Eine Mythologie für England

Selbstverständlich war Tolkien als Autor von Ideen inspiriert, die aus unserer Welt stammen, aber das ist eine Binsenweisheit, die nirgendwohin führt.

In einem Brief an seinen Freund, den englischen Jesuitenpater Robert Murray beschrieb Tolkien „Der Herr der Ringe“ einmal als „ein grundlegend religiöses und katholisches Werk, zunächst unbewusst gestaltet, aber in der Überarbeitungsphase dann bewusst ausgeführt“.

James Cauty, 1988

Es gibt viele theologische Themen, die der Erzählung zugrunde liegen: der Kampf des Guten gegen das Böse, der Triumph der Demut über den Stolz, die Wirksamkeit der Gnade, des Todes und der Unsterblichkeit, der Auferstehung, der Erlösung, der Buße, der Selbstaufopferung, des freien Willens, der Gerechtigkeit, der Gemeinschaft, der Autorität und der Heilung.

Auch religiöse Motive, die nicht christlicher Natur sind, erkennt man als starke Einflüsse in Mittelerde. Das Pantheon des Valar und Maiar (größere und kleinere Götter/Engel), das für die Erschaffung und Erhaltung von allem verantwortlich ist, von Himmel (Manwë) und Meer (Ulmo) bis hin zu Träumen (Lórien) und Schicksal (Mandos), suggeriert eine vorchristliche Mythologie, auch wenn Valar und Maiar selbst Schöpfungen einer monotheistischen Einheit sind – Illuvatar oder Eru genannt.

Andere vorchristliche mythologische Bezüge finden sich in den Darstellungen des „wilden Mannes“ (Tom Bombadil), der Istari (gemeinhin als die Zauberer bezeichnet, vielleicht aber mehr Engel als Zauberer), Gestaltwandler (Beorn), untote Geister (Grabunholde), beseelte Nicht-Menschen (Zwerge, Elfen, Hobbits und natürlich Ents). Magie wird in Mittelerde frei verwendet und findet sich nicht nur in den Beschwörungen der Zauberer, sondern auch in den Waffen und Werkzeugen der Krieger und Handwerker, in den Wahrnehmungen und Fähigkeiten der Helden und in der Natur selbst.

Tolkien beharrte wiederholt darauf, dass seine Werke keine Allegorie seien, und obwohl seine Gedanken zu diesem Thema in der Einleitung des Buches erwähnt werden, gab es heftige Spekulationen darüber, ob nicht der Eine Ring eine Allegorie für die Atombombe sei. Allerdings hatte Tolkien den größten Teil des Buches bereits fertiggestellt und das Ende in seiner Gesamtheit geplant, bevor die ersten Atombomben während der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 der Welt bekannt gemacht wurden. Es gibt jedoch einen starken Trend der Verzweiflung vor der neuen mechanisierten Kriegsführung, die Tolkien selbst in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erlebt hatte. Die Entwicklung einer speziell gezüchteten Ork-Armee und die Zerstörung der Umwelt, um dies zu untermauern, haben natürlich moderne Anleihen. Dennoch äußerte Tolkien offen und nicht gerade selten, dass er Allegorien verabscheue und es wäre unverantwortlich, solche direkten Äußerungen zu diesen Themen leichtfertig abzulehnen, nur weil der Mainstream mit Dingen, die sich nicht direkt auf ihre Toilettenwelt beziehen, Probleme hat.

Tolkien hatte zunächst gar nicht die Absicht, eine Fortsetzung des erfolgreichen Kinderbuches Der Hobbit zu schreiben. Stattdessen skizzierte er die Geschichte von Arda oder die über die Silmarils, bis ein wahres Kompendium über jene Rassen und Geschehnisse vorlag, über die wir in „Der Herr der Ringe“ lesen. Tolkien starb, bevor er das Silmarillion fertigstellen konnte, aber sein Sohn Christopher Tolkien bearbeitete das Werk seines Vaters, füllte Lücken und veröffentlichte es 1977.

