Wenn Furchtbares erwartet wird

Ich bin schrecklich. Oder völlig normal. Tatsache ist, dass ich mit mir selbst wette, was passieren könnte. Zwei Möglichkeiten sind Regelfall. Gewinnt eine dritte, habe ich etwas Furchtbares dazugelernt. Das kann nicht schaden, der Horror im Kopf will gefüttert werden.

Beispiel: Ein Psychopath entführt eine Frau, die er als sein Eigentum betrachtet. Sie sitzen nebeneinander im Auto, es regnet, es ist dunkel, sie weiß, dass er komplett wahnsinnig ist. Die Frau hat eine Tätowierung am Oberarm. Robby. Der Name ihres Ehemannes. Der Psychopath starrt darauf, hält mit quietschenden Reifen am Straßenrand an, kneift die Lippen zusammen, blinzelt in Zeitlupe, schweigt gekränkt, starrt wieder, fragt sie leise, was das, bitteschön, solle.
Sie zuckt zusammen, schüttelt ängstlich den Kopf, versucht vergeblich, den kurzen Ärmel ihres T-Shirts über Robby zu ziehen. Er wird lauter, fragt sie, was er jetzt machen solle, was, verdammt-verflucht-nochmal er jetzt machen müsse, ja, was sie denn wohl an seiner Stelle tun würde, wenn jemand ihm den Namen einer anderen Frau in die Haut gestochen hätte. Er kommt mit seinem Gesicht näher, der Blick flackert, er lächelt falsch, er brüllt. Sie stöhnt auf, schluchzt, weicht zurück. Er sieht sie an. Diese Augen. Was passiert?

Ich überlege kühl. Wäre ich er…ich könnte die Tätowierung mit dem Zigarettenanzünder ausbrennen. Sie zumindest unkenntlich machen. Ich könnte sie ihr auch mit einem scharfen Messer wie ein Stück Filet aus dem Arm schneiden. Oder aber heraus beissen, kauen, ausspucken. Fressen, schlucken. Ich könnte auch Nerventerror betreiben. Kalt fixieren, nicht rühren. Nervös machen. Angst machen. Nur schrecklich große Angst machen und vorerst passiv bleiben. Und dann vielleicht…

Ende. Der Kerl hat zugebissen. Die Frau schreit auf. Es klingt grauenvoll. Sein Mund ist blutverschmiert. Sie wimmert, er nickt zufrieden. Tätschelt sie wie ein kleines Kind. Schtscht, es ging nicht anders.

Schlimm, sowas. Aber keineswegs unüblich. Ich habe damit gerechnet. Und wäre enttäuscht gewesen, wenn so gar nichts geschehen wäre. Gelangweilt auch.

Verbleibt die Frage, ob ich kaltschnäuzig und irgendwie verroht bin oder einfach nur auf schaurigem Terrain bebildert und erfahren. Immerhin erschreckt es mich selbst immer noch auf annehmbare Art, wenn ich mir beim Lesen, Lauschen oder Schauen vorstelle, wie eine finstere Situation sich weiter entwickelt, und dann geschieht exakt eine der bösen Abartigkeiten, an die ich gedacht habe. Das ist grundsätzlich kein harmloses Gedankenspiel, da zieht man die Figuren mit zittrigen Fingern und erwartet mit berechtigter Befürchtung, dass sie geschlagen werden. Was sich tatsächlich abspielt, erfreut mich natürlich nicht. Ich bin nicht pervers. Es bestätigt mich nur. So soll es auch sein. Sonst wäre es kein Horror. Kein echter. Kein guter.

Nehmen wir diese Szene. Der Irre mit dem Skalpell beugt sich über den Fixierten, fährt ihm fast zärtlich mit der Hand durchs Haar, flüstert. “Weißt du, was ich mit dir machen werde?” Der angeschnallte Mann ist unbekleidet, der Raum ist grell erleuchtet. Ich sehe in die Augen des Irren, ich sehe in die des Nackten. Und ich sehe, was jetzt gleich passiert. Passieren könnte. Wird. Es sind grauenvolle Momentaufnahmen, es klickt bestialisch in meinem Kopf. Ich genieße das nicht. Ich akzeptiere es. Weil es dazugehört. Ich bin kein schlechter Mensch. Während ich schreibe, kraule ich meine Hunde. So weich, warm und lebendig.

Wie das Känguru, das unser Psychopath, der die tätowierte Frau entführt hat, in einem Schultertuch mit sich herumträgt. Ein Jungtier. Er spricht mit ihm, füttert es, streichelt es. Bis er ausrastet. Er regt sich über die Frau auf, die ihm nicht die gewünschte Zuneigung schenkt, über seinen Vater, den er ermordet hat: Selbst Schuld, selbst Schuld…Er flucht und schreit und hält das Tuch wie eine Schleuder, und ich weiß, dass er das winzige, unschuldige Känguru töten wird. Er schlägt es gegen die Wand. Wieder und immer wieder.

Auch das habe ich erwartet. Weil ich das Furchtbare ticken höre. Nicht ich allein. Ihr hört es auch. Ihr Eingeweihten, die keine wirklichen Erklärungen brauchen.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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