Das Museum und die Musiktruhe

Ich durchstreife die Gänge des Museums. Ich muss die Wahrheit wissen. Vorbei an den knurrenden Wasserspeiern und mumifizierten Vampi­ren, vorbei an den Eidechsen, die in Gläsern, gefüllt mit Formaldehyd, treiben, den fossilen Nautiliden, silbernen Insekten, in Bernstein begraben. Hinauf zu den Dachkammern, wo Meere aus Pergament in meinem Wahn­sinn herumzuwirbeln scheinen, rissige, staubige Worte, Baumstämme, die nach Zeder und Eiche duften.
Worte in Sprachen, die nur die Toten verstehen, Seiten, die nur vom Licht einiger Glühwürmchen gelesen werden, nur den Entdeckern vergesse­ner Kontinente bekannt, durcheinander geratene, schattige Aufzeichnun­gen.
Die Worte haben damit begonnen, sich mir zu offenbaren; mein Ehrgeiz kennt keine Grenzen. Im Laufe der Zeit werde ich deine Geschichte kennen. Deine Geheimnisse werden dann ausgebreitet vor mir liegen wie einzelne Proben auf einem Seziertisch.
Es ist Winter in der Stadt. Schnee deckt die Dächer mit einer glänzen­den Silberschicht zu, verschleiert die Identität gewisser Straßen, begräbt Kinder auf ihrem Weg nach Hause. Die nackten Statuen blasser Mädchen sind nun gekleidet in ein frostiges Weiß. Im Dachgeschoss ist es kalt. Wie die Ratten baue auch ich mir ein Nest aus Papier, alten Texten, Pergament und Papyrus, Schriftrollen und Palimpsests. Ich zerknülle diese Dinge und stopfe sie unter meinen Mantel. Ich erinnere mich an die Wärme deines Körpers, als ob du anstelle eines Herzens eine kleine Sonne in der Brust sitzen hat­test. Wir beide waren Planeten, die sich in der Dunkelheit umkreisten.
Ich werde mich für alle Zeiten daran erinnern, wie du mir das Museum das erste Mal gezeigt hast. Billiger Wein und billige Träume, das Konfetti eines Abends. Verrückte Jugendliche mit den Augen von Gelehrten. Ich jagte dich durch verwinkelte Gassen, über Kopfsteinpflaster und Dächer, durch Tavernen, die voller Rauch waren. Wir gesellten uns zu den ausgelassenen Vergnügungen Fremder. Du ließt deine Hüften kreisen, dein funkelndes Kleid flog ihnen ins Gesicht. Ich hatte versucht, dich festzuhalten, wie du da so verzweifelt schwanktest. Wir liefen durch Nebel und Straßenlichter, Rauchwolken, in Regengüsse hinein. Wir ließen uns gleiten. Wir brachen ein Fenster im Trakt der Skelette auf. Du sagtest: »Hier möchte ich manchmal sein.« Ich staunte über deine Furchtlosigkeit, über dein verwirrendes Lächeln.
Das Museum war der Höhepunkt; die Glaskästen waren noch nicht zer­brochen oder von fettigen Händen beschmiert, wie sie das jetzt sind; weder lag Staub auf den Wirbeln des Allosaurus, noch waren die Kieferknochen des Planicoxa gestohlen worden. Du nahmst mich bei der Hand und führtest mich durch diese geheimnisvollen Hallen; im Halbdunkel schienen die Monster zu tanzen. Wir bestaunten den massiven Kiefer des Nothosaurus und beobachteten die elektrischen Krokodile, wie sie in ihren glänzenden Tanks herumschwammen. Am Diorama mit den vergoldeten Ammoniten bliebst du plötzlich stehen und zogst mich zu dir heran. »Es gibt da etwas, das ich dir zeigen will.« Wir gelangten durch Zimmer, in denen unfassbare Möbel standen, schwer und gebeizt in der Farbe dunkler Biere, durch Kam­mern mit Silberornamenten, durch Räume voller alter Uhren und Schrift­rollen aus bemaltem Papyrus, die die Geschichte der Welt erzählten.
In einem kleinen Zimmer – wenn man nicht genau wusste, wo es sich befand, konnte man es nur schwer finden; vielleicht würde man es für einen Wandschrank oder einen Heizraum halten – stand ein einzigartiges Artefakt unter einer Glasglocke auf einem Sockel. Es funkelte schwach im Schein des Gaslichts. Auf einem verblassten Schild stand: »Musiktruhe: Perthominiti­sche Dynastie, circa 600.«
Das Artefakt selbst bestand aus Azurit, einem blendenden Blauton, der sich dort grün färbte, wo Federn aus Malachit wie Tentakel, bestehend aus Algen, aus der Oberfläche brachen. Über und über waren Meerjungfrauen und Wellen, die sich in Jaguare verwandelten, in das Material geschnitzt. Eine große Gruppe, aus zweibeinigen Pilzen bestehend, schien mitten in ihrem Tanz erstarrt zu sein.