Herr der Ringe

Tolkien hegte den tiefen Wunsch, eine Mythologie für England zu schreiben, besonders nach seinen schrecklichen Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs. Auch beeinflusst wurde er von den Auswirkungen der fortschreitenden Industrialisierung, die ihm viel von dem England nahm, das er liebte. Um seine Schriften wirklich verstehen zu können, müssen wir uns bewusst werden, wie Tolkien, der Gelehrte, den Autor Tolkien beeinflusste. Die Schriften über die von ihm geschaffene Mythologie entstanden, als er in Oxford als Philologe tätig war, wo er selbstverständlich mit den nordeuropäischen mittelalterlichen Literaturen zu tun hatte, einschließlich der großen mythischen Werke wie der Hervarar-Saga, der Völsungen-Saga, der einflussreichen Saga des Beowulf sowie anderer altnordischer, alt- und mittelenglischer Texte. Inspiriert wurde er auch von nichtgermanischen Werken wie dem finnischen Epos Kalevala. Ein Mann, der seine erste eigene Sprache im Alter von sieben Jahren erfunden hatte, wurde nun von dem Wunsch getrieben, eine Mythologie für England zu schreiben, beeinflusst durch sein Wissen über diese alten Traditionen.

Die Notwendigkeit eines solchen Mythos war oft das Gesprächsthema bei den Inklings, einer Gruppe anderer Oxford-Wissenschaftler, die als christliche Romantiker bezeichnet wurden und sich wöchentlich trafen, um über isländische Mythen und ihre eigenen unveröffentlichten Manuskripte zu diskutierten. Tolkien stimmte mit C. S. Lewis, einem anderen Mitglied der Gruppe, überein, dass, wenn es keine adäquaten Mythen für England gäbe, sie ihre eigenen schreiben müssten. Tolkiens Werk wurde allgemein in diesem Licht interpretiert.

Von seinen Verlegern überredet, begann er im Dezember 1937 mit einem neuen Hobbit. Nach mehreren Fehlstarts kristallisierte sich bald die Geschichte des Einen Ringes heraus, und das Buch mutierte von einer Fortsetzung des Hobbit zu einer thematischen Fortsetzung des unveröffentlichten Silmarillion. Die Idee des ersten Kapitels (Das lang erwartete Fest) schrieb er bereits formvollendet nieder, obwohl die Gründe für Bilbos Verschwinden und die Bedeutung des Ringes nicht vor 1938 eingearbeitet wurden. Ursprünglich sollte eine weitere Geschichte entstehen, in der Bilbo seinen ganzen Schatz aufgebraucht hatte und deshalb nach einem weiteren Abenteuer suchte; Tolkien erinnerte sich jedoch an den Ring und die Kräfte, die er hatte, und beschloss, stattdessen darüber zu schreiben. Er begann damit, Bilbo als Hauptfigur zu konzipieren, bemerkte aber schnell, dass die Geschichte zu ernst wurde und für den lustigen Hobbit nicht angemessen war. Bei der Suche nach einem alternativen Ringträger erfand er schließlich Frodo.

Die Geschichte kam aufgrund Tolkiens Perfektionismus nur langsam voran und wurde oft durch seine akademischen Aufgaben unterbrochen. Er scheint das Buch während des größten Teils des Jahres 1943 aufgegeben und erst im April 1944 wieder aufgenommen zu haben. Seinen Verlegern zeigte er erst 1947 eine Kopie des Manuskripts, und erst im darauffolgenden Jahr wurde es abgeschlossen, die Überarbeitung dauerte dann aber bis 1949. Aber auch drei Jahre später war das Buch noch unveröffentlicht.

Aufgrund des Papiermangels in der Nachkriegszeit, aber auch um den Preis des ersten Bandes niedrig zu halten, wurde das Buch in drei Bände unterteilt. Verzögerungen bei der Erstellung von Anhängen und Karten führten dazu, dass diese später als ursprünglich erhofft veröffentlicht wurden – am 29. Juli und 11. November 1954 und am 20. Oktober 1955 erschien es im Vereinigten Königreich.

Da die dreibändige Bindung so weit verbreitet war, wird das Werk meist als „Herr der Ringe“-Trilogie bezeichnet, obwohl es sich – technisch gesehen – nur um einen einzigen Roman handelt.

