The Punisher – Der unbequeme Charakter

The Amazing Spider-Man #129
The Amazing Spider-Man #129, Marvel

Frank Castle erscheint zum ersten Mal im Februar 1974 in The Amazing Spider-Man #129 als Antagonist: Ein gedungener Killer, der Spider-Man ermorden soll, weil er ihn irrtümlicherweise für einen Mörder hält. Die Ironie liegt auf der Hand: Ein Mann, der Mörder tötet, soll einen angeblichen Mörder töten, der keiner ist. Gerry Conway, damals 21 Jahre alt und seit eineinhalb Jahren Chefautor des Spider-Man-Titels, verfolgte dabei keine große philosophische Agenda. Er wollte lediglich einen interessanten Antagonisten schaffen. Was er schuf, war eine der widersprüchlichsten Figuren der Comicgeschichte, und er zeigte sich sichtlich erstaunt, als diese zehn Jahre später zu einer der populärsten wurde.

Die Geschichte hinter dem Punisher ist so simpel wie ein Stück Eisen und genauso hart: Frank Castle ist Vietnam-Veteran. Er unternimmt mit seiner Frau und seinen Kindern einen Picknickausflug in den Central Park. Sie werden Zeugen einer Mafia-Hinrichtung. Die Mafia tötet Franks Familie, um keine Zeugen zurückzulassen. Castle überlebt. Von diesem Moment an existiert er nur noch für einen Zweck: Er will diejenigen töten, die seine Familie getötet haben. Keine Verhaftungen. Keine Gerichtsverfahren. Keine zweiten Chancen.

Man könnte meinen, das sei eine Räuberpistole: zu einfach, zu plakativ, zu sehr Achtzigerjahre-Actionfilm in Comicform. Und in schlechten Händen ist es genau das. In guten Händen jedoch ist es eine griechische Tragödie: ein Mann, der sich in etwas verwandelt, das nicht mehr mit dem menschlichen Maßstab zu messen ist, und der das weiß und trotzdem weitermacht.

Gerry Conway und das Unbehagen des Schöpfers

Der Totenkopf und seine unfreiwillige Karriere

In der Comicgeschichte gibt es kein Symbol mit einer komplizierteren Rezeptionsgeschichte als den weißen Totenkopf auf Franks schwarzem Oberteil. Es begann als visuelles Kürzel für Furcht und Unnachgiebigkeit: schlicht, erkennbar und effektiv. Ross Andru entwarf es ohne große theoretische Überlegungen. Ein Totenkopf auf der Brust signalisiert dem Gegenüber noch bevor ein Wort gesprochen ist, was auf dem Spiel steht.

Was dann geschah, konnten Conway und Andru nicht vorhersehen. Das Symbol wurde zu einem der meistkopierten Embleme der amerikanischen Alltagskultur, zu sehen auf T-Shirts, Aufklebern und Fahrzeugen. Solange es von Jugendlichen getragen wird, die The-Punisher-Comics oder die Netflix-Serie mögen, ist es weitgehend harmlos. Problematisch wird es jedoch, wenn es auf der Ausrüstung amerikanischer Sondereinheiten im Irak, auf den Helmen von Polizisten in Ferguson und Minneapolis und schließlich auf den Jacken der Teilnehmer des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar 2021 auftaucht.

Das ist der Moment, in dem ein Comicsymbol aufhört, nur ein Comicsymbol zu sein. Der Totenkopf wurde von Teilen der amerikanischen Rechten als Identifikationsmarker übernommen – als Bekenntnis zu außerrechtlicher Gewalt gegen diejenigen, die sie selbst als böse betrachten. 2019 hat Marvel darauf reagiert, indem sie Frank Castle in der laufenden Comicserie das Symbol unter anderem Vorzeichen neu besetzen ließen. Das war ein Versuch, eine Bedeutung zurückzuholen, die längst entkoppelt war.

