Realität im Extremzustand

Meine Definition von Phantastik, mit der ich hantiere ist folgende: Phantastik ist Realität im Extremzustand. Glücklich bin ich mit dem Begriff der „Phantastik“ – so paradox es klingen mag, ein rein deutsches Unwort, das sich aber gut anhört, nicht. Das liegt nicht am Wort selbst, sondern an der – für mich – blödsinnigen Konstruktion, das Wort auf die drei Säulen „Horror“, „Science Fiction“ und „Fantasy“ zu stellen. Würden wir die Phantastik als ein Synonym der Spekulativen Literatur ausgeben, hätte ich allerdings gar keine Einwände. Denn dann würden wir die „drei Säulen“ um den „Magischen Realismus“, die „Alternative Geschichtsschreibung“ und die „wissenschaftliche Fantasy“ erweitern können. Weitere völlig unklare Begriffe, versteht sich. Aber „Horror“ und „Science Fiction“ gehören für mich nur bedingt zu unserer Vorstellung von Phantastik.

Wenn du denkst, jetzt holt es dich

Ich war noch sehr klein, als ich dachte, Kirchturmglocken würden ihn ankündigen. Sie schlugen zwölfmal, und ich hätte längst schon schlafen müssen, neben mir eingerollt meine jüngere Schwester, der grüne Bär und die einarmige Katze zwischen uns, gut zugedeckt, um die Nacht sicher zu überstehen. Aber es war nicht mein Bett. Es war keine Nacht, die mir richtig erschien, weil sie mich ganz allein für sich haben wollte. Da war kein vertrautes Ohr, in das ich verschwörerisch hätte flüstern, kein nach Zuhause schmeckendes Kissen, in das ich trotzig hätte spucken können.

Wenn du weißt, da ist was

Den Ahnungslosen erzähle ich eine kurze, unspektakuläre Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und es ist nichts passiert.
Für all diejenigen, die es besser wissen und mir ihre wundersamen Gedanken anvertrauen, ist es eine andere Geschichte: Vor vielen Jahren bin ich durch einen Streb gekrochen, und niemand war bei mir, der meine Angst mit mir hätte teilen können.

Der große schwarze böse Hund

Die Geschichte vom kleinen Hund und dem großen Schatten habe ich noch nicht erzählt. Ich wüsste nicht, dass jemand sie kennt, zumindest nicht so, wie ich sie kenne. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Was ich bedauern würde, weil sie diesen Hunger auf ihre ganz besondere Art erklären könnte. Diese Gier. Diese Verfressenheit. Wäre sie wahr wie all die anderen Geschichte, die den falschen, den guten Lügnern entstammt, dürfte die vom kleinen Hund und seinem Schatten Angst machen. Richtig Angst.

Eisbegonien könnten es sein

Sie könnten die kleine böse Inspiration für eine große böse Sache sein. Meiner Schwester käme das nicht in den Sinn. Seit diesem unsinnig heißen Sommer ist sie begeistert von Eisbegonien. Die Botaniker unter uns werden das milde lächelnd abzeichnen, diese Blumen sind Rambos in der Hitze und segensreich für Gießmuffel. Eisbegonien machen sich überall hervorragend: Auf Hinterhöfen, Gräbern, in Vorgärten und Balkonkästen. Denkbar eben auch durchaus in Horrorgeschichten.

Lange Schicht und einfach kein Ende

Manchmal ist das Leben herrlich unkompliziert. Da findet man bei der lästigen Suche nach irgend etwas Wichtigem und vermutlich prinzipiell Überflüssigem ein ramponiertes Taschenbuch, und wohlig warm wird’s ums Herz. Nachtschicht. Ich hab es zuerst gelesen, mein Bruder, der schon gierte, als Zweiter, es folgten Wolle Menzel, Thorsten Soundso und Mechthild „Mecki“ Strothmann.

Diese Welt erdulden oder eine andere illuminieren? Über die Bedeutung und den Nutzen des Horrors

Ich habe den größten Teil meines Lebens Horror konsumiert, und doch kann ich keinen einzigen Fall nennen, in dem mich das Genre gegen die Schmerzen der Welt gestärkt hätte. An den Beerdigungen geliebter Menschen teilzunehmen, zu versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten, zuzusehen, wie die Wetterverhältnisse in der Welt immer heftigere und schärfere Formen annehmen – nichts davon wurde durch postmoderne Geistergeschichten oder die in Öl gemalten Monstrositäten von Bosch erleichtert oder verständlicher gemacht. Aber wenn der Horror, obwohl er ein wenig vorhersehbarer ist als die meisten anderen Formen der Unterhaltung, doch sehr wenig zur Unterstützung der Lebensstrategien und Situationen seiner Leser und Zuschauer beiträgt, was genau tut er dann? Warum stürmen wir, seine Praktiker und Fans, Jahr für Jahr und Generation für Generation immer wieder seine Friedhofstore?

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