Die ganz und gar bezaubernde Jeannie

Birgit Hoffbecks Eltern gehörte ein Spielwarengeschäft, das Zwergenparadies. Es befand sich ganz in der Nähe des damals noch neuen Kirchplatzes, und dort gleich um die Ecke, in einer schmalen Gasse, war das Bierstübchen. Eine sehr kleine Graue-Männer-Kneipe, in der mein Großvater mit dem Hund einen trinken ging. Er sagte da so zu meiner Oma: „Ich geh‘ jetzt mit dem Hund, und dann trinken wir uns noch einen.“ Sie meinte dann kopfschüttelnd „jaja“ und guckte streng, aber insgeheim war sie froh, ihre Ruhe zu haben. Manchmal nahm mein Großvater mich auf einen seiner Spaziergänge mit.

Wir gingen quer durchs Feld, die Pappelallee entlang, dann den Mönchspfad hinunter bis zum alten Friedhof, der kurz vor der Innenstadt liegt, und von dort aus direkt auf die Kirche zu, wo wir einen kleinen Bogen machten und schließlich im Bierstübchen landeten. Immer der gleiche rote Saft für mich. Immer der gleiche Weg. Und immer der gleiche großartige Halt beim Rückmarsch.

Mein Großvater ging mit mir ins Zwergenparadies, ich durfte staunen und gucken und erhielt ein Geschenk: Bunte Stifte, Glanzbilder, ein Fix&Foxi-Heft…es war ein wundervolles Geschäft. Und an diesem ganz phantastischen Ort, – es war Faschingzeit, und Hoffbecks hatten gleich neben der Vitrine mit den Steiff-Teddys eine Karnevalsecke eingerichtet – , entdeckte ich das Allerbeste, das ich mir je hätte vorstellen können: Das Kostüm von Jeannie. Komplett und in scheinbar rundum echt. Das Hütchen mit dem Tuch, das bauchfreie Oberteil, die Haremshose. Goldene Gymnastikslipper in verschiedenen Größen. Der Wahnsinn. Ich hätte sein können wie sie. Ungefähr.

Jeannie blinks, up come the rainbows

Jeannie. Die aus dem Fernsehen. Die in einer Flasche wohnt, einmalig schön ist und zaubern kann. Ich stellte mir vor, wie ich in dem rosafarbenen Anzug aussehen würde, – feengleich vermutlich, bezaubernd im Sinne des Erfinders, überirdisch gut allemal – , und träumte mich einfach weg, bis mein Großvater hüstelnd trommelte und sein alter müder Hund mich vorwurfsvoll anstupste. Die beiden wollten nach Hause.

Jeannie, fresh as a daisy.
Just love how she obeys me,
Does things that just amaze me so.
She smiles, Presto the rain goes.
She blinks, up come the rainbows.

Ich hätte dort gern noch weiter gesponnen, sparte mir das aber für meine Mutter auf, die, so dachte ich, mich voll und ganz verstehen und mir selbstverständlich kaufen würde, was für mich an diesem Tag die Welt und noch etwas mehr bedeutete. In diesem Kostüm wollte ich leben. Und würde umgehend sterben, müsste ich darauf verzichten.

Natürlich kaufte meine Mutter mir das Jeannie-Zeug nicht. Ich ging Karneval als Rotkäppchen, wie meine ältere Schwester im Vorjahr und meine jüngere ein Jahr darauf. Da war ich ein Marienkäfer und hatte bereits (fast!) vergessen, dass die pummelige, rothaarige Birgit Hoffbeck in eben meinem (!) Jeannie-Kostüm, – mit einem dicken beigefarbenen Rollkragenpullover darunter und blauen Boots an den Füßen- , am Rosenmontag ein Jahr davor beim Kinderkarneval am Marienhaus Berliner verteilt hatte, mit großem Helau spendiert vom Zwergenparadies.

Birgit gefiel mir gar nicht. Sie war unwirklich. Vernünftig betrachtet wäre ich es auch gewesen. Aber kleine Mädchen sind nicht vernünftig. Sie blinzeln sich ihre Wahrheit herbei. Ich sah mich als die Auserwählte, der es hätte gehören sollen: Das Kostüm der ganz und gar Bezaubernden Jeannie.

Ich war ganz wild auf sie. Wir waren wild. Meine Schwestern, Andrea von nebenan, Bärbel von oben linke Wohnung, Susanne und Biene von gegenüber, Martina von unten rechte Wohnung…und unsere Mütter linsten um die Ecke. Geguckt haben wir das damals alle. Wir zwinkerten und nickten und verschränkten dabei kokett die Arme wie Jeannie, gespielt von Barbara Eden (bürgerlich: Barbara Jean Moorhead), die wir umwerfend fanden und die, na bitte, noch im Alter von immerhin dreiundfünfzig vom People Magazine zur Frau mit dem meisten Sex-Appeal gekürt wurde.

Das war 1984, zwanzig Jahre nach ihrem ersten Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen als Flaschengeist aus Fleisch und Blut. Mit Witz und Charme und eben jenem Sex-Appeal, den wir Mädchen nicht benennen, nicht erklären, nicht direkt ahnen konnten. Und von dem wir trotzdem irgendwie wussten und davon ausgingen, dass wir ihn auch haben würden. Später einmal. Auch ohne Zauberei. Einfach so als erwachsene Frauen. Im Regelfall kam das ansatzweise anders. Aber irgendwie war es auch klar, dass wir ihresgleichen in uns selbst nicht finden würden. Für uns war sie ein sensationeller Fernsehstar. Keine Märchenfigur. Die wäre anders gewesen.

