Mutter weiß es am besten

Wenn dir als Kind etwas Angst macht – ein böser Traum oder ein Monster unter dem Bett – was tust du dann? Du forderst den ultimativen Schutz: deine Mutter. Aber was passiert, wenn Mütter selbst monströs sind, und was macht sie zu diesen Monstern? Mütter – Frauen in der Horrorfiktion ganz allgemein – kommen nicht so gut weg. Sie leiden unter dem Problem “Sei verdammt, wenn du es tust / Sei verdammt, wenn du es nicht tust”, und werden zu einer Quelle des Terrors, weil sie zu mütterlich oder nicht mütterlich genug sind.

Die monströsen Schreckensmütter haben ihre Wurzeln in Mythen und Märchen, mit den bösen Stiefmüttern in Geschichten wie Schneewittchen als klassischem Beispiel. Die Brüder Grimm popularisierten diesen Archetyp zwar, aber in vielen der ursprünglichen Geschichten, auf denen ihre Märchen basieren, waren die Stiefmütter das Böse. Im typischen Muster dieser Geschichten sah die Mutter/Stiefmutter eifersüchtig auf die Jugend und Schönheit ihrer Tochter hinab und versuchte sie dafür zu bestrafen oder zu vernichten. In den extremsten Fällen führte das sogar zu Kannibalismus. Als die Grimms ihre Märchen von Müttern zu Stiefmüttern entwickelten, schufen sie eine nützliche Dichotomie. Auf der einen Seite die böse, eifersüchtige Stiefmutter, auf der anderen die reine, liebevolle Mutter, die aufgrund ihres Todes makellos ist.

Diese Dichotomie erscheint in Lucy Cliffords “The New Mother”, einer Horrorgeschichte aus dem Jahr 1882. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei junge Mädchen, die von einem fremden Mädchen im Wald zu Ungezogenheiten verleitet werden. Ihre Mutter warnt sie, dass schlechtes Verhalten sie zwingen wird, für immer zu gehen und eine neue Mutter an ihre Stelle treten wird, eine mit Glasaugen und einem Holzstummel. Die Kinder ignorieren die Warnung, und ihre süße, freundliche Mutter verschwindet und lässt die unheimliche neue Mutter an ihrer Stelle zurück. Die Geschichte endet, bevor wir erfahren, ob die neue Mutter mehr als nur monströs aussieht, obwohl sie es aus Sicht der Mädchen sicherlich ist, und die Moral für sie ist klar – sei gut und höre auf deine Mutter, sonst wird dich ein Monster kriegen.

Neil Gaiman verweist auf “The New Mother” als Inspiration für seine Novelle Coraline, deren böse andere Mutter Knopfaugen hat, die direkt auf die Glasaugen der neuen Mutter anspielen. Im Gegensatz zur Neuen Mutter steht die Bosheit der Anderen Mutter direkt schon durch diese andere Seite fest. Sie sammelt dort Kinder, näht ihnen Knöpfe über die Augen und entzieht ihnen das Leben. Dennoch pendelt sie immer noch auf der Grenze zwischen zu viel Mutterliebe und zu wenig. Die andere Mutter lockt Coraline in ihre Welt, indem sie sich ein wenig zu perfekt gibt – mehr Spaß zulässt als ihre echte Mutter, ihre Lieblingsspeisen kocht und sie verwöhnt. Sobald sie jedoch die Kinder hat, die sie unter ihre Fittiche bringt, langweilt sie sich schnell, und ihre Liebe verwandelt sich in Vernachlässigung, so dass die Kinder verkümmern.

Alfred Hitchcocks Psycho bietet ein interessantes Beispiel dafür, wie eine Mutter die Grenze zwischen zu viel und zu wenig Bemutterung überschreitet, obwohl das, was Mrs. Bates so interessant macht, ihre Abwesenheit während des filmischen Zeitrahmens ist. Die echte Mrs. Bates ist tot, bevor der Film beginnt; sie ist ein motivierender Faktor für den Horror, aber während des gesamten Films fungiert Norman als seine eigene Mutterfigur. Norman ermordete Mrs. Bates und ihren Geliebten, dann exhumierte er ihre Leiche und erfand sie als sein eigenes perfektes Ideal neu – eine erstickende, überfürsorgliche Mutter, die bereit war zu töten, um ihn zu ihrem perfekten kleinen Jungen zu machen. Wir können vermuten, dass die echte Mrs. Bates vor ihrem Tod dazu bereit gewesen sein könnte, in eine neue Phase ihres Lebens einzutreten – eine, in der nicht Norman im Mittelpunkt steht. In den Augen von Norman war sie dadurch eine schlechte Mutter, eine monströse, so dass seine verdrehte Neuinterpretation bis ins Gegenteil führt. Als “Mutter” ermordet Norman brutal eine Reihe schöner Frauen, die eine sexuelle Versuchung darstellen, um sich dadurch kindlich und rein zu halten. Er hält sich auch von ihrem Tod fern, behauptet, dass seine Mutter noch am Leben sei und er sie nicht getötet habe, und überträgt die Schuld für seine Morde auf sie. Infolgedessen wird Mrs. Bates-via-Norman sowohl zur märchenhaften, bösen Stiefmutter, die junge Frauen jagt, als auch zur heiligen, toten Mutter, die ihren kleinen Jungen beschützt.

