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Interview mit Torsten Exter

baumTorsten stochert schweigend in der Glut. Ich blinzle ihn an. Schwarzes Hemd, schwarze Jeans, die Dunkelheit schluckt ihn. Ich warte. Der morsche Ast fängt Feuer, arbeitet sich hoch, krabbelt zu seinem Handgelenk, hat sein Ziel fast erreicht. Ich halte den Atem an. Gleich. Er wirft einen flüchtigen Blick darauf, spuckt es aus, sieht mich an.

„Was willst du wissen?“

Ich schlucke. Er ist direkt. Gut. „Alles.“

Er nickt. Ich lächle verlegen, fühle mich tapfer, schrecke im gleichen Moment auf, blicke um mich. Ich höre etwas. Da. Hört er nichts? Irgendwas schreit sich durch die Nacht. Irgendwo kommt das her. Röcheln im Wald und aus der Tiefe des Glaubens. Torstens Worte fallen mir ein. Furchterregende Fetzen.

waldIch bin unruhig. Hinter mir raschelt es. Knistert. Keucht. Da ist was. Hier im finsteren Wald…lachhaft. Warum hier? Weil es ins Schema passt? Die Städte brannten und starben. Wurden Höllen. Seine Vision. Wir werden da sein. Als irgendwas. Was? Ich lausche. Wieder. Das ist was. Eindeutig. Vielleicht auch nicht. Bloß nicht nervös werden, denke ich, es ist Vollmond, wir haben Wein, Hoffnung, ein paar Zigaretten, ein Buch, das Buch, wir sprechen (noch nicht) über Zombies. Da darf ich phantasieren. Da wird schon mal dumm gedacht: Zombies trinkt man, Zombies guckt man, trällert, liest, sieht und kotzt und küsst und hört man. Mehr aber auch nicht. Und ausgelacht, bis der Mund trocken wird. In mir kocht Blut. In ihm tobt ein Krieg. In den Hörsälen fressen sie. Er sagt es mir. Ich glaube es.

Den Treffpunkt, die Nacht habe ich ausgesucht. Das Thema ist seines. Torsten hat es nicht finden müssen, es ist seine Geburt. Glaube ich. Warum stelle ich mir bloß vor, die sei ganz furchtbar gewesen? Seine Mutter würde mich auslachen. Oder? Egal. Ich will Atmosphäre für uns. Er zuckt mit den Schultern. „Wenn du Musik brauchst, um zu tanzen, bitte.“

Jetzt hocken wir hier beieinander, das Lagerfeuer teilen wir, er gibt mir sein Buch. Ich kenne es. Zu wissen, nicht allein zu sein, tröstet mich. Aber ich will mehr. Ich will seine Leidenschaft. Ich räuspere mich, werfe mein Haar in den Nacken. Es ist Zeit. Ich falte die Hände in meinem Schoß. Jetzt.

„Erzähl.“

Er gibt ein kehliges Lachen von sich, ich nehme mir vor, das sympathisch zu finden.

„Wo möchtest du, dass ich beginne?“

Ich beuge mich nach vorn, ich flüstere, nur er darf mich hören.

„Dort, wo du dich wohlfühlst. Dort, wo sie sind. Die Zombies.“

Mond in seiner Pupille. Sein Blick trifft mich. Genau in meiner Mitte. Die soll es sein, sie ist richtig für uns. Er weiß es.

Phantastikon: Sprechen wir über das Buch. Seine Kraft. Seine Wachsamkeit. Zombie Zone Germany.

Torsten: Du kennst es. Gut. Es sagt dir viel von dem, was Du wissen möchtest. Meine Freunde sprechen darüber. Ehrlich. Schonungslos. Sie warnen nicht, sie trösten nicht, aber sie fühlen und denken mit Dir. Mit Deiner Faszination. Und mit Deiner Furcht. Sie sind Begleiter. Jünger. So wie ich.

Phantastikon: Du hast sie an die Hand genommen. Die Besten. Du gabst ihnen ein phantastisches Podium. Was verbirgt sich dahinter?

