Superstar Lassie: Hund der Wunder, Held der Träumer

Timmy Martin trug karierte Hemden und sah ein bisschen aus wie mein kleiner Bruder in älter. Das verlor sich aber. Lassie sah aus wie gemalt, und das verlor sich nie. Sie gehörte zu meinen drei wesentlichen Wünschen. Die waren wohl recht vernünftig für mein Alter. Damals, als noch alles möglich, kaum etwas unfassbar und nichts unberechenbar schien. Hoffnung war Ziel, Traum war Alltag, Phantasie war Logik. Was sonst?

Ergo wünschte ich mir Superman als Freund für jetzt, Winnetou als Mann für später und Lassie als Gefährten für immer und ewig. Oder zumindest einen Lovely-Lassie-like-Superdog. Hieß denn wohl: Den klügsten, tapfersten, treusten, und zweifellos schönsten Hund der ganzen Welt an meiner Seite. Und den bitte schnell, authentisch und unvergleichlich gut.

Lassie, 1954-1973, copyright: Lassie Television, Robert Maxwell Associates, TPA, Wrather Production

Erfüllt hat sich da im Sinn der fromm Wünschenden gar nichts. Großartige Hunde gab es, gibt es in meinem Leben. Natürlich. Aber niemals war eine echte , sozusagen originalverpackte Lassie darunter. Sie waren zottelig-samtige Landstreicher mit Zeit für Zärtlichkeiten, verspielte Diebe mit Lust auf Kornblumenfelder, große Kinder mit klugen Augen und tanzenden Bildern im Kopf. Wahrlich wirklich gute Hunde. Alle. Ich hatte auch einen Collie. Er hieß Digger und war mein wundervoller, wunderschöner, manchmal wundersamer und ewig heißgeliebter Freund.

Ich hätte ihn nie mit Lassie verglichen. Wie mich selbst nie mit Wonderwoman. Ehrensache unter uns. Aber das hier galt und gilt für sie alle:

Wenn mein Hund aufwacht, kann ich an seinem Blick erkennen, ob er von mir geträumt hat.
(James Gardner)

Und gilt wohl auch für Lassie. Die träumte vermutlich noch allerlei Feines mehr, vermutlich eher richtig Kluges, weil sie eben auch mit Timmy in den Schulunterricht von Miss Hazlit ging und dabei recht wohl den Eindruck erweckte, sehr viel mehr zu verstehen und praktisch umsetzen zu können, als man einem Hund so grundsätzlich zuschreiben dürfte. Sie schien tatsächlich problemlos begreifen, sogar rechnen, auf abstrakte Weise buchstabieren, diskutieren, dolmetschen zu können, und das war jetzt keineswegs irgendwie spinnert gemacht, sondern wirkte alles höchst vernünftig.

In der Lassie-TV-Serie unter dem Zepter von Produzent Robert Maxwell und Tiertrainer Rudd Weatherwax, , die in Amerika von 1954 bis 1973, also fast genau zwanzig Jahre lang lief, – 591 Episoden, Deutschlandstart: 1958, ARD – , kriegt der Hund alles hin, und der Mensch staunt. Lassie ist stets im entscheidenden Moment vor Ort, meistert brenzligste Situationen, rettet aus ärgsten Gefahren, bringt Schurken hinter Gitter, agiert als Wildhüter, Feuerwehrmann, Polizist, Bodyguard, Konfliktlöser und tröstende Schulter.

Lassies Herrchen, – von anfangs Jeff Miller (Tommy Rettig) über unser aller Timmy Martin (John Provost) bis letztendlich hin zum australischen Ranger Corey Stuart (Robert Bray) – , sind allesamt absolute Seelenverwandte. Ein Stups von Lassie reicht, und sie wissen sofort, was der Hund ahnt, meint oder vorhat. Und das ist immer richtig. Genial, sowas. Unsereins ist schon sehr zufrieden, – aber irgendwie damit sehr glücklich – , wenn er behaupten kann:

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich!
(Johannes Rau)

Lassie Come Home, 1943, copyright: Metro-Goldwyn-Mayer

Passt (auch)! Erdacht hat sich den Ur-Superdog der US-amerikanische Schriftsteller Eric Knight (1897 – 1943), dessen Kurzgeschichte “Lassie Come Home” kurz vor Weihnachten 1938 in der Saturday Evening Post (nationales amerikanisches Wochenblatt, 1821 – 1969) veröffentlicht wurde. Die rührend schöne Geschichte von der bildhübschen, ihrer Familie in Liebe und Achtsamkeit ergebenen Colliehündin, die aus finanzieller Not heraus nach Schottland verkauft werden muss, von dort flieht und ganz allein ihren Weg nach Yorkshire zurück findet, wo ihr Zuhause ist, war ein absolut ergreifender Volltreffer.

Eric Knight, vom bombastischen Anklang seiner herzergreifenden Christmas-Story natürlich höchst motiviert, schrieb darauf hin einen ganzen Roman über seine so einzigartige Heldin, deren Tapferkeit, Klugheit und Treue tausende von Lesern begeistert hatte. Sein Buch erschien 1940. Den Filmstart von “Lassie Come Home”, – ein grandios sensationeller Erfolg, gleichsam auch in Deutschland, wo der Hollywood-Klassiker unter dem Titel “Heimweh” lief – , erlebte der Autor selbst nicht mehr. Welchen globalen Boom Lassie noch auslösen würde, war anfangs denn auch nur ein Gedanke, eine Ahnung. Hoffnung vielleicht. Tatsächlich war mit einer kleinen, feinen Erzählung eine Legende geboren worden. Großes Kino, welches das Leben schreibt.