Der enorme Publikumserfolg von Tolkiens epischer Saga hat die Nachfrage nach Fantasyliteratur stark beeinflusst. In den 60er Jahren boomte das Genre und viele Meilensteine wurden in dieser Zeit veröffentlicht (etwa Erdsee von Ursula LeGuin, die Thomas Covenant-Romane von Stephen R. Donaldson und die Gormenghast-Bücher von Mervyn Peake; Der Wurm Ourobouros von E. R. Eddison wurde wiederentdeckt). Auch die Rollenspielindustrie, die in den 1970er Jahren mit Dungeons & Dragons populär wurde, profitierte davon, und viele Kreaturen, die in Tolkiens Büchern zu finden waren, wurden darin übernommen.

Was bleibt zu sagen, sieht man sich an, was bereits alles über Tolkien und sein Werk publiziert wurde? Man wird kaum mehr einen Bereich finden, der nicht bereits kleinteilig auseinander genommen worden wäre. Die Faszination bleibt, aber es ist keineswegs mehr so, dass kein Weg an Tolkien vorbei führt, wie das jahrzehntelang der Fall zu sein schien. Neue Strömungen und starke Autoren haben bereits gezeigt, dass es ein Leben nach Der Herr der Ringe gibt.

Der Thriller – Die reine Sensation

Das uns allen vertraute Genre des Thrillers zeichnet sich durch seine Ungewissheit und die ständige Erregung der Sinne aus, die zusammen ein gemischtes Gefühl von Beklemmung und Verwunderung erzeugen, durchsetzt mit Furcht und sogar Angst. Diese Bandbreite an Gefühlen und Erfahrungen wird durch eine unvorhersehbare Handlung erreicht, bei der der Leser (oder Zuschauer) die Folgen eines Ereignisses abschätzt. In der Regel steigert sich die Spannung in einem Thriller, sobald sich die Geschichte dem Höhepunkt nähert, gefolgt von einem unvergesslichen Ende.

Dank der nervenaufreibenden Elemente wie Spannung und Verbrechen, Verschwörung und Rache gehört der Thriller seit jeher zu den kreativen Genres (das betrifft nicht nur die Literatur), die die Aufmerksamkeit des Publikums über viele Jahrhunderte hinweg fesselten. Bei der Erwähnung des Wortes Thriller denken viele wahrscheinlich an Alfred Hitchcock und seine herausragenden Filme, zum Beispiel „Psycho“. Die Geschichte des Genres reicht jedoch weit in die Antike zurück.

Der Begriff „Thriller“

Wenn wir uns zunächst die Herkunft des Wortes „Thriller“ ansehen, dann stoßen wir bereits im frühen 14. Jahrhundert auf das altenglische Wort þyrlian, das „durchlöchern“ „oder durchstechen“ bedeutet. Der Begriff þyrel bedeutete im Mittelenglischen etwa „Nasenloch“. Und dann gibt es noch den Begriff þurh, der „durch“ bedeutet, vergleichbar dem mittelhochdeutschen „dürchel“, der ebenfalls „durchbohrt“ oder „durchlöchert“ bedeutet. Der Begriff „ein zitterndes, erregendes Gefühl geben“ ist erstmals in den 1590er Jahren mit dieser Bedeutung belegt, und der Hintergrund ist die metaphorische Vorstellung davon, etwas „mit Gefühl zu durchdringen“.

In erster Linie ist dieses Genre also für das erzeugen emotionaler Intensität bekannt. Das Fehlen von Informationen, die erzeugte Angst, das Geheimnisvolle – all das ist in diesem Genre vorhanden. Die Hauptfigur hat eine schwierige Aufgabe zu erfüllen, die eine heldenhafte Anstrengung oder ein Opfer erfordert, um sie zu vollenden.

Die Spannung kann im Laufe des Buches zunehmen oder den Leser von der ersten Seite an ergreifen. In jedem Fall muss das Werk die meiste Zeit über spannend bleiben. Aber das Hauptmerkmal eines jeden Thrillers ist seine Intensität, die den Leser buchstäblich zu einem wahren Reiten auf den Wellen der Intrigen und Leidenschaften veranlasst.