„Das Symbol wurde übernommen als Bekenntnis zu außerrechtlicher Gewalt. Marvel versuchte, eine Bedeutung zurückzuholen, die längst entkoppelt war.“

Die große Frage, die das Genre nicht beantworten will

Was den Punisher fundamental von jedem anderen Marvel-Charakter unterscheidet, ist weder sein Körper noch seine Taktik oder gar seine Brutalität. Es ist das Fehlen einer Erlösungserzählung. Superman kann jemanden retten und dabei lächeln. Spider-Man trägt Schuld, aber er heilt sie durch die Übernahme von Verantwortung. Selbst der Hulk, der zerstört und verwüstet, trägt die Möglichkeit der Integration in sich. Frank Castle hat diese Möglichkeit nicht. Er will sie nicht. Er hat sich aktiv dafür entschieden, dass ein normales Leben keine Option mehr ist.

Das stellt das Superheldengenre vor ein ernstes strukturelles Problem, denn es basiert auf der Idee, dass Gerechtigkeit durch Heldentum möglich ist. Spider-Man verhaftet, Batman ermittelt und die Avengers retten. Die Welt ist reparierbar, wenn man nur stark und gut genug ist. Der Punisher sagt: „Nein, die Welt ist nicht reparierbar.” Bestimmte Menschen sind nicht zu retten. Und das Rechtssystem, so wie es existiert, schützt manchmal die Falschen.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass an diesem Argument was dran ist. Und das wissen auch die besten Punisher-Autoren. Sie nutzen diese Wahrheit, um zu punkten, aber sie nutzen sie nicht schamlos aus. Der Charakter funktioniert am besten, wenn er den Leser zwingt, die eigene Position zu untersuchen. Zum Beispiel: Wie sehr stimme ich zu, bevor ich aufhöre, zuzustimmen? Wo ist die Grenze? Und wenn ich mir bei der Grenzziehung unsicher bin – was sagt das über mich?

Die Autoren, die es ernst nahmen

Die Geschichte der Punisher-Comics ist eine Geschichte der Qualitätsschwankungen, die dramatischer ist als bei fast jedem anderen Marvelcharakter. Im Boom der späten 1980er und frühen 1990er Jahre hatte Frank Castle gleichzeitig drei laufende Serien, von denen die meisten schieres Produktionsmaterial waren: Schurke erscheint, Frank tötet ihn, nächstes Heft. Das war einerseits lukrativ, aber künstlerisch bedeutungslos.

Garth Ennis Die wichtigste Laufzeit überhaupt. MAX-Label, keine Rücksicht. Frank als funktionaler Nihilist – kein Held, kein Monster, etwas dazwischen. The SlaversBorn: Maßstabssetzendes Kriegs- und Moraltrauma-Schreiben.

Greg Rucka Frank fast wortlos. Handlung aus der Perspektive der Nebenfiguren. Dekonstruktion durch radikale Zurückhaltung – der Leser sieht Frank nur von außen.

Jason Aaron Punisher vs. Bullseye-Miniserie. Knapp, brutal, präzise. Aaron versteht, dass Frank kein Antiheld mit einem Herz ist – er ist ein Werkzeug mit einer Mission.

Matthew Rosenberg Frank gegen Neonazis. Klarer politischer Kontext, klare Haltung. Die direkte Antwort auf die Symbolaneignung durch rechte Gruppen.

Wenn man über den Punisher schreibt, kommt man nicht um Garth Ennis herum. Er tut das mit einer Intensität, die der Figur selbst ähnelt: keine Umwege, kein Aufwärmen. Ennis schrieb Frank Castle zwischen 2000 und 2008 zunächst im regulären Marvel-Universum und anschließend im Marvel-MAX-Imprint, das explizitere Inhalte für erwachsene Leser ermöglichte. Im MAX-Label entfesselte er das härteste Porträt eines kampftraumatisierten Mannes, das das Superheldencomic je hervorgebracht hat.

