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Comicversum.

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Derzeit lese ich weniger Bücher als früher. Das hat hauptsächlich mit meiner Hingabe und Forschertätigkeit in der Welt des COMICVERSUMS zu tun – eine Beschäftigung, die eifersüchtig über etwaige Nebenbuhler wacht.

Banal könnte man meine Obsession umschreiben mit einem Satz: “Fast 50jähriger Nerd liest gerne Superheldencomics und tauscht sich mit seinen ebenso nerdigen Freunden lebhaft darüber aus.” Wenn es so wäre, würde ich mein “Hobby” vielleicht verschämt in einem Nebensatz erwähnen. Aber das COMICVERSUM ist anders, anspruchsvoller, vielschichtiger und… ermöglicht auch spirituelle Erfahrungen. Lass mich das nachfolgend etwas näher erläutern:

1. Das Comicversum ist anspruchsvoll.

Natürlich gab es schon früher neben den normalen Comics für die Masse immer wieder Visionäre, Magier, Grenzgänger unter den Comicbuchautoren, die von einer kleinen Handvoll von hingebungsvollen Freaks geschätzt wurden. Dass aber Comics mehr sein könnten als bloß bunte Bildchen zur Entspannung, das hat sich erst in den späten 1980er-Jahren nach der sogenannten “britischen Invasion” diverser Comicbuchautoren in Amerika so langsam im Bewusstsein der Comicleser manifestiert. Als die zwei Riesen MARVEL und DC begannen, Comics von Alan Moore, Grant Morrison und Neil Gaiman herauszugeben, führte das einerseits zu der Heranbildung einer neuen, erwachseneren Generation von Lesern, die zu Hardcore-Fans mutierten. Andererseits pimpten die meist radikal mit alt und brüchig gewordenen Strukturen brechenden Werke auch Geist und Seele des “Comicversums” – und sorgten für den längst überfälligen Paradigmenwechsel jenseits von kindlicher Befriedigung und auch Befriedung durch den in der Zeit des Kalten Krieges installierten Comics Code¹. Auch wenn viele der Experimente von den Fans nicht angenommen wurden (man denke da nur an Grant Morrison und seine brachialen Neuinterpretationen von Superman, Batman und Co.), war es doch unmöglich, einmal so umgewidmetes Territorium wieder in den alten, gemütlichen Zustand zurückzuversetzen. So sind wir seit dieser Punkrevolution endgültig in der Postmoderne der Comicliteratur angelangt.

Panel aus „The Filth“ von Grant Morrison.

2. Das Comicversum ist zum Rhizom mutiert.

Mit zunehmender Komplexität und – einem nicht zu unterschätzenden Faktor – durch die Gier der großen Verlage, Comic-Fans noch intensiver an sich zu binden, ist eine sowieso schon riesige fiktionale Welt zu einem unüberschaubaren, endlosen Stapel von Comicheften mutiert, dessen Ausmaß beim Aufeinanderschichten inzwischen locker bis zum Mond reichte. Was dabei aber noch viel interessanter ist: Mit der Zeit bekam auch der fleißig sammelnde Geek mit, dass mit diesem Wust an Serien, die nahezu alle miteinander verbunden waren, die hierarchische Gliederung all dieser fortlaufenden Epen aufgegeben werden musste. Soll heißen: Ein zentraler “Event”, der nachfolgende Ereignisse in diversen Serien nach sich zieht, ist ab einem gewissen Zeitpunkt nur mehr sehr schwer auszumachen. Und sucht man im Nachhinein nach einer Ordnung oder Gliederung, kommt man ihr am ehesten mit einem Modell auf die Spur, das zwei ziemlich abgefahrene französische Philosophen in den 1970er-Jahren entwickelt haben.

Wahnsinnige Philosophen: Deleuze und Guattari

Gilles Deleuze und Félix Guattari nahmen dafür verschiedene Gewächse in der Natur zum Vorbild, deren Struktur nicht “hierarchisch” wie zum Beispiel bei einem Baum wächst, sondern “rhizomatisch”, also ein horizontales Achsensystem ausbildet – ohne erkennbare Grundwurzel, dafür aber mit diversen Internodien und einander identen Leitbündelanordnungen². Deleuze und Guatarri (die beide durch Selbstmord aus dem Leben schieden) führten in ihrem Modell noch diverse “Plattformen” ein, die als vollkommen gleichwertige Basen für neue Verzweigungen dienten (“Mille Plateaux”, der Titel ihres zweiten gemeinsamen Buches, wurde dann später auch zum Namen eines legendären deutschen Plattenlabels).

Das “Rhizom” wurde damals zur Erklärung gesellschaftlicher Strukturen in der Postmoderne verwendet, funktioniert aber eigentlich ganz wunderbar in allen möglichen Disziplinen der Kunst – für elektronische Musik (siehe oben) oder aber auch als Funkfeuer im chaotischen Ozean des Comicversums, dessen Verlage zwischendurch wohl selbst immer wieder den Überblick über die zahllosen parallelen Welten und verschiedenen Realitäten verloren haben (und das dann im Laufe diverser Megaevents wie z.B. den verschiedenen Crisis-Zyklen bei DC wieder erfolglos aufzuräumen versuchten).

Der Bambus, ein Rhizom

Jeder Event, jede Serie mit ihren unzählbaren Sub-Erzählungen macht es dem Comicfan heutzutage fast unmöglich, die Geschehnisse in traditioneller, hierarchischer Reihenfolge in ihrer Gesamtheit zu verfolgen – jeder Versuch, eine Reihe zu “fassen”, macht durch seine zahllosen Verknüpfungen das berühmte Fass ohne Boden auf. Das allerdings kann man eben auch wieder als Chance begreifen, im postmodernen Tauchanzug in diesem quietschbunten Ozean zu tauchen und nie gesehene Inseln, Krallenriffe oder Untiefen zu entdecken. Ein kleiner Tipp am Rande: Als Reiseführer hat sich die englische Wikipedia bei allen Geeks bis jetzt bestens bewährt.

Entschlüpft gerne in unsere Realität: John Constantine

3. Das Comicversum ist real!

Das klingt jetzt ein wenig nach “I want to believe”, aber die Möglichkeiten unseres menschlichen Geistes, Realitäten zu erschaffen, sind ja noch immer nicht wirklich erforscht. Wenn Grant Morrison in seinem Buch “Supergods” darüber schreibt, wie ihm Superman und Co. tatsächlich bereits erschienen sind, wenn Alan Moore zugibt, John Constantine begegnet zu sein, wenn Dave McKean von seinem (unheimlichen) Zusammentreffen mit “Death” (aus dem legendären “Sandman” von Neil Gaiman, für das McKean die Covers gestaltete) berichtet, dann sind das Phänomene, die ernst zu nehmen sind – Moore hat dafür sogar eine eigene Realität namens “ideaspace” definiert. Selbst Freunden und Bekannten von mir sind solche Ereignisse schon selbst widerfahren – aufwachen in einem Universum voller Superhelden, mit utopischen Bedrohungen und komplett anders als gewohnt vergehender Zeit; all das sind keine Einzelfälle mehr, die nach psychiatrischer Behandlung schreien (oder wenn, dann eher als Folge des Erlebten). Konstituiert sich da eine bisher verborgene Realität? Es bleibt spannend!

¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Comics_Code

² https://de.wikipedia.org/wiki/Rhizom

Empfehlungen:

Gaiman, Neil – The Sandman, DC Vertigo, 1989-1996
Morrison, Grant – The Invisibles, DC Vertigo, 1994-2000
Morrison, Grant – The Filth, DC Vertigo, 2002-2003
Morrison, Grant – Supergods: Our World in the Age of the Superhero, Random House, 20011
Kripal, Jeffrey J. – Mutants and Mystics: Science Fiction, Superhero Comics, and the Paranormal,
University of Chicago Press, 2011
Deleuze, Gilles & Guattari, Félix – Rhizom, Merve-Verlag, 1977
Deleuze, Gilles & Guattari, Félix – Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie, Merve-Verlag, 1993

 

Doc Nachtstrom
Über Doc Nachtstrom (8 Artikel)
Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung "House of Pain" bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift "Visionarium", Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.
Kontakt: Webseite

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5 Kommentare auf "Comicversum."

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Tobias Reckermann
Webmaster

„Konstituiert sich da eine bisher verborgene Realität? “ … lässt mich da jetzt intensiv an Warren Ellis Konzept des Bleed in Planetary und allgemein dem Wildstorm-Universum denken. Auch hier brechen Dinge aus den Kosmen des Irrealen in die Realität ein, werden Wirklichkeit – eine Möglichkeit, an die ich als radikaler Fiktionalist per definitionem glaube. Was wäre denn auch wirklicher als die kognitiven Kreationen, mit denen wir unsere Welten bevölkern? Schöner Artikel von Dir, Doc Nachtstrom, auch Du bist ein Superheld 🙂

Michael Perkampus
Webmaster

Es gibt ja sogar Spekulationen darüber, dass der Tod nichts anderes ist, als dass du dann in die von dir geschaffene Kreation eingehst und dort für alle Zeiten träumst.

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