Die Fliege

Die Geschichte von dem Mann, der eine Fliege übersah und starb, wurde bereits erzählt. Wäre das nicht der Fall, müsste man sie erfinden. Die Idee ist so brillant, dass jeder gute Autor von ihr träumen sollte. Aber selbst in seinen kühnsten Flügen wird er es nicht hinkriegen, eine Geschichte von einem Mann erzählen zu können, der eine Fliege übersah und starb, die der von George Langelaan gleich kommt. Nahe, etwas näher kommt. Vielleicht? Geht nicht. Die Fliege hat bereits Tinte geschluckt. Ganz edle. Die beste. Dort, wo es die gibt, würden wir gern denken. Und schreiben.

Die Fliege
© 20th Century Fox

Die Fliege (The Fly) ist eine Novelle des britisch-französischen Schriftstellers und Journalisten George Langelaan (1908 – 1972), die 1957 im Playboy erschien und zweimal in zeitlichem Abstand von achtundzwanzig Jahren verfilmt wurde. Die Story von dem Wissenschaftler, der Bahnbrechendes (eine Teleportationsmaschine) erfindet und bei seinem Selbstversuch an einem kleinen Insekt in der „Beam“-Kabine scheitert, dessen DNS mit seiner verschmilzt, ist großartig gedacht und gemacht. Da schwächelt nichts, das liest sich elegant runter und seilt sich atemlos an den Nerven wieder hoch, um den Nachschub zu erwischen: Gang zurück, Die andere Hand, Sturz ins Vergessen …gesammelt erschienen in Die Fliege und andere (seiner) Erzählungen. Da werden böse Gedanken wahr. Auf bissig-trockene, beinahe kühle und atmosphärisch erschreckend-schöne Art. Wer so was kann, ist einfach nur gut.

Die Fliege weiterlesen

Die Legende vom kopflosen Reiter

Auch wenn er selten aufgezählt wird, ist eine der bekanntesten Kreaturen der westlichen Volksmärchen der kopflose Reiter. Innerhalb der keltischen Folklore lässt sich die Erscheinung bis ins Mittelalter zurückverfolgen, aber die bekannteste Interpretation des legendären Gespensts stammt aus der Nähe von Terrytown, New York und ist in einem ruhigen Dorf namens Sleepy Hollow entstanden. Niedergeschrieben wurde die Legende von Washington Irving, und gehört hat jeder in der ein oder anderen Form schon einmal davon.

Die Legende besagt, dass das Gespenst einst ein hessischer Soldat gewesen ist, der in einer namenlosen Schlacht während des Revolutionskrieges durch eine Kanonenkugel getötet wurde. Der kopflose Reiter erhebt sich an jedem Halloween, um zu versuchen, seinen Schädel zu finden, indem er andere Köpfe abhackt, bis er den seinen endlich gefunden hat. Doch der kopflose Reiter ist natürlich nicht nur an Irvings Geschichte gebunden.

Eine weitere amerikanische Legende des “kopflosen Reiters” stammt aus der Feder des englischen Schriftstellers Thomas Mayne Reid. Seine Geschichte „Headless Horseman: A Strange Tale of Texas“ scheint einem ähnlichen roten Faden zu folgen wie Irvings Erzählung. Dort gibt es zwei Männer, die der schönen Louise Poindexter in Texas den Hof machen, während ein kopfloser Reiter durch die weiten Ebenen streift.

Allerdings lässt sich der Ursprung dieser Geschichte als eine Nacherzählung von „El Muerto – The Headlesss Horseman“ erkennen, die in den amerikanischen Pionierzeiten von einem Mann namens Creed Taylor erzählt wurde.

Die Begebenheit handelt von zwei Männern, die in Mexiko Pferdediebe jagten. Als sie den Anführer einer Gruppe dieser Gauner fanden, töteten sie ihn und enthaupteten ihn anschließend. Dann banden sie den kopflosen Leichnam auf einen wilden Hengst und ließen ihn als Warnung für andere Diebe in der Nähe frei herum laufen.

In der irischen Volkserzählung ist der Feenreiter ohne Kopf der Dulachán oder Dullahan. Er fährt eine von mehreren Pferden gezogene Kutsche oder reitet einfach auf einem Pferd. Der Reiter hatte seinen Ursprung in der keltischen Mythologie des Crom, der enthauptete Opfer forderte. Der Kopflose erschien stets jemanden, der mit einem wohlhabenden Herrn oder Landbesitzer verbandelt war, und sagte unter anderem den Tod voraus. Andere Beschreibungen betonen, dass der Reiter ungesehen bleiben will. Sollte ihn einmal jemand entdecken, so reißt er dem Betrachter die Augen aus.

Der Dullahan taucht in mehreren Volksmärchen auf, insbesondere in Thomas Crofton Crokers „Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland“ – Märchen und Traditionen des südlichen Irland.

Von den drei Bänden wurde nur der erste als “Irische Elfenmärchen” ins Deutsche übertragen. Jene, die den kopflosen Reiter thematisieren, sind nicht dabei. Es handelt sich um “Hanlon’s Mill”, “The Death Coach” und “The Headless Horseman”. In “Hanlon’s Mill” wird von Michael Noonan erzählt, der seine Schuhe von einem Schuhmacher abholen geht und auf dem Heimweg von der Erscheinung des Reiters erschreckt wird:

Aber wie erstaunt war Mick, als er dicht neben sich eine große, hohe schwarze Kutsche entdeckte, die von sechs schwarzen Pferden gezogen wurde, mit langen schwarzen Mähnen, die fast bis auf den Boden reichten, und einem ganz schwarz gekleideten Kutscher, der auf dem Bock saß.

Aber was Mick am meisten überraschte, war, dass er weder am Kutscher noch eines der Pferde einen Kopf besaß. Der Wagen huschte schnell an ihm vorbei, und er konnte sehen, wie die Pferde ihre Beine in einem feinen Rhythmus bewegten, wie der Kutscher sie mit seiner langen Peitsche antrieb und die Räder sich in schnellen Spiralen drehten; aber weder die Kutsche noch die Pferde machten ein Geräusch. Er hörte nur den regelmäßigen Schritt seines eigenen Pferdes und das Quietschen der Zügel des Wagens, die nicht besonders gut gefettet waren.

Übers. von Michael Perkampus

Getreu dem Volksmärchen stirbt der Gutsherr am Ende dieser Geschichte. In “The Death Coach” beschreibt die grimmige Prosa das Erscheinen des Reiters und seiner gespenstischen Kutsche in einer sternlosen Nacht. Er schwingt eine Peitsche, die aus einem menschlichen Rückgrat gefertigt wurde.

Eine Kutsche! – Aber diese Kutsche hat kein Dach;
Und die Pferde! – Die Pferde haben keinen Kopf;
Und der Kutscher! – Für ihn gilt das gleiche.

Die Räder sind mit den Oberschenkeln toter Männer gespeicht
und die Stange sieht aus wie die Wirbelsäule eines Rückens!

Das schäbige Tuch, das an den Fenstern flattert,
ist ein schimmliges Leichentuch, das üble Dämpfe verströmt;
und um der seltsamen Kutsche auf ihrem Weg ein Licht zu gestatten,
hängen zwei hohle Schädel als Lampen daran!

In “The Headless Horseman” schließlich reitet der Protagonist Charley Culnane im Regen nach Hause, nachdem er mit seinem Freund etwas getrunken hat. Während er übermäßig besorgt ist, dass seine neuen Trenszügel durch den Regenguss ruiniert werden könnten, bemerkt er den Dullahan, der neben ihm her trabt, zunächst nicht. Er entdeckt den Kopf des Reiters erst, als das Feenwesen ihn unter seinen rechten Arm nimmt:

Charley sah wieder hin, und nun zur der richtigen Stelle. Jetzt sah er deutlich unter dem besagten rechten Arm jenen Kopf, von dem die Stimme ausgegangen war, und einen solchen Kopf hatte kein Sterblicher je zuvor gesehen. Er sah aus wie ein großer Frischkäse, mit schwarzem Pudding garniert: kein Fleckchen Farbe belebte die aschfahle Blässe der faltig eingekerbten Züge; die Haut lag gespannt über der unheimlichen Oberfläche, fast wie das Fell einer Trommel.