Ennis ist Ire, Sozialist und überzeugter Pazifist – eine Kombination, die zunächst paradox erscheint, wenn man bedenkt, dass er acht Jahre lang die brutalste Gewaltserie eines Mainstream-Verlags schrieb. Dieses Paradoxon löst sich auf, wenn man versteht, was Ennis tut: Er glorifiziert nicht. Er seziert. Sein Frank Castle tötet nicht mit einem Grinsen und einem Spruch. Er tötet mit der Mechanik eines Menschen, der sich selbst längst aufgegeben hat. Nach der Tat gibt es keine Erleichterung, keine Selbstbestätigung, keinen Triumph. Nur das nächste Ziel.

Born: Wie Frank Castle starb, bevor er der Punisher wurde

Vietnam, die Heimkehr und das amerikanische Trauma

The Punisher
Marvel

Frank Castle ist untrennbar mit Vietnam verbunden – und das ist kein Zufall. Er erschien 1974, im Jahr des langsamen amerikanischen Rückzugs aus Südostasien, in einer Zeit, in der das Land mit dem Bild des zurückgekehrten Soldaten rang. Der Vietnam-Veteran war in der amerikanischen Populärkultur der 1970er und 1980er Jahre oft eine Figur des Unbehagens: zu gut ausgebildet, zu traumatisiert, zu fremd in einer Zivilgesellschaft, die ihn weggeschickt und schlecht empfangen hatte.

Der Punisher kanalisierte diese kulturelle Angst auf eine bestimmte Art: Er machte aus dem gefährlichen Heimkehrer einen Täter mit Kontext – jemanden, dem die Gesellschaft etwas genommen hat und der sich das mit den einzigen Mitteln, die ihm bleiben, zurücknimmt. Das ist keine Entschuldigung. Aber es ist eine Erklärung, und diese Unterscheidung ist wichtig.

Ennis vertieft diesen Aspekt in Born auf eine Art und Weise, die dem Comic einen dauerhaften literarischen Wert verleiht. In Vietnam entscheidet sich Frank Castle, Teil von etwas zu werden, für das in einer Zivilgesellschaft keinen Platz vorgesehen ist. Er wird nicht durch den Tod seiner Familie zum Punisher gemacht – das ist der Auslöser. Er wird zum Punisher durch eine Entscheidung, die er im Dreck eines verlorenen Krieges trifft – Jahre zuvor.

Jon Bernthal und die Verkörperung des Unlösbaren

Als Jon Bernthal in der zweiten Staffel von Daredevil (2016) auf Netflix zum ersten Mal als Frank Castle auftrat, waren die Meinungen geteilt. Die Figur hatte schon drei Kinoversuche hinter sich – 1989 mit Dolph Lundgren, 2004 mit Thomas Jane und 2008 mit Ray Stevenson. Keiner von ihnen konnte überzeugen, da es sich bei allen drei Filmen letztlich um Actionfilme mit Punisher-Verpackung handelte und nicht um ein psychologisches Porträt.

Bernthal war etwas anderes. Er spielte Frank Castle nicht als stoischen Krieger, sondern als jemanden, den der Schmerz noch in seinen Fängen hält, der noch nicht vollständig verbrannt ist und eine Trauer in sich trägt, die ihm keine Ruhe lässt. Seine Konfrontationsszenen mit Matt Murdock in der zweiten Staffel von „Daredevil”, insbesondere die berühmte Dachterrassenszene, in der beide sich ihre grundlegend verschiedenen Philosophien mitteilen, gehören zum Besten, was das Superhelden-Fernsehen je produziert hat.

Jon Bernthal © Netflix
Jon Bernthal als Frank Castle © Netflix

Die eigene Serie The Punisher (2017–2019) war ungleichmäßiger, aber in ihren stärksten Momenten – besonders in der Darstellung der Unfähigkeit zur Reintegration und der Frage, was ein Veteran der Gesellschaft schuldet, die ihn ausgebildet hat – berührte sie etwas Greifbares. Bernthal bestand darauf, dass Frank Castle eben kein zu bewundernder Held ist. Das ist der einzige Ansatz, der funktioniert.