Ich dachte, du würdest mich gleich küssen wollen: was für ein arrogan­ter Idiot ich doch war. Stattdessen fragtest du: »Möchtest du eine Geschich­te hören?« Was sollte ich sagen? Schließlich fasziniert mich alles, was es über die Nacht zu berichten gibt. Alles war ein einziges Rätsel, ein Laby­rinth. Du warst die Einzige, die den richtigen Weg kannte. Du warst die Ein­zige, der ich folgen konnte.
»Wir wissen nur wenig über die Leute von Perth, wir kennen nicht ein­mal ihren richtigen Namen. Manche sagen, er lautet Als Seti; andere behaup­ten, sie nennen sich selbst Sthii-Eeth-Sethe, was bedeutet: »Das Volk der zer­brochenen Steine.«
Aber das waren nur unglaubhafte Vermutungen. Ein Gelehrter behaup­tete sogar, dass der Name dieses Volkes weder in unserer, noch in irgendei­ner anderen Orthographie, die uns bekannt ist, niedergeschrieben werden kann. Er sagte, dass der Klang ihres Namens sich anhören würde wie der Wind, der über die getrockneten Blüten einstiger süßer Blumen rauscht. Wir wissen lediglich, dass ihre Augen von der Farbe des Mondes waren. Dass ihre Tempel so gebaut wurden, dass sie, wenn es regnete, zu lebendigen Skulpturen wurden, zu kinetischen Gärten aus Wasser, das in gezielten rhythmischen Melodien einer wässrigen Architektur tropfte und sang.
Ihre Tempel waren mit gefiederten Delfinen verziert, die aussahen, als würden sie schwimmen und fröhlich in den Wellen herumtoben. Kreaturen – halb Jaguar, halb Mensch – kämpften mit riesenhaften Göttern. Orchideen wandten sich um die Säulen herum.
Wir wissen, dass ihre höchste und am meisten verehrte Wissenschaft die des Träumens war, und dass sie viele Elixiere und mechanische Instru­mente als Hilfsmittel erfanden, damit sie dieser Kunst nachgehen konnten. Wir wissen, dass ihre Schrift aus in Samtbeutel gehüllten Steinen bestand, deren Form, Farbe und Beschaffenheit, so vermuten wir, den Bestandteilen der Phonetik und Grammatik entspricht. Einige Reisende behaupten, dass die Menschen von Perth sich auf den Rücken von Tigern liebten, oder in Horsten, während eines Gewitters, aber das ist eher unwahrscheinlich.
Traditionell tauschten Liebende untereinander handgeschnitzte Mu­siktruhen aus.
Sonst wissen wir nichts über sie, aber wir wissen, wie ihre Kultur zer­stört wurde. Oh, wie viele Berichte wurden über die Feldzüge von Prinz Ar­temia geschrieben, wie seine Armeen in eisernen Wagen herniederfuhren. Wie er ihre Städte verbrannte und ihre Statuen zu Staub zermalmte. Wie seine Alchimisten Gifte brauten, die sie dann mit riesigen Blasebälgen in die Lüfte pumpten. Wie seine Feinde dem Wahnsinn anheim fielen. Wie ihr Innerstes zu kochen begann. Ihre Felder wurden mit Salz bedeckt. Ihre Tempel dem Erdboden gleichgemacht. Ihre Bibliotheken geplündert. Ihre Steine, die ihre Sprache ausmachten, verstreut, verschachert, bis diese – in Ermangelung einer Ordnung oder Struktur – ihre Bedeutung verloren, und sie nur noch bloße Steine in den Händen hielten. Die gefiederten Delphine, die in ihren Flüssen schwammen, wurden eingefangen, manche von ihnen starben, als die Flüsse austrockneten. Die Jaguarmänner wurden gejagt oder flohen in die Berge; selbst ihre Götter wurden umgebracht. Es wird gesagt, dass es dort nie wieder regnen wird.
Alles, was übriggeblieben ist, ist diese Musiktruhe. Aber es gibt keinen Schlüssel. Sie kann nicht aufgezogen werden. Wir werden sie niemals spie­len hören. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich den Schlüssel gefunden hätte, wie sie knarzt, wenn ich sie aufziehe, wie sie Rostflocken von sich wirft. Welche sehnsuchtsvollen Melodien bekäme ich zu hören; welche Lie­der der Freude?
Du verblüfftest mich damals wie heute. »Ich werde den Schlüssel für dich finden«, sagte ich; das war alles, was ich zu sagen hatte. Du lachtest ein elegantes, vogelgleiches Lachen. Ich versuchte ebenfalls zu lachen, stattdes­sen erbrach ich mich – dick und gelb. Der Rest dieser Nacht vermischte sich mit anderen Nächten, verrückten Kapriolen, Torheiten und Dachkammer-Begegnungen, kaputten Schlössern und betrunkenen Sentimentalitäten. Auf diese Nächte folgten andere Nächte. Nächte, in denen ich alleine durch die leeren Gänge des Museums streifte, den Geistern zuhörte.

