Der Held in uns

Warum die Heldenreise auch im 21. Jahrhundert das Fundament unserer Erzählungen bildet und welche tiefen Wahrheiten sie über uns selbst enthüllt.

Er verlässt sein vertrautes Zuhause. Er scheitert, leidet und verliert fast alles. Und er kehrt verwandelt zurück. Er ist ein anderer Mensch, der denselben Namen trägt wie zuvor. Wir kennen ihn als Odysseus, den listenreichen König von Ithaka, der zehn Jahre lang das Mittelmeer durchirrt, um nach Hause zu finden. Aber wir kennen ihn auch als Miles Morales, einen Teenager aus Brooklyn, der eines Tages von einer genetisch modifizierten Spinne gebissen wird und plötzlich entscheiden muss, ob er die Verantwortung für eine Maske annehmen will, die andere fast zerstört hätte. Die Kostüme wechseln. Das Muster aber bleibt bestehen.

Das ist weder die Faulheit der Drehbuchautoren noch ein Zufall der Evolution. Hier finden wir etwas Tieferes: der Fingerabdruck einer Geschichte, die älter ist als alle Medien, die sie überliefert haben.

„Die Heldenreise ist eine Grammatik und wie jede Grammatik ermöglicht sie unendlich viele verschiedene Sätze.“

Die universelle Grammatik des Erzählens

Als der Mythenforscher Joseph Campbell 1949 sein Buch Der Heros in tausend Gestalten veröffentlichte, tat er etwas Radikales. Er legte Dutzende von Mythen aus aller Welt – griechische, hinduistische, indigene Erzähltraditionen und keltische Sagen – übereinander und stellte fest, dass darunter dasselbe Skelett lag. Er nannte es den Monomythos.

Campbells Entdeckung ist im Kern schlicht. Jede bedeutende Heldengeschichte folgt einer dreiteiligen Struktur. Zunächst der Aufbruch. Ein Mensch in einer gewohnten Welt erhält einen Ruf, eine Einladung oder es geschieht eine Katastrophe, die ihn aus seiner Komfortzone heraus reißt. Dann folgt die Initiation. Er betritt eine fremde Welt, stellt sich Prüfungen, trifft Mentoren und begegnet Feinden. Schließlich gelangt er zu einer entscheidenden Krise, in der er sich selbst überwinden muss. Dann kehrt er verwandelt und klüger zurück, oft mit einem „Elixier“, einer Erkenntnis oder einer Gabe für die Gemeinschaft.

I, Der Ruf des AbenteuersII, Die PrüfungIII, Die Rückkehr

Campbells Modell wurde zur inoffiziellen Bibel Hollywoods, nachdem George Lucas es ausdrücklich als Grundlage für Star Wars nutzte. Ein Easter Egg für Kenner: Lucas schickte Campbell ein Vorabexemplar der Originalfassung. (Der alte Gelehrte soll geweint haben.) Doch die Heldenreise ist natürlich mehr als nur ein Werkzeug für Blockbuster. Sie ist, um es kühner zu formulieren, die universelle Grammatik des Erzählens, genau das System von Regeln, das es überhaupt erst ermöglicht, eine Geschichte zu gestalten.

Wie das Skelett Fleisch bekommt

Theorie ist schön. Konkreter wird es, wenn man das Muster durch drei sehr verschiedene Werke verfolgt.

J.D. Salinger — Der Fänger im Roggen

Holden Caulfield bekommt keinen Ruf im klassischen Sinne, er wird von der Eliteschule geworfen. Das ist sein unfreiwilliger Aufbruch und löst Scham und Wut in ihm aus. Was folgt, ist eine desorientierende Wanderung durch New York City, die sich wie ein Hadesabstieg anfühlt. Er begegnet Prostituierten, Säufern und anderen verlorenen Seelen. Seine tiefste Prüfung ist psychologischer Natur. Kann er die Welt der Erwachsenen ertragen, ohne seine eigene Seele zu verkaufen? Holdens „Rückkehr“ ist ein stiller Zusammenbruch, und doch bringt er etwas mit: die Erkenntnis, dass er seine kleine Schwester Phoebe schützen will. Das Elixier mag sich bescheiden ausmachen, aber es genügt.

Brian Michael Bendis — Miles Morales: Spider-Man

Miles ist der Monomythos mit einer entscheidenden Verschiebung. Sein Ruf des Abenteuers ist buchstäblich vererbt. Er folgt einem toten Helden nach, erbt eine Maske, die ihm nicht passt, und eine Stadt, die bereits weiß, wie Spider-Man ihrer Meinung nach sein soll. Die Prüfung ist deshalb nicht nur physisch, sie ist auch eine Identitätskrise. Bin ich derjenige, der dieses legendäre Kostüm  tragen darf? Sein Mentor-Äquivalent ist ausgerechnet ein Geist: der verstorbene Peter Parker, der ihn durch Erinnerungen und die Geschichten über seine Heldentaten erreicht. Und Miles‘ Rückkehr besteht aus dem Annehmen der Maske. Das ist sein Statement. Der Held verkörpert das vielfältige Gesicht Amerikas und repräsentiert die Zukunft.