Das Symbolproblem

In den 2010er Jahren tauchten Punisher-Schädel zunehmend auf der Ausrüstung und den Fahrzeugen amerikanischer Strafverfolgungsbehörden und des Militärs auf, und mit erschreckender Regelmäßigkeit in Kontexten politischer Gewalt. Die Aneignung eines Comicsymbols durch reale Gruppen ist zwar kein neues Phänomen, die Aneignung des Punishers ist jedoch besonders aufschlussreich, da sie eine fundamentale Fehllektüre offenbart.

Wer den Punisher-Schädel trägt, um sich mit Frank Castle zu identifizieren, sieht in der Figur eine Bestätigung. Hier ist jemand, der das Richtige tut, wenn andere es nicht tun wollen oder können. Das ist die Lektüre, die funktioniert, wenn man die Comics oberflächlich liest, wenn man die Ennis-Serie wie einen Actionfilm statt wie ein moralisches Zeugnis liest, wenn man bei Frank Castles Methoden zustimmend nickt statt zu zögern.

Die Ironie ist perfekt: Wer den Punisher-Schädel trägt, um Stärke und Gerechtigkeit zu signalisieren, trägt das Symbol eines Charakters, den die eigenen Comics explizit als gescheiterte, korrumpierte und moralisch zerstörte Version von Gerechtigkeit beschreiben. Es ist, als würde man das Erkennungszeichen von Captain Ahab tragen, um seine Entschlossenheit zu signalisieren.

Marvels Reaktion und ihre Grenzen

Nachtrag des Autors: Was mich beim Schreiben am meisten in den Bann gezogen hat, ist die Frage der Aneignung von Symbolen, die eigentlich das faszinierendste Kulturphänomen dieser ganzen Essayreihe ist. Es ist das einzige Mal, dass ein Comicsymbol derart von seiner erzählerischen Absicht entkoppelt wurde, und das nicht trotz, sondern wegen seiner visuellen Einfachheit. Ein Totenkopf auf schwarzem Grund benötigt keine Handlung, keinen Kontext und keine Lektüre. Er funktioniert allein. Das ist seine Stärke als Comicdesign, aber auch seine Schwäche als kulturelles Eigentum.

Garth Ennis‘ Born bleibt für mich eines der unterschätztesten Dinge in dieser Essayreihe überhaupt: ein Kriegscomic, das zufällig ein Superheldencomic ist, und besser als beides sein muss, um zu funktionieren.

Die intellektuelle Befriedigung der Spannungsliteratur

In jeder Erzählung steckt ein dramatisches Element, das auf dem Wechselspiel von Spannung und Entspannung beruht. Ob Stephen King oder Sally Rooney, die zentrale Frage bleibt immer dieselbe: Was wird geschehen? Spannungsromane und Krimis treiben diese Dynamik auf die Spitze, indem sie in die Schattenwelt der menschlichen Psyche eintauchen. Figuren, die sich moralisch relativieren und in kriminelle Machenschaften verstrickt sind, erhöhen den Einsatz und sorgen für eine kathartische Erfahrung. Eskapismus kann sowohl der Entlastung von den Schrecken des realen Lebens dienen als auch diese allegorisch verarbeiten. Denn das Erzählen solcher Geschichten spiegelt die Grundmechanismen unseres Gehirns wider: Informationen zusammenfügen, unsichere Szenarien antizipieren und – im besten Fall – daraus lernen.

„Genre“ selbst ist ein schwer fassbarer Begriff, der oft ebenso sehr von kommerziellen wie von kreativen Interessen geprägt ist. Das spezifische Vergnügen, in die Archetypen eines geliebten Milieus einzutauchen – vorausgesetzt, sie werden klischeefrei inszeniert -, bleibt jedoch unbestritten. Die Vermischung verschiedener Genres kann jedoch ein riskantes Spiel sein, da sie gelegentlich zu einem tonalen Ungleichgewicht führt. Dennoch ist der Spannungsroman eine der beständigsten und wandlungsfähigsten Formen des Erzählens. Er übersetzt das zentrale Strukturelement der Erzähldynamik auf vielfältige Weise und verwickelt die Leserinnen und Leser in kunstvoll austarierte Gedankenspiele. Im Kern geht es dabei immer um die Erkundung der Persönlichkeit – um das, was uns als Menschen ausmacht.