Oft ist das Versprechen eines ausgezeichneten Thrillers nicht nur das hohe Können des Autors, sondern auch eine gründliche Recherche des Themas und eine verwickelte und fesselnde Handlung, die direkt im Wort selbst steckt: es soll ein zittern und beben im Leser ausgelöst werden.

Dies kann im Grunde als Hauptziel des Thrillers angesehen werden. Darüber hinaus liefert der Thriller aber auch oft recht detaillierte Informationen über sein eigenes Setting, zum Beispiel über das Rechtssystem, das medizinische System, die Geschichte der Spionage usw. Es gibt also Autoren, die auf der Grundlage ihrer medizinischen oder militärischen Erfahrung Romane mit einem komplizierten und faszinierenden Plot erschaffen.

Ein Thriller ist kein Krimi

Sehr oft werden Krimis mit Thrillern verwechselt, aber es gibt einen offensichtlichen Unterschied zwischen diesen beiden Genres. In Krimis stößt die Hauptfigur auf ein Rätsel (z. B. einen Mord) und muss Hinweise finden, um die Lösung zu finden. Im Thriller wird die Hauptfigur mit einer schrecklichen Situation konfrontiert (eine drohende Katastrophe, Serienmörder, unbekannte Viren usw.), deren Lösung in der Entwicklung neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten besteht.

Im Thriller liegen alle Hinweise auf der Hand, so dass der Leser eher steile Wendungen der Handlung erwartet als ungewöhnliche Antworten auf Fragen. Thriller berühren die Gefühle des Publikums in erheblichem Maße, während Detektive die Verbindung mit der intellektuellen Seite des Falles erfordern.

Thriller zeichnen sich durch Spannung aus – ein Gefühl von angenehmer Faszination und Aufregung über das, was als Nächstes kommt, gemischt mit Befürchtungen, Vorfreude und eben manchmal sogar Angst. Diese Gefühle entwickeln sich im Laufe einer Erzählung aus unvorhersehbaren Ereignissen, die den Leser oder Zuschauer dazu bringen, über die Konsequenzen der Handlungen bestimmter Figuren nachzudenken. Die spannungsgeladenen Gefühle steuern auf einen Höhepunkt zu, der mit Sicherheit in Erinnerung bleiben wird.

Die Evolution der Thriller

Rotkäppchen

Die Odyssee von Homer gilt als einer der frühesten Prototypen des Genres und verwendet ähnliche Techniken wie die modernen Thriller von heute. Der Held dieses Epos, Odysseus, macht sich auf die Heimreise zu seiner Frau Penelope und muss dabei außergewöhnliche Strapazen und Prüfungen bestehen. Er kämpft mit Zyklopen, einem einäugigen Riesen, und den Sirenen, die Seeleute in den Tod singen, während er auf seiner Heimreise aus dem Trojanischen Krieg mit dem Meer selbst kämpft. Diese Begegnungen erzeugen allesamt Spannung und lassen den Leser mit der Frage zurück, ob Odysseus es jemals nach Hause schaffen wird, und wenn ja, wie er es schaffen wird.

Eine häufige Konvention des Genres ist die Psycho-Stalker-Geschichte. Rotkäppchen ist ein frühes Beispiel für das Psycho-Stalker-Thema. Dieses europäische Märchen lässt sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen und erzählt die Geschichte eines kleinen Mädchens, das durch den Wald geht, um seiner kranken Großmutter Essen zu bringen. Sie begegnet einem Wolf, in manchen Versionen dem „Großen Bösen Wolf“, und sagt ihm, wohin sie geht. Er kommt ihr zuvor, frisst die Großmutter und wartet verkleidet als eben diese Großmutter auf das Mädchen, während sich der Leser fragt, ob das kleine Mädchen einen solch bösen Feind überleben wird.

Im 19. Jahrhundert wurden den Gebrüdern Grimm zwei verschiedene deutsche Versionen dieses Märchens vorgelegt, und sie haben es dann in die heute geläufige Geschichte verwandelten, über die es unzählige Analysen gibt.

