dubiose Deals mit dem Industriellen Brewster, Präsident von Nitro Chemical, betreibt, böse gelinkt. Raven ist auf Rache aus und macht sich auf nach Los Angeles, seinen Weg zu den Verrätern pflastert er mit Blei. Er begegnet der Nachtclubsängerin Ellen Graham (Lake), die mit dem Polizisten Crane verlobt ist und insgeheim als Spitzel über Gates herausfinden soll, wer hinter Giftgas-Geschäften mit den Japanern steckt. Es knistert zwischen Raven und Graham. Derweil ist Lt. Crane hinter Raven her, zumal dieser seine Verlobte mit auf seine Flucht nimmt. Es ist eine teuflisch spezielle Entführung. Und am Ende…

Wir sind Narren, wenn wir lieben. (Graham Greene)

Seine eigene Geschichte hat das lange blonde Haar von Veronika Lake, das ihr scheinbar widerspenstig und doch so gekonnt gewollt über der einen Gesichtshälfte hing und das Auge halb verdeckte, wenn sie ihren Kopf in die entsprechende Position rückte. Die Frisur, auf Hochglanz getrimmt mit einem eigens dafür entwickelten Öl, nannte man Peek-a-boo-bang, und die Lake war das Peek-a-boo-Girl, ein schönes Mädchen Mitte zwanzig, dem die (Kino-)Welt offen zu stehen schien.

Die Art, wie sie ihr Haar trug, wurde ein absoluter Modetrend, der letztendlich sogar die US-Regierung veranlasste, der Schauspielerin dringend eine andere Frisur ans Herz zu legen. Fabrikarbeiterinnen, die ihren Look imitierten, waren mit ihren Haaren in Maschinen geraten und regelrecht skalpiert worden.

Während der klassische Noir-Gangster Alan Ladd (1913 – 1964) in späteren Jahren noch in Western spielte, – am bekanntesten: Mein großer Freund Shane, 1953 – , versank der Stern von Veronica Lake schnell. Unbeliebt soll die nur 1,51-Meter kleine Lake gewesen sein, – tatsächlich ein stattlicher Kerl war auch Alan Ladd mit 1,68 m nicht – , sie hatte mentale Probleme, trank exzessiv, und zahlreiche Affären mit Prominenten wie Aristoteles Onassis und Howard Hughes wurden ihr nachgesagt. Sie starb 1973 im Alter von nur einundfünfzig Jahren.

Immer bedauerlich, wie schnell und unerbittlich so manch schönste Blume verwelkt. Und immer wieder wahr, was weise böse gute Menschen sagen:

War es nicht besser, selbst an den Verbrechen von Menschen,die man liebte, teilzunehmen, wenn nötig so zu hassen, wie sie hassten, und wenn dies das Ende sein sollte, mit ihnen die Verdammnis zu erleiden, als sich allein davor zu retten? (Graham Greene)

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