Bitte nicht über den Tonfall wundern, in dem ich hier schreibe. Ich bin 5 und gehe nach den Ferien in die 1. Klasse. Kürzlich habe ich heimlich ein Gespräch unserer beiden Nachbarinnen Frau Hinsmann und Frau Malowski mitangehört. Frau Hinsmann sagte, ich sei unappetitlich altklug. Ich rede so geschwollen daher, dass es schon widerlich sei. Für mein Alter viel zu hochgestochen, resümierte sie.
Nun ja, ich sage einmal zu meiner Rechtfertigung, ich kann nichts dafür! Mein Vater ist Schriftsteller, und in unserem Haus gibt es keine Ecke, aus der keine Bücher hervorquellen. Ich konnte schon im Kindergarten lesen. Meine Lieblingsbücher sind Sturmhöhe und Jane Eyre. Mein Vater ist also schuld, wenn ich hier möglicherweise ein bisschen hochtrabend rüberkomme. Ich kann mich noch so anstrengen, aber das kriegt man nicht mehr raus, ich kann es leider nicht abschalten. Insofern ist es möglich, dass ihr meint, dieser Text sei niemals von einer Achtjährigen geschrieben. Ist aber so.
Jetzt möchte ich euch aber gern von unserem Tanzfest der Mädchen erzählen.
Jedes Jahr am selben Tag im Sommer treffen sich die älteren Mädchen unseres geliebten Städtchens Klagenwald bereits am Spätnachmittag draußen auf der großen Blumenwiese. Dort stromern sie in ihren weißen Sommerkleidern, mit Körben am Unterarm, herum und pflücken nur die allerschönsten Blumen, von denen es auf der Wiese viele gibt. Sie singen dabei gemeinsam Lieder, die niemand außer ihnen kennt.
Wenn sie genug gesammelt haben, treffen sie sich in der alten Scheune am Stadtrand. Dort setzen sie sich auf die Strohballen, die sie vorher zu einem Kreis verschoben haben.
Vielleicht werdet ihr euch wundern, wie ich den weiteren Verlauf des Tanzfestes mitverfolgen konnte, ohne erwischt zu werden. Dazu sage ich nur: So wahr ich Anka die Spionin bin, wird mich niemals jemand erwischen. Spionieren ist meine Leidenschaft. Ich liebe es, alles über die Menschen zu wissen, die mich umgeben. Auch die Dinge, die keiner von sich herumerzählen würde.
Auch dieses Jahr saßen die Mädchen bestens gelaunt auf ihren Strohballen, barfuß und die langen glatten Haare in allen Farben – dunkelblond, hellblond, engelsblond (also weiß), schwarz, rot, braun, sie waren alle vertreten – nach unten fallend, während sie mit fröhlichem Gesang ihre gesammelten Blumen zu wunderschönen, bunten Kränzen flochten. Der helle, sanfte Gesang war gleichzeitig verhalten jubilierend als auch so lieblich, dass ich mehrere Gänsehäute bekam.
Sie hielten sich Stunden damit auf, aber als mir langsam langweilig wurde, hielten sie glücklicherweise plötzlich ein, legten ihre Kränze sorgsam ab und gingen rüber zum Heuschober. Dort legten sie sich alle hin, schmiegten sich teilweise aneinander, überfluteten mit ihren offenen langen Haaren in allen Farben das Heu. Nacheinander schliefen sie ein. Es war schön anzusehen, wie manche sich zusammengerollt, andere sich lang ausgestreckt hatten, die einen auf dem Rücken, die anderen auf der Seite liegend, eine Hand unter der Wange. Ich hatte es zwar lange nicht so gemütlich wie die Mädchen, aber auch ich war müde vom Spionieren und schlief schließlich ebenfalls ein.
Ich wurde wach durch das Kichern der Mädchen. Es war dunkel geworden, aber wir hatten Vollmond, der mir genug Eislicht spendete, dass ich weiterhin alles beobachten konnte. Bei den Mädchen war ein großes Strecken, Dehnen, Beine-und-Arme-Ausschütteln in Gange. Fröhliches Gekicher, Lachen und Gähnen erfüllte die Scheune. Das dauerte ganz schön lange, aber irgendwann ging es weiter. Sie zupften und schüttelten an ihren Kleidern herum, um sie vom Stroh zu befreien. Als alle Kleider wiederhergestellt waren, gingen die Mädchen zu ihren Kränzen, nahmen sie behutsam auf und hoben sie auf ihre Köpfe. Wie schön das aussah! Der Mond tauchte die zahlreichen unterschiedlichen Blumen in fremdartige, leuchtend-transparent wirkende Farben.