Zwei feurige Augen von ungeheurem Umfang, mit einer seltsamen und flackernden Bewegung, schossen Blitze wie Meteore auf Charley hinüber, und um alles zu vervollständigen, reichte der Mund von einem Ohr zum anderen, die beide unter einer Fülle von verfilzten Locken von glanzloser Schwärze hervorlugten. Dieser Kopf, den die Gestalt bis dahin offensichtlich vor Charleys Augen verborgen hatte, brach nun in seiner ganzen Abscheulichkeit über ihn herein.

Übers. von Michael Perkampus

Die Geschichte ist durch ihr Ende optimistischer als die vorherige. Der unheimliche Reiter und Charley liefern sich ein Rennen, und als Charley seine alte, weiße Stute anhält, teilt der Reiter Charley mit, dass er sich danach gesehnt hat, mit jemandem ein Rennen zu veranstalten, seit er und sein Pferd sich vor hundert Jahren am Kilcummer Hill das Genick brachen. Dann sagt er zu Charley, er solle immer ein wagemutiger Reiter sein, denn ihm werde nichts Böses widerfahren und er werde immer sein Glück finden. Als Charley nach Hause zurückkehrt, erzählt er allen, was passiert ist, und alle führen es auf den Schnaps zurück, den er früher am Tag getrunken hatte. Das Kuriose daran ist, dass er mit seiner alten Stute zufällig ein Rennen gewinnt, was die Wahrhaftigkeit seiner Geschichte beweist.

Im Gegensatz zum irischen Dullahan steht der indische Jhinjhar, was im Sanskrit “Krieger” bedeutet. Er wird nicht als der Bösewicht der Geschichte, sondern als der Held angesehen. Dieser kopflose Reiter hat seine Ursprünge in der Folklore von Madhya Pradesh und Rajasthan. Er war einst ein Prinz, der durch die Hand von Wegelagerern oder bei der Verteidigung seines Dorfes ums Leben kam.

In der schottischen Folklore gibt es Ewan den Kopflosen, vom Clan MacLain. Ewans Vater Hector ist genervt von dem Drängen seiner Frau und seines Sohnes, den angeblich “schwachsinnigen” Ewan zum Erben seiner Ländereien einzusetzen. Ewan und Hector geraten in einen Streit, bei dem Ewan seinem Vater mit dem Schwert auf den Kopf schlägt und davonstürmt. Nachdem er Lachlan, Hectors anderen Sohn, über den Vorfall informiert hat, wird Lachlan wütend und schwört, Ewan im Kampf zu töten. Vor dem Duell wagt sich Ewan in einen nahegelegenen Wald und sieht dort eine Fee namens Banshee am Fluss sitzen, mit nackter Brust und blutverschmierter Kleidung. Er fragt sie nach dem Ausgang des Duells und die Banshee antwortet: “Wenn du morgen früh Butter zu deinem Brei bekommst, ohne zu fragen, dann wirst du siegreich sein.”

Das passt dem hirnlosen Ewan nicht, der sie schließlich verflucht. Am nächsten Morgen sitzen Ewan und der Rest seiner Männer im Bankettsaal und warten schweigend auf das Essen, bis Ewan seine Butter erhalten hat. Als die Butter nicht kommt, wird Ewan wütend und schreit: “Die Diener, die wir haben, sind schrecklich, sie bringen mir nicht einmal Butter zu meinem Brei!” Weil er gegen die Vorhersage der Banshee verstieß und Butter verlangte, trifft ihn das Unglück. So wird Ewan während des Kampfes gegen seinen Bruder Lachlan der Kopf abgehackt. Es gelingt ihm noch, sein Pferd zu besteigen, bevor er im Sattel zusammensackt und stirbt. Seitdem holt der kopflose Reiter Ewan die Seelen derer, die im Clan MacLain sterben.

Schließlich gibt es in der skandinavischen Folklore einen kopflosen Reiter, der mit dem irischen Dulachán insofern verwandt ist, als dass der Reiter seinen Kopf gewöhnlich unter den Arm geklemmt trägt. Dieser kopflose Reiter wünschte sich, auch nach dem Tod weiter in seinem Lieblingswald Gurre zu jagen und hatte zu Gott gebetet. Sein Wunsch wurde erfüllt, und dieser kopflose Reiter jagt seitdem auf einem weißen Ross peitschenknallend durch den Wald, seine Hunde begleiten ihn mit feurigen Mäulern.

Die Wilde Jagd

Man könnte die Folklore der Wilden Jagd, wie sie in der Geschichte um den wilden Jäger Hackelberg der Gebrüder Grimm zu finden ist einfach als eine übernatürliche Jagdgesellschaft zusammenfassen, die entweder aus Geistern, Elfen, Feen oder Untoten besteht und von jemanden angeführt wird, der je nach Herkunftsregion des Märchens variiert. In der skandinavischen Folklore ist diese Figur Odin. In Deutschland ist der Anführer Wodan (der Gott des Windes), in Dänemark Valdemar Atterdag, in Italien Theoderich der Große, König der Ostgoten. Es wurden sogar Figuren aus der Bibel zum “Anführer der Wilden Jagd” ernannt, ebenso wie der Teufel. Wer auch immer der wahre Anführer ist, es kann davon ausgegangen werden, dass es jemand von großer Bedeutung war. Und ähnlich wie beim Vorbeiziehen des Dulachán wurde sein Kommen als Vorbote des Todes gesehen, entweder im Krieg, der Pest oder als Signal des eigenen Untergangs.

Zahlreiche Länder haben in ihrer Mythologie einen gewissen kopflosen Reiter. Was die Frage aufwirft: Warum sind kopflose Gestalten, insbesondere Reiter, in der Folklore so prominent? Sicher war ein Grund die Enthauptung von Leichen, um sie daran zu hindern, wieder aus dem Grab zu steigen. Diese Praxis wird in vielen Schauergeschichten verwendet, von Joseph Sheridan Le Fanus „Carmilla“ (1871) bis hin zu Bram Stokers „Dracula“ (1897). Die älteste bekannte enthauptete Leiche stammt aus dem Paläolithikum von einem jungen Mann, der in Goat’s Hole in Südwales gefunden wurde. Die Enthauptung von Leichen ist also eine seit langem geübte Praxis unter den allzu abergläubischen Menschen, und man kann nur vermuten, warum unsere Vorfahren den Mann enthauptet haben. Hatten auch sie Angst, dass er von den Toten aufersteht und sie heimsucht?

Während der “kopflose Geist” im Laufe der Vergangenheit immer wieder auftaucht, sowohl in der Literatur, wie z.B. in der Artuslegende „Sir Gawain und der grüne Ritter“ aus dem14. Jahrhundert, oder in der modernen Popkultur „Elder Scrolls V: Skyrim“, ist es unbestreitbar, dass viele einen Reiter direkt mit dem Tod assoziieren. Dieses Thema, dass Reiter die “Vorboten des Todes” sind, lässt auch vermuten, dass viele Angst davor hatten, von einem Reiter (entweder einem Bauern im Mittelalter oder in einer späteren Zeit) gejagt und geköpft zu werden. Und natürlich scheint der einfachste Weg zu sein, das Leben einer armen Seele zu beenden, indem man sein Schwert direkt auf dessen Kopf richtet, während man auf einem Pferd reitet.

Wenn ein Reiter unter schrecklichen Umständen stirbt und sein Kopf abgetrennt wird und verloren geht, erhebt sich der Geist auf der Suche nach ihm oder reitet durch die Lande und bringt jeder unglücklichen Seele, die ihn erblickt, den Tod. Ob in Form des kopflosen Reiters aus Irvings Legende, des Gottes der Wilden Jagd, der Kutsche des Dulachán oder eines idiotischen Schotten – es lässt sich nicht leugnen, dass viele von uns mit der Vorstellung eines kopflosen Reiters aufgewachsen sind. Und diese Geschichten werden traditionell um Halloween herum erzählt, um uns eine Gänsehaut zu verpassen, unsere Herzen zum Rasen zu bringen und uns letztendlich lebendig zu fühlen.