Cars stop, even the train goes slow.
When she goes by
She paints sunshine on every rafter,
Sprinkles the air with laughter,
We’re close as a quarter after three.

Wir wussten nicht, wo Cocoa Beach liegt, aber wir hätten genau sagen können, wie Jeannies Flasche ausstaffiert war, – pinkfarbener Plüsch, goldenes Design – , und wie sie und ihr Meister in ihrem speziellen Kunterbunt-Universum laut und leise tickten: Larry Hagman, der spätere Dallas-J-R, alias der schmucke, prinzipientreue, stets so verdatterte Astronaut Tony Nelson, den wir mochten, weil Jeannie ihn mochte. Umgarnte, betuttelte, beflirtete, bezauberte und bewachte.

Wir mochten auch Tonys Freund Roger Healey (Bill Daily), Don Juan von liebenswert-komischer Natur, einziger Eingeweihter in der „Geheimsache Jeannie“, seinen Chef Colonel Alfred Bellows (Hayden Rorke), der für den „Hokuspokus“ im Hause Nelson seine eigenen wirren Erklärungen sucht, und dessen leicht hysterische Frau Amanda (Emmaline Henry), die schnell die Nerven verliert, wenn etwas Merkwürdiges um sie herum passiert. Sie gehören untrennbar zu Cocoa Beach, dieser uns damals gänzlich unbekannten Stadt im Brevard County in Florida, von der wir nur wussten, dass dort ein tausende Jahre alter, höchst attraktiver und absolut entzückender weiblicher Dschinn mit magischen Kräften zuhause ist.

There’s no one like Jeannie

Die ganze Geschichte I dream of Jeannie stammt von Sidney Sheldon, dem ursprünglich eine dunkelhaarige Jeannie als Gegenpol zur blonden Heldin in der Sitcom„Verliebt in eine Hexe“ vorschwebte, bis er Barbara Eden traf. Eine Schauspielerin, die hier und da bereits in Nebenrollen geglänzt hatte, recht bescheiden bis auf ihren Part in dem Weltuntergangsfilm „Unternehmen Feuergürtel“ (1961). Sheldon nach eingehender Musterung klipp und klar: „I think you are my Jeannie!“

There’s no one like
Jeannie. I’ll introduce her,
To you, but it’s no use, sir,
Cause my Jeannie’s in love with me.
(Hugo Montenegro)

Produziert wurde die Serie von Sreen Grems und Sidney Sheldon Productions. Sie lief bis zu ihrer vielerorts zutiefst betrauerten Einstellung, – Tony und Jeannie kriegen sich letztendlich doch, heiraten… und das war’s dann – , von 1964 bis 1969 auf NBC und umfasst 139 Episoden. Die ersten dreißig Folgen wurden entgegen Sheldons Wunsch aus Kostengründen im Original in Schwarz-Weiß gedreht; man traute der Sache nicht so recht und rechnete mit einer Staffel und anschließendem Feierabend.

Aber die Resonanz war bombastisch, und die ungezählten Wiederholungen einer unglaublichen Geschichte, die so beschwingt und unbelastet von Negativem erzählt wird, laufen bis heute in über fünfzig Ländern. Die tatsächliche Sorgenfreiheit ist wohl der Reiz. Auch, wenn’s brennt, auch, wenn’s kracht. Es wird gelöscht, es wird aufgeräumt. Aufgeatmet und völlig losgelöst gelächelt. Schön war das. Schön ist das.

Fotos (4): Bezaubernde Jeannie, 1965-1970, copyright: Sony Pictures

Bei uns fiel der Startschuß für Die bezaubernde Jeannie am 19. September 1967, Dienstag, ZDF mit „The Lady In The Bottle“, – Eine Jeannie aus der Flasche -, Marktanteil: 49 %. Ein Riesenerfolg. Erzählt wird, wie US-Astronaut Nelson auf einer einsamen Pazifikinsel notlanden muss und am Strand eine seltsame alte Flasche entdeckt, in die der große böse Blue Djinn vor zweitausend Jahren aus verschmähter Liebe Jeannie als Geist hineingezaubert hat. Nelson holt sie heraus, sie verliebt sich in ihren Retter und sieht ihn fortan als ihren „Meister“, obgleich er ihr umgehend die Freiheit schenkt. Die will sie aber nicht. Sie will bei ihm in seinem Haus in Cocoa Beach bleiben, wo sie mit ihren Tricks, ihrer Magie und ihrer umwerfenden Art sein Leben völlig auf den Kopf stellt.

Barbara Eden, – 2011 landete ihre Biographie „Jeannie out of the bottle“ auf der New-York-Times-Bestsellerliste – , wurde als Bezaubernde Jeannie mit einem Schlag weltberühmt. Zweimal wurde sie in den 1960ern für den Golden-Globe nominiert, zwei Bravo-Ottos bescherten ihr die deutschen Fans, und Pin-Up-Bilder von ihr erfreuten sich bei in Vietnam stationierten US-Soldaten großer Beliebtheit. Der amerikanische Hersteller „Lilly Dolls“ brachte Jeannie-Puppen auf den Markt, und Mattel zog mit einer Jeannie-Barbie nach, die freilich nicht in Deutschland verkauft wurde.

Vielleicht hätte ich die gern gehabt. Damals, als Birgit Hoffbeck mir mein Kostüm geklaut hat. Wäre vermutlich ein Traum gewesen. Ist es aber  immer noch. Irgendwie.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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