Der traditionelle Kriminalroman nimmt dieses Konzept wörtlich. Der einzigartige Charakter – oft in Gestalt eines Berufs- oder Amateurdetektivs – dient als Vehikel für die Erkundung der Handlung. Während sich die Erzählstränge allmählich zu einer Auflösung verdichten, erhalten wir gleichzeitig einen tiefen Einblick in die Weltsicht einer exzentrischen Hauptfigur. Doch diese Perspektive ist letztlich nur so faszinierend wie die Linse, durch die sie betrachtet wird. Die verschlungenen Plots eines Raymond Chandler verblassen hinter Philip Marlowes lakonischen Kommentaren zur Welt. Sein zynischer Heroismus entlarvt in präzise geschliffener Prosa persönliche und gesellschaftliche Heucheleien. Chandler erweitert die Grenzen des Kriminalromans, indem er Geschichten entwirft, die in ihrer Komplexität oft paradoxerweise näher am Realismus sind als stringenter konstruierte Erzählungen. So bleibt etwa das ungeklärte Schicksal eines Chauffeurs in „Der große Schlaf“ ein schwebender Faden – eine offene Frage, auf die nicht einmal Chandler selbst eine Antwort wusste. Aber auch bei eher klassischen Autoren wie Agatha Christie oder Georges Simenon sind es weniger die Details der Handlung, die in Erinnerung bleiben, als vielmehr die prägenden Charakterzüge ihrer Protagonisten – ein Beleg für die überragende Bedeutung der Figur gegenüber der Handlung.

Wer Spannung subtiler und abstrakter einsetzt, zeigt die Vielseitigkeit des Genres. Die Harlem Detectives von Chester Himes zum Beispiel schaffen dramatische Ironie, indem sie traditionelle Krimielemente mit Action und Sozialkritik verbinden. Während seine Detektive ihren Fällen nachgehen, enthüllen parallel erzählte Szenen Ereignisse, die ihnen immer einen Schritt voraus sind. Len Deightons Spionageromane wiederum beziehen ihre Spannung aus verwirrenden, undurchsichtigen Handlungssträngen, in denen selbst die Figuren selten genau wissen, was geschieht – eine Technik, die den psychologischen Realismus verstärkt, indem sie die Wahrnehmung des Lesers imitiert.

Diese abstrakteren Erzähltechniken sind letztlich immer figurenzentriert. Hinweise tauchen in Form von Gesten, Erinnerungen, Marotten oder scheinbar beiläufigen Dialogzeilen auf, die unterschwellig Entscheidungen ankündigen. So entwickelt sich die Geschichte organisch, ihr Gesamtbild klärt sich erst spät – idealerweise so spät wie möglich. Eine packende Erzählweise, die den analytischen Teil des Gehirns umgeht und gleichzeitig genügend Handlungsfäden in der Luft hält, macht es fast unmöglich, den weiteren Verlauf vorherzusehen. Viel einfacher ist es, sich einfach treiben und überraschen zu lassen – eine Strategie, die verhindert, dass auch oft wiederholte Handlungselemente irgendwann langweilig werden.