Wenn ihr also das nächste Mal in der Nacht unterwegs seid und das Klappern von Hufen hört oder ein stummer Reiter sich euch auf eurem Spaziergang anschließt, behaltet einfach einen klaren Kopf!

Das Monster

Aus William wurde der Schauspieler Boris Karloff, den Hollywood als „Boris the Uncanny“ auf das Podest der Einzigartigen, der Unvergesslichen stellte. Es war und blieb die Rolle seines Lebens: Frankensteins Monster, 1931 auf die Leinwand gebracht, erschaffen 1818 von der blutjungen Schriftstellerin Mary Shelley.

Die Geburt einer Legende! Wir dürfen uns vorstellen, vielleicht auch auf recht geheimnisvolle Weise nur zu gut wissen, wie sie war:

1818, irgendwann, irgendwie zu später Stunde: Regen peitscht, Blitze zucken, es grummelt, grollt, prasselt, kracht die schaurige Nacht. Die Luft ist dick und schwarz und riecht nach Feuer, die Erde spuckt blutigen Morast. Oder ist es nur Spuk und Trug in der Dunkelheit, die wir genießen wollen, solange sie unsere Ideen küsst? Egal auch.

Es bewegt sich – es lebt!

Die schöne junge Lady, – wir betrachten Mary Shelley wohlwollend: gutbürgerlich fein gekleidet in pastellfarbenem Musselin, die seidene Schärpe gebunden unter der Brust, das dunkle Haar gescheitelt und gelockt – , sitzt am Sekretär, taucht mit eleganter Eilfertigkeit wieder und wieder die Feder in das Tintenfass. Ihr Blick ist stolz, die Stirn klug. Ihre Idee ist kühn, das Monster macht Angst. Aber es ist schön. Und das Papier ist für die Ewigkeit.

Frankenstein oder der moderne Prometheus : Die Entstehung des Romans ist beneidenswert originell. So was wünscht man sich schon mal… gemeinsam mit geschätzten Grusel-Phantasie-Verbundenen abends beieinander zu sitzen, Geister-Stories zu erzählen und dabei auf den Einfall zu kommen, jeder der Anwesenden solle selbst eine Geschichte schreiben. So soll es gewesen sein, als Mary Shelley es sich 1816 in der Schweiz mit ihrem Mann Percy, Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori am Kamin für intellektuelle Plaudereien über Schauriges gemütlich gemacht hatte.

Mary Shelley sagte später, dass Berichte, mag sein, Gerüchte über galvanische Experimente Charles Darwins mit toten Würmern sie angeregt hätten, einen Wissenschaftler Herr über Leben und Tod spielen zu lassen. Mit gar fürchterlichem Ende…

Victor Frankenstein, völlig überfordert von dem, was er geschaffen hat, panisch entsetzt über sein eigenes, von ihm selbst als teuflisch definiertes Handeln, erhält letztendlich die grausame Quittung: Sein Monster, das er im Stich gelassen, dessen einzige Hoffnung auf Flucht vor der Einsamkeit (eine Frau) er vernichtet hat, tötet seine Braut. Und zeigt seinem „Vater“ damit, was er unter Gerechtigkeit versteht. Als wütendes Monster. Verzweifelt. Ohne Rat und Trost. Menschlich.

Frankensteins Monster ist weltberühmt, gilt als das Monster schlechthin. Und mal angenommen, man kennt das Buch gar nicht geschweige denn weiß man, wer es wann und warum bloß geschrieben hat, so weiß man trotzdem irgendwie von dieser seltsamen,düsteren, alten Geschichte. Und hat das Monster genau vor Augen. Freilich das aus Hollywood. Mary Shelley wäre vermutlich von seiner Furcht einflößenden, unschönen Optik etwas enttäuscht gewesen, sie beschrieb es deutlich attraktiver. Aber es war eben kein unheimlicher Adonis, sondern der Engländer Karloff in seiner Maske und Unverwechselbarkeit, der Shelley weit über hundert Jahre später rund um den Globus auf der Kinoleinwand huldigte und ihr eine neuere, modernere Art von Größe und Genialität verlieh. Und auch hier dürfen wir uns nur allzu gern, vorstellen, wie es war.

Ist der nicht das Monster?

Hollywood 1931, Premierenfeier. Taft raschelt, Gläser klirren, die Luft trägt Tabak und schweres Parfum. Jemand raunt. „Ist das nicht der?“ Irgendwer zögert, nickt. „Das Monster.“ Irgendwo auf dem Film-Olymp, nur zwei, drei Wimpernschläge später, eine weitere lange Nacht. Jemand sagt: „Da. Endlich.“ Alle heben die Köpfe. Einige flüstern. „Karloff the Uncanny.“ Andere rufen. „Er ist es. The Master of Horror.“ Und er lächelt, verneigt sich, der Mann, den Mary Shelley ungefragt, unbeteiligt und doch da zur Ikone der Populär-Kultur gemacht hat, zu einem der Heroen des Finster-Genres. Boris Karloff. Frankensteins Monster.

Ursprünglich vorgesehen für die Rolle war übrigens Ur-Dracula Bela Lugosi, damals als Erfolgsgarant für eine Schauerverfilmung im Visier. Lugosi lehnte kompromisslos ab, er wollte kein sprachloses Gruselsubjekt spielen, das Gesicht unkenntlich geschminkt, Mimik und Gestik beleidigend für einen berühmten Mimen wie ihn. Er unterschätzte das Monster und verhalf Kollege Karloff zu einer Karriere, die seine eigene weit übertreffen sollte. Karloffs Verkörperung der von genial-wahnsinniger Menschenhand erschaffenen Kreatur war perfekt. Die Maske war perfekt.

Dafür sorgten mit ganzer Raffinesse kreative Köpfe am Set. Für den Dreh von Frankenstein – The Man who Made a Monster (1931, Regie: James Whale) wurde genau festgelegt, wie der von Dr. Victor Frankenstein aus Leichenteilen gebastelte künstliche Mensch, bei Weltuntergangs-Gewitter durch Elektrizität zum Leben erweckt und für das Endzeit-Leid bestimmt, auszusehen hatte. Die Stahlbolzen im Hals erinnern an den, – wieder verworfenen – , Gedanken, das Monster als eine Art Roboter darzustellen.

Die Monstermaske mit dem traurig-hilflosen Blick aus dem Film erkor man bereits 1938 zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris aus. Filmplakate wurde zu gigantischen Summen versteigert, Briefmarken mit seinem Konterfei wurden gedruckt, Künstler porträtierten ihn als Pratt (ohne Maske), der Nr.-1-Hit Monster Mash (1962) wurde ihm gewidmet, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Boris Karloff in seiner Ur-Maske, mit diesem deformierten, traurigen, hilflosen, enttäuschten, zornigen Gesicht, hat dem Monster eine Identität geschenkt, die zumindest in der Pop-Kultur als nicht mehr austauschbar gilt: In Trickfilmen, Comics und in der Werbung ist es Karloff, den wir sehen. Zwar ist auch Christopher „Dracula“ Lee 1957 inThe Curse of Frankenstein (Regie: Terence Fisher)in die Haut der Kreatur geschlüpft, aber die Rechte für das typische, klassische Make-Up befanden sich im Besitz der Universal Studios. Hammer musste neu kreieren. Im globalen Kopf blieb/bleibt freilich Karloff.

Mit Karloff the Uncannyerhielt das Monster, dem erstmalig 1910 in einem sechzehnminütigen Stummfilm, in England produziert von Thomas Alva Edison, dem Erfinder des Telefons, auf der Leinwand schreck- und ehrfurchtsvoll gehuldigt worden war, – Untertitel: A liberal adaption of Mrs. Shelley’s Tale, ein unzerstörbares Spiegelbild.

