Eisbegonien könnten es sein

Sie könnten die kleine böse Inspiration für eine große böse Sache sein. Meiner Schwester käme das nicht in den Sinn. Seit diesem unsinnig heißen Sommer ist sie begeistert von Eisbegonien. Die Botaniker unter uns werden das milde lächelnd abzeichnen, diese Blumen sind Rambos in der Hitze und segensreich für Gießmuffel. Eisbegonien machen sich überall hervorragend: Auf Hinterhöfen, Gräbern, in Vorgärten und Balkonkästen. Denkbar eben auch durchaus in Horrorgeschichten.

Ich sage das so, weil die Eisbegonie sich als Angstmacher rein theoretisch genauso gut behaupten könnte wie eine denkende Hand, ein fliegender Hai oder ein allergischer Vampir. Für einen guten Autor, der sich hinsetzt, um Horror zu schreiben, dem aber nichts wirklich innovativ Gescheites einfällt, sollte es durchaus ein Leichtes sein, sich profan anmutenden Alltagskram zur Brust zu nehmen, um damit das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Es ist eine Herausforderung, zweifellos, aber wenn im Keller der Babadook wohnt und im Schrank die Urgroßmutter, dann sollte sie zu bewerkstelligen sein. Zumal der Spiegel spricht und das Buch frisst.

So was darf freilich nicht ins Alberne abdriften, dann wird die ganze Geschichte zum schlechteren Blob. Wobei der Vergleich eh hinkt, der Schleim hat Kultstatus.

Die Eisbegonie als Repräsentant aller Möglichkeiten, mag sie hier auch argwöhnisch gedeutet werden, ist in diesem Kontext keine Schnapsidee. Wahrlich auch kein um dubiose Ecken daher kommender Geniestreich. Sie ist ein prinzipiell gewöhnlicher Einfall. Er kam mir unlängst an einem Samstagnachmittag, zu einem rechtschaffenen Zeitpunkt, der mich unweigerlich an Kirchenglocken denken ließ. Das ist jetzt nicht ungewöhnlich, exakt darüber zu schreiben hatte ich ursprünglich vor. Es erscheint mir sogar angebracht, sie jetzt ins Spiel zu bringen, um nicht unnötig auf eine ungeplante Fährte zu führen. Das könnte dann ausweglos irritieren und wäre wirklich schade, weil es immer noch garantiert um Horror geht.

Ich hatte als Sechsjährige kurz vor meiner Einschulung einen Fahrradunfall und musste zum ersten Mal in meinem Leben in einem Krankenhaus die Nacht verbringen. Es war ein sehr düsteres Gebäude aus den 1920ern, das längst nicht mehr steht, und wäre ich älter gewesen und schon bereit für die finstersten Träume hätte ich wohl behauptet, in den dunklen, hohen Gängen und Fluren den Mief von Fäulnis zu riechen. Würde ich eine Geschichte im gegebenen Sinn darüber schreiben, wären die Krankenschwestern in meiner Erinnerung Nonnen mit messerscharfen Stimmen und kahl geschorenen Köpfen unter ihren Hauben, und der Arzt hätte diesen kalten toten Blick und würde mir mit dem Skalpell in den Klauen die Haut von den Wangen schälen.

So war es nicht. Ich hatte mir bei dem Sturz böse das Gesicht aufgeschlagen, rund um meine Augen war alles dick geschwollen und blutunterlaufen, und meine Mutter sorgte sich, dass Narben zurück bleiben könnten. “Sie ist jung, das verheilt”, meinte der Arzt, und im günstigen Fall hat er dabei aufrichtig gelächelt und sich nicht insgeheim vorgenommen, meinen entstellten Kopf in Formaldehyd zu tauchen.

Trotzdem fand ich ihn grausam. Er behielt mich über Nacht in diesem furchtbaren alten Krankenhaus, und als meine Eltern mich zu meinem Entsetzen dort allein ließen, war ich davon überzeugt, dass etwas Schlimmes, etwas ganz und gar Furchtbares mit mir passieren würde.
Ich muss dann wohl auch erbärmlich geheult haben, weil plötzlich dieses große Mädchen, – Gudrun, sie trug ein knöchellanges Mutter-Nachthemd mit Blumen – , an meinem Bett stand und mich zu beruhigen versuchte. Gudrun war vermutlich zehn, elf Jahre alt, aber sie wirkte auf mich in diesem durchgeknöpften Flanellhemd und ihrem kurzgeschnittenen Lockenkopf wie eine erwachsene Frau, der es beigebracht worden war, ein kleines dummes ängstliches Kind zu trösten, indem man ihm sagt, dass Schatten nicht nach einem greifen und zupacken, wenn das Licht ausgeht.

Das funktionierte bei mir freilich nur arg bedingt. Zwar war ich klein, aber dumm fühlte ich mich keineswegs, und meine Angst war etwas, das damals schon seine Berechtigung für mich hatte. Etwas, das in mir steckte und mir verriet, dass es Dinge gibt, vor denen man besser schreiend davon laufen sollte. Zumindest schaffte Gudrun es, dass ich mit dem Heulen aufhörte. Ich wollte in ihren vernünftigen Augen kein Baby sein.