Torsten: Ein Traum. Eine Warnung. Gewissheit und Angst. Aber in gleichem Maße, der Versuch, es in Worte zu fassen und den Klang des Sterbens und Fressens, der Fliegenschwärme und verbrannten Städte, in ein Bild zu malen. Es war eine lange Suche, bei der ich auf alte Bekannte traf und neue Menschen kennenlernen durfte. Und auch wenn es mich manchmal erschlagen hat, war es doch richtig, diesen Weg zu gehen. Mit all seinen Irrungen, Hindernissen und Schwierigkeiten.

Phantastikon: Zombie Zone Germany ist Atemlosigkeit. Macht Angst. Sicherheit oder Hoffnung suche ich noch. Sollte ich?

Torsten: Du bist süß. Ja, suche ruhig noch ein wenig. Hinter Autowracks und dem sterbenden Glanz dessen, was wir einst Zivilisation genannt haben, in zerfledderten Zeltstädten und dem sanften Knistern der Elektrozäune im Grenzgebiet. Vielleicht sind sie da, versteckt, kauernd und zitternd.

Ich habe gestern in eine Pfütze geguckt und einen Regenbogen aus Blut und Benzin darin gesehen. Das war irgendwie schön. Ich hoffe, du hast ähnliches Glück.

Phantastikon: Was hypnotisiert an der Thematik?

Torsten: Zunächst nichts. Das Thema Zombies und Apokalypse ist erst mal nur ein Thema. Ungenau, schwammig, mit vielem füllbar. Die Hypnose, der Sog tiefer einzudringen und es zu riechen, zu schmecken und zu fühlen, gebiert sich aus dem Konkreten. Wenn das Thema in all seiner Allgemeinheit zu etwas Fleischlichem wird, sich Grundzüge herausschälen, es sich von anderen, ähnlich gelagerten Schöpfungen abgegrenzt, eigenständig wird, seinen Weg findet. Und dann, wenn es da ist, wenn es Form und Farbe und Schreie hat, wenn es blutet, tobt und Verwesung träumt, ja, dann hypnotisiert und fesselt es. Das ist der Moment, indem die Tintenkabel, Gedankenstromstöße und Planungsimpulse ein Monster erschaffen haben, das seine trüben, toten Augen aufschlägt, einen anstarrt, knurrt und man nur noch eines tun muss, bevor man es entfesselt.

Es taufen und ihm einen Namen geben.

Das haben wir, in tatsächlicher, völliger Hypnose getan und nun wankt es umher und wächst.

Phantastikon: Dein Freund und Kollege Vincent Voss sagt, Zombies seien Ur-Angst, sie funktionieren, weil Tod und Verwesung Teil von uns sind. Das ist schon weit gedacht. Denkst Du noch weiter?

Torsten: Vincent hat natürlich recht. Sie sind ein grausiger Spiegel des Unausweichlichen. Du siehst sie und weißt, so werde ich auch mal aussehen. Verfault, tot, nur noch modernde Hülle. Ein Ding, das gammelt und stinkt und das nicht mehr ich bin. Aber sie sind in der Tat mehr und Vincent weiß das auch. Zombies negieren alles. Viel umfassender und tiefer, als es der einfache Tod tun könnte. Sie stellen die Frage nach Gott über alle religiöse Grenzen hinweg. Sie fragen nach dem Leben und seiner Definition. Aber auch nach dem Menschlichen. Sie grinsen in die panischen Gesichter all jener, die unsere Zivilisation für ach so human, gebildet und … menschlich halten. Sie grinsen und fragen: Was ist denn nun mit deiner Gesellschaft, die doch angeblich so viel besser ist, als andere, weißer Mann? Steht ihr wirklich zusammen und achtet einander in eurer aufgeblasenen Upper-Class, eurer heilen Schrebergartenwelt, eurer angeblichen Volksgemeinschaft und im Vorstadtidyll?

Das ist, was sie tun und es ist mehr, als andere Monstrositäten zu leisten vermögen. Sie brechen den Grundkonsens. Den tatsächlichen und den eingebildeten, Erhofften.

Phantastikon: Sind Zombies Dein Omen?

Torsten: Nein. Das Omen war etwas anderes, aber ich könnte es nicht konkret benennen. Es war dieser Funken aus Faszination, der mich ansprang, leise und verlockend knisternd. Irgendwo beheimatet zwischen Mordor, dem Plateau von Leng, der Nightside, Carcosa und Gullideckeln, aus denen ein böser Clown grinste und rote Luftballons steigen ließ.

Die Zombies sind daher eher die Erfüllung des Omens. Sein Wahrwerden.

Aber sie waren natürlich nichts unausweichliches, nur etwas sehr wahrscheinliches. Zumindest versuche ich mir dies einzureden.

Phantastikon: Mein erster Zombie war ein Afrikaner mit riesigen Augen und nacktem Oberkörper, der ein Halsband mit Leine trug. Ein Voodoo-Film, ich hatte gerade meine Milchzähne verloren. Dein erster?

Torsten: Puh … mal überlegen. Ich weiß es nicht mehr, kann mich aber noch recht gut an einen ziemlich schlecht gemachten Kannibalen-Film erinnern, der, ganz klischeehaft, auf einer Südseeinsel gespielt hat. Er war furchtbar. In vielerlei Hinsicht. Aber das furchtbarste war für mich, als junger Knabe, das Bild von Menschen, die Menschen essen.

Es hat mich nicht losgelassen.

Ich verabscheue es bis heute.

Es fasziniert unheimlich.

Nicht so wie E.T. Vor dem habe bis heute einfach nur Angst. Mein damaliger Schulfreund hatte eine E.T.-Puppe … Furchtbar. Ich habe das Teil nicht angefasst. Aber das ist ein anderes Thema. Für ein anderes Interview.

Phantastikon: Deine letzte Begegnung mit einem Zombie?

Torsten: Da ich täglicher Facebook-Nutzer bin … nein, okay, das ist zu platt.

Die letzte ist aufgrund von persönlichen Einschränkungen schon etwas her. Leider. Die nächste wird aber heute Abend stattfinden, wenn ich mich in klaustrophobische Gefilde begebe, die ein gewisser Vincent Voss entworfen hat. Zu den Kandidaten und der Tür, hinter der keine Freiheit mehr liegt. In den keimenden Wahnsinn und die Angst, die sich zu einer Zerreißprobe steigert. Parallel dazu ziehe ich mit einer Freaktruppe durch Deutschland, suche Nahrung, durchwühle verlassene (wirklich verlassene?) Wohnungen und träume von einem Leben hinter den Zäunen und Mauern, die Deutschland im Todesgriff umfassen.

Phantastikon: Sind Zombies besser als Vampire?

Torsten: Nee. Aber Ghoule werden unterschätzt. Ich mag Ghoule, nur leider macht kaum einer was mit ihnen.

Bei den Vampiren und Zombies ist das so eine Sache. Wie oben schon erwähnt, kommt es auf das Konkrete an. Ihre tatsächliche Form, ihre Begierde, die Bewegungen und das Lied auf ihren Lippen, wenn sie ihre Beute wittern. Während Blut für Vampire köstliches Ambrosia ist, ist der rote Lebenssaft in der Zombie Zone eher Leinwandfarbe, die wir großzügig auf Häuserwände klatschen. Vampire genießen jeden Tropfen, zumindest die meisten dieser Gentleman-Womanizer-Typen. In unserem Deutschland hingegen wird Frischfleisch gejagt und zur Strecke gebracht. Da werden keine Tropfen genossen. Wäre auch sinnlos, da ja eh alles schon mit dem Zeug verschmiert ist.

Phantastikon: Der Amrûn-Verlag hat die Zombies über den Zaun gelassen. Kommt mehr?

Torsten: Amrûn hat den Zaun um die Zombies erlassen. In Sachen Zombies kommt natürlich noch mehr, bislang haben wir ja nur an der brüchigen, porösen Oberfläche gekratzt. Aber auch unabhängig von der Zombie Zone wächst Amrûn und kann wohl als aktuell aktivster Kleinverlag bezeichnet werden, mit einem sehr breit aufgestellten Programm. Aber was die verlagsinternen Planungen angeht, werde ich hier nicht aus dem Nähkästchen plaudern.

Phantastikon: Welche Albträume sind Deine?

Torsten: Höhe, Spinnen und E.T. UFOs auch. Ansonsten empfinde ich Albträume als etwas sehr bereicherndes und sehne sie in manch schlafloser Nacht förmlich herbei. Sie können in all ihrer brodelnden Wildheit eine ungeheure Inspirationsquelle sein. Aber wovon ich dann tatsächlich träume, lässt nur schwer mit Worten fassen. Es sind dunkle Bilder, in denen Hunger regiert und der Mensch nicht länger Mensch ist. Eine Kurzgeschichte zum Thema Slenderman, die ich für die verschwörerische Anthologie „Verschlusssache“ geschrieben habe, ist beispielsweise aus Traumbildern entstanden, oder meine Story für „Bösartiges Frühstück“ bei Amrûn.

Vielleicht hilft ein Blick auf das, was ich schreibe, um zu erkennen, wovon ich träume.

Phantastikon: Was ist furchtbar?

Torsten: Die Realität. Der Krieg und der Hunger. Das Massensterben, die Schlachthäuser und Zwinger. Ich habe einige Fotos aus Christopf Bangerts „War Porn“ gesehen. Das ist furchtbar. Wenn AutorInnen Horror schreiben, auch üblen und brutalen, sind sie keine Freaks oder Irre. Die wirklichen Irren sitzen doch ganz woanders. Ja, an manchen Tagen halte ich unsere Welt für das furchtbarste, was uns passieren konnte.

Phantastikon: Was ist schön?

Torsten: Habe ich dir schon von der Regenbogenpfütze aus Blut und Benzin erzählt? Ja, doch, ich glaube ich habe. Das Schöne ist oft etwas sehr kleines, zerbrechliches. Ein Moment, ein Blick, ein Sonnenstrahl, der in einem ganz bestimmten Winkel auf ein Gesicht fällt und es erhellt. Es ist die Hand eines guten Freundes, die dann deine Schulter drückt, wenn du am meisten brauchst. Der, „Renn!“, schreit, wenn du rennen musst und sein letztes Wasser mit dir teilt.

Schönheit im Visuellen zu suchen ist sinnlos. Es gibt nichts, was schön ist, weil es schön aussieht. Aber es gibt Dinge und Momente und Menschen, die wir sehen, und die Emotionen in uns wecken. Das kann schön sein.

Phantastikon: Wohin führt Deine Reise Dich jetzt?

Torsten: Nach Osten. Dieser Wald ist nicht sicher. War er schon nicht, als wir uns getroffen haben. Aber ich mag die Wälder, manche sind noch so unberührt von den Menschen und ihrem Sterben. Man könnte sie fast als schön bezeichnen.

Nächstes Jahr gilt es dann, mit dem Verlag Torsten Low, dem Bookboy zum Leben zu verhelfen. Das ist ein unheimlich spannendes Anthologie-Projekt. Und, wie ich hoffe, ein deutlich lebensbejahenderes, als die Zombie Zone. Was im Anschluss folgt, steht großteils noch in den Sternen. Ideen sind vorhanden, einige Planungen haben bereits ihren Anfang genommen, teils Richtung Fantasy, teils eher horrororientiert, aber da werde ich erst in diesem Herbst / Winter mehr Klarheit haben.

Ja, der Winter … Wenn ich gucke, was du so am Leibe trägst, wird’s hart für dich. Aber irgendwie freue ich mich auf ihn. Nein, Freude ist das falsche Wort. Ich … bin gespannt. Auf die Dunkelheit und das Weiß. Die Kälte, die in die Knochen kriecht und wärmende Feuer, deren Schein gefährlich weit zu sehen ist. Die Zeit, in der wir uns frohe Weihnachten gewünscht haben, ist vorbei. Aber es bleiben andere Wünsche. Vielleicht nach schönen Regenbogenpfützen.

Wir lächeln müde. Wir schweigen, trinken unseren Wein, sehen ins Feuer, die Glut der Zigarette spielt mit den sterbenden Flammen. Wir sehen uns an. Mond in seiner Pupille. Sein Blick trifft mich. Erneut. Genau in meiner Mitte. Die soll es sein, sie ist richtig für uns. Er weiß es. Ich auch.


Torsten Exter ist Herausgeber der Zombie Zone Germany, erschienen bei Amrûn. Außerdem ist er Autor von Kurzgeschichten.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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