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Was geschah wirklich mit Baby Jane?

Vor Bette Davis habe ich mich als Kind gegruselt. Ich sah Was geschah wirklich mit Baby Jane?, verstand das so lala, merkte mir aber die alte Hexe im Puppenkleid als eine der Gestalten, die grundsätzlich hinter der Ecke lauern. Wortkarge Blutsauger. Menschenfressende Zyklopen. Wahnsinnige Frauen mit riesigen Augen.

Jane (Bette Davis) und Blanche (Joan Crawford)

Jane (Bette Davis) und Blanche (Joan Crawford)

What Ever Happened to Baby Jane? (Originaltitel) ist ein phantastisch makabrer Film gleich einem genialen Psycho-Kammerstück gleich einem grandiosen Nerven-Duell zweier Hollywood-Diven, die sich gegenseitig an die Wand spielen: Bette Davis (1908 – 1989) als Jane Hudson, einst umjubelter Kinderstar (Baby Jane), boshaft verwirrt und Gefangene ihrer Vergangenheit, Joan Crawford (1905 – 1977) als deren Schwester Blanche, ehemals eine berühmte Schauspielerin, nach einem von Jane (angeblich!) verursachten Autounfall und damit verbundenem Karriere-Aus seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt, angewiesen auf eine Verrückte und abhängig von deren Launen und Gewissensbissen.

Die eine singt, schreit, trinkt und spinnt, die andere leidet und schweigt, will kämpfen und verliert. Seelische Wracks sind beide.
Natürlich leben die Schwestern isoliert in einer alten, dunklen Villa. Das machen sie immer, die Ruhelosen. Die Merkwürdigen. Sie leben in alten, dunklen Häusern.

Jane mit ihrer "Baby-Jane"-Puppe, Ebenbild von ihr als Kinderstar

Jane mit ihrer „Baby-Jane“-Puppe, Ebenbild von ihr als Kinderstar

Als Blanche heimlich die Villa verkaufen und Jane in eine Nervenheilanstalt einweisen lassen will, eskaliert Janes Hass auf alles und jeden. Gleichzeitig schwindet ihr Realitätssinn völlig. Grausamen Psychoterror-Spielchen mit Blanche folgt der Wunsch, ihre Kinderkarriere wieder zu starten. In grotesker Aufmachung, – grell geschminkt mit koketten Kleinmädchen-Löckchen und Kleidern, die Kopien ihrer Baby-Kostüme sind -, trällert sie ihre alten Lieder, auf dem Klavier begleitet vom abgehalferten Musiker Edwin, der für sein Honorar alles gibt: Er findet sie abartig, bestärkt sie aber in ihrer lächerlichen Phantasie.

Auf den missglückten Versuch ihrer eingesperrten Schwester, die Nachbarn zu alarmieren, reagiert Jane hysterisch mit brutalen Schlägen, gibt der schwer Verletzten nicht mehr zu essen und tötet eine langjährige, von ihr grundlos gefeuerte Hausangestellte, die aus Sorge nach dem Rechten sehen will. Panisch schleppt sie Blanche an einen bevölkerten Strand, will völlig euphorisch Eiscreme für beide kaufen und erfährt von ihrer sterbenden Schwester, dass nicht sie es gewesen war, die betrunken den Autounfall verursacht hatte, sondern Blanche selbst.

Letzte Szene: Jane führt am Strand eine ihrer Baby-Nummern auf, Schaulustige und die Polizei stehen leicht amüsiert, mehr entsetzt, allemal hilflos dabei.

Am Strand

Am Strand

1961 erwarb Regisseur Robert Aldrich die Rechte an dem Roman What Ever Happened to Baby Jane? von Henry Farrell, schaffte es, die Crawford trotz ihres Glamour-Images für die Rolle der tragischen, gequälten Blanche zu gewinnen und ließ Bette Davis, deren Glanzzeit 1962 (Filmstart) bereits fast, nur fast,  Legende war, als irre Jane in ihrer verkehrten Welt noch einmal wie Phoenix aus der Asche steigen. Zwei Jahre später drehte er mit ihr in der Rolle der kauzigen, traumatisierten Charlotte Hollis den großartigen Schauer-Film Wiegenlied für eine Leiche, wohl wissend, dass niemand sonst so begnadet böse abgedreht starren und spielen konnte.