Viele Romane Vladimir Nabokovs, die man nicht primär mit dem Genre Krimi oder Thriller in Verbindung bringt, haben eine kriminelle Handlung als Dreh- und Angelpunkt. So sind Morde zentrale Katalysatoren in „Lolita“, „Gelächter im Dunkel“ und „Verzweiflung“. Letzterer ist ein besonders faszinierendes Beispiel für einen genreübergreifenden Spannungsroman. Ähnlich wie in „Lolita“ ist der Protagonist ein wahnhafter Außenseiter, dessen soziopathische Tendenzen ihn in eine finstere Verschwörung treiben. Nabokov nutzt die Ich-Perspektive, um eine trügerische Sicherheit und Empathie zu erzeugen – nur um uns am Ende mit einer schmerzhaft komischen Wendung den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Diese Überraschung gelingt, weil die blinden Flecken des Lesers geschickt ausgenutzt werden. Unzuverlässige Erzähler erzeugen genau diesen Effekt: Sie zwingen uns, die Welt gleichzeitig aus ihrer und unserer – hoffentlich rationaleren – Perspektive zu sehen, was zu spannungsgeladenen Dissonanzen führt. Ein Stilmittel, das auch Donald Westlake, Charles Willeford und Lawrence Block in ihren menschenfeindlichen Ich-Erzählungen meisterhaft einsetzen.

Flannery O’Connors Werk basiert auf subtiler psychologischer Spannung. Ihre klassische Erzählung „A Good Man Is Hard To Find“ diente als Blaupause für Werke von „Psycho“ bis „The Texas Chainsaw Massacre“: Gewöhnliche, mit Fehlern behaftete Charaktere treffen auf Außenseiter, die das ungezügelte Ich verkörpern – eine Lesart, die sich mühelos mit ihren katholischen Themen verbinden lässt.

Elmore Leonard hingegen verzichtet darauf, seinem Publikum Informationen vorzuenthalten. Die Spannung ergibt sich vielmehr aus den Entscheidungen, die seine Figuren treffen, aus dem Aufeinanderprallen ihrer Persönlichkeiten, aus unerwarteten Allianzen und Verrat. Seine Plots dienen letztlich als MacGuffins – Vorwände, um seine Figuren in Aktion zu sehen. Dennoch sind seine Geschichten fast immer befriedigend, weil sie den inneren Entwicklungen seiner Figuren folgen.

Auch Roald Dahls Kurzgeschichten für Erwachsene offenbaren eine verdrehte Psychologie. In Erzählungen wie „Die Wirtin“ entsteht Spannung nicht durch Geheimnisse, sondern durch die wachsende Erkenntnis des Lesers – ein ebenso amüsanter wie unheimlicher Effekt. Am anderen Ende des Spektrums stehen Paul Austers „New-York-Trilogie“ und James Sallis’ „Lew-Griffin“-Reihe, die fast gänzlich auf konventionelle Krimiplots verzichten und das Genre als reine Identitätserkundung nutzen – ein riskantes, aber mitunter brillantes Unterfangen.

Letztlich dreht sich das Rätsel des Kriminal- und Spannungsromans aber immer um die Figur. Die unerschöpfliche Faszination des Genres liegt in seiner Fähigkeit, das ultimative intellektuelle Geheimnis zu entschlüsseln: das Geheimnis des menschlichen Geistes.

Phantasmagorie – Die Horrorshow des achtzehnten Jahrhunderts

Künstler: Govard Bidloo

In der Vergangenheit waren wir nicht so sehr vor dem Tod geschützt wie heute.  Der Tod war nicht in klinischen Umgebungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen sicher verstaut. Oh nein – er verfolgte uns auf der Straße, er war in unserem Haus, in unserem Bett und stand in unserem Gesicht.  Vielleicht haben die Menschen deshalb schon immer nach Antworten auf die Frage gesucht, was uns erwartet, wenn wir endlich unsere sterbliche Hülle ablegen.  Und während Theologen und Denker Trost spendeten und versuchten, Antworten in Form von Religion oder Philosophie zu geben, hatten die einfachen Leute Lust am Volksmärchen und Aberglauben, um das Unerklärliche zu erklären.  Und das Nebenprodukt davon war die Freude an einem guten Schreck!

Als aus schön schrecklich schrecklich schön wurde

Im 18. Jahrhundert kam das Genre des Horrors in Form von Geistergeschichten und der Gothic Novel auf: Das Schloss von Otranto von Horace Walpole 1765, Vathek von William Beckford 1786 und Die Geheimnisse Udolpho von Anne Radcliffe 1794, um nur einige zu nennen. Das 18. Jahrhundert bot nicht nur die Möglichkeit, sich mit der Lektüre von Büchern über übernatürliche Ereignisse zu vergnügen, sondern auch ein interaktives Erlebnis in Form der seit den 1760er Jahren sehr beliebten phantastischen Laterna magica.