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Ich habe dein Tagebuch gefunden, ein kleines Buch mit einem Lederum­schlag. Es befand sich unter einem verrosteten Satz Schnitzmesser, in der Nähe des Kamins. Selbstverständlich kann ich mir der Echtheit des Textes nicht sicher sein, schließlich bin ich im Besitz mehrerer Dutzend Hefte, die alle vorgeben, deine intimsten Gedanken zu beinhalten. Dennoch ist es die Pflicht des Gelehrten, beharrlich durch den Morast zu waten, um herauszufinden, was Gold ist und was nicht.

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Als du jung warst, als ich jung war, hast du mich umworben. Mit einem rät­selhaften, teilnahmslosen Gesichtsausdruck glitt ich über das Geländer der Wendeltreppe. Mein Gesicht wie eine Skulptur aus blankpolierten Obsidian. Stolz, unabänderlich. Vielleicht war da ein Flackern, Reflexionen meines Lachens in der Weite meiner Rubinaugen? War es das, was dir an mir gefiel?
Du begannst damit, Lebewesen aus Papier zu falten, die so lebensecht wirkten, als ob sie hüpften, oder flogen, oder glitschten, oder schwammen. Ich würde sie fin­den: eine Schnecke auf meiner Fensterbank, ein Löwe vor meiner Tür. Eine Eule in meinem Bett, ein Fuchs in meinem Umkleideraum. Zunächst ignorierte ich sie; ich hatte meine Dienstmädchen, die sie fortschafften. Ich hatte viele Verehrer, musst du wissen. Doch bald begannen sie mich zu verfolgen – ich träumte von ihren sich krümmenden Körpern, gehalten von einer gewaltigen Hand, das Papier vom Regen durchnässt, schon nahe am Zerreißen. In Wachvisionen sah ich sie zuckend auf dem Boden der Mülleimer, schreiend vor Schmerz mit ihren zarten, papierdünnen Stimmchen.
Eines Morgens erwachte ich und entdeckte ein Seepferdchen, das sich in mei­nen Haaren verfangen hatte. Deine Kreationen wurden immer ausgefeilter: Papier­schiffe mit zehn Masten, die alle von allein segeln konnten; ein Fluggerät aus Papier, das mit Papierfedern und einem komplizierten Papiergetriebe startete. Es flog drei­mal um meinen Kopf und dann in den Himmel hinein. Eine Papier-Nachtigall, die wirklich singen konnte; ihre Stimme klang wie die Seiten eines Buches, die man um­wendet.
Eines Tages ließ ich dich in meine Gemächer kommen, ich befahl meinen Zofen, deine Kleider verschwinden zu lassen, und bat dich, auf meiner Couch aus polierten Korallen Platz zu nehmen, während ich für dich eine Harfe spielte, die aus einem le­benden Baum gestaltet wurde. Ich spielte die Sonette von Silith Aayrn und die Balla­den von Beth Athul. Eine Kantate geheimnisvoller Sehnsucht. Ich spielte für dich, nur für dich. Wie ein Aal schlüpfte ich aus meinem Kleid und ließ es wie eine leere Wolke auf den Boden fallen. Du rührtest dich nicht. Mit meiner Zunge zeichnete ich jede Kontur deiner Haut nach, jede empfindliche Stelle, jede Kurve und jeden Win­kel. Ich hätte tausend Atlanten mit all den aufgefundenen Geheimnissen füllen kön­nen. Wir versuchten, uns selbst zu vergessen, zu krümmen, zu brechen. Ich krümmte mich auf dir und kratzte, unsere Haut war wie Sandpapier, wie Obsidian und Jade. Ich machte Puder aus dir und beobachtete deinen silbernen Staub, wie er in wirbeln­den Stürmen in die Ecken des Raumes geblasen wurde. Dein Körper war zerbrechlich wie ein angeschwemmter Baum; jede Bewegung schien dich zu überraschen, gab dir Lust und verursachte dir Schmerz. In dieser Nacht träumte ich von einem Fluss, der sich über die Weite des Himmels bog, beide wussten sie nicht, dass sie in unserer Welt unwiderruflich an die Erde gebunden waren.