Lassie, deren Rolle im Film 1943 von dem Rüden Pal übernommen wurde, war freilich nicht der einzige spätere Weltstar, dessen Name inclusive umwerfendem Antlitz immer unverwechselbar ist und bleiben wird: An ihrer Seite, – streng genommen: seiner Seite, Lassie (vom schottischen Las = Mädchen) wurde auch in den folgenden Jahrzehnten dieser Bilderbuchkarriere meist von einem Prachtkerl, einem Lad (schottisch: junger Kerl) gespielt – , zeigte die damals zehnjährige Elizabeth Taylor als Priscilla auf entzückende Art, was aus ihr durchaus mal werden könnte. Sie wurde die Taylor. Lassie wurde der Hund.

Lassie Come Home, 1943.copyright: Metro-Goldwyn-Mayer

Auch Roddy McDowall, in “Heimweh” Lassies junges Herrchen Joe Carraclough, war als erwachsener Schauspieler (Planet der Affen, Overboard…) noch ein durchaus gefragter Mann in der Szene.  Filmisches Bonbon am Rande: Liz Taylor traf McDowall zwanzig Jahre später am Set zu Cleopatra wieder, sie als Göttin vom Nil, er als Octavius. Aber er wurde eben nie, – hier darf man natürlich nicht sagen – ,  so atemberaubend groß, so phantastisch verbürgend für Wahnsinnsruhm wie seine damaligen Kolleginnen, die beiden Dream-Girls vom Hollywood-Olymp: Liz Taylor, ellenlange Ehrfurchts-Zeit Leading Lady auf dem Markt der besonderen Eitelkeiten und vor allem Talente. Und halt Lassie. Forever young. Forever Superdog.

Weitere Spielfilme wurden nach dem ersten Riesenhit über die schöne, blitzgescheite Wunderhündin in rascher Folge gedreht: Held auf vier Pfoten (1946), Lassies Heimat (1949), Lassie und die Goldgräber (1951) … 1954 war dann der Serienstart, und 2005 gab es “Lassie Come Home” als Remake im Kino, freilich mit deutlich weniger Applaus honoriert als in den 1950er bis 1970er Jahren, in denen Lassie als absolute Königin aller Promis auf vier Pfoten galt. Mit eigenem Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood.

Lassie Come Home, 1943, copyright: Metro-Goldwyn-Mayer

Vor Lassie hatte bereits Rin Tin Tin seine ganz spezielle Fangemeinde, nach und natürlich immer noch neben ihr waren es Stars wie Huutch, Boomer, Jerry Lee und Rex, die das Publikum auf ihre Art begeistern konnten. Hunde wie sie sind Leinwandmagneten. Garanten für universelle Begeisterung. Sie faszinieren prinzipiell immer. Überhaupt. Hunde. Allein, wie sie gucken.
Aber so gucken können unsere ja nun immerhin auch. Und uns angucken. Als wären wir allesamt so großartige, rundum anständige, nette Leute wie die Martins und Ranger Stuart. Der Wunsch steht:

Ich hoffe, ich werde einmal der Mensch werden, für den mein Hund mich hält. (ungarisches Sprichwort)

Lassie freilich wusste und weiß stets, wie der jeweilige Mensch tickt. Und wie man ihn wo am gezieltesten packt. Um ihm zu helfen. Um ihn zu mahnen. Zu belehren. Sein Herz zu erobern. Wie in dieser einen Episode, in der Lassie, standesgemäß mit Verteidiger, vor Gericht sitzt, weil sie ein Kind angefallen und gebissen haben soll. Stimmt natürlich vorn und hinten nicht. Was aber stimmt: Sie hat die jungen Katzen des Richters vor dem Ertrinken gerettet. Die Wahrheit kommt ans Licht, Lassie siegt auf ganzer Linie: Mit Edelmut, Herz und Köpfchen. Reiner geht’s nimmer. Und wir seufzen verklärt, wie schön doch alles sein könnte, wenn…

Einige der Nachkommen des Collie-Rüden Pal, der Ur-Lassie, wurden später gleichfalls für die Kamera trainiert. Meist hatten die männlichen Probanten die besseren Karten und erhielten die Rolle als neue, jüngere Lassie. Aber nun wirklich nicht, weil sie cleverer sind. Sie gelten als schlichtweg telegener. Sei mal betont.

Eine Grabinschrift wie diese müsste Lassie gebühren. Wäre sie nicht ein Bild. Ein Traum. Eine unsterbliche Ikone. Wäre sie (m)ein echter Hund.

An dieser Stelle ruhen die Gebeine von einem, welcher Schönheit besaß ohne Eitelkeit, Stärke ohne Übermut, Mut ohne Wildheit. Und alle Tugenden des Menschen ohne seine Laster. Dieses Lob, unpassende Schmeichelei, wäre es über menschliche Asche geschrieben, nur ein gerechter Tribut ist es für das Andenken von Boatswain..
(Inschrift auf dem Grabstein seines Neufundländers Boatswain. Lord George Gordon Byron, 1808)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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