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Interview mit Simona Turini

© Simona Turini

© Simona Turini

PHANTASTIKON

Hallo Simona, ich lasse die Floskeln mal weg und frage gleich: Warum sollte man TRÜMMER (jüngst erschienen bei Amrûn) lesen?

SIMONA

Hallo Michael, gute Frage… Nun, wenn man Lust auf eine spannende, blutige und rasante Zombie-Geschichte mit Hippies, Einsiedlern und merkwürdigen Wendungen hat – frei von den üblichen Zivilisten, die auf merkwürdige Wege an Waffen gelangen & aus noch merkwürdigeren Gründen damit umgehen können – dann ist »Trümmer« die richtige Wahl. Die Untoten halten sich zugegebenermaßen ein klein wenig im Hintergrund, aber glaubt mir: Das bedeutet nicht, dass sie nicht trotzdem mächtig viel Ärger machen können!

PHANTASTIKON

Zombies boomen ja gerade. Glaubst du nicht, dass die Leute mittlerweile sogar genug davon haben könnten? Oder gibt dieses Genre noch etwas Neues her? Hast du lange überlegen müssen, auf diesen Zug aufzuspringen? Oder siehst du dich nicht als Teil dieses Booms?

SIMONA

Vermutlich wird es tatsächlich nicht mehr lange dauern, bis niemand mehr Zombies sehen oder von ihnen lesen will. Aber im Moment ist noch genug Bewegung im Thema. Gerade Torstens Zombie Zone Germany bietet mit dem Setting in einem vom Rest der Welt abgeschotteten Deutschland einen neuen, unverbrauchten Rahmen und ich vertraue auf seinen guten Blick für Geschichten. Er hat mit Sicherheit keine abgelutschte Massenware ausgewählt! Ich will unbedingt Teil des Booms sein – zumal ich bereits vor vier Jahren, im Rahmen meines Uni-Abschlusses, über den Zombie als Motiv geforscht habe. Die daraus entstandene Magisterarbeit wird mit ein paar leichten Anpassungen und Aktualisierungen noch in diesem Jahr bei Amrûn erscheinen. Wenn ich genauer darüber nachdenke: Der Zombie ist eine der cooleren Horror-Gestalten und wurde noch lange nicht umfassend ausgeschlachtet, da geht noch einiges!

PHANTASTIKON

Du hast ja tatsächliches etwas “Anständiges” gelernt. Hast Geologie studiert und ein abgeschlossenes Studium in Literaturwissenschaften. Gibt es zwischen der “seriösen Literatur” und dem, was wir alle so lieben noch immer diese unüberwindbare Kluft? Und wie kommt man da auf den Zombie als Motiv?

SIMONA

Tatsächlich ist es immer noch so, dass unterhaltende Literatur im Allgemeinen und (moderner) Horror im Speziellen in den Literaturwissenschaften im besten Fall als »trivial« abgetan wird. (Im schlimmsten Fall wird sie sofort zu Schund erklärt und nicht weiter erwähnt.) Natürlich spricht man aber mehr oder weniger intensiv über den klassischen Schauerroman, und da kann man dann auch mit allen Arten von Untoten anknüpfen, was ich zum Glück bei meinem sehr toleranten und vielseitig interessierten Professor tun durfte. Dass sich das Thema in der Hauptsache in der zeitgenössischen Literatur und im Film ausbreitet, liegt in der Natur der Sache. Der Zombie bot sich für mich an, weil ich schon immer gerne Horrorromane und -filme mochte, besonders sämtliche Spielarten des Splatter. Je blutiger, desto besser! Da liegen Zombies, Kannibalen und ähnliche Gestalten einfach nahe. (Ja, über Kannibalen wollte ich auch mal schreiben. Das wäre mein zweiter Vorschlag für die Magisterarbeit gewesen. Ab dem dritten wäre es dann langweilig geworden.)

PHANTASTIKON

Sind „Splatter“ und „Gore“ denn tatsächlich Horror, oder tragen diese Spielarten nicht eher dazu bei, dass der eigentliche, klassische Begriff, unterminiert wird und der Horror-Begriff immer irritierender? Ich frage das auch, um noch mal an die letzte Frage anzuknüpfen. Douglas Winter prägte den „Schlachtruf“: Horror ist kein Genre sondern ein Gefühl. Und im Grunde ist die ganze Weltliteratur dann auch voller Horror. Beim Splatter hingegen fehlt die Mehrdeutigkeit. Oder siehst du das anders? Was fasziniert dich an drastischer Darstellung?

SIMONA

Splatter kann mehrdeutig sein. Nimm die Filme von Romero, die durchaus explizit in ihrer Gewaltdarstellung sind, aber immer mehrere Ebenen bedienen, immer auch die Gesellschaft sezieren und ein Stück weit angreifen. Außerdem kann er das Vehikel sein, mit dem man finstere Leidenschaften auslebt. Es gibt in der Kunst – auch der unterhaltenden – kein Entweder-oder. Splatter gehört zum Horror, genauso wie Geister, Grusel, Dämonen, Serienmörder, was auch immer. Es geht darum, Ängste zu bearbeiten, Ängste auszuleben, und zwar in einem sicheren Rahmen. Deshalb mögen wir doch alle den Horror: Wir können in unserem gemütlichen Sessel oder abends im Bett eine Geschichte lesen, hören oder ansehen und uns vorstellen, was uns alles passieren könnte – solange es uns nicht wirklich passiert, werden wir es genießen. In meinem Fall: Solange in meiner Dusche kein kleines japanisches Mädchen auftaucht und das Wasser in Blut verwandelt, mir Teigtaschen voller Menschenfleisch anbietet und mir irgendwelche Gliedmaßen abreißt, ist alles cool. Andere mögen andere Ängste haben, meist vermutlich realistischere, aber auch das ist ein Vorteil des Splatter: Er ist roh, obszön und dermaßen übertrieben, dass sich die Furcht in Grenzen hält. Absurdes Theater sozusagen. Ganz davon abgesehen, befriedigt guter Splatter (im Sinne von: realistisch dargestellte, übertriebene Gewalt) bei mir einen gewissen Voyeurismus, den ich nun mal nicht leugnen kann. Wäre ich nicht eine derartige naturwissenschaftliche Niete, ich hätte Medizin studiert, allein für die Chance, Menschen aufzuschneiden und mir ihr Inneres anzusehen. Das hat was Faszinierendes. (Keine Sorge: Meine Neugier geht nicht so weit, dass ich es einfach mal so probieren würde…)

PHANTASTIKON

Charles Manson hätte das auch gesagt….

Kann das der Horrorfilm, der ja etwas gänzlich anderes ist als Horrorliteratur, nicht besser bedienen? Wo siehst du die Vorzüge einer Geschichte oder eines Romans gegenüber des Films?

SIMONA

Verflixt, jetzt hast du mich: Ich habe Horrorfilm und -literatur nicht getrennt. Vermutlich ist das unzulässig, denn du hast recht, die Unterschiede sind nicht gerade marginal. Wo Filme sehr explizit die Ideen ihrer Macher transportieren, in deutlichen Bildern, überlassen Geschichten die Erschaffung der Bilder dem Leser. Das kann manchmal schlimmer sein, mir persönlich machen klar vorgegebene Bilder allerdings mehr Angst. Keine Ahnung, woran das liegt – mangelnde Fantasie meinerseits? Das kann und will ich nicht glauben 😉

PHANTASTIKON

Ich glaube das auch nicht. Ich vermute eher, dass du der visuelle Typ bist. Vielleicht auch mehr der aktive, der nicht im stillen Kämmerlein seinen Ängsten und Träumen nachgeht, sondern sie sich, wenn möglich, plastisch vor Augen führen will?

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das verantwortlich dafür war, dass du diese Seite an dir entdeckt hast?

SIMONA

Nicht wirklich; meine Vorliebe für Horror mag meiner Familie geschuldet sein: Ich habe zwei ältere Schwestern, die ebenfalls gerne Horrorfilme ansehen und Horrorromane lesen. Das hat mich sicherlich schon früh geprägt. Dummerweise hatte ich allerdings auch bereits früh Angst im Dunkeln, eine Angst, die ich bis heute nicht losgeworden bin. Wenn ich nachts zur Toilette will oder so, muss ich Licht machen. Und Dachböden oder Keller betrete ich auch nicht gerade gerne. Warum Gore & Splatter es mir so angetan haben, kann ich nun wirklich nicht sagen. Vielleicht sind die italienischen Kannibalen-Filme der 70er schuld, oder mein Herz für Trash. Oder wieder meine Schwester, die mir besagte Filme ausgeliehen und mit mir Trash-und-Sauf-Abende veranstaltet hat. (Grüße an Sily!) Lustigerweise schreibe ich selber nicht besonders »splatterig«. Ich kann das einfach nicht gut. Dass es in »Trümmer« etwas derber zur Sache geht, macht mich stolz. Normalerweise sind meine Geschichten recht zahm, eher subtil.

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Bei Amrûn ist zu lesen, du würdest Texte zwischen Stephen King, Neil Gaiman und Abdul Alhazred verfassen. Aber du hast auch schon etwas im Stile von Edgar Allan Poe geschrieben. Was kann man deiner Meinung nach von diesen Herren, die ja doch alle sehr unterschiedlich arbeiten, lernen? Ich frage jetzt natürlich nicht wirklich nach Alhazred…

SIMONA

King ist ein Meister des psychologischen Schreckens, ein Jongleur mit Versatzstücken der Phantastik und ein hervorragender Kenner seiner Materie. Kaum ein Autor entwirft solch eindringliche Figuren oder solch herrlich absurde Szenarien. Zum Glück hat er auch viel Schund verzapft, so dass man sich nicht in Scham ducken und Papier und Bleistift wegwerfen muss. Poe hat sich angenehm virtuos in allen Genres herumgetrieben, die ich schätze. Seine Detektivgeschichten gehören immer noch zu den besten überhaupt. Gleichzeitig hat er sehr berührende, zum Teil verstörende Schauergeschichten verfasst und war auch noch angesehener, umfassend gebildeter Kritiker – ich denke, mir gefällt am meisten seine Abgeklärtheit, sein analytischer Blick auf Literatur, der vermutlich Anteil an der Qualität seiner eigenen literarischen Arbeiten hat. Gaiman kann einfach alles – von der merkwürdig-anrührenden Kindergeschichte über fiese Märchen á la Roald Dahl bis hin zu Meisterwerken wie »American Gods« und »Anansi Boys«. Eine solche Bandbreite zu bedienen ist nicht einfach, und bei Gaiman funktioniert es auch noch nahezu immer. Was Alhazred angeht: Betrachte ihn als Stellvertreter Lovecrafts, der zwar nicht gerade ein begnadeter Autor war, aber voller unglaublich guter Ideen. Seine Mythologie ist großartig. Was kann man von diesen Herren lernen? Vermutlich, dass kaum ein Schriftsteller perfekt ist und dass man keine große Kunst erschaffen muss, um etwas Dauerhaftes in die Welt zu bringen, das auch noch nach vielen Jahrzehnten funktioniert. Gute Geschichten, das könnte der Schlüssel sein. Erzählt gute Geschichten!

PHANTASTIKON

Das ist an sich ein guter Schlußsatz. Vorher würde ich aber noch gerne fragen, an was du im Moment arbeitest und was die Leser von dir in Zukunft noch erwarten dürfen?

SIMONA

Aktuell arbeite ich an zwei Projekten: Zum Einen ist da ein bizarrer Roman, der leider noch nicht ganz so schwarz und unheimlich ist, wie ich ihn gerne hätte – aber sobald ich ihm den richtigen Dreh verpasst habe, bekommt ihr eine fiese Geschichte um Götter, Geisterjäger und blutgierige Bibliothekare. (Echt jetzt. Das wird gut!) Außerdem habe ich mal all die kleinen Splitter, lyrischen Versatzstücke und Fragmente zusammengeklaubt, die keine »echten« Geschichten werden wollten, und stelle daraus eine Art Tagebuch zusammen – »Emotionale Abfallprodukte« wird eher unkonventionell und nicht besonders unheimlich. Dennoch hoffentlich lesenswert.
Und irgendwann Ende des Jahres kriege ich hoffentlich die lektorierte Version eines leicht phantastisch angehauchten Drogenromans, den ich gerade an den Amrûn-Verlag verkaufen konnte.
Ihr werdet mich also so schnell nicht los!

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller und Übersetzer, Studium der Psychologie in München. Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Stories im IF #666: “Dorothea”, Stories im Phantastikon: “Der Tod des Sardanapal”, “Der surreale Jahrmarkt”, “Das blaue Kleid”, “Die Gasse der sprechenden Häuser”, “Die Straße Malheur“, “Der Elvegust”.
Projekt Hypnos: Der Bienenstock

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