Träume, Furcht und Liebe

Hat sie geträumt, was sie bewirken würde mit ihrer Geschichte, die 18jährige Mary Godwins, spätere Mrs. Shelley, eine für die damalige Etikette und Moral recht progressiv denkende und agierende Frau, Tochter eines Sozialphilosophen und einer Schriftstellerin, die von Percy Shelley, mit dem sie durch Europa reiste, schwanger wurde, als der noch ein verheirateter Mann war?

Nach dem Selbstmord seiner von Gram und Schmach besudelten Frau Harriet im Londoner Hyde Park heiratete er Shelley zwar, die feine Gesellschaft freilich blieb verschnupft. Nach Percy’s Tod unterstützte der Schwiegervater Mary finanziell. Vom Schreiben allein konnte sie nie leben. Kaum vorstellbar… genügt uns heutzutage ein einziger literarischer Knaller, und wir gelten als hoch gehandelte Bestseller-Autoren forever. Andere Zeiten eben.

Wen’s belangt: Die Schreibmaschine wurde erst 1829 erfunden, zwei Jahre nach der Photographie. Mary wurde (noch) ganz üblich porträtiert. Und gehörte grundsätzlich zu den im positiven Fall liebreizenden Mädchen jener Tage, die Klavier spielen, etwas zeichnen, tanzen, bescheiden französisch parlieren konnten und etwas von Mythologie, wenig von Geographie, nichts von den großen Wissenschaften verstanden. Grundsätzlich, wohlgemerkt. Mary war besonders.

Ahnte die Besondere das Phantastische, als sie während eines längeren Aufenthaltes am Genfer See, – es waren trübe, regnerische Tage, wie geschaffen für die von genialster Finsternis umarmte Muse – , zu schreiben begann und nicht mehr aufhörte, bis er stand, einer der berühmtesten Horror-Romane aller Zeiten? Mit einem Helden, der über einhundert Jahre später als hässliches Monster weltweit Film-Karriere machte, obgleich er von seiner Schöpferin definitiv nicht als unansehliche, abstoßende Kreatur gedacht und beschrieben war? Mit einer Identifikationsfigur für Outsider, die hoch geachtet wird? Wie beispielsweise in Brasilien: Da fuhr vor sechs Jahren zum 200. Geburtstag des Monsters beim Karneval in Rio ein prunkvoller Jubiläums-Mottowagen durch die Straßen. Die Menschen jubelten ihrem Monster zu, dem Andersartigen, dem Ausgestoßenen, wegen seines so fremden, gleichwohl erschreckenden Erscheinungsbildes Gefürchteten und Verfolgten. Den sie lieben, weil er für sie authentisch, ehrlich, echt ist.

Zu schön für Hollywood

Mary, zum Zeitpunkt der (vorerst) anonymen Veröffentlichung ihres Buches frisch verheiratet mit dem älteren Percey Shelley, der trotz seiner Affären und seines frühen Todes, – er ertrank 1922 während einer Bootstour im Golf von La Spezia – , immer ihre große Liebe blieb, malte mit ihren beschreibenden Sätzen einen überdurchschnittlich großen, athletisch gebauten Mann mit schwarzem Haar und weißen Zähnen. Das klingt fast zum Dahinschmelzen. Einwandfrei zu schön für Hollywoods Gruselkabinett.

Den Mann, den Mary Shelley beschrieben hat, kennen wir, wenn überhaupt, nur aus der Vorstellung heraus: Das Monster hätte schön sein können. Durfte, sollte, musste es aber nicht, um sich einen Platz im Horror-Olymp, gleichsam in der Gunst des Publikums zu sichern. Das wollte und will das Tragische an der wenn auch scheußlichen Figur, das Mitleiderregende, Bedauernswerte.

Und somit war klar: Es mussten die grotesk hohe Stirn, der platte Kopf, die tief hängenden Augenlider, der wuchtige, ungelenke Körper sein.

So sah, sieht es aus, so kommt das Monster alias Karloff zurück in The Bride of Frankenstein (1935, Regie erneut James Whale). Da wird das Herz warm bei seiner Begegnung mit dem blinden Einsiedler, da fröstelt es einen, wenn das bitterlich traurige Ende naht: Victor Frankenstein vernichtet die Braut, dem Heulen des Verfluchten gilt die Rache…und mächtig Eindruck schindet zweifellos die Frisur von Elsa Lanchester: Einen halben Meter hoch senkrecht stehendes Haar mit einem hineingefärbten Blitz.

„Wie Gott zu fühlen!“

Die Szene aus Frankenstein – The Man who Made a Monster , in der das Monster versehentlich ein kleines Mädchen ertränkt, weil es möchte, dass es wie die Seerosen schwimmt, wurde nach der Uraufführung gekürzt: So poetisch sie ist, umso grausamer wirkte sie auf die Zuschauer. Die aber sollten die Kreatur nicht hassen, sondern begreifen. Und sich gleichwohl auch nicht über die Blasphemie des Monstermachers erzürnen sollen. Der von Victor Frankenstein mit gellend lauter Stimme in die Nacht gebrüllte Satz…

…fällt in seinem Original-Ton der Schere zum Opfer. Zu anmassend. Zu ungehörig.

Shelley’s Monster erfuhr 1994 in Frankenstein (Regie: Kenneth Branagh) mit Robert de Niro in der Hauptrolle ein aufwühlendes, bewegendes Bekenntnis zur Quelle der Geschichte. Das vermenschlichte Geschöpf demonstriert die ganze Schwere, Traurigkeit, Verletzbarkeit und Wut seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit, die sich so wesentlich gar nicht vom wahrhaftig Menschlichen unterscheidet. Auch De Niro beweist Mut zu einer generell als hässlich eingestuften Optik. Gleichwohl wirkt diese zwar fremd und furchterregend auf den ersten Blick, wird aber vertraut und damit fast sympathisch. Allemal, dieses Monster geht an die Substanz.

Ein Tragik-Revival anderer Machart erfolgt auch in der US-amerikanisch-britischen Horror-Serie Penny Dreadful (2014 – 2016, John Logan); Rory Kinear spielt das Monster. Er ist genial. Es ist (fast) schön. Und so darf es bitte auch sein. In bester böser Erinnerung, Mary!

Elfen

Wenn die meisten Leute an klassische Fantasy denken, denken sie vielleicht an Tolkien, und bei weiterem Nachdenken wahrscheinlich an Elfen. Und das aus gutem Grund: Elfen gibt es in der Fantasy schon sehr lange. Aber wie viele Tropen und Wesen, die unsere Buchseiten bevölkern, stammen sie aus der germanischen Folklore. Die Elfen ließen sich davon allerdings nicht aufhalten und wanderten quer durch ganz Europa, nach Skandinavien und Großbritannien. Es ist jedoch Island, das die größte Population der Elfen beherbergt, besser bekannt als das vergessene Volk, das in Felsformationen lebt.

Jacob Grimm definiert in den 1830er Jahren Elfen als übernatürliche Wesen dritter Klasse in seinem Standartwerk „Deutsche Mythologie“. Es dauerte nicht lange, und sie erlebten in den USA der 1890er Jahre einen Aufschwung als fleißige Helfer des Weihnachtsmanns, die in Skandinavien lebten und ihre Magie zur Herstellung von Geschenken einsetzten. Die Elfen widmeten sich eifrig der Aufgabe und entwickelten schnell den Ruf, die beste Handarbeiter der Welt zu sein.

Die meisten Elfen-Sichtungen finden dann auch in den wenigen Tagen vor Weihnachten statt, wenn sie unterwegs sind, um Kinder mit grenzwertigem Verhalten auszuspionieren. Eine Elfe namens Albtraum besucht Kinder Tage vor Weihnachten. Wenn die Kinder unartig sind, beschert sie ihnen Elfenträume oder ganz ihrem Namen nach Albträume, indem sie sich auf ihre Brust setzt, während sie schlafen. Elfen bestrafen Kinder auch mit Schluckauf, wenn sie zu ungestüm werden.

