Realität im Extremzustand

Meine Definition von Phantastik, mit der ich hantiere ist folgende: Phantastik ist Realität im Extremzustand. Glücklich bin ich mit dem Begriff der „Phantastik“ – so paradox es klingen mag, ein rein deutsches Unwort, das sich aber gut anhört, nicht. Das liegt nicht am Wort selbst, sondern an der – für mich – blödsinnigen Konstruktion, das Wort auf die drei Säulen „Horror“, „Science Fiction“ und „Fantasy“ zu stellen. Würden wir die Phantastik als ein Synonym der Spekulativen Literatur ausgeben, hätte ich allerdings gar keine Einwände. Denn dann würden wir die „drei Säulen“ um den „Magischen Realismus“, die „Alternative Geschichtsschreibung“ und die „wissenschaftliche Fantasy“ erweitern können. Weitere völlig unklare Begriffe, versteht sich. Aber „Horror“ und „Science Fiction“ gehören für mich nur bedingt zu unserer Vorstellung von Phantastik.

Im Horror wird das deutlich: Das Schweigen der Lämmer taucht auf vielen Horror-Listen auf. Abgesehen davon, dass es sich dabei um einen Krimi/Thriller handelt, stimmt das natürlich auch. Aber ist das Buch phantastisch? Nicht wirklich. Spekulativ ist es aber allemal. Wir haben uns keinen Gefallen getan, einen begrifflichen Sonderweg zu gehen. Wie gesagt, ist Phantastik eine rein deutsche Erfindung. Um es also noch einmal zu erwähnen: wir sollten das Wort behalten, als Synonym für speculative fiction, oder: Spekulative Literatur.
Findige Köpfe werden jetzt anmerken: speculative fiction wurde von Robert Heinlein bereits als Synonym für Science Fiction (etwa 1947) eingeführt. Und er wies ausdrücklich darauf hin, dass er die Fantasy damit garantiert nicht meine.

Ich plädiere für ein Zitat von Frank Weinreich:

„Man lernt an den Definitionsdilemmata ganz plastisch, dass jede Definition eine normative Setzung ist und als solche angezweifelt, modifiziert oder ersetzt werden kann. Und das sogar in den Naturwissenschaften.“

Früher hätte ich mich ohne Umschweife als Horrorleser bezeichnet, über all die Jahre wurde ich mir immer unsicherer. Das lag vor allem daran, weil ich das, was ich mit allen Sinnen suchte, auch in anderen Gattungen der Literatur fand. Heute kann ich es vielleicht besser ausdrücken; es fällt mir leichter, weil der Horror einen entscheidenden Richtungswechsel vollführte, der mich kalt lässt. Ich meine damit die Betonung der Gewalt. Damit wir uns nicht missverstehen: ich will, ich fordere geradezu eine intensive und realistische Darstellung des Prozederes, aber ich suche sie nicht. Das ist nicht der Grund, warum ich mich früher als Horrorleser verstand. Ich bin süchtig nach einer gewissen Atmosphäre, nach einer aufgeladenen Rätselhaftigkeit, nach Alptraum und Rätsel, nach Undeutbarkeit, Unbestimmtheit und der Essenz der Dunkelheit. Wie bei Kafka. Wie bei Poe. Bei Ligotti, Aickman. Aber ich fand das, was ich suchte, auch in manchen Science Fiction-Erzählungen, öfter sogar als in der Horror-Ecke. Ich fand es in der Fantasy. Ich fand es in Thomas Manns Zauberberg – wird deutlich, was ich meine?

Ganz besonders fand ich es bei Borges, Cortazar, wie überhaupt in der lateinamerikanischen Literatur. Horror? Das scheint mir keine gelungene Bezeichnung zu sein für den Horror, den ich meine. Weird Fiction kommt dem vielleicht am nächsten, aber auch dieser Begriff ist aufgeladen mit nicht immer stimmiger Energie. Fritz Leiber zum Beispiel schrieb in vielen unterschiedlichen Genres, für mich schrieb Fritz Leiber aber immer „Fritz Leiber“. Ich glaube, der Horror ist am Ende, wenn er nicht mehr von unserer Unwissenheit, von unserer Einsamkeit in diesem Universum unterrichtet, wenn er an einer Realität festhält, die nicht mehr die essenziellen Fragen variiert. Horror ist für mich immer und ausschließlich Philosophie. Unterhaltsam zwar, aber nur deshalb, damit es besser runtergeht, was da an Ungeheuerlichkeiten entfaltet wird. Wer denkt, der Begriff „Ganzheitlichkeit“ habe nichts mit Horror zu tun, der hat ihn nie verstanden. Die heutigen Horrorleser sind mehrheitlich auch Thrillerleser. Das interessiert mich nicht. Das Extreme findet im Kopf statt und hat mit Denken und Fühlen zu tun.

Was Horror ist, weiß ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass diese Frage nur individuell zu lösen ist. Der eine fürchtet sich vor Spinnen – ihm wird Tarantula der größtmögliche Horror sein. Ein anderen fürchtet sich vor Einsamkeit, für den habe ich I am Legend parat. Dass Horror ein Gefühl und kein Genre ist, ist mittlerweile ein alter Hut. Aber man kann ihn nicht verbessern. Diese Aussage beinhaltet eine fast schon wissenschaftlich Evidenz.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.