Das Aufkommen des Rachekrimis

Der 1844 von Alexandre Dumas geschriebene Graf von Monte Cristo ist ein gewagter und abenteuerlicher Rachethriller über einen Mann namens Edmond Dantès, der von seinen Freunden verraten wird und zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Dort trifft er auf einen alten Mann, der ihm alles beibringt und ihm das Versteck eines großen Schatzes verrät. Edmond erwirbt dieses Vermögen und rächt sich an denen, die sein Leben zerstört und ihn eingesperrt haben. Dieser Literaturklassiker nimmt die Leser mit auf ein gefährliches und spannendes Abenteuer, das Edmonds Suche nach Rache, Zufriedenheit und schließlich Frieden begleitet.

Das Kernstück eines guten Thrillers war aber von Anfang an die Psychologie. Aus diesem Grunde ist es nicht verwunderlich, dass der Psychothriller neben dem Spionage- oder Agententhriller und dem Horror-Thriller das Zentrum des Genres bildet.

Der Psychothriller

Wie viele andere revolutionäre Konzepte wie den Schauerroman oder den Krimi, der sich daraus ergeben hat, haben wir auch den Psychothriller den Viktorianern zu verdanken.

Der Monddiamant wird oft als der erste Detektivroman überhaupt angesehen (was er aber nicht ist).

Wilkie Collins ist der heute wenig bekannte Erfinder der Idee des psychologischen Thrillers. Obwohl er weniger bekannt ist als Dickens oder die Brontë-Schwestern, kann man diesen viktorianischen Innovator als einen der einflussreichsten Romanautoren seiner Zeit bezeichnen.

Der Monddiamant

In den 1860er Jahren veröffentlichte Collins vier Romane, die oft als „Sensationsromane“ bezeichnet werden: „Die Frau in Weiß“, „Die Namenlosen“, „Der rote Schal“ und „Der Monddiamant“ – Romane, die zur Zeit ihres Erscheinens sehr populär waren und das viktorianische Publikum mit ihren düsteren Rätseln, die an gewöhnlichen und vertrauten Schauplätzen spielten, in Erstaunen und Schrecken versetzten.

In diesen großartigen Romanen erfand Collins eine Reihe von erzählerischen Tricks und Methoden, auf die Krimiautoren noch heute zurückgreifen. Ein solches Element ist die Idee, dass die Hauptfiguren sich nicht auf ihre eigenen Erinnerungen verlassen oder ihnen zumindest nicht trauen können – und dass sie nicht wissen, ob sie tatsächlich für ein Verbrechen verantwortlich sind. Dieses Konzept des „unzuverlässigen Erzählers“ ist heute in der Ich-Erzählung eines Thrillers gang und gäbe, wie in Girl On The Train von Paula Hawkins, mit der Erzählerin Rachel, die unter alkoholbedingtem Gedächtnisverlust leidet.

In Collins‘ Roman „Der Monddiamant“ ist es das Opium, das für diese Idee der Unzuverlässigkeit sorgt – etwas, das Collins‘ enger Freund Charles Dickens so faszinierend fand, dass er dessen Einflüsse in seinen eigenen unvollendeten psychologischen Thriller „Das Geheimnis des Edwin Drood“ aufnahm. Der Monddiamant wird oft als der erste Detektivroman überhaupt angesehen, in dem ein unbezahlbarer Mondstein-Diamant gestohlen wird, was zu Anschuldigungen und Verdächtigungen gegen alle Figuren führt. Collins erlebte die Opiumsucht am eigenen Leib und verlieh den Auswirkungen auf seine Erzähler eine realistische Ebene.

Unzuverlässige Erzähler im Thriller

Collins entwickelte auch das immer bekannter werdende Mittel mehrerer Erzähler, die ihre eigene Perspektive präsentieren – einige von ihnen können Personen sein, von denen wir (die Leser) selbst entscheiden müssen, ob wir ihnen vertrauen oder nicht. Im Vorwort zu „Der Monddiamant“ drückt Collins diesen revolutionären Schritt in seinen eigenen Worten aus:

Das Fehlen eines allwissenden Erzählers versetzt den Leser in eine unangenehme Lage, in der die Erzähler, auf die wir uns verlassen, in Wirklichkeit der Mörder sein könnten, den wir gerne gefasst hätten. Wie in „Gone Girl“, wo die abwechselnden Erzählungen von Nick und Amy dazu dienen, widersprüchliche Standpunkte darzustellen, hält diese Technik den Leser im Ungewissen und lässt ihn die Legitimität der einzelnen Figuren in Frage stellen. Dies hat einen großen Anteil an der fesselnden Lektüre, die wir uns von Psychothrillern erwarten. Auf diese Weise leistete Collins Pionierarbeit für das, was ein früher, aber kluger Kritiker als die Fähigkeit bezeichnete, „sein Publikum in Unbehagen zu versetzen, ohne ihm den Grund dafür zu verraten“.

Seine Bücher besitzen eine Lebendigkeit, die im modernen psychologischen Thriller weiterlebt.

Thriller lassen sich in viele verschiedene Untergenres und Kategorien einteilen, und wir haben hier nur an der Oberfläche gekratzt. Das Genre hat sich im Laufe der Jahre an vielen verschiedenen Orten und in viele verschiedene Settings aufgeteilt. Im Großen und Ganzen hat es James Patterson am besten ausgedrückt, als er in seinem 2016 erschienenen Buch „Thriller: Stories to Keep You Up All Night“ sagte:

James Patterson: Thriller – Stories To Keep You Up All Night (Zitat übersetzt von Michael Perkampus).

Die Stadt als Monster (Salem’s Lot)

In den agnostischen und sexuell freizügigen 1970er Jahren war der Vampir bereits seiner Mythologie beraubt und zu dem verkommen, was King „die Bedrohung durch das Lächerliche“ nannte. In deutlicher Abkehr von dieser Tradition reduzierte er den sexuellen Aspekt des Vampirs und verlieh dem Archetyp eine völlig neue Bedeutung, indem er seine Anziehungskraft auf den menschlichen Wunsch ausrichtete, seine Identität in der Masse aufzugeben.

Kings wichtigste Neuerung bestand jedoch darin, dass er eine mythische Kleinstadt im Sinne der amerikanischen Schauerliteratur imaginierte und diese Stadt selbst zum Monster machte; die Bevölkerung, normalerweise Opfer des Vampirs, wird hier als hirnlose Masse zur Bedrohung, als Pestwolke oder primitive Horde.

In Anlehnung an Richard Mathesons düster-naturalistischen Roman „I Am Legend“ (1954) und Jack Finneys Roman „The Body Snatchers“ (1955) konzentrierte sich King auf die Problematik der Fragmentierung und gab dem Vampir eine zeitgenössische Bedeutung.

King erklärte, dass der gesellschaftspolitische Subtext von „Brennen muss Salem“ die allgegenwärtige Desillusionierung der Watergate-Ära sei. Wie Gerüchte und Krankheiten breitet sich der Vampirismus nachts heimlich von Nachbar zu Nachbar aus, infiziert Mann und Frau, den Verrückten und den Senilen, den erwachsenen Bürger und das Kleinkind gleichermaßen und verschlingt die menschliche Bevölkerung, bis nur noch eine zombieartige Masse übrig bleibt.

Besonders gekonnt zeigt King, wie sich der kleinstädtische Konservatismus in sein Gegenteil verkehren kann, wie die gehegten Verdächtigungen und offenen Geheimnisse allmählich spalten und isolieren. Verstärkt wird dieses Bild durch den Stadtnamen „Salem’s Lot“, eine degenerierte Form von „Jerusalem’s Lot“, der suggeriert, dass die Stadt der Auserwählten in einen Kult dunkler Riten zurückfällt.