Die Romantik des 19. Jahrhunderts gibt den Elfen eine Größe von 1,50 m, atemberaubende Schönheit und lang anhaltende Jugendlichkeit während ihres tausendjährigen Lebens. Laut der Literatur des 19. Jahrhunderts haben Elfen göttliche Einflüsse, einschließlich magischer Fähigkeiten. Ihre blattförmigen Ohren kanalisieren magische Energien vom Himmel, was ihnen die Fähigkeit verleiht, zu kontrollieren, was Menschen sehen und fühlen. Sie legen Magie in Gegenstände, wie z. B. Pilze, um Menschen vorübergehend eine magische Sicht zu gewähren.

Viele Elfen im materiellen Erdkreis haben ihr Zuhause in Bäumen. Es handelt sich dabei um längliche Öffnungen in den Stämmen der Bäume, die die gleiche Höhe erreichen, wie die jeweilige Spezies, die darin wohnt.

Am 6. Januar eines jeden Jahres feiern die Elfen den letzten Tag der Weihnacht in verborgenen Feldern. Ihre brennenden Fackeln sind schon von weitem zu sehen. In jeder Nacht oder an einem nebligen Morgen kann man Elfen auf Wiesen tanzen sehen, wo sie Elfenkreise hinterlassen. Wer auf einen Elfenkreis tritt, hat Pech, und wer in einen solchen uriniert, bekommt eine Geschlechtskrankheit.

Ältere Aufzeichnungen

Um 1220 dokumentierte Snorri Sturluson die Unterschiede zwischen Licht- und Dunkelelfen in der Prosa-Edda. Laut Snorris Edda sind Lichtelfen strahlender als das Sonnenlicht und leben an einem himmlischen Ort namens Alfheim, während Dunkelelfen dunkler als Pech sind und sich in unterirdischen Höhlen oder tief in den Wäldern aufhalten. Eine dritte Art, die schwarzen Elfen, ähneln Zwergen und leben in Svartalfaheim. Die skandinavische Folklore verstärkt die übernatürlichen Fähigkeiten der Elfen.

Die englische Tradition sieht Elfen als boshafte Wesen, die ihren menschlichen Opfern Unglück und Krankheit bescheren. Die Christen entwickelten Erzählungen von Elfen, die mit bösen Absichten handeln. Ein metrischer Zauberspruch aus dem 10. Jahrhundert bietet ein Elfenheilmittel für Rheuma, das durch ein Projektil namens Elfenschuss oder einen von einem Elfen geschossenen Pfeil verursacht wird. Elfen benutzen Pfeilspitzen aus Feuerstein, um Menschen und Vieh scharfe Schmerzen zuzufügen. Wiederholte Einstiche führten zu einem Elfenschlag, der Lähmungen verursachte. Verführerisch attraktive Frauen wurden in England mit Elfenschönheit beschrieben. Im Beowulf lesen wir von einer Elfenschönheit, die ihre Opfer betäubt, und die dadurch mit Dämonen in Verbindung gebracht wird. Eine Elfe namens Königin Mab verknotete Haare zu Elfenlocken.

In Schottland wurde Alfheim zu „Elphame“ oder „Elfhame“ und seine Herrscherin ist die Feenkönigin; oft wird sie die Königin von Elphame genannt, besonders in Balladen wie Thomas the Rhymer. Trotz der Tatsache, dass die meisten modernen Interpretationen von Feen und Elfen kleinwüchsige Kreaturen beinhalten, trifft dies nicht unbedingt auf diese spezielle Feenkönigin zu, vor allem angesichts der etablierten gälischen Tradition von Feen und Elfen in ihrer Mythologie (die als Sídhe bekannt sind).

Manche Gelehrte sind der Meinung, dass die Dunkelelfen lediglich Zwerge waren, aber die Tatsache, dass die Zwerge gesondert im Gebiet um Nidarvellir wohnen, legt etwas anderes nahe.

Natürlich bleibt es beim Rätselraten, denn die Mythologie ist bereits so alt und die Quellen, die wir zu Rate ziehen können, im Vergleich zu den überlieferten Texten aus anderen Mythologien so schmerzhaft spärlich. Daran ist wahrscheinlich die mündliche Überlieferung schuld.

Um bei den Lichtelfen zu bleiben: Wenn wir einen Blick auf ihre Erwähnung in der nordischen Mythologie werfen, finden wir Freyr als ihren Gott. Es gibt aber noch einen anderen Namen, der viel älter zu sein scheint, je nachdem, welche Quelle man konsultiert, und der lautet „Yngvi“. Wenn wir noch einmal einen Blick in Tolkiens Werk werfen, mag es angesichts seiner Vorliebe für Mythologien nicht überraschen, „Ingwe“ als Namen für den Hochkönig der Elfen im Westen zu finden.

Gütige und böse Elfen

Wenn wir uns von der nordischen Mythologie wegbewegen und uns in die englische und gälische Folklore hineinwagen, stellen wir also fest, dass sich die Vorstellung von Elfen im Allgemeinen zu verändern beginnt. Anstatt wohlwollende Kreaturen oder kleine Gottheiten, sind es nun Betrüger und Unholde, wie in der Ballade „Lady Isabel and the Elf Knight“, wo der Elf versucht, Isabel zu ermorden. Besehen wir uns die Rolle der Drachen in der weltweiten Mythologie, stellten wir merkwürdigerweise fest, dass der Drache umso grausamer ist, je weiter die Mythologie im Westen liegt. Nordische Drachen und asiatische Drachen waren weitaus wohlwollender als ihre verschiedenen Gegenstücke.

Die Dökkálfar waren jedoch weder gütig noch wohlwollend, und die Tradition der „Dunkelelfen“ hat sich gegenüber dem nordischen Konzept nur wenig verändert. Ob Drow, Dunkelelfen oder Schwarze Elfen, die Idee von dunkelhäutigen und/oder in der Dunkelheit lebenden Kreaturen, die weit mehr in Fantasy-Rollenspielen und Videospielen auftauchen als in der Literatur, scheint genug Anklang zu finden, um überdauern zu können.

Eines lässt sich jedoch festhalten: die Elfen sind heute so weit von ihren ursprünglichen mythologischen Konzepten entfernt, wie sie von Tolkiens Darstellung entfernt sind. Man könnte freilich dasselbe über Vampire sagen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, ob man eine Elfe noch als Elfe bezeichnen sollte oder ob man einen ganz anderen Namen benötigt. Hier kommen wir an einen Scheideweg: In der einen Richtung haben wir die Elfen, die sich unter dem Banner der klassischen Mythologie und der Folklore tummeln, und diejenigen, die Elfen in einer wesentlich neuen Haut präsentieren.

Sam Sykes Die Tore zur Unterwelt und Richard Morgans Dwenda (Das Zeitalter der Helden 1 – 3, erschienen bei Heyne) sind hier die Bücher, die dem geneigten Leser als erstes einfallen mögen. Natürlich sind diese Rassen keine Elfen im eigentlichen Sinne, sie werden von uns nur mit Elfen verglichen, so wie man eine fiktive Kultur, die luftige, weite Hosen trägt und mit dünnen Klingen kämpft, mit japanischen und anderen ostasiatischen Kulturen vergleichen würde. In gewisser Weise wollen die Leser immer etwas Vertrautes sehen. Es könnte sein, dass eine Rasse, die wir als Elfen wahrnehmen, in Wirklichkeit, abgesehen von den spitzen Ohren und der natürlichen Schlankheit, von Elfen so weit entfernt ist wie Kreide von Käse. So sind wir nun mal.

Früher boten Elfen eine Möglichkeit, etwas Ungewöhnliches in Geschichten einzubringen. Jetzt, wo Elfen in der epischen Fantasy so abgetragen erscheinen, ist das etwas anderes. Das Konzept hat sich überholt. Es gibt neuere und relevantere Wege, fremde Rassen zu erforschen, und da viele Autoren in der modernen Fantasy auf verschiedene Quellen schauen, um sich inspirieren zu lassen, wird die Elfe immer weniger beachtet – bis jemand beschließt, neoklassisch zu sein und sie zurückzubringen oder ihnen ein komplettes Makeover zu verpassen. So oder so, irgendwann wird man sich mit ihren mythologischen Ursprüngen auseinandersetzen; sei es mit einem literarischen Kopfnicken oder einer kompletten Ablehnung des traditionellen Konzepts.