FromSoftware — Elden Ring

Elden Ring verkörpert den Monomythos in Form eines interaktiven Rituals. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Befleckten (Tarnished)  – eines Wesens, das buchstäblich seiner Gnade beraubt wurde. Der kosmische Ruf lockt zurück ins Zwischenland, wo Prüfungen warten: unzählige Bossgegner, die teils stundenlange Niederlagen mit sich bringen können. Diese Herausforderungen sind eine meditative Initiationsreise, bei der Scheitern nicht nur unvermeidbar, sondern integraler Bestandteil des Fortschritts ist. Campbells „Weg der Prüfungen“ war selten so greifbar. Und die Rückkehr? Sie ist vielfältig. Elden Ring bietet sechs verschiedene Enden, wodurch aus dem Monomythos ein Poly-Mythos wird. Es entsteht eine narrative Grammatik, die mehrere Pfade gleichzeitig eröffnet und Raum für individuelle Erzählungen bietet. In dieser Pluralität spiegelt sich die Essenz des interaktiven Mediums wider.

Wenn Helden aufhören, Helden zu sein

Es wäre zu einfach, Campbells Modell als uneingeschränktes Universalgesetz zu betrachten. Die spannendsten Erzählungen des 21. Jahrhunderts gehen genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie üben so viel Druck auf das Gerüst aus, bis es bricht. 

Der Antiheld ist das deutlichste Gegenargument. Walter White aus Breaking Bad durchläuft seine Reise in umgekehrter Richtung. Er kehrt nicht als geläuterter Mensch zurück, sondern als moralisch zerstörtes Individuum. Sein „Elixier“ entpuppt sich als Gift. Besonders in vielen herausragenden zeitgenössischen Erzählungen wie Succession, The Sopranos oder Fleabag  liegt das wahre Drama in der Verweigerung zur Veränderung. Der Held lehnt die Rückkehr ab, und genau das wird zur eigentlichen Geschichte.

Noch interessanter ist die Verschiebung zur kollektiven Heldenreise. In Ursula K. Le Guins Science-Fiction ist es nicht das Individuum, das aufbricht und zurückkehrt, sondern eine Gemeinschaft, ein Volk oder eine Idee. Die Geschichte von Katniss Everdeen in Die Tribute von Panem beginnt als klassische Heldinnen-Geschichte und entwickelt sich zu der Frage: Was wäre, wenn der Held eine Revolution auslösen würde, größer als er selbst? Für diese Variante hatten Campbell und seine Epoche wenig Raum. Das 21. Jahrhundert braucht ihn jedoch.

Man könnte ebenso hinterfragen, ob Campbells Erzählmuster nicht von Beginn an eine unausgesprochene Ideologie mit sich getragen haben. Jene eines aktiven, westlich geprägten und zumeist männlichen Protagonisten, der durch persönliche Transformation die Welt rettet. Feministische Ansätze der Mythenkritik – von Stimmen wie Clarissa Pinkola Estés bis hin zu zeitgenössischen Comic-Schöpferinnen wie G. Willow Wilson (Ms. Marvel) – haben aufgezeigt, dass sich die Erzählstrukturen verändern, sobald andere Perspektiven ins Zentrum rücken. Kamala Khan orientiert sich nicht an Campbells Modell. Sie gestaltet ihren eigenen Weg, und dieser ist ebenso legitim.

Warum wir diese Geschichten noch immer brauchen

Die Frage ist nicht, ob der Monomythos eine Wahrheit enthält. Die Frage ist, welche Wahrheit das ist.

Wir leben in einer Zeit, die sich schwer tut mit dem Sinn. Die großen kollektiven Narrative von einst, darunter Fortschrittsglauben, Nationalgeschichten und religiöse Heilsversprechen, bröckeln oder werden misstrauisch betrachtet. Und in diese Leerstelle dringt die alte Grammatik. Denn wir wollen verstehen, wie Verwandlung möglich ist. Wie man das Innerste des Labyrinths betritt und lebend wieder rauskommt. Wie man Verlust in Erkenntnis umwandeln kann.

Wenn Miles Morales lernt, die Maske zu akzeptieren, zeigt uns das, wie wir Verantwortung übernehmen können, selbst wenn sie uns überwältigend erscheint. Wenn Holden Caulfield im Central Park sitzt und seiner Schwester beim Karussellfahren zusieht, erinnert es uns daran, dass selbst im Scheitern eine unerwartete Schönheit liegen kann.

Joseph Campbell hat es treffender beschrieben als alle seine Nachfolger. Der Held hat tausend Gesichter. Denn letztlich ist er immer auch ein Spiegel von uns selbst.

Das Licht im Kino schwindet. Der Controller ruht in unseren Händen. Die erste Seite eines Buchkapitels wartet darauf, aufgeschlagen zu werden. Und irgendwo, genau in diesem Moment gespannter Erwartung, bevor die Geschichte ihren Lauf nimmt, stehen wir an einer Schwelle. Bereit, dem Ruf zu folgen, den wir bis jetzt noch nicht vernommen haben.