Kings andere Innovation war paradoxerweise eine Wiederholung. Er machte seinen „Königsvampir“ Barlow zu einer offensichtlichen Reinkarnation von Stokers Dracula, irgendwo zwischen Klischee und Archetyp. King nutzt die Vampirmythologie, um die Frage zu stellen, wie die Zivilisation ohne den Glauben an traditionelle Autoritätssymbole überleben kann. Seine Antwort ist pessimistisch und dreht sich um die Abdankung von Pater Callahan, dessen Stärke durch heimlichen Alkoholismus und oberflächliches Festhalten an der Norm untergraben wird. Die beiden Überlebenden, Ben Mears und Mark Petrie, müssen ihre Talismane und Rituale teils wiederfinden, teils neu erfinden, indem sie auf das Kompendium der Vampirtradition zurückgreifen – die Alternative zu konventionellen Systemen in einer kulturweiten Glaubenskrise. (An einer Stelle hält Mears einen Vampir mit einem Kreuz aus zwei Zungenspateln fest). Die Utensilien, so stellen sie fest, funktionieren nur, wenn derjenige, der sie benutzt, daran glaubt.

Bezeichnenderweise sind die beiden Überlebenden ein „weises Kind“ (Petrie) und ein Romanautor (Mears); nur sie verfügen über die nötigen Mittel. Sogar Susan Norton, die Geliebte von Mears und klassische Heldin der Gothic Novel, erliegt dem Bösen. Wie in „The Shining“, „The Dead Zone“ und „Firestarter“ verfügt das Kind (oder der kindliche Erwachsene) über Kräfte, die zum Guten oder zum Bösen eingesetzt werden können. Mears ist der phantasievolle, nostalgische Erwachsene, der von der Vergangenheit heimgesucht wird. Das Kind und der Mann teilen Naivität, gotische Ikonographie und den Glauben an das Böse. Der zwölfjährige Mark betet ein schreinartiges Tableau mit Aurora-Monstern an, die „im Dunkeln grün leuchten, genau wie der Plastik-Jesus“, den er in der Sonntagsschule zum Psalm 119 bekommen hat. Mears ist in die Stadt seiner Kindheit zurückgekehrt, um das Bild von Marsten House, das vor seinem mythischen geistigen Auge lauert, wieder zum Leben zu erwecken. Als spiritueller Vater und Sohn erschaffen sie aus den „populären“ Überbleibseln der amerikanischen Kultur eine Gemeinschaft zu zweit.

Wie in den Märchen und Romanen von Dickens sind Kings Protagonisten Waisenkinder auf der Suche nach ihren wahren Eltern, nach Gemeinschaft. Seine Fiktion kann die Suche nach dem verschwundenen Vater nachspielen, der eine Kiste mit Weird Tales-Heften zurückgelassen hat. Die ersehnte Verbindung zwischen Eltern und Kind, eine Beziehung, die eine Einheit des Seins bedeutet, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Dementsprechend ist die Schwäche oder der Verrat eines vertrauten Elternteils die ultimative Angst. So ist der Vampir Barlow der verschlingende Vater, der sich hier eine ganze Stadt einverleibt.

Den größten Teil des Manuskripts von Brennen muss Salem schrieb King, bevor er Carrie verkaufte, als er sich im Wäscheschrank seines Wohnmobils über einen Schultisch krümmte, am Ende, verzweifelt und hoffnungslos und als Lehrer an der High School unterrichtete. Teilweise inspiriert von Büchern, die auf seinem Lehrplan standen, wie „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder und „Dracula“ von Bram Stoker, nannte er sein Buch „eine seltsame Mischung aus Peyton Place und Dracula“ oder „Vampire in unserer kleinen Stadt“.

Nachdem er „Carrie“ verkauft hatte, überbrückte er die Zeit bis zur Veröffentlichung mit der Arbeit an „Brennen muss Salem“. Er polierte das Manuskript etwas auf und schickte es zusammen mit Roadwork (das später unter seinem Pseudonym Richard Bachmann als „Sprengstoff“ erscheinen sollte) an seinen Verleger Bill Thompson, der zwischen den beiden entscheiden sollte. Thompson war der Meinung, dass „Sprengstoff“ zwar das literarisch bessere Manuskript sei, dass aber „Salem’s Lot“ nach einigen Änderungen größere Chancen auf einen kommerziellen Erfolg haben würde.