Elfen wurden in der Fantasy-Literatur des 20. Jahrhunderts durch ihren größten Fan, J.R.R. Tolkien, bekannt. Ihre bemerkenswertesten Beschreibungen finden sich in Tolkiens Silmarillion. Als geschätzte Geschichtenerzähler teilen Elfen gerne ihre Erfahrungen mit talentierten menschlichen Schriftstellern.

Karloff the Uncanny

Traumfabrik Hollywood, wir blicken weit zurück: 1931, der Tonfilm steckte (fast) noch in den Kinderschuhen, vielen populären Stummfilmstars hatte er aber bereits das Genick gebrochen. Der große „Rest“ träumte von großen Rollen. Einer von den Träumern, die Ehrgeiz hatten und hofften, war Boris Karloff, gebürtig William Henry Pratt (1887 – 1969), ein noch recht unbekannter britischer Theater- und Filmschauspieler. Ihm wurde eine Rolle angeboten, die sein Leben verändern sollte. Die ihn zur Legende machte.

Karloff war Frankensteins Monster in der ersten Ton-Verfilmung des weltbekannten Romans von Mary Shelley. Er wurde über Nacht in der Monstermaske mit dem traurig-sehnsuchtsvollen Blick, die prägend war für das Bild, das wir immer noch kennen und kompromisslos als das richtige definieren, zum Leinwandstar. Man nannte ihn „Karloff the Uncanny.“ Master of Horror.

Über Nacht der Master of Horror

Da war er nun berühmt, der mittlerweile 44jährige Pratt, der bis dahin eher als Typ-Darsteller, – oft ungenannter Indianer, Araber, Inder, Leibwächter, Taschendieb oder Bösewicht und Schurke allgemein -, freilich auch als ernstzunehmender Charakter durch Hollywood lief, verweilte, weiter lief und suchte. Gute Rollen. DieRolle. Gefragt war er schon. Den schwierigen Übergang vom Stumm- zum Tonfilm schaffte Karloff problemlos. Er spielte nicht überzogen künstlich, seine Stimme war geschult, sein leichtes Lispeln empfand man als ungewöhnlich, ergo positiv, und seinem Oxford-Englisch trainierte er ein tiefes, dunkles Knarren an. Seine Optik trug Übriges dazu bei: Er klang exotisch, er sah auch so aus.

Gescheit überleben konnte Karloff vor Frankensteins Monster von den Gagen allein in der Filmmetropole freilich nicht. Er fuhr nebenher LKW (ohne Führerschein), heiratete allerdings auch bis Ende der 1920er dreimal und ließ sich gleichsam dreimal scheiden, was grundsätzlich unklug ist und den Geldbeutel zusätzlich derb lädierte. Der füllte sich nicht nur ganz beträchtlich mit Frankensteins Monster (Regie: James Whale, Originaltitel: nur Frankenstein), er war jetzt auch ein Mann, den alle kannten, schätzten und haben wollten.

Die 1930er Jahre stehen für eine besonders wirkungsvolle Zeit. Die Maske des Fu-Manchu, Das Haus des Grauens, Scarface, Die Mumie, Der Rabe, Die schwarze Katze…es war das ganz große Kino. Mit Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein, 1935), ebenfalls unter der Regie von James Whale, mit der phantastischen Elsa Lanchester in der Titelrolle, gelang dann der absolute Clou. Der Film gilt nicht nur als einer der besten des Schwarz-Weiß-Horrors, des Genres überhaupt, er wird auch zu den Meisterwerken des Hollywood-Kinos gezählt.

Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Horrors

Ursprünglich sollte The Uncanny höchstpersönlich in der genial-köstlichen Verfilmung des Theaterstücks Arsen und Spitzenhäubchen (1944, Regie: Frank Capra) mit dem göttlichen Cary Grant (Mortimer Brewster) den aus dem Knast entflohenen Massenmörder Jonathan Brewster spielen, der nach einer missglückten Gesichts-OP wie Karloff in seiner Frankenstein-Maske aussieht. Der Gag wäre phänomenal gewesen, zumal die Rolle eigens für Karloff geschrieben worden war; allein, es war nicht machbar, er stand zeitgleich zu den Dreharbeiten als Jonathan auf der Bühne am New Yorker Broadway. Die Theaterproduktion war überaus erfolgreich und brachte es auf über 1.400 Vorstellungen; da Karloff selbst sie finanziert hatte, verdiente er damit viel Geld.

Natürlich konnte der Alt-Meister Karloff nicht ewig auf dem Thron bleiben. Sein persönliches Zepter nahm er mit, wer sollte ihm nachfolgen? Andere Zeiten, Techniken, Ideen, Möglichkeiten, Stars kamen. Und die Farbe. Immerhin drehte man mit Karloff noch bis Ende der 1950er Jahre in Schwarz-Weiß, um die düstere Atmosphäre, die morbide Stimmung, sein unvergleichliches Finster-Schauspiel zu verstärken. Er blieb auch später immer noch ordentlich im Geschäft, engagierte sich weiterhin gewerkschaftlich (SAG: Screen Actors Guild), arbeitete für das Fernsehen, als Synchronsprecher, Vorleser und Erzähler, – seine markante Stimme konnte wunderbar sanft sein, sagt man -, im Radio und auf Schallplatten. 1962 drehte Roger Corman mit Karloff noch einmal Leinwand-Finsternis mit ironischer Prise: Der Rabe – Duell der Zauberer und The Terror – Schloß des Schreckens, zwei B-Movies, gelten als Kult-Muss in Genre-Kreisen.

Als das Grauen anonymer wurde

Für typische Einzel-Heroen wie Karloff ging Ende der 1960er so langsam endgültig das Licht aus. Realer Schrecken beeinflusste den Horror-Film, das Grauen wurde anonymer und allumfassender: Gesichts- und namenlose Zombies (Night of the Living Dead, 1968, George A. Romero) kämpften und bissen sich durch die Kinosäle. Der Vorhang für The Uncanny fiel. Er starb 1969 in West Sussex, England. Seit 1946 bis zu seinem Tod an seiner Seite: die sechszehn Jahre jüngere Evelyn Helmore, seine fünfte Ehefrau.

Boris Karloff
Boris Karloff

Was allemal bleibt: Frankensteins Monster als Riesenwurf. 1938 wurde die Monstermaske aus dem Film zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris. Filmplakate wurden zu gigantischen Summen versteigert, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Frankensteins Monster: Für Boris Karloff durchaus ein Segen. Auch sein Fluch? Sagt man ja so. Segen ist klar, zum (bedingten) Fluch wird es, wenn man nicht mehr schätzt, auf ewig auf etwas reduziert zu werden, das einem unweigerlich ein Stück von der eigenen Persönlichkeit gestohlen hat, obgleich es einem so viel schenkte. Karloff war zufrieden, das erzählt man sich, das glauben wir. Gesagt haben soll er, sein „Leben als Monster“ sei lang und glücklich gewesen. Karloff war ein zufriedener Mann, das erzählt man sich, das glauben wir.

Sympathisch war er wohl auch. Eine kleine Anekdote: Zum Set von Frankensteins Monster fuhr die siebenjährige Marilyn Harris, ein damaliger Kinderstar,- sie war die „Little Mary“ im Film, das kleine Mädchen am See, das vom Monster (versehentlich) getötet wird -, gemeinsam mit Karloff, der in voller Montur neben ihr saß und vergnügt mit ihr plauderte. Die Crew hatte zuvor gedacht, sie hätte vermutlich furchtbare Angst vor ihm, aber Marilyn nahm seine Hand und fragte ihn ganz unbekümmert, ob sie mit ihm in seiner Limousine sitzen dürfe. Karloff, ganz Gentleman, lächelte: „Es wäre mir ein Vergnügen, Kleines.“

So war es. Das war es. Das war er.

Vincent Price: Ikone der Nacht

Ob es Poe gefallen hätte, dieses Diabolische, Irrsinnige, das Vincent Price auf der Leinwand so genial verkörperte? Gute Frage wohl. Auf jeden Fall hat der Ausnahmeschauspieler dem weltbekannten Ausnahmeschriftsteller eine spannende Extraportion an Popularität geschenkt, die dem literarischen Vermächtnis auf spezielle Art Respekt und Bewunderung zollt.