Und dann geschah mitten in der Nacht diese Sache auf der Krankenhaustoilette, über die ein berühmter Horror-Schriftsteller in seinen Memoiren mutmaßlich sagen würde, sie sei wohl sein Schlüsselerlebnis gewesen. Er hätte dort auf der Toilette in diesem engen, kalten Raum mit dem Klappfenster über der Spülung im Alter von sechs Jahren die Furcht vor dem Unaussprechlichen erfahren. Dann nach und nach begriffen. Und letztendlich zu seinem Lebenswerk gemacht. Bingo.

Furcht als Lebenswerk: Und Bingo

Für mich standen die Sterne nicht so günstig, mein Erlebnis war nicht der frühkindliche Beginn einer beneidenswerten Karriere, die der wahrhaftig begnadeten Gabe entspringt, mit Worten Schauer durch eine ungeheuerliche Welt zu jagen. Aber immerhin hat es mir gezeigt, dass es stets diese seltsamen, so furchtbar schwer rationell zu definierenden Situationen sind, die mit der Phantasie Freundschaft schließen. Ganz egal, wann das passiert, es ist eine Freundschaft, die mit Angstschweiß und Blut, Euphorie und Energie gleichsam besiegelt wird. Derart kraftvoll, dass es fast unmöglich ist, von ihren Geheimnissen nicht zu erzählen.

Ich hockte dort zusammen gekauert auf der Toilette, die sich auf dem Flur direkt gegenüber von dem Zimmer befand, auf dem außer Gudrun und mir noch zwei Mädchen lagen, und ich weinte, weil ich das Gefühl hatte, es gäbe niemanden, der einsamer sei als ich. Und dann hörte ich die Turmuhr der Petruskirche schlagen. Ich zählte mit, meine nackten Fußsohlen berührten die kühlen Steinfliesen, ich fror in meinem dünnen Schlafanzug, und ich zählte fassungslos in meiner Ahnung mit und hielt dabei den Atem an. Zwölf. Es waren zwölf Schläge.

Noch nie war ich bis Mitternacht wach gewesen. Keine gute Zeit für die Unschuld. Geisterstunde. Da holen sie dich, wenn du allein bist und niemand dich in den Arm nimmt, um dich zu beschützen.

Es war schon so unsagbar spät, viel zu spät für eine Sechsjährige, um jetzt noch wegzulaufen und durch den langen dunklen Gang zu fliehen, um am Ende nach einer Hand zu greifen, die mich durch das Mauerwerk zerren würde, anstatt mir tröstend über das Haar zu streichen.
Irgendwie meinte ich auch, es sei für uns Kinder verboten, nachts die Zimmer zu verlassen, egal, warum. Und ich war mir sicher, den einen wirklichen Grund zu kennen: Weil sie dich da draußen auf dem verlassenen Flur kriegen, wenn die Turmuhr von St. Peter zwölfmal schlägt.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort in diesem schrecklichen kleinen Raum blieb, ich dachte nur, es wäre gut, sich einfach nicht zu rühren. Sich gar nicht zu bewegen. Nur ganz leise zu atmen. Bis schließlich jemand an die Tür klopfte und fragte, ob ich Bauchschmerzen hätte. Bauchschmerzen.

Aus solch einer Geschichte kann ein guter Erzähler eine bessere Geschichte machen. Mir sollte sie für ein ganzes Leben reichen, ich habe die zwölf Glockenschläge nie genutzt, um ein Bild zu malen.

An diesem Samstagnachmittag, den ich eingangs erwähnt habe, lehnte ich träge und rauchend, aber relativ guter Dinge am Gartenzaun. Ich betrachtete die Eisbegonien in ihren Terracottatöpfen am Ufer des Teichs, der genaugenommen eine größere Pfütze ist, was aber die Atmosphäre nicht schmälern sollte. Während die Hunde verbissen versuchten, den Fischen ihr Futter aus dem Teich zu stehlen, läuteten die Glocken der Elisabethkirche. Abendmesse. Ich dachte zum wievielten Mal auch immer an meine Glocken von Sankt Petrus. Und dass ich eine wirklich unheimliche Erzählung über sie schreiben sollte. Einfallsreichtum ist ja grundsätzlich gegeben, der gruselige Rest wird geklaut. Dachte ich so. Dann überlegte ich recht kühn, dass ich wohl auch in der Lage sein müsste, aus einer grundsätzlich banal anmutenden Sache eine Horrorgeschichte zu stricken. Und wenn jetzt jemand sagen würde, mach’ was Böses über Eisbegonien, sollte ich das hinkriegen. Vielleicht aber auch besser nicht.

Ich stelle mir aber vor, dass George Langelaan sich mächtig über eine kleine Fliege geärgert hat, die ihn beim Biertrinken auf der Veranda störte. Und dass die dumme Fliege in sein Glas geflogen und langsam ertrunken ist. Und dass er ausreichend Gelegenheit hatte, sie sich genauer anzusehen. So genial kann es auch kommen. Ich hoffe immer noch.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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