Die beiden wichtigsten Änderungen, die Thompson verlangte: King sollte die grausame Schilderung eines Todes durch Ratten streichen („Ich ließ sie über das Opfer herfallen wie einen wütenden pelzigen Teppich, beißend und kauend. Und als der so Überfallene seinen Gefährten im oberen Stockwerk eine Warnung zurufen will, schlüpft eine von ihnen in seinen offenen Mund und windet sich in Ekstase, während sie ihm die Zunge abbeißt“, schrieb King später). Und King sollte den Anfang der Geschichte ausdehnen, um die Plage, die diese kleine Stadt heimsuchte, zweideutiger zu machen. King protestierte mit dem Argument, jeder Leser wisse von Anfang an, dass es sich um Vampire handele, und würde diese Zurückhaltung als literarische Anbiederung missverstehen. Thompson entgegnete, dass King mit „jedem Leser“ nur eine sehr kleine Leserschaft gemeint haben könne. Nun aber schreibe er für ein Mainstream-Publikum, und das Letzte, was dieses erwarte, seien Vampire.

Und er hatte Recht. Damals rechnete niemand mit Vampiren in einem edel aufgemachten Hardcover-Bestseller. Heute jedoch ist Salem’s Lot aufgrund seines Erfolges geradezu ein Synonym für Vampire.

Brennen muss Salem entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, wirft eine Angel aus, an der man unweigerlich hängen bleibt. Das Buch steckt voller grandioser Action-Momente. Die „Bösen“ sind so arrogant, dass es eine wahre Freude ist, wenn ihnen jemand das Grinsen aus dem Gesicht wischt, und seine „Guten“ lässt King nicht ohne eine gewisse Vehemenz sterben.

Stark beeinflusst von Bram Stokers Dracula, Grace Metalious‘ erfolgreichem Kleinstadtskandalroman Die Leute von Peyton Place und Shirley Jacksons großem Horrorroman Spuk in Hill House kann sich Brennen muss Salem diesen Einflüssen nicht entziehen. Der Roman versetzt Dracula in ein modernes Amerika.

Der Roman ist von der ersten Seite an ein Höllenloch. Hier hat jeder ein schreckliches Geheimnis, und die Stadt ist voller bösartiger Klatschbasen, heimlicher Trinker, kinderhassender Schulbusfahrer, chauvinistischer Stadträte, Frauenkleider tragender Ladenbesitzer, unentdeckter Mörder, pädophiler Priester. Jeder ist entweder ein Idiot, ein Quälgeist oder ein Penner, und alle sind verbittert oder hasserfüllt. Selbst der Milchmann hasst es, jeden Tag seine Milch auszuliefern.

Kings Herzlosigkeit gegenüber seinen Figuren erlaubt es ihm, sie mit größtem Vergnügen um die Ecke zu bringen (tatsächlich sind die Todesarten von exklusiver Qualität).

Einer der unvergesslichsten Protagonisten ist Mark Petrie, ein übergewichtiger Horror-Nerd, dessen lebenslanger Hang zur Popkultur ein Trainingslager für die Vampir-Apokalypse ist. Vorbereitet wurde er durch seinen extremen Konsum von Horrorfilmen, Comics und Gruselgeschichten. Mark ist der Prototyp des heutigen Nerds. Ihr Interesse macht sie nicht zu Außenseitern, sondern zu Überlebenskünstlern.

Aber es ist Kings Verehrung für Shirley Jackson, die ihn hierher treibt. Jackson war eine begnadete Stilistin, und selbst nach heutigen Maßstäben ist Spuk in Hill House eine außergewöhnliche Leistung. In seinem Sachbuch Danse Macabre bezeichnet King Jacksons Buch als „Ur-Roman“ über den „bösen Ort“ und widmet ihm ein ganzes Kapitel.

In Brennen muss Salem ist es das Haus Marsten, über das King auch in Danse Macabre schreibt:

Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Nach dem kurzen, bösen und schnell abgehandelten Carrie war Brennen muss Salem voll von endlosen Passagen in violetter Prosa (gespickt mit unzähligen idiomatischen Extravaganzen).

1974 hatte der Horror noch keine Ambitionen, aber Salem’s Lot war bereits ein literarischer Roman, der zufällig auch Vampire enthielt. Das Buch ist wichtig als Bestandsaufnahme, als Manifest.