Die Finanzierung von Was geschah wirklich mit Baby Jane? war nicht ganz so einfach, die etablierten Studios sahen in Aldrichs Projekt, – sechs Oscar-Nominierungen eben trotzdem! -, mit zwei verblühenden Veteraninnen vom Olymp nicht unbedingt den Kinokassenstürmer. Jack L. Warner, Chef von Warner Bros., verdrehte die Augen, als er von der Besetzung mit diesen „two old washed-up broads“ (abgetakelte alte Schachteln) erfuhr.
Tatsächlich erntete der Film, mittlerweile längst schon zum gelobten Düster-Klassiker geworden zur damaligen Zeit nicht die besten Kritiken. Bosley Crowther von der New York Times, der eh nicht gut auf die Crawford zu sprechen war, – weiß der Teufel wohl, warum…-, nannte die Schauspielerinnen „ein paar echte Freaks“ (okay soweit, was die Darbietung betrifft), hatte dann aber nur meckernde Worte übrig:

„Die Geschichte um zwei alternde, ehemals berühmte Schwestern gestattet es den beiden nur, groteske Kostüme zu tragen und, wie Hexen zurechtgemacht, maßlos zu übertreiben.(…) Miss Crawford als das arme Opfer im Rollstuhl (…) so eine kunstlos gespielte hilflose, kleine Frau, dass man nichts für sie empfindet. Kein Wunder, dass ihre verrückte Schwester sie todlangweilig findet.“

Joan Crawford selbst war im Nachhinein nicht glücklich mit ihrer Rolle. Die herbe Schönheit, groß geworden in Filmen, die sie mondän, immer etwas arrogant, kühl und ausnahmslos elegant in edelster Garderobe zeigten, sah in der Blanche Hudson eine Art Endstation. Der Glanz von gestern war vorbei, und tat sie sich auch selbst Unrecht mit der Sichtweise ihrer Person in Was geschah wirklich mit Baby Jane?, – sie war wirklich gut, wirklich authentisch, Crowther beherzt zum Trotze – , so wurden ihr in den Folgejahren nur noch Angebote für preisgünstig produzierte Horrorfilme gemacht. Über ihre Arbeit für Aldrich sagte sie später:

„Grundgütiger. Ich habe immer noch Alpträume deshalb. Ich weiß, warum der Film niemals hätte gedreht werden dürfen. Ich weiß aber auch, warum es eine Notwendigkeit gab, ihn zu realisieren. Ich war einsam. (…) Und ich brauchte das Geld.“

Blanche, eingesperrt von Jane

Blanche, eingesperrt von Jane

Nur ein schwacher Trost mag es da für sie gewesen sein, dass sie im Boulevard-Magazin Variety, damals tonangebend in der Branche, für ihre Darstellung hervorragend abschnitt. Freilich, die Worte sagen nicht nur viel über die Blanche, sie sagen auch alles über die Diven der Vergangenheit, die welkten und nicht mehr gefragt waren. Die Blicke hinter die Glitzerfassade Hollywoods in Aldrichs Psycho-Mär sind echt, nicht nur von ungefähr steht sein Film von Ruhm, Gier, Wahn, Vergessenheit und Verzweiflung in einer Traditionen mit Werken wie Boulevard der Dämmerung und Stadt der Illusionen.

„In einer wunderbaren kleinen Szene zeigt Miss Crawford ihre Reaktionen, während sie alte Filme von sich im Fernsehen sieht. Ihr Gesicht strahlt in der Erinnerung an den vergangenen Ruhm (…) Es ist herzzerreißend.“ (Variety)

Klingt wehmütig. Mag wohl auch bitter sein, wenn es vorbei ist. So manche ältere Schauspielerin, deren Glanz und Glorie so langsam in den Hollywood-Archiven landete, hat es deshalb vorgezogen, besser andere Rollen als gar keine mehr zu spielen. Beispielsweise in, – leider oft zweit- und drittklassigen -, Horrorfilmen; da wurde aus dem einstmals von Männern umworbenen Vamp oftmals ein tyrannisiertes, attackiertes Opfer, schreiend, hilflos. Verwirrt. Alt.

Der Erfolg von Was geschah wirklich mit Baby Jane? zog eine ganze Reihe von derartigen Filmen nach sich. Über die wunderbare Olivia de Havilland, la grande dame, der in Lady in a Cage von einer Meute Jugendlicher das Leben zur Hölle gemacht wird, meinte ein Kritiker lapidar:

„Zählen wir Olivia zu den Schauspielerinnen, die lieber Freaks spielen, als vergessen zu werden.“

Vielleicht verdanken wir dieser durchaus effektiven Einstellung, – immerhin, die Ladies bringen’s ja -, eine derart famose Jessica Lange in American Horror Story. Tootsie (Lange) war halt gestern. Vom Winde verweht (Havilland)und All about Eve (Davis) eben auch.

Alt zu werden ist eben nichts für Weichlinge. So die große Bette Davis:

„Growing old is not for sissies.“

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