Im Strudel der Zeit. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?

Im Strudel der Zeit Micky Maus© Egmont / Ehapa

Im Jahr 1928 sieht man eine Maus in kurzen Hosen, die auf dem Dampfschiff „Steamboat Willie“ arbeitet. Dieses Schiff wird von einem großen, hitzköpfigen Kater gesteuert. Mit einer Länge von nicht einmal zehn Minuten geht der Kurzfilm in die Annalen der Geschichte ein.

Die beiden Hauptfiguren, Micky Maus und Kater Karlo, sind seitdem in Milliarden von Geschichten weltweit aufgetreten. Mit der Unterstützung zahlreicher Freunde und Verwandter haben sie unterschiedliche Abenteuer erlebt und wurden je nach den Vorstellungen der jeweiligen Autoren immer wieder neu interpretiert. Diese Anpassungsfähigkeit ist die unbestreitbare Stärke aller Disney-Charaktere und hat ihnen weitreichenden Erfolg beschert.

Im Jahr 1998, 70 Jahre nach ihrer ersten Flussfahrt, sind Micky und Karlo noch immer präsent, stets in neue Abenteuer verstrickt. Aufgrund ihrer zahlreichen Erlebnisse wäre es unmöglich, sie in eine einzige chronologische Erzählung zu fassen. Vor diesem Hintergrund bringen Tito Faraci und Francesco Artibani, mit Zeichnungen von Corrado Mastantuono, die beiden zurück zum legendären Dampfschiff.

Im Strudel der Zeit, Micky Maus
© Egmont Ehapa

Es gleicht fast einer Fortsetzung; ein mutiges Unterfangen angesichts der ikonischen Bedeutung von „Steamboat Willie“. Die Autoren gehen auf all das ein, was im ursprünglichen Kurzfilm unausgesprochen blieb, und passen es der Disney-Welt des Jahres 1998 an.

In den 1920er Jahren war Micky eine völlig andere Figur als die Micky Maus, die wir heute kennen. Eine Vielzahl bedeutender Autoren musste sich zunächst intensiv mit der Figur beschäftigen, um der Maus dauerhaft ihren prägenden Charakter zu verleihen. Ähnliches gilt für Karlo, der im betreffenden Kurzfilm nicht eindeutig als Verbrecher auftritt, sondern eher als tyrannischer Kapitän.

In „Der Strudel der Zeit“ gelingt eine intelligente Anpassung an die Gegenwart.

Der Ausgangspunkt ist klar: Karlo und Micky befanden sich auf einem Boot, gekleidet in ihre „klassischen“ Outfits, die seit Jahrzehnten nicht mehr getragen wurden. Mit diesem Setting beginnen die Autoren, fundamentale Fragen zu stellen. Ihr Ziel ist es, die Geschichte nicht bloß wieder aufzulegen, sondern etwas Neues und Lebendiges daraus zu machen.

Warum befanden sich die beiden ausgerechnet an diesem Tag auf dem Boot? Was war der Grund für ihre Kleidung? Wie verlief die Geschichte weiter? Und noch wichtiger: Was hat das alles mit den Figuren zu tun, die wir heute kennen?

Im Strudel der Zeit wird die Steamboat Willie geborgen
Die Bergung der Steamboat Willie

Sobald diese Fragen geklärt sind, entfaltet sich die Geschichte als wahres Juwel. Die Handlung, entworfen von Artibani und Faraci, ist fesselnd und mit dem humorvollen Flair versehen, das für ihre Geschichten typisch ist. Die „Steamboat Willie“ sank tragischerweise nach einem Vorfall beim „Teufelshorn“, bei dem eine Explosion stattfand. Micky Maus, der für den Kessel verantwortlich war, trägt Schuldgefühle wegen des Unfalls. Doch eines Tages bringt Karlo eine überraschende Nachricht: Aufgrund der Verringerung der Flussführung wurde ihr altes Boot wiederentdeckt. Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse auf unerwartete Weise. Die Zeichnungen von Mastantuono ziehen kraftvoll und ansprechend in ihren Bann und sorgen dafür, dass die Geschichte reibungslos und gelungen voranschreitet.

Jenseits jeder möglichen Rezension ist „Der Strudel der Zeit“ eine Geschichte, in der Micky Maus und seine Freunde auf bedeutungsvolle Weise mit dem Konzept der Zeit konfrontiert werden. Diese Auseinandersetzung erfolgt durch drei Fragen, die nur teilweise beantwortet werden.

Woher kommen wir? Ganz einfach. Wir kommen von Bord der „Steamboat Willie“. Im Jahr 1928 erlitt dieses Schiff an einem Sommertag Schiffbruch, während wir den Fluss in der Nähe des „Teufelshorns“ befuhren.

Wer sind wir? Das ist weniger offensichtlich. Sicher ist, dass wir Micky Maus und Kater Karlo sind, weltbekannte Figuren, die niemals altern werden und Protagonisten unzähliger Geschichten sind. Manche mögen sich fragen, ob wir Feinde sind. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Je nach Geschichte können wir Dutzende, wenn nicht Hunderte verschiedener (wenn auch einander ähnlicher) Formen annehmen.

Wohin gehen wir? Das weiß niemand genau. Sicher ist, dass wir uns vom „Teufelshorn“ und der „Steamboat Willie“ entfernen, aber wir sind immer bereit, dorthin zurückzukehren, um uns an den Ursprung unserer Reise zu erinnern. Wir bewegen uns in unbekannte und stets neue Richtungen.

Wahrscheinlich ist das der tiefere Sinn dieser Geschichte. Sie ist meilenweit entfernt von nostalgischen, leeren Hommagen, die allein um ihrer selbst willen erschaffen werden. Sie interpretiert einen der ersten genialen Auftritte zweier mittlerweile ikonischer Figuren neu und passt sie an die heutige Zeit an. Dabei erinnert sie uns vielleicht an einige der Geheimnisse ihres Erfolgs.

© Disney

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