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In einer alten Zigarrenkiste, in einem Bücherregal aus Elfenbein, das hinter ein mottenzerfressenes Sofa geschoben wurde, entdecke ich eine Karte. Es handelt sich um die Aufzeichnung einer Reise, die du einst un­ternommen hattest. Öffne ich sie, strömt mir das markante Aroma von Mandeln entgegen, was wiederum andere Erinnerungen anstößt, das Knar­ren eines Holzfußbodens in einem bestimmten Kaffeehaus, in einer Stadt am Meer. Manchmal bist du dabei, manchmal bin ich alleine. Das Blau des Ozeans ist wie ein Band auf die Kleider meiner Erinnerung genäht. Aber in welcher Stadt?

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Die Karte ist alt; eine Ecke wurde vom Feuer versengt, eine andere vom Schimmel verzehrt. Es scheint Tinte ausgelaufen zu sein, bildet ein wildes Durcheinander an Linien. Inseln und Fjorde, Buchten und Zuflüsse, Flussmündungen, die ihr Drachenmaul geöffnet haben, spucken ihre feurigen Deltas in die Weite des Meeres. Wie ein verheddertes Fischer­netz bedecken die sich durchkreuzenden Linien alles. Sie erzählen von alten Handelswegen und dominanten Winden, von Strömungen und Wirbeln, Fahrrinnen zwischen wrackübersähten Riffen, der Wanderbewegung sin­gender Tintenfische. Unter all dem folge ich deiner Reise. Die Karte enthält keinen Hinweis auf dein Schiff, so dass ich nicht weiß, wie ich mir dich vor­zustellen habe: als Kapitän einer Feluke oder einer Dau, als Ruderer einer Trireme, als Steuermann einer Dschunke? Nach was hieltst du Ausschau, als du nach Norden unterwegs warst, durch die Bucht von Kes in das Morliani­sche Meer hinein gesegelt bist? Warst du auf Schatzsuche? Warst du auf der Suche nach einer Truhe voller Gold, versteckt unter Korallensand? War es vielleicht Rache? Die Karte schweigt sich über deine Motive aus, als du dem Thevrianischen Flussbett folgtest, als du das Kap der Bitteren Trauer um­rundetest, Kurs Nord-Nordwest in dieser unendlichen Weite des namen­losen Ozeans. Warum hast du dich im Kreis gedreht? Warst du auf der Suche nach einer Insel, die nicht in dieser Karte verzeichnet ist? Oder nach alten Tierarten oder dem großen Leviathan? Nach einer herabhängenden Qualle, die dir die Antwort auf ein verzwicktes Rätsel geben konnte? Oder packte dich ein Sturm mit seiner Faust aus Regen und Wind und warf dich weit fort von deinem Kurs? Oder wurdest du verrückt, in die Irre geführt von einem schimmernden Trugbild, einer Schar von Engeln mit grüngoldenen Schup­pen, die unter deinem Bug schwammen? Oder gab es eine Meuterei? Schweigsame, dumme Karte! Du deutest alles nur an, sagst mir aber nichts. Weder bist du so glatt wie ihre Haut, noch kräuselst du dich mit flüsternder Sanftheit um mich herum, um mich vor der Welt zu bewahren.

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Habe ich dir schon gesagt, dass sie das Museum endgültig schließen werden? Dieser alte Ort ist vor langer Zeit schon zu einer Ruine zerfallen; es kommen kaum mehr Leute in diesen Teil der Stadt. Gelegentlich verirrte sich an einem regnerischen Sonntag ein neugieriger Spaziergänger, um über die schlafenden Statuen nachzudenken, oder um amüsiert die ungleichmäßigen, zweischaligen Muscheln zu betrachten. Er­innerst du dich an die Küsse hinter dem Diorama, das den Lebensraum des Turmelianischen Nilpferds abbildet? Der Geruch von Leim, deine Lippen wie Schmetterlinge, hieltst du dich an meinen Hüften fest, um nicht davonzu­fliegen.
Der Navigator wird fahrlässig; deine Reise führt in Teeflecke hinein. In einer anderen Ecke der Karte scheinst du den Hafen von Cavaldo erreicht zu haben. Mit zierlicher Handschrift, die ich als deine erkenne, findet sich fol­gende Notiz: Nahm einen Frachter, Pfeffer und getrocknete Feigen, verlor drei Männer meiner Besatzung an Huren und Alkohol. Sie werden mir nicht fehlen.

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Du hast mich einst geliebt, oder stimmt das etwa nicht? Diesen peinli­chen Jungen, diesen schneidigen jungen Mann? Oder war das alles nur eine Art Spiel? Verblendung? Vielleicht habe ich den verhäng­nisvollen Hinweis verpasst? Erinnerst du dich an die vierte Etage des Muse­ums, wie wir den Samtvorhang in die Grabkammer des Tulth Etha hin­abgerutscht sind?
Erinnerst du dich daran, wie wir im Flackern der Taschenlampe die mumifizierten Körper armdicker Würmer neben ihm entdeckten, die gläser­nen Blutegel, die man in die Höhlen seiner Augen gelegt hatte? Sein Sarko­phag war aus einer Austernschale gefertigt, mehrere Meter lang.
Die Welt schien zu blinzeln. Wir schienen so unglaublich allein zu sein in diesem Museum und in dieser Dunkelheit. Der Duft von altem Weihrauch hing noch in der Luft. An den Wänden hingen Wandteppiche, die Flüsse zeigten, Götter mit Skorpionschwänzen und Köpfen von Tigern. Schnitze­reien von Geistern. Im Licht der Taschenlampe hattest du deine Kleider aus­gezogen, dich zur Wand gedreht und jedes Detail dieses schweren Stoffes mit deinen Handflächen untersucht. Ich hielt dich an der Taille fest. Du warst schlank wie ein Wasserfall, der nur aus Schatten besteht. Mit meinen Händen spürte ich den vertrauten Hieroglyphen deines Rückens nach: wei­che Falten, Sommersprossen in Form eines Viertelmondes, verletzliche Nar­ben. Ungeschickt kamen wir zusammen, unsere Haut kratzte wie Pferde­haar, das über ungestimmte Saiten gezogen wird, wir löschten einander aus, schaukelten sanft, dann heftiger. Ich ließ die Taschenlampe fallen und ihr Licht flackerte, hob sich und senkte sich mit unserer Leidenschaft, ver­schlang uns mit Dunkelheit.
Wir schliefen auf dem Boden ein, in einem Gewirr aus Decken und Staub. Als ich erwachte, warst du fort. Das war das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe. Ich starrte eine Weile in das halbverrottete Gesicht Tulth Ethas, ein König, ein Priester, ein Prinz vielleicht. Da lag etwas Wissendes in seinem knöchernen Grinsen, aber er gab mir keine Antwort.

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Der Tod eines Museums ist ein langsamer Tod. Fördergelder laufen aus. Die mit Kohle beheizten Öfen funktionieren nicht mehr. Rohre frieren ein und platzen. Flüsse fließen auf dem Boden herum. Schimmel blüht auf alten Wandteppichen. Die Kinder aus der Nachbarschaft haben damit begonnen, die Scheiben der Fenster einzuschlagen, eines nach dem anderen. Sie halten Zielübungen ab, schleudern Steine aus selbstgebas­telten Steinschleudern. Sie haben ein ganzes System von Wetten ausgear­beitet, basierend auf der Größe des Fensters und der Entfernung vom Boden. Ich höre sie lachen, wie sie sich gegenseitig anstacheln. Das Museum ist jetzt den Elementen ausgeliefert. Der Frühling bringt Regen und die Samen der Pusteblumen, die inmitten der künstlichen Fauna des Meso­zoikums Wurzeln schlagen. Ein paar Zaunkönige haben ihr Nest im Schädel des Stegosaurus gebaut. Eine Mäusefamilie hat mittlerweile damit begon­nen, sich ein Zuhause in der Sägemehl-Füllung eines Einhorns zu schaffen, einst der Stolz der Sammlung des Museums. Es ist nicht leicht, Zeuge all dessen zu werden, aber schwerer noch ist es, das Bröckeln der zarten Archi­tektur der Erinnerung zu spüren. Ich sehe dein Gesicht nicht mehr klar vor mir. Da ist kein eindeutiger Zusammenhang mehr. Deine Eigenschaften sind wie Wasser. Von unserem gemeinsamen Leben bleiben nur noch die vagen Vorstellungen von Kaffeehäusern, der Tische dort, dem Aussehen einiger Straßen, Zäunen, einem Hügel, der in den Himmel ragt. Elegante Speisesäle mit Tischen aus Glas, Kronleuchter, die wie Städte gebaut sind, Kellner in schwarzen Klamotten, und Aperitifs, die in silbernen Gläsern serviert wer­den. Was gibt es sonst noch? Ist da noch mehr? Ein Zimmer, in dem es stets kalt ist; eine Vorstellung davon, dass wir irgendwas teilten.
Heute habe ich einen weiteren Text entdeckt, der einer Schar junger Ratten, die ihr Nest in einer kaputten Uhr hatten, als Decke diente. Sie hat­ten bereits damit begonnen, an ihm zu nagen. Die Handschrift stammt ein­deutig von dir.

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Ich wanderte umher – was sollte ich sonst tun? Ich habe Städte aus Glas gesehen; es sah so aus, als flössen sie über die Erde, Echokammern für die Sonne. Ich habe Städte aus Korallen gesehen, Städte ganz aus Sand, Städte unter der Erde. Ich verliebte mich in einen Fluss, in einen See, in einen Tänzer. Seine Bewegungen wa­ren so sicher wie die der Planeten, obwohl seine Umlaufbahnen unberechenbar blie­ben, losgelöst von jedwedem Zentrum. Sein Haar war wie der Farn eines tiefen Wal­des. Als wir uns liebten, wirkte er unbeholfen; er verlor all seine Anmut wie ein sprö­der Zweig. Wir küssten uns an Gebirgsbächen und flüsterten die Wärme von Ge­heimnissen in rattenverseuchte Räume hinein.
Dinge, die eigentlich klar waren, wurden nebelig, wurden stumpf und rostig. Bin ich schon einmal hier gewesen? Diese Straße kommt mir bekannt vor: die Art und Weise wie mein Pferd den Staub aufwirbelt; die Art und Weise wie sich die Bäu­me biegen, die Sonne blockieren; die Art und Weise wie sich der Dunst kringelt. Habe ich in dieser Schlacht gekämpft, dich mit diesem Schwert durchbohrt? Kannte ich dich einst?
Ich habe zu viele Liköre gekostet, Getränke des Deliriums, Obstbrände, aus ver­wesenden Früchten gebrannt, Weine eines himmlischen Jahrgangs – und immer noch ist die Zeit die verderblichste Substanz. Ich suchte nach einer Methode, ihre Auswirkungen zu bekämpfen. Um über meine Vergangenheit zu verfügen, meinen Weg zu finden. Als ich der Stadt Baith den Rücken zukehrte – die Erinnerungen an ihre spiralförmige Kathedrale verblasste bereits wie die Herbstblätter des Cearien-Baumes – wollte ich jedoch auf keinen Fall den Winter vergessen, in dem ich täglich vom Geläut der Glocken von Cesith Murn geweckt wurde, unsere Glieder ineinander verschränkt, komplizierte Landkarten auf die Scheiben unserer Fenster geätzt. Ich nahm eine Halskette, die du getragen hattest, eine einzelne Perle auf einer seidenen Schnur, und steckte sie mir in den Mund. Kalt rutschte sie meinen Schlund hinunter; jetzt konnte ich sie in mir spüren, in Sicherheit, ein unwiderrufliches Artefakt der Erinnerung – Beweis einer Vergangenheit.
Ich schluckte alles, von dem ich glaubte, ich könnte es vergessen. Eine Gitarre, die ein Kind auf den Straßen von Balacla spielte, ihre Noten flatterten wie Tauben um die Schornsteine herum; einen Fisch, der im algengrünen Wasser eines verlasse­nen Brunnens flimmerte, wo wir saßen und dem Spiel der Schatten zusahen. Ich ver­schluckte einen Fluss in Alboroa, dessen albtraumblaue Wasser über den Ruinen ge­waltiger Statuen schäumten. Einen Sonnenuntergang, der den Palast von Sel Amri entflammte, lang genug, um einen Kuss auf unseren Lippen brennen zu lassen, um ihn zu entfachen und vergehen zu lassen.
Ich wuchs und wuchs, wurde so groß wie ein Haus, ein Palast, eine Kathedrale. Meine Haut, bereits dick wie Leder, wie Schlamm, wurde wie Stein – wurde wie eine Mauer. Erinnerst du dich nicht daran, wie ich dich verschluckte? Es genügte nicht, jeden Platz zu verschlingen, an dem wir einst gelebt hatten, die Bettlaken, die Fär­bung des Lichts, den Dampf jeder einzelnen Tasse Tee, die wir zusammen getrunken hatten. Auch ich brauchte dich. Es ist nicht mein Wunsch, dich zu vergessen. Ich bin dein Museum. Dies sind die verdrehten Reste unserer Liebe. Aber man kann nicht gleichzeitig ein Mensch und ein Gebäude aus Stein sein. Wisse, dass ich mich nach dir sehne, genauso wie du dich nach mir sehnst.

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Ich untersuche die mumifizierten Körper der Thermetischen Fledermäu­se. Halbherzig fegte ich den Taubenmist von den Statuen der Sorgenvol­len Jungfrau und der Tanzenden Krabbe. Ich kann nicht länger die Blü­ten der purpurnen Algen eindämmen, die in den Tanks der fluoreszierenden Seepferdchen wuchern. In einem Anfall von Wut zerquetschte ich die Scha­le der aeronautischen Strandschnecke; es war das einzige bekannte Exem­plar seiner Art. Ich erinnere mich, wie du stundenlang in ihren Anblick ver­sunken warst, die lichtdurchlässige Architektur ihrer Schale studierend, die aus himmelblauem Glas bestand. Ich kehre zum Dachboden zurück. Zwi­schen den überall verstreut liegenden Fläschchen, in denen der Sythische Wurm im Larvenstadium gehalten wird, läuft Formaldehyd auf die Baupläne von Luftschiffen, unter einem Baumstamm, auf dem Sporenproben, die von einer Expedition zu einer vergessenen Insel stammen, wuchern, katalogi­siert gemäß der Bewegung ferner Planeten, zwischen Alphabeten, in Träu­men gelernt – in einem kleinen Heft, nicht größer als meine Hand, fand ich einen weiteren Text. Das macht mir keine Freude. Ich sehne mich nach dei­ner Berührung, das feste Gewicht deines Körpers. Trotzdem habe ich den Text natürlich gelesen. Die Hälfte der Seiten ist verbrannt.

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An dem Tag, als sie meine Mutter von mir nahmen, vertraute sie mir ein Ge­heimnis an. »Begraben in der Ecke unserer Hütte, zwischen Tonscherben, unter dem ganzen Saatgut und Getreide, gibt es eine Musiktruhe, die mir dein Vater vor sehr langer Zeit anvertraute. Ich habe sie für dich spielen lassen, als du in deiner Rindenwiege schaukeltest. Erinnerst du dich? Und schon warst du ein­geschlafen. Das war, als dein Vater noch am Leben war, weit vor der Krankheit und vor der Regierungszeit des Prinzen Artemia.«
»Ja«, sagte ich, »die Musik hörte sich an wie Regen, als würde es in mir reg­nen.«
Meine Mutter war seit sieben Tagen fort, als man mir sagte, ich würde weit in den Norden mitgenommen, um eine Bedienstete in einem großen Haus zu sein. In dieser Nacht grub ich in der Ecke unserer Hütte, indem ich die Erde mit einem Stock fortkratzte. Ich riss an den Sedimentschichten, meine Fingernägel strotzten nur so vor Schmutz. Die Musiktruhe war in ein Stück Sackleinen eingewickelt. Es dauerte die halbe Nacht, bis ich sie daraus befreit hatte.
Und sie war so, wie ich mich an sie erinnerte, blauer Azurit, gemischt mit dem herrlichen Grün des Malachit, aus dem die Federn, die aus der Oberfläche brachen, bestanden. Die Truhe war voller geschnitzter Meerjungfrauen, Wellen, die sich in Ja­guare verwandelten, Geschöpfe, halb Pilz, halb Mensch, die aussahen, als würden sie tanzen und sich nach einem archaischen Ritus bewegen.
Der Schlüssel fehlte. Ich wühlte im Dreck, grub tiefer, durchkämmte die Erde. Aber ich entdeckte keinen Schimmer von Silber. Ich konnte den Schlüssel nicht fin­den. Die Truhe würde niemals wieder aufgezogen werden. Die Musik würde niemals wieder ertönen. Ich hatte keine Zeit zu verlieren; die Männer würden jeden Augen­blick kommen. Sollten sie die Musiktruhe finden, würden sie sie zerstören, genauso wie sie unsere Tempel zerstört hatten und unsere Götter in den Schmutz traten. Ge­nauso wie sie unsere Flüsse vergiftet hatten; die waren nun voller Fische mit aufge­blähten Bäuchen, die vor Pusteln starrten und gelbe Tränen weinten. Das Gift war überall. Die Rübenfelder stanken verrottet; Würmer hatten ihre Labyrinthe in den Ebel-Baum gefressen; die Blätter der Sillel-Beere wurden schwarz und starben.; selbst der Regen schmeckte nach Tod.
Würde ich je die Tage vergessen, an denen ich durchs Dickicht und über die Felder streifte, um die Pflanzen zu sammeln, die meine Mutter für ihre Färbemittel brauchte? Erlen, Flechten und Flieder; Löwenzahn, Blutwurz und Birke. Die Nächte, in denen mein Vater silberne Makrelen vom Wehr mit nach Hause gebracht hatte, Salzkristalle glitzerten in seinem Bart.
Ich konnte das alles nicht einfach hinter mir lassen, ich konnte es aber auch nicht mit mir nehmen. Ich saß am ausgebrannten Feuer, meine Gedanken kreisten wie Krähen. Ich konnte ihre Stiefel bereits hören. Ich war verzweifelt. Ich weiß nicht mehr, warum ich tat, was ich tat, warum ich mich auf den schlammigen Boden leg­te, den Kopf nach hinten geneigt. Ich nahm die Musiktruhe in meinen Mund und schluckte sie hinunter. Ich würgte, erbrach heiße Galle, aber sie schlitterte hinab, kaltes Metall und Stein. Sie schmeckte nach dem Meer, nach saftigem Waldhumus, nach spröden Kiemen und Wiesenkuppen, nach den Pfifferlingen des Herbstes. Nun war mein Zuhause in mir. Nun konnte es niemals mehr von mir genommen werden. Sie fesselten meine Hände und brachten mich zu einer ihrer Maschinen, einem gro­ßen Insekt aus Eisen. Sie klapperte inmitten einer Aschewolke. Sie summte in Rost und Blut. Innerhalb der Maschine befand sich eine große Kammer, die bereits mit Kindern überfüllt war. Die Reise in den Norden war die längste an die ich mich erin­nern kann.

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Ich finde den kleinen Raum, den du mir vor so langer Zeit gezeigt hast. Ich untersuche die Musiktruhe unter ihrer Glasglocke. Spinnweben hängen an der oberen Ecke. Milben parodieren auf der Oberfläche wie kleine Eroberer. Sie huschen in und aus den Öffnungen des rostigen Zylin­ders. Wie dumm ich doch war, zu denken, ich hätte den Schlüssel gefunden, den du auf jedem Kontinent gesucht hast, auf dem Grunde eines jeden Mee­res, zu denken, ich hätte die Einsamkeit vertrieben, die dich genauso ver­zehrte wie mich. Welch ein Idiot, welch ein Narr ich doch war. Zu denken, ich hätte die Federn der Erinnerung aufgezogen, den Rost aus dem Getriebe verbannt, vier vergessene Lieder daraus hervorgebracht.
Meine Erinnerung an dich beginnt zu verblassen. Die Zimmer, die wir teilten, unser Bett wie ein tropischer Kontinent auf der arktischen See, De­cken wie Schichten der Atmosphäre, unsere Körper, die sich hinein und dar­aus hervor wandten wie Wolken. Das Treibhaus eines Dschungeldachs, in­einander verschlungen und in den Armen alter Reben. Manchmal flattert ein Vogel gegen mich.
Ich erinnere mich nicht mehr länger an das, was unsere Liebe aus­machte. Im Schmetterlingstrakt stürzt bereits die Decke ein; Gipsstücke übersäen den Boden. Einige Motten mit ihren skelettierten Flügeln sind in die Schmetterlingskästen gekrochen und haben damit begonnen, ihre Ko­kons zu spinnen. Es ist seltsam zu sehen, wie die Lebenden und die Toten ihren Wohnsitz so freundschaftlich miteinander teilen. Irgendwie sind eini­ge wilde Hunde in die erste Etage eingedrungen; sie halten ein tägliches Wettknurren mit den ausgestopften Hyänen ab. Die elektrischen Krokodile sind entkommen und brüten bereits in der Wärme des Kellers.

Miskatonic Avenue Band 1: Weird Fiction & Horrorstories Erste Auflage

© 2018 dieser Ausgabe EDITION PHANTASTIKON




Titelbild: Michael Liberatore

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