Romero ist tot – Wir bewachen sein Erbe

Keine Ruhe den Dahingeschiedenen, keine Tränen am Grab. Nur Grauen. Nur Angst. 1968. Die Menschen träumen nicht mehr vom Himmel, sie wollen nur noch überleben. Da sind die anderen. Die wollen nur noch fressen. So gierig, dass Reader’s Digest davor warnt, zum Kannibalismus verführt zu werden, wenn die Nacht der leben Toten allzu aufgeschlossen verarbeitet würde. Unsinn. Natürlich. So töricht sind wir nicht. Waren wir, wart Ihr damals nicht. Aber wachsam. Seitdem. Weiterhin.Was passiert, wenn die Luft grau, der Horizont blutig, die Seele verloren ist?

Regisseur George A. Romero (1940 – 2017)

George A. Romero war vierzehn, als er mit einer Schmalspurkamera erste kleine Weltanschauungen drehte, achtundzwanzig, als er mit zusammengepumpten 114.000 US-Dollar Night of the Living Dead (eingespielt bis dato: mehr als 215 Millionen) ins Kino brachte. Zentraler Drehort: Ein abbruchreifes Haus, in dem die Crew sich austoben durfte. Primärer Tatort: Ein Grab auf dem Evans-City-Friedhof (heute eine kleine Touristenattraktion), an dem zwei Kinder beten. Ein schwarzgekleideter Fremder nähert sich. Und dann…erstarrte die Menge. Mit vielen hatte man gerechnet, Psychopathen, eiskalten Mördern, den üblichen Hilfeschreien und Todesarten. Mit sowas nicht.

Night of the Living Dead war als Gruselfilm angekündigt, ohne Alterfreigabe, wie damals gängig, und in der Nachmittagsvorstellung heulten die Kinder, kreischten die Frauen, zuckten die Männer. Das Publikum schnappte nach Luft, die Kritiker waren irritiert und mussten umdenken.

Unbekümmert hatte man sich an elegante Vampire, Monster in Gummianzügen, gigantische Insekten und Echsen gewöhnt, jetzt ging es ans Eingemachte. Das Kind frisst die Mutter, die Frau frisst ihren Ehemann, die anderen nagen an abgerissenen Gliedern. Ein Farbiger (Duane Jones) avanciert zum Helden, stirbt trotzdem. Das Ende: Trostlos.

Vorausgegangen war die Faszination, Inspiration, Prophezeiung eines Buches: I am Legend, diesen großartigen Seuchen- und Vampirroman von Richard Matheson, hatte Romero verschlungen. Sowas wollte er machen. Etwas Düsteres, Böses, Angstmachendes, das den Menschen zwingt, sich in einer Welt zurechtzufinden, die er so nicht kennt. Gleichsam etwas schonungslos Wachrüttelndes, das zeigt, wie grausam es ist, sich der Umbarmherzigkeit beugen zu müssen. Krieg, Rassismus, Zerstörung, Kaltherzigkeit, Egoismus, Naturgesetzlichkeit…Fressen und gefressen werden…soll, muss, darf es so sein?

Blutsauger wie bei Matheson waren für den noch völlig unverbrauchten New Yorker Filmemacher, – Altbewährtes wie Kunst und Theaterwissenschaften hatte er studiert, jetzt gierte er nach bahnbrechender Praxis – , zwar reizvoll als Hauptakteure, aber er wollte seine eigene Hölle. Untote. Zombies. Für Hollywood und den großen Rest erschuf er sie nicht, – die Thematik taucht in alten Filmen wie White Zombie (1932) und Ich folgte einem Zombie (1943) auf – , er verwandelte sie. Aus dem gehorsamen, mechanisch agierenden Wiedererweckten, Sklave des Voodoo-Priesters, wurde der Verseuchte. Verfluchte. Verlorene. Grenzenlos Verfressene ohne jegliches menschliches Gefühl.

Ganz sachlich wird da gesagt:

Es hat sich bestätigt, dass vor kurzem Verstorbene wieder ins Leben zurückkehrten und zu blutdürstigen Mördern wurden.

Und so panisch, entsetzt, hilflos wird erkannt:

Es werden immer mehr! – Sie kommen und holen dich!

Immer mehr…in den letzten (fast) fünfzig Jahren hat sich das zumindest in der Filmindustrie allemal bewahrheitet. Massenansammlungen, regelrechte Völkerwanderungen von Zombies wie in The Walking Dead, – der seit 2010 marschiert, beisst, zerreisst, frisst – , offerieren als die letzte eine große Schlacht keine Perspektiven. So ein bisschen Hoffnung konnte man ja nach Romeros Erstlings-Schocker noch haben, dachte da einfach: Das wird schon wieder. Irgendwie. Und die Beweglichsten und Raffiniertesten waren Romeros Zombies ja auch nicht. Eher ungelenk, steif und plump. Könnte man in den Griff bekommen. Nervös gefragt im Film: „Und die bewegen sich wirklich langsam?“
Beruhigende Antwort:

Ach, mit denen ist nicht viel los. Ziemlich vergammlter Haufen.

Tja nun. Hat sich freilich alles geändert. Bis auf den tödlichen Kopfschuss. Der wirkt immer (noch). Die Zombies sind schnell geworden. Sehr schnell. Noch direkter. Angriffslustiger. Viel fieser. Hässlicher. Zerfledderter. Sie rennen mit herausquellenden Eingeweiden, zerfetzten Beinen, ohne Arme, ohne Gesichter, mit Maden, die sich im stinkenden Fleisch tummeln.

George A. Romero hat, ganz klar, den Weg dafür frei gemacht. Platt gemacht. Da wächst seitdem kein Grashalm mehr, der nicht irgendwann mit Blut begossen wird. Mit Night of the Living Dead, dem ersten echten Erwachsenen-Horrorfilm, – toughe Kerle schlachten sich gegenseitig ab, wenn’s hart auf hart kommt, und am Ende…sind alle tot – , machte er den Zombie zum Inbegriff des unfassbar schrecklich Möglichen. Zudem läutete er die Slasher-Geburt ein, interessanterweise im gleichen Jahr, in dem mit Rosemary’s Baby der christlich durchtränkte Horrorfilm seinen triumphalen Einzug ins Genre hielt.

Zehn Jahre nach Die Nacht der lebenden Toten kam Romeros Dawn of the Dead ( Zombie) auf die Leinwand und wurde zum Welterfolg. Es folgten Day of the Dead (1985), Land of the Dead (2005), Diary of the Dead (2007), Survival of the Dead (2009). Der Pest treu ergeben…wegschauen konnte, kann niemand mehr. Und 1970er-Filme wie Texas Chain Massacre und Hügel der blutigen Augen demonstrieren bild- und blutgewaltig, welche Route genommen werden darf. Seitdem. Und in immer waghalsigerem, hundsgemeinem Tempo.

Maestro Romero starb am 16. Juli in Toronto an Lungenkrebs. Seine Familie sagt, er habe sich in seiner letzten Stunde gewünscht, die Musik aus seinem Lieblingsfilm zu hören. Der Sieger. 1952. John Wayne. Alte Haudegen. Prachtvolle Kerls. So war’s einmal. Gut so.

Mit großem Respekt.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz