Die ultimative Halloween-Horrorgeschichte

Es gibt Geschichten, die sind erzählt, und gut ist. Man klappt das Buch zu, verlässt das Kino, schaltet den Fernseher aus und denkt: Feierabend. So war’s. Das war’s.

Bei Halloween, erstmalig vor legendärer Urzeit geguckt, hätte ich von der Grundstory her gewettet, dass die Killer-Karriere von Michael Myers prinzipiell ein einziger, zweifellos richtig bös‘ sauberer Mega-Abwasch sein müsste: Ein gefährlicher Psychopath, der schon als Kind unbekümmert stumpfsinnig Leute abgeschlachtet hat, flieht aus der Anstalt aus und kehrt in seine Heimatstadt zurück, um erstaunlich sinnlos Leute abzuschlachten. Punkt. Am Ende wird er geschnappt und natürlich getötet, damit so was derb Fieses nicht noch mal passiert. Richtig? Nein, völlig falsch.

© Warner-Columbia: Halloween – Die Nacht des Schreckens

Die Geschichte wird erneut erzählt, dann noch einmal und noch einmal, und anstatt verstohlen gähnend zu erwähnen, dass man den komischen Kerl mit der wächsernen Gesichtsmaske und dieser unorthodoxen Art, harmlose Mitmenschen zuerst gewaltig zu erschrecken und dann niederzumetzeln, ja nun schon reichlichst kenne, wird jeder frische Aufguss gierig in die alte Kanne gekippt und mit schauderhaftem Wonnegenuß komplett vertilgt.

Und warum machen wir das? Weil wir als Zehnjährige mit der gleichen Faszination Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? in entsetzlich schöner Endlos-Schleife gespielt haben. Wir wollten Angst haben. Wir wollten selbstredend entkommen, nur mit Gänsehaut, bloß nicht mit imaginären kalten Klauen im Nacken. Und genau selbstverständlich wollten wir wiederkommen, um diese Angst nochmals und ein großartiges Mal mehr zu erleben. Wenn in der Nacht zu Halloween ein kleiner Junge lachend prophezeit:

„Er holt dich heut! Er holt dich heut! Der schwarze Mann kommt! Der schwarze Mann kommt!“

…dann wissen wir, was für ein Film da abläuft. Wir sind erwachsen, wir schalten das Licht aus und zur Sicherheit wieder an. Wir kennen den Hyper-Horrorstreifen, in dem Michael Myers seine irren, blutigen Karten mischt, wir sind darauf bedacht, auch in den hintersten Ecken nachzusehen, versuchen, vernünftig zu erklären und nicken ernst, wenn der Junge sagt:

„You can’t kill the bogeyman.“

Den Bogeyman, den schwarzen Mann töten? Nein, geht nicht. Myers ist jemand, etwas, irgendwas logisch nicht Greif- oder Definierbares, den/das nichts wirklich umbringen kann. Anders als Freddy Krueger, ursprünglich ein realer Mensch, für den gilt, dass erst der eigene Tod, der seiner Geschichte vorangeht, ihm die Unsterblichkeit und die damit verbundene finstere Macht ermöglicht, scheint Michael praktisch von Geburt an nicht von dieser Welt zu sein. Er ist kein wirklich echter Junge, kein wirklich echter Kerl, er ist der Schwarze Mann, ewig währendes Angstsymbol und nur vermeintlich Phantasieprodukt, weil er existiert. Mit Augen, die eine furchtbare Erkenntnis sind: Wer hineinblickt, sieht Seelenlosigkeit. Und weiß, dass auch nicht der geringste Funke eines Gewissens es zulassen könnte, einen zu verschonen. Schreien, wimmern, um Gnade betteln? Keine Chance.

Treffend düster sagt es Dr. Sam Loomis im Film: „Ich hab ihn vor 15 Jahren kennengelernt. (…) Ich traf auf ein 6-jähriges Kind, mit einem blassen, farblosen, emotionslosen Blick und den schwärzesten Augen. (…) Ich wusste zu gut, was sich hinter diesen Augen verbirgt… das absolut Böse.“

Das absolut Böse als Halloween-Grusler

Dieses personifizierte Böse als originellen Halloween-Grusler auf die Leinwand zu bringen war 1978 einfach nur eine gute und zudem preisgünstige Umsetzung des jungen Regisseurs John Carpenter, dessen Story vom wahnsinnigen Killerknaben Michael aus dem Kleinstädtchen Haddonfield in Illlinois, der seine irrationelle Gewohnheit als Erwachsener konsequent weiter pflegt, vermutlich nicht als Genre-prägend mit immensen Konsequenzen gedacht war. Die Idee stammte von dem amerikanischen Produzenten Irwin Yablans, der sich von Carpenter einen Film über einen total abgedrehten Killer wünschte, der an Halloween Babysitter umbringt. Der wurde Michael Myers getauft. Ein Name, so unschuldig wie Peter Müller. Der könnte nett als Beifahrer sein. Oder auf der Rückbank sitzen und einem die Kehle durchschneiden.

Schauriges Entertainment ohne allzu kompliziertes Drumherum, hübsch bedrohlich mit vom Regisseur persönlich komponierter, geschickt einfach nervender Synthesizer-Musik unterlegt, stand ergo auf dem Programm, dafür wurden 325.000 Dollar locker gemacht, die galten als verