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Zur Feier des Abartigen

Zur Feier des Abartigen

Polemik und Messe

I

Erinnerung an den Untergang (I)

In einem Kellerraum liegen die Leichen dreier Frauen auf Holztischen aufgebahrt. Sie sind nackt. Es stinkt bestialisch, das Zeitalter von Kühlsystemen und künstlicher Beleuchtung ist vorbei. Ein einzelner Faustschlag hat es beendet, vor zweihundert Jahren kollidierte der Asteroid »(1866) Sisyphus« mit der Erde. Gestank und Finsternis herrschen allerorten.

Ein Fettsack steigt in den Keller hinab. Er hält eine Fackel in der einen Hand, mit der anderen führt er eine Schale glimmender Tannennadeln an die Nase. Der würzige Dunst macht das Atmen erträglich.

»Schattenmann? Bist du hier?«

Keine Antwort, nur ein Rascheln in den Winkeln. Ein Schwarm bepelzter Fliegen steigt auf. Bissige Drecksbiester.

Auf der Stirn des Fettsacks glitzern Schweißperlen, es ist stickig hier unten. Er atmet flach durch den Mund, führt die Tannennadeln ans Gesicht. Er fürchtet das, was er tun muss. Es bereitet ihm keine Lust. Er ist ein Suchender, geplagt von Wissensdurst, Omen und Fiebervisionen. Ein Perverser ist er nicht.

»Schattenmann?«

Er flüstert. Er bereut es, das Echo der eigenen dünnen Stimme fährt wie Winterfrost in die Knochen.

Vor der ersten Leiche sinkt er auf die Knie wie zum Gebet. Seufzend stellt er die Schale mit dem Tannenduft beiseite und streckt sich, streckt die Nase an die Füße der Toten. Er schnuppert.

Könnte es sein?

Mit angehaltenem Atem führt er die Nase zwischen den großen und den zweiten Zeh. Saugt den Leichenhauch in die Lunge, leckt mit der Zunge die Fußsohle. Kostet. Unterdrückt den Würgereiz. Atmet enttäuscht aus.

Nichts. Keine Spur des Schattenmanns. Hätte die Frau sich mit ihm vereint, gäbe es Austrittsspuren. Kupfer und Ruß, eine unverkennbare Mischung. Ohne diesen Hinweis wird er nicht mit der Leiche schlafen.

Sein Magen rebelliert. Er hustet, die Speiseröhre verkrampft. Er kämpft dagegen an, spuckt sauer unter den Holztisch.

Am Rande der Panik tastet er nach der Schale mit den Tannennadeln. Zitternd führt er sie an die Nase und inhaliert den Duft des Lebens, der geistigen Gesundheit.

Nach einer Minute beruhigt er sich. Er wendet sich der zweiten Leiche zu. An ihren Zehen klebt eine schwarze Masse.

Eine Spur des Schattenmanns?

Der Fettsack schließt die Lippen um den Zeh. Saugt, kostet, forscht nach dem charakteristischen Geschmack.

Kupfer und Ruß. Kupfer und Ruß.

Er lässt den Zeh aus dem Mund gleiten – der gelbe Nagel schlägt gegen die Vorderzähne – und schmeckt schmatzend nach. Die schwarze Masse ist tranig, legt sich als Ölfilm auf die Zunge. Teer. Teer und – Scheiße.

In Wellen erbricht er, was sein Magen hergibt, und klammert den zerrütteten Verstand an das Bild seiner Schwester in der Badewanne. Ein Frauenkörper, zart und prall, straffes Fleisch und rosige Wangen zwischen nassem Haar.

Heute wird er keine Tote schänden.

Die Spur des Schattenmannes ist zu vage.

II

Erinnerung an die Furcht

Erinnern wir uns.

Die Brummstimme des Erzählers. Beruhigend, trügerisch. Regen prasselt an die Scheibe, der Wind heult mit den Monstern unterm Bett um die Wette.

Die Plattennadel, die wie verhext an immer derselben Stelle springt. Sie verschluckt ein paar Silben, die nie ein Mensch hören wird. Verfluchte Worte, da und doch auf ewig verborgen.

Das Rauschen am Ende einer Seite, wenn die Nadel im Staub der Auslaufrille festhängt: Schreit dort eine Geisterstimme in endloser Wiederholung um Hilfe?

Gleich hinter der Wand sitzen die Eltern im warmen Licht des Fernsehers. In Rufweite, doch unendlich entfernt. Was, wenn sie dich nicht hören? Wenn auch du eine Stimme am Ende einer Schallplattenseite bist? Die ganze Nacht schreist und nur die Monster dir antworten?

III

Exlibris

Horror ist Anarchie. Horror schafft dem Geist Freiräume, sich mit dem Abseitigen, dem Endgültigen, auseinanderzusetzen.

»Da ist eine tote Stimme am anderen Ende der Leitung mitten in der Nacht«, schreibt Stephen King. »Hinter den Wänden des alten Hauses bewegt sich etwas, das sich größer als eine Ratte anhört … eine Bewegung im Dunkeln am Ende der Kellertreppe. Er will, dass du all diese Dinge siehst und noch mehr; er will, dass du deine Hand auf die Gestalt unter dem Tuch legst. Und du willst auch mit deinen Händen nach ihr fühlen. Ja, das willst du.«

Horror widersetzt sich den Regeln der Wissenschaft, der Religion und der Gesellschaft, dem Diktat einer scheinbar durcherklärten Welt. Sein Reich beginnt in den Schatten, den tatsächlichen wie den metaphorischen. Wirkt das Lächeln des Physikers nicht manisch, wenn er Formeln ersinnt, die nichts mehr erklären? Die heutigen Entdeckungen bleiben den menschlichen Sinnen unverständlich. Die Mythen der Indianer, die Geschichten Poes – sie reflektieren das Unfassbare im Zentrum des Universums anschaulicher als ein System abstrakter Zeichen.

1911 schreibt Alastair Grieben, der Alchemist des Atomzeitalters, an Niels Bohr: »Der Mensch kann das Geheimnis nicht begreifen. Ihm fehlen dazu die Sinne. Das ist furchtbar enttäuschend. Wer pflanzte einst die Gier in ihn, zu wissen? Die Welt zu ergründen, wenn er des Pudels Kern nicht sehen, nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken, nicht fühlen, nicht denken kann? Welcher Gott ist zu solcher Grausamkeit fähig?«

Bohr antwortet: »Denn wenn man nicht zunächst über die Quantentheorie entsetzt ist, kann man sie doch unmöglich verstanden haben.« Kurz darauf verschwindet Grieben. Bis heute gibt es keinen Hinweis auf seinen Verbleib.

Gott ist nicht tot. Er ist desinteressiert. Mürrisch hat er eine Welt erschaffen, deren Gesetze dazu dienen, seine Geschöpfe auszusperren. Das Universum ist seine Antithese, ohne die er nicht göttlich wäre. Gemetzel und Boshaftigkeit, den blutigen Schuh im Straßengraben, betrachtet er mit dem kühlen Blick des Börsenmaklers.

Seinen Essay über H.P.Lovecraft (»Gegen die Welt, gegen das Leben«) eröffnet Michel Houellebecq so: »Das Leben ist schmerzhaft und enttäuschend. Folglich ist es nutzlos, neue realistische Romane zu schreiben. Was die Realität im Allgemeinen betrifft, so wissen wir bereits, woran wir sind; und wir haben keine Lust, noch mehr darüber zu erfahren. Die Menschheit, so wie sie ist, erregt in uns nur mäßige Neugier. All diese ›Beobachtungen‹ eines unübertrefflichen Scharfsinns, diese ›Situationen‹, diese Anekdoten … Ist das Buch einmal zugeschlagen, verstärkt all das nur unseren Ekel, der bereits von jedem beliebigen Tag des ›realen Lebens‹ reichlich genährt wird.«

Horror ist roh. Horror ist unaufgeklärt. Horror ist archaisch, er gewinnt seine Kraft aus wildem Trotz und der Lust am Schrecken. Er ist unzivilisiert und kathartisch. Er schenkt dem Menschen unterm Joch der Selbstoptimierung und des Fortschrittsglaubens die Gewissheit, Teil von etwas Größerem zu sein. Etwas schrecklich Größerem: eine Fratze, die sich im Gewühl des Sternenhimmels verbirgt und jederzeit auf die Erde niederfahren kann. Nackt und grinsend, nackt und grinsend.

»Ja, du magst sagen, was du willst, mein Bester, aber was ist mir das [der Naturalismus] trotz allem für eine Theorie, welch anrüchigem Hirn entsprungen – und was für ein madiges, enges System! Sich beschränken wollen auf die Waschküchen des Fleisches, das Übersinnliche verwerfen, den Traum verneinen – und nicht einmal verstehen wollen, daß für die Kunst der Reiz beginnt, wo die Sinne den Dienst verweigern!« (Joris Karl Huysmans, Tief unten)

IV

Wespen und Nattern

Horror ist subversiv. Dracula war das Echo einer romantischen Zeit, ein Anachronismus; der Letzte seiner Art auf der Suche nach blasphemischer Leidenschaft; Frankensteins Monster eine Geißel seines Jahrhunderts, hingeworfen als Antithese des Humboldt’schen Übermenschen. Das Geschöpf geht an der Intoleranz zugrunde, es leidet in seinem Verlangen nach Verständnis für sein innerstes Wesen. Sein makelbehaftetes Wesen.

Wespenhaftes BWL-Gezücht und appgesteuerte Displaynattern bilden heute eine in-crowd, der der Tod zum Schönheitsfehler verkommt. In einem optimierten wie eigenschaftslosen Scheinleben findet er keinen Platz, wird zum Makel des Verstorbenen. Was hat er falsch gemacht?

Horror hingegen ist Verweigerung, ist Bewahrung der Deutungshoheit: Ginge es in »Es« nur um einen bösen Clown, es wäre ein plattes Vergnügen, ein Budenzauber. Es ist aber mehr. Es ist eine Metapher auf die kindliche Fähigkeit, realen Grusel in Geschichten und Bilder zu sublimieren. Eine Fähigkeit, die der Horrorfreund sich bewahrt hat.

V

Erinnerung an den Untergang (II)

Der Fettsack bemüht sich nicht um Deckung. Die Frau hat nur Augen für den havarierten Meiler. Für die Flammensäule, die aus der zersprungenen Kuppel in den Himmel schießt. Nach und nach streift sie ihre Kleidung ab. Sie zittert, am Rande der Ebene weht ein eiskalter Wind.

Er könnte selbst die Vereinigung mit dem Schattenmann suchen. Es wäre sein Tod. Der Fettsack aber will wissen und leben. Ist das paradox? Kommt er deswegen trotz der Nekrophilie der Wahrheit nicht näher?

»Komm zu mir!«

Die Frau wiegt in den Hüften. Zuckt wie von Sinnen am ganzen Leib. Springt auf die Höllenglut zu, die Haut vom roten Schimmer des unsterblichen Feuers umhüllt.

»Komm zu deiner Schwester, Schatten, und nähre meinen Körper mit deiner Herrlichkeit!«

Was treibt diese Frauen in den Tod? Was sehen sie in den Schattenmännern? Sex? Es wäre einleuchtend. Mit den Männern ist auf dem verstrahlten Kontinent nicht viel los.

Die Schatten waren einst Menschen. Zum ersten Mal sah man sie auf Fotos aus Hiroshima und Nagasaki. 1945. Nukleare Schatten. Japaner, zu Silhouetten an Mauerresten verdampft.

Die entleibten Strahlenopfer sind nicht tot. Blasphemisches Leben. Heiliges Leben, voll jenseitigen Wissens. An jedem zerstörten Kraftwerk Europas führen sie ihre irren Tänze auf.

Der Fettsack schläft mit toten Frauen, um an diesem Wissen teilzuhaben; den Frauen, die bei der Vereinigung mit den Schatten sterben. Sie speichern es in ihren Zellen. In ihrem – Saft? Holsderkuckuck.

Ein Summen.

Ein Vibrieren in den Backenzähnen.

Der Geschmack!

Kupfer und Ruß.

Entsetzt fährt er herum. Mit statischem Knistern schwebt ein nuklearer Schatten auf ihn zu. Er öffnet die Arme. Der Fettsack will fliehen. Erkennt, dass es zu spät ist. Erstarrt.

Seine Lippe bebt, doch er reißt sich zusammen. Findet alle Tapferkeit, die übrig ist, und öffnet gleichsam die Arme. Öffnet sich zitternd dem Schattenmann. Blaue Funken weiten sich in der schwarzen Silhouette, Augen eines durchsichtigen Körpers. Wieder und wieder verwischt weißes Rauschen die Konturen.

Der Fettsack und der Schattenmann schließen sich in die Arme. Kupfer und Ruß.

Blut und Licht.

Finsternis.

VI

Exkurs ins Jetzt

Ein Schriftsteller, der sich dem Horror verschreibt, braucht Starrsinn. Er kennt Dialoge wie:

»Du schreibst? [Wimperngeklimper] Was denn so?« – »Horror. Phantastik.« – »Herr Ober, bringen Sie meine Bestellung bitte an den Nebentisch. Nein, der neben den Toiletten ist perfekt. Schönen Tag noch.« [Steht auf und geht.]

Freunde mit dem literarischen Gespür einer Stubenfliege attestieren seinen Geschichten mangelnde Relevanz. Sachbearbeiter auf Ämtern raten ihm ungefragt, »mal sowas wie Harry Potter zu schreiben«. Seiner Mutter ersticken Tränen die Worte der Abscheu.

Der Schriftsteller weiß es besser. Er darf hoffen, hoffen auf die posthume Entdeckung, in der Rückschau vom verkrachten Sonderling zum verkrachten Genie aufzusteigen, verehrt von einem Zirkel Bewunderer.

Er selbst ist dann Teil der Schatten, die er Zeit seines Lebens heraufbeschwört.

VII

Postulat

Horror sei Rausch und Messe, Orgie und Perversion! Wild und herausfordernd, übermütig und brutal! Aus dem Brunnenschacht greife er nach den Sternen!

VIII

Blut!

Denn seien wir ehrlich: Manchmal haben sie recht, die Kritiker. Manchmal geht es um nichts weiter als den Rock’n’Roll des Zerschnetzelns und Ausweidens.

Mutter, Blut!

Darmschlingen!

Mehr, mehr!

IX

Erinnerung an den Untergang (III)

Mehr Dunkelheit? Ist das die Offenbarung des Schattenmanns? Korridore voll verhangener Finsternis? Zitadellen und Schächte voll schwarzem Nichts?

Aber es ist nicht vollkommen dunkel hier. Da ist ein Licht. Eine winzige Flamme am Ende des Tunnels.

Der Fettsack seufzt. Er klopft Ruß und Staub von den Schultern und stapft los, immer weiter zu auf das flackernde Licht, das im eisigen Zug zu ersticken droht.

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