Wie auf ein stilles Kommando – wie machten sie das nur, die Mädchen, die in der Schule schon zu zweit nie einer Meinung waren? – traten sie aus dem offenen Scheunentor in die Nacht. Gemeinsam gingen sie, plötzlich ganz still, in Richtung des Stadtparks. Dort nahmen sie den alten Mauerpfad, was für mich keine gute Lösung war, denn auf der rechten Seite führt er durch die hässlichen, verkrüppelten Eichen, jenseits derer ich mich niemals bewegen würde, und auf der linken Seite hält ihn eine alte Steinmauer davon ab, im Laufe der Zeiten von der dahinterliegenden Weide erobert zu werden. Mir blieb deshalb nichts anderes übrig (okay, dieses eine Spionengeheimnis verrate ich euch dann mal), als neben den Mädchen auf der anderen Seite der Mauer über die Weide zu pirschen, wobei ich darauf achten musste, dass ich im hohen Gras, das jetzt nachtfeucht wurde, nicht zu viele Raschelgeräusche machte. Da die Mauer ungefähr einen Meter hoch war und die Weide tiefer lag als der Pfad, konnte ich nichts von den Mädchen sehen. Was ich aber mitbekam, war, dass sie, sobald sie den alten Pfad betraten, wieder sangen. Hin und wieder sah ich hochgestreckte Arme sich bei der Hand nehmen und rhythmische Bewegungen zum Gesang machen. Sie tanzten förmlich ihrem Ziel entgegen.
Die Steinmauer endete abrupt und ließ wieder meinen Blick auf das Geschehen zu. Ich war natürlich – muss ich es erwähnen? – außer Sicht. Der Weg endete am alten Schwimmbecken, dass dreiseitig hügelig ansteigend durch uralten Eichenwald gesäumt wurde. Die baumlose Seite bot eine weiträumige flache Senke, die groß genug war, dass sich die Mädchen im Kreis dort platzierten.
Sie fassten sich an den Händen und begannen sich singend und tanzend im Kreis zu drehen. Man sah ihren Gesichtern die Freude an, die sie dabei hatten.
Sie wurden immer ausgelassener, und plötzlich lösten sie ihre Hände von den jeweils umgebenden Mädchen und zogen ihre Kleider über ihre Köpfe, warfen sie hinter sich und schoben ihre Slips nach unten und kickten sie mit den Füßen von sich weg. Wie schön dieser wundervolle Tanz anzusehen war. Ausgelassen, singend und lachend, bewegten sie sich anmutig zu einer nicht hörbaren Musik. Langgliedrige Hände wanden sich in die Luft nach oben, schlanke Beine vollführten bezaubernde Bewegungen, frauliche Hüften schwangen atemberaubend nach rechts und links, Köpfe auf langen, grazilen Hälsen wurden nach hinten geworfen und ließen Wolken von langen Haaren durch die Luft wirbeln.
Die Mädchen hatten alle schon Brüste und Haare, ich dagegen noch nichts davon. Ich hoffte so sehr, dass es bei mir schnell gehen würde, damit ich endlich auch bei diesem Fest dabei sein durfte.
Die Mädchen bewegten sich jetzt wiegend zum alten Schwimmbecken, das vom kleinen Theo – so nannten wir ihn – bewacht wurde. Bewacht natürlich nur im metaphorischen Sinne, denn Theo ist eine Mamorstatue. Theo ist, bis auf ein den Oberkörper umschlingendes Tuch nackt. In seiner Mitte sieht er so ganz anders aus als mein kleiner Bruder Hansi – nicht dieses winzige Gewürm, sondern groß und dick, schräg und hart nach oben ragend.
Das schönste der Mädchen – es war Hanna aus der 8. – ging jetzt zielstrebig auf den kleinen Theo zu. Sie stellte sich mit dem Rücken zu ihm. Die anderen Mädchen scharten sich um sie. Ich konnte aber aus meinem Schlupfwinkel immer noch alles gut sehen, keine Angst.
Hanna beugte sich nach vorn, ging leicht in die Hocke und bewegte ein wenig ihre Hüften, erst nach vorn und wieder zurück, dann noch etwas nach rechts. Sie hielt zunächst ein paar Sekunden inne, ließ sich dann leicht nach hinten gleiten. Ihr Gesicht verzerrte sich kurz, als durchfuhr sie ein plötzlicher Schmerz, aber dann begann sie, nachdem sie ihre linke Hand zwischen ihre Schenkel geführt hatte, wie in einem unbekannten Rhythmus, ihren Unterleib elegant vor und zurückzubewegen. Während sich dabei ein Lächeln auf ihren Mund zauberte, jubelten die anderen Mädchen ihr zu. Irgendwann gellte ihr Schrei durch die Nacht.