Sieben Filme nach literarischen Vorlagen von Edgar Allan Poe drehte Vincent Price (1911-1993) in den 1960er Jahren, und seine unverwechselbare Art, mit seiner Darstellungskunst, seiner Sprechweise, seiner Mimik auf dem schmalen Grat zwischen (fast) idealem Genie und schleichendem, packendem, bezwingendem Wahnsinn balancieren zu können, machte ihn zu einem Idol der Horrorszene, zum Kultstar des Genres, zu einer der wenigen echten Ikonen der Nacht.

In all diesen Filmen, – House of Usher (Die Verfluchten), Pit and the Pendulum (Das Pendel des Todes), The Haunted Palace (Die Folterkammer des Hexenjägers), Tales of Terror (Der grauenvolle Mr. X), The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer), Masque of the Red Death (Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie), Prematural Burial (Lebendig begraben) -, war B-Film-König Roger Corman Regisseur; er setzte auf den perfekten, wie für ihn persönlich geschaffenen Poe-/Price-Charakter, und er gewann mit ihm haushoch.

Fürchten lehren: Eine Passion

Das galt und gilt vom ersten Moment an, in dem Price 1960 als Roderick Usher, letzter Nachfahre der alten, zum Untergang verdammten Familie Usher, sein Publikum das Fürchten lehrt. Seine große, wahre Passion? Vor der Filmkamera gestanden, um fröstelnd erschauern zu lassen, hat Price schon 1939. Ihm zu Ehren sei genießerisch verwegen spekuliert:

Blauschwarzer Nebel schlief über der Themse, Herbstregen raunte geheimnisvoll, und der Big Ben weckte die Mitternacht. So ungefähr war das bestimmt, vielleicht auch etwas anders, als die erste Horrorfilmrolle eines der berühmtesten Genre-Darsteller überhaupt im Kasten war. Die Zeichen waren ergo gesetzt. Mit seinem bescheidenen Kurzauftritt in Tower of London (Der Henker von London) als ein im Weinfass ertrinkender Graf an der Seite von Boris Karloff und Basil Rathbone war der erste, freilich gemütliche Schritt in die große, geniale, gute Finsternis getan. Ein sehr gemütlicher.

Damit hatte es sich dann erst einmal. Neue Schauer-Stories, zumal mit mehr Raum und Zeit, gab es vorerst keine für den 1,93-Meter-Mann mit dem gewissen optischen Etwas, – attraktiv, arrogant (war er aber nicht) und undurchschaubar. Price, wohl blitzgescheit zudem, der in Yale Kunstgeschichte und Anglistik studiert hatte und für seine Doktorarbeit über Albrecht Dürer ein Jahr in Frankfurt und Nürnberg lebte, war in New York zwar fleißig auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne vertreten, seine famose dunkle Stunde schlug aber später.

»And whosoever shall be found, without the soul for getting down, must stand and face the houl of hell, and rot inside a corpse’s shell…«

Sie schlug 1953 mit House of Wax (Das Kabinett des Professor Bondi). Es vergingen ergo stolze vierzehn Jahre, bis Vincent Leonard Price jun. , Sohn eines Süßwarenfabrikanten aus St. Louis, den Riesentreffer landete, der ihn berühmt machte und später in Edgar Allan Poe (1809 – 1849) einen Meister finden ließ, dessen Name jeder passionierte Filmfan untrennbar von seinem im Kopf hat. Auch wer Poe gar nie gelesen hat, – und von der Sorte, so munkelt man gar entrüstet und betrübt, soll es einige Viele geben -, kennt Poe. Dagegen mag sich jeder noch so Detailverliebte sträuben.
Sensationserfolg mit Wachsleichen

Price spielt in House of Wax, im brandneuen, ergo spektakulären 3-D-Verfahren gedreht, den begnadeten, freilich wahnsinnigen Henry Jarrod, Schöpfer von großartig gemachten Wachsfiguren. Es bleibt nicht dabei, Jarrod benutzt Leichen für seine Kunst, wird entlarvt und findet seinen Tod in einem Kessel mit heißem Wachs. Unschön, aber fair. Der Film wurde ein Sensationserfolg, man zeigte ihn bis Ende der 1980er immer wieder in den Kinos. Bei der Hollywood-Uraufführung, in Bildern der damaligen Wochenschau festgehalten, unter den beeindruckenden (und beeindruckten) Gästen: Bela Lugosi in seinem Dracula-Kostüm und Leinwand-Cowboy Ronald Reagan, der spätere US-Präsident.
Der Weg steil nach oben war mit House of Wax für Price frei gegeben. Es folgte The Mad Magician; hier verkörpert er einen irren Zauberkünstler, der einen Kollegen mit einer gewaltigen Kreissäge ermordet und in dessen Identität schlüpft. House on Haunted Hill (Das Haus auf dem Geisterhügel, 1958), – Price als exzentrischer Millionär Frederick Loren mit schaurig-netten Einfällen -, erlebte im Jahr 1999 ein Remake; Loren heißt in der Neuverfilmung Stephen Price, das galt als dicke Verneigung. In Erinnerung gebracht wird Price auch heute noch immer wieder mit The Fly ; hier gibt er zwar weder den finsteren Schurken noch den geistig verwirrten Bösen, aber es ist (mit) sein Film. Einwandfrei.

In The last man on earth verkörpert Price einen Wissenschaftler, der eine das Wesen verändernde, letztlich die Unmenschlichkeit und den Tod bringende Seuche überlebt hat. Die Gesamtbevölkerung ist infiziert. Der Film basiert auf dem Roman I am Legend von Richard Matheson und wurde 2007 unter dem Originaltitel mit Will Smith in der Hauptrolle gedreht. Den kennen wir.

Die Erstverfilmung mit Price freilich ist trotz seines großen Namens und trotz einer damals bereits stark und düster inszenierten Hammerstory fast völlig vergessen. Gilt allerdings in Fan- und Expertenwelt, selbst wenn die Mehrheit sie noch nie gesehen hat, als stilistischer Vorreiter und Vorbild auch für George A. Romero (The night of the Living Dead) und als wegweisend für die Entwicklung des modernen Horrorfilms.
Price als Legende: So bleibt’s!

Price wandte sich Mitte der 1970er Jahre, nachdem er noch erfolgreich in bewährter schräg-schön-schauriger Manier in The Abominable Dr. Phibes (Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes), der Fortsetzung davon und in Theatre of Blood gewirkt und gegruselt hatte, wieder mehr dem Theater zu, zeigte Glanzleistung in dem Ein-Personen-Stück Diversions and Delights von Oscar Wilde. Überhaupt: Der Mann bestach vielfältig, war Kunstkenner und -sammler, schrieb Kochbücher, – sein Großvater hatte sich einen Namen gemacht mit der Erfindung eines Backpulver, der Vater war Süßigkeiten-Experte, irgendwas gut Appetitliches blieb auch auf dem Sektor an ihm hängen -, und er war Radio-/Kurz- und Zeichentrick-Film-Sprecher.

Darkness falls across the land

Seine markante Stimme, sein Markenzeichen, (s)ein Thriller: Er ist der Mann, den Michael Jackson 1982 für einen Song haben wollte, der ein absoluter Mega-Hit wurde. Die musikalische Schauermär Thriller ist legendär, da kocht das Blut, da verneigen auch wir uns vor und präsentieren gleichsam als Ehrerweis die im Lied von Horror-Altmeister gesprochenen Textzeilen. Produzent Quincy Jones bezeichnete Price, der seine Aufnahme in nur zwei Takes fertig hatte, als „einfach nur großartig“. Richtig so.