Die Laterna Magica: von der Wissenschaft zur Fantasie

Laterna Magica, um 1818. Foto von Edal Anton Lefterov

Die Erfindung der Laterna Magica wird Christiaan Huygens und Athanasius Kirchner im 17. Jahrhundert zugeschrieben.  Kirchners frühe Laterna bestand aus einer Laterne mit einem konkaven Spiegel und einer Kerze sowie einem seitlichen Rohr mit konvexen Linsen an beiden Enden.  Dazwischen befand sich das handbemalte Glasdia.  Diese frühen Laterna Magicas waren einfache Vorläufer des Diaprojektors und des späteren Filmprojektors.

Ursprünglich wurden sie zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt, doch schon bald erkannte man ihren Unterhaltungswert, und ihr Zweck wurde weniger als hohe Kunst betrachtet, da sie pastorale und mythologische Szenen darstellten. Hochstapler und Scharlatane erkannten jedoch bald das Potenzial dieser neuen Technologie und behaupteten, Tote auferstehen lassen zu können (wobei sie die Laterna Magica als Hilfsmittel verwendeten). In einer Welt, in der die meisten Menschen im Allgemeinen keine Ahnung von der Wissenschaft hatten, war es ein Leichtes, abergläubische Menschen mit der Behauptung übernatürlicher Kräfte zu übervorteilen.

Im 18. Jahrhundert begannen die Laterna Magica, sich in Phantasmagorien zu verwandeln.  J.G. Shroepfer, der ein Kaffeehaus in Leipzig betrieb, hatte eine ungewöhnliche Nebenbeschäftigung: Er lehrte das Okkulte und führte Séancen durch.  Durch die Einbeziehung der visuellen Effekte der Laterna Magica gelang es Shroepfer, eine wahrhaft denkwürdige Séance zu veranstalten. In den 1760er Jahren waren seine Darbietungen so populär, dass er hauptberuflich als Schausteller tätig war. Er glaubte jedoch, dass die von ihm geschaffenen Gespensterbilder real waren, und beging schließlich Selbstmord, weil er an Wahnvorstellungen litt.

Robertson interessierte sich schon in seiner Kindheit für Folklore und das Okkulte, und in seinen Memoiren erinnert er sich, dass er sogar versuchte, den Teufel zu beschwören, indem er einen Hahn tötete.  Als junger Mann studierte er Wissenschaft und Kunst und interessierte sich besonders für die Optik.  Schließlich vereinten sich seine Interessen und am 23. Januar 1798 inszenierte er seine erste Phantasmagorie.

Wissenschaft und Kunstfertigkeit – Etienne Gaspard Robert alias ‚Robertson‘

Phantasmagorie aus dem 18. Jahrhundert mit pastoralen Szenen von Arthur Pougin

Obwohl es im achtzehnten Jahrhundert weitere Entwicklungen in Richtung Phantasmagorie gab, insbesondere in Versailles (Francois Dominique Seraphin mit seinen populären chinesischen Schattenspielen und Edme-Gilles Guyot, der mit der Projektion von Geisterbildern auf Rauch experimentierte) war es Etienne Gaspard Robert (1763 – 1837), der unter seinem Künstlernamen Robertson“ bekannt wurde, der die Phantasmagorie zu dem Phänomen machte, das sie später wurde.

Robertson war nicht der erste, der die populären Elemente der Séance mit der Laterna Magica-Technik kombinierte – Paul Philador veranstaltete die erste echte Phantasmagorie-Show 1793 in Berlin, Wien und Paris, aber Robertson war der Beste.

Robertsons Shows waren so beliebt, weil er Wissenschaft und Unterhaltung miteinander verband.  Er entwickelte das „Fantoscope“ mit verbesserter Optik und Rädern und trug damit wesentlich zur Weiterentwicklung der Laterna Magica bei.  Die Verwendung von Rädern mag als einfache Neuerung erscheinen, war aber von großer Bedeutung, da sie es ihm ermöglichte, die Illusion von Bildern zu erzeugen, die sich bewegten oder sich dem Publikum zu nähern und zu entfernen schienen, indem er die Position des Fantoskops verstellte (eine frühe Form des Zooms), sehr zum Schrecken und zur Freude seiner Zuschauer – er nutzte dies mit großer Wirkung bei seinem Bild der „blutenden Nonne“ (ein Bild aus Lewis‘ gotischem Roman „Der Mönch“).

Laterna magica, 18. Jahrhundert, Künstler unbekannt

Als Künstler bemalte er seine Glasplatten selbst und verwendete schwarze Hintergründe für seine Figuren.  In Verbindung mit der Projektion auf Rauch oder transparente Leinwände entstand so die Illusion, dass die Bilder frei schwebten.  Dieser Effekt, der vorgab, dass sich die Bilder überall um das Publikum herum befanden, wurde durch den Einsatz mehrerer beweglicher Fantoskope und mehrerer Dias verstärkt, die es ermöglichten, dass sich die Bilder ineinander auflösten (Ludwig XVI. verwandelte sich in ein Skelett).  Er nutzte auch Dunkelheit und Geräusche, um das Publikum zu verwirren, und setzte sogar die unheimliche Glasharmonika ein, um mesmerische „Himmlische Harmonien“ zu erzeugen.  Die Mechanik der Illusion wurde ebenfalls vor dem Publikum verborgen, was die Zuschauer dazu veranlasste, ihre Skepsis zu zügeln.

Das Phänomen der Phantasmagorie

Was machte diese Shows so beliebt?  Gunning weist darauf hin, dass ihre Popularität mit den Nachwirkungen der Französischen Revolution zusammenfällt.  Das Zeitalter der Aufklärung hat ein „entzaubertes“ Universum geschaffen, in dem Wissenschaft und Vernunft den Aberglauben und die alte Religion ersetzen.  In Frankreich wurde dies durch die Revolution verkörpert. Die aufkommende Schauerromantik steigerte auch die Popularität des Makabren, des Mysteriösen und der Psychologie des Schreckens.

Als Robertson seine Shows in Paris aufführte, hatte sein Publikum den Terror, in den die Revolution mündete, bereits miterlebt.  Die Shows begannen damit, dass Robertson die Technik der Show und hinter den Kulissen erklärte, um dann scheinbar all das in den Wind zu schlagen, indem er sein Publikum in eine erschreckend reale Erfahrung versetzte. Robertson behauptete nicht, dass seine Phantome real seien, und tat viel dafür, die Wissenschaft populär zu machen, doch sein Publikum war bereit, seine Skepsis zu überwinden und reagierte zumindest für die Dauer der Show so, als sei das, was es sah, real.  Gunning kommentiert das so:

„Die Wirkung der Phantasmagorie beruht auf einer Wechselwirkung – nicht nur zwischen dem, was wir spüren, und dem, was wir wissen, sondern auch zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir so sehr fürchten, dass wir von ihm überzeugt sind.“

Robertsons Phantasmagorie in der Kapuzinergruft, Paris

Robertson hielt seine Tricks so geheim wie möglich, aber schließlich kamen andere konkurrierende Shows auf, und eine Zeit lang waren Phantasmagoria-Shows sehr beliebt – vor allem in England, aber auch in New York.

Fotografische Dias ersetzten schließlich die gemalten Dias, und die Entwicklungen in der Fotografie und später in der Kinematografie führten dazu, dass die Phantasmagorie überflüssig wurde.  Viele der Techniken, die in diesen frühen Shows zum Einsatz kamen, beeinflussten jedoch das frühe Kino und später auch die Horrorfilme.  Beide verwendeten Zoom, Bildüberblendungen und Stop-Motion-Techniken, um ihre Effekte zu erzeugen.