In Freitag, der 13te (Teil 1) haben wir eine reale Version von Norman Bates’ Fantasy-Mutter. Als Jason Voorhees wegen nachlässiger Camp-Betreuer ertrinkt, macht sich Mrs. Voorhees auf den Weg, um ihn zu rächen. Auf eine geistesgestörte Weise beschützt sie auch zukünftige Camper und versucht sicherzustellen, dass Camp Crystal Lake nie wieder geöffnet wird. Natürlich scheitert ihr Plan, und sie verwandelt sich von einer überfürsorglichen Mutter in eine Mutter, die zum motivierenden Faktor für den Horror wird. Genau wie Mrs. Bates Norman motiviert, motiviert Mrs. Voorhees’ Tod den Mordrausch in Freitag, der 13te (Teil 2). Wie Norman die mumifizierte Leiche seiner Mutter im Keller aufbewahrt, so hält Jason den abgetrennten Kopf seiner Mutter in einem Behelfsschrein und führt seine Morde in ihrem Namen durch.

Ein weiterer Aspekt der Horrortrope “zu viel Bemutterung” ist die Monstrosität der weiblichen Fruchtbarkeit. Ein leeres Gefäß für Satans Samen zu sein, ist eine Sache, aber zu entscheiden, wann, wo und wie oft man sich fortpflanzt, ist ein großes Nein. Nehmen wir die Xenomorphe des Alien-Franchise. Ihr Wunsch nach Verbreitung und ihre Entschlossenheit, das Überleben ihrer Jungen zu sichern, ist hier die Quelle ihrer Monstrosität. Die ultimative Verkörperung ist die Alien-Queen, die Ur-Mutter des xenomorphen Bienenstocks, und die Quelle all dieser Eier, denen Wissenschaftler nicht widerstehen können, sie zu untersuchen. Ebenso wird H. P. Lovecrafts Shub-Niggurath, einer der wenigen Großen Alten, die ausdrücklich als weiblich bezeichnet werden,  auch als “Die Ziege mit den tausend Jungen” bekannt, ihrer Natur gemäß mit einer abartigen Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht.

Auf der anderen Seite der Medaille haben wir zu wenig Mutter – vernachlässigende und geradezu grausame Mütter, die wieder einmal auf die Wurzeln des Märchens zurückgreifen. Im Film Carrie steht der erste Fall von mütterlichem Missbrauch, der auf dem Bildschirm gezeigt wurde, in direktem Zusammenhang mit Carries Fruchtbarkeit, die durch ihre erste Periode angekündigt wird. Im Gegensatz zu Schneewittchens Stiefmutter scheint Carries Mutter keine Angst zu haben, dass Carrie einfach heranwächst und ein eigenes Leben führt. Carries Mutter ist nicht nur eine schreckliche Figur für sich, sondern auch für die kommende Monstrosität verantwortlich. Als Carrie zur “Bombe” wird, ist der Missbrauch ihrer Mutter dafür genauso verantwortlich – wenn nicht sogar noch mehr – als der Missbrauch, den sie von ihren Schulkollegen erfährt.

Im Gegensatz zu Carries Mutter ist Regans Mutter in Der Exorzist nicht selbst monströs, aber sie verursacht Monstrosität, indem sie nicht mütterlich genug ist. Anstatt ihr Leben ihrer Tochter zu widmen, hat sie die Kühnheit, eine alleinerziehende Mutter zu sein, die an ihrer eigenen Karriere interessiert ist und Spaß hat, während sie die spirituelle Erziehung ihrer Tochter vernachlässigt. Wie der Film zeigt, ist diese Art von unmütterlichem Verhalten der beste Weg zu den Dämonen.

Eine weitere Mutter, die die Grenze zwischen heilig und böse überschreitet, ist die Titelfigur im Film Mama. Als lebende Frau verursachte sie zusammen mit ihrem Kind ihren eigenen Unfalltod. Im Tod widmet sie sich jedoch der Betreuung von zwei kleinen Mädchen – Lilly und Victoria -, deren eigene Mutter brutal ermordet wurde, und rettet sie vor dem gleichen Schicksal. Mama ist für andere Erwachsene monströs, aber für die Mädchen ist sie eine Beschützerin, und in Lillys Fall die einzige Mutter, die sie je wirklich kannte. Die Möglichkeit von Mamas bösem Wesen wird nur von einer dritten Mutterfigur und einer neuen Vaterfigur in das Leben der Mädchen eingeführt. Der Onkel der Mädchen rettet sie nach Jahren mit Mama, und er und seine Freundin bringen sie zu sich nach Hause. Mama wird bösartig, aber nur gegen diejenigen, die sie als Bedrohung für “ihre” Kinder sieht. Der Film endet mit Lillys Tod in Mamas Armen, aber er wird als ein glückliches Wiedersehen dargestellt, während Victoria mit ihrer neu gefundenen Familie auf dem Weg zur Besserung gezeigt wird. Auf diese Weise ist Mama ein seltenes Beispiel für einen Horrorfilm, der mehrere positive Mutterfiguren bietet.

Wenn es hier eine ultimative Lektion gibt, dann ist es die, dass Mütter – wie allgemein Frauen im Horror – nicht gewinnen können. Wenn es eine weitere Lektion gibt, ist es diese: Wenn du dich in einer Horrorgeschichte befindest, ruf nicht nach deiner Mutter, wenn nachts etwas schief geht. Zieh dir einfach die Decke über den Kopf und warte bis zum Morgengrauen.

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