»Darkness falls across the land, the midnite hour is close at hand. Creatures crawl in search of blood, to terrorize y’awl’s neighbourhood…«

In dem preisgekrönten, mehrfach ausgezeichneten Kino-Welterfolg Edward mit den Scherenhänden (Johnny Depp) aus dem Jahr 1990 spielte Price, der dreimal verheiratet war und seiner dritten Frau Coral Browne zuliebe 1987 zum Katholizismus konvertierte, seine letzte große bekannte Rolle. Er war der Schöpfer des künstlichen Jungen, dessen Vollendung ihm nicht mehr gelang, weil er starb, bevor er Edward richtige Hände schenken konnte. Eine recht traurige letzte Geschichte. Aber nicht seine eigene. Die war bunt. Lebendig. Facettenreich. Mit Sicherheit gut. Der Tag seiner Bestattung am 25. Oktober 1993 war so. Ein guter. Er wurde verbrannt, die Asche vor der kalifornischen Küste verstreut, und sein geliebter Strohhut wurde in den Pazifik geworfen. Mit dem spielten eine ganze vergnügte Weile die Seehunde, wie seine Tochter Victoria erzählte. Hätte ihm wohl gefallen. Price konnte eben so.

»And though you fight to stay alive, your body starts to shiver, for no mere mortal can resist, the evil of the thriller.
Can you dig it?!«

Und so.

The Crow

Nun stell dir vor, dass diese Liebe im Nu gewaltsam von dir genommen wurde. Du hast von einem Augenblick auf den nächsten alles verloren. Was würdest du tun? Würdest du verzweifeln? Drogen und Selbstzerstörung über dich stülpen? Jeden, den du triffst, deinen Hass spüren lassen? Oder würdest du etwas anderes machen? Dich etwa in Kunst ausdrücken?

Sein Name ist James, und ihr Name war Bethany. 1978 wurde sie von einem Fahrzeug erfasst und getötet. Laut dem Archiv einer James O’Barr / The Crow-Fanseite war „Beth allein auf einem Bürgersteig in Detroit unterwegs, als ein betrunkener Fahrer in einem Lieferwagen sie erfasste und sie durch mehrere Vorgärten schleifte.“ Dieses Ereignis prägte James O’Barr so gewaltig, dass das Ergebnis Comicgeschichte geschrieben hat und bei all jenen auf Widerhall stieß, die ein Exemplar des Comics The Crow von 1989 besitzen oder den gleichnamigen Film von 1994 sahen oder, wenn alles gut läuft, dem Neustart des Films in naher Zukunft entgegenfiebern. Über all die Jahre hat es fünf Filme über The Crow gegeben, und lange schon kursieren Gerüchte über einen weiteren. Das Projekt, das jetzt von Regisseur Corin Hardy (Hallow) geleitet wird, sichtete für die Rolle der zentralen Figur Eric Draven bereits eine Menge möglicher Darsteller.

James O'Barr
James O’Barr

Nachdem O’Barrs Welt zerbrochen war, wechselte er in die Welt des Militärdienstes, trat den Marines bei und wurde in Deutschland stationiert, wo er begann, Kampfhandbücher zu illustrieren. Tagsüber zeichnete er fleißig für sein Land, aber abends suchte er sich heftige Konfrontationen. Die oben genannte Fanseite bemerkt, dass er sich „während des Feierabends kopfüber in Schlägereien stürzte. Im Nachhinein war sein Verhalten offensichtlich selbstzerstörerisch, und es ist es ein Wunder, dass er noch am Leben ist.“

O’Barr erreichte seine frühe Entlassung aus seinem Militärdienst und entschied sich, nach seiner Heimkehr, die Person zu suchen, die für den Tod der Frau verantwortlich war, die er liebte, und sich zu rächen. Stattdessen erfuhr er, dass der Fahrer bereits gestorben war, angeblich unter natürlichen Umständen.

James O’Barrs Geburtstag wird am 1. Januar gefeiert, aber er selbst ist sich nicht sicher, ob es wirklich sein Geburtsdatum ist. Er kam in einem Wohnwagen zur Welt und wurde erst etwa eine Woche später in ein Krankenhaus gebracht. Sein Vater war, während er das Licht der Welt erblickte, betrunken, und weder er noch seine Mutter konnten sich an das tatsächliche Datum seiner Geburt erinnern. Von diesem Zeitpunkt an drehte sich für O’Barr das Karussell der Pflegefamilien bis er ungefähr sieben Jahre alt war.

Zu zeichnen begann er schon früh; desinteressiert an den Illustrationen, die er in seinen Bilderbüchern vorfand, kreierte er seine eigenen. Er zeigte sie niemanden, wollte die negative Aufmerksamkeit seiner Pflegefamilie nicht auf sich ziehen. Trotz des Trostes, den er beim Zeichnen fand, behielt er seine Arbeiten für sich und isolierte sich sozial.

Durch das Zeichnen entdeckte er jedoch einen Weg, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken.

James O'Barr
James O’Barr

Ohne sich jemals einer Kunstschule angeschlossen zu haben lernte O’Barr, instinktiv Bilder zu schaffen, die von Emotionen durchtränkt waren. Die Charaktere, die seine Geschichten bevölkern, scheinen aus echtem Fleisch und Blut zu bestehen und rufen tiefe Reaktionen des Publikums hervor. Durch seinen künstlerischen Ausdruck entfernte sich O’Barr von den typischen Figuren der meisten Comic-Bücher und wandte sich der Renaissance-Skulptur, lebenden Modellen und der Stillleben-Fotografien zu. Statt einer übertriebenen Helden- und Schurkenanatomie nahm sich O’Barr die Formen von Michelangelos Kunst vor, und dieser Realismus zeigt sich in jedem Bildstrich, besonders aber in The Crow.

O’Barr erhält im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern kein Drehbuch und bringt es dann als Bild auf Papier. Stattdessen hat er sein gesamtes künstlerisches Leben als Schöpfer und Illustrator verbracht und wird nur dann in Projekte involviert, wenn er einen persönlichen Bezug dazu hat. Jede Linie in jedem Bild rührt von einer tiefen Emotion, sei es Liebe, Hass, Wut oder Trauer. Jedes Bild hat eine Lebenskraft, die auch das Publikum betrifft. Für O’Barr ist Zeichnen Therapie. The Crow, sowohl die Graphic Novel als auch der Film, drücken den rohen Schmerz von Liebe und Verlust aus, wie ein kaltes Rasiermesser, das über einen Nerv gezogen wird, inklusive der zerstörenden Wut, die daraus folgen kann. Hier wird der Schmerz in das Licht gedrängt und das Publikum wird gezwungen, ihn als das zu betrachten, was er ist: ein Lehrer. In seinem ersten Auftritt wird The Crow auf die Straße gestoßen, registriert den Schmerz aber kaum und sagt: 

„Ich kenne den Schmerz auf molekularer Ebene. Er zieht an meinen Atomen und singt in einem Alphabet der Angst zu mir.“ 

The Crow illustriert all denen Gerechtigkeit, die Mut brauchen, um ins Angesicht der Angst zu blicken. In den Köpfen des Publikums wird die Idee des Antihelden als jemand verfestigt, dessen Handlungen gerechtfertigt sind, der aber genauso viel Angst und Schrecken erzeugen kann wie die Schurken der Geschichte selbst.

The Crow verkörpert Liebe, die zur Wut geworden ist, Verzweiflung, die sich zum Wahnsinn wandelte. Mit krass-weißer Haut, einem schwarzen Haarschopf und dem verräterischen Schwarz über seinen Augen und seinem Mund, das ein nie endendes Grinsen erzeugt, war The Crow eine neue Art von Held der unerbittlichen Rache und äußersten Brutalität, jene Art von Held, die Batman wäre, wenn er ganz seiner Dunkelheit nachgeben würde. Das soll nicht heißen, dass The Crow einfach ein hirnloser Killer ist, der auf Rache sinnt. Weit davon entfernt. Eric Draven ist trotz der Verwandlung immer noch derjenige, der er einst war. Wir erhaschen einen flüchtigen Blick auf ihn, wenn er sich an die schönen Dinge erinnert, die er mit seiner verlorenen Liebe teilte. Obwohl die Geschichte einen düsteren, unbeugsamen Blick auf den sintflutartigen Einbruch der Tragödie bietet, zeigt sie auch, was Gerechtigkeit und Erlösung leisten können. In den Worten von The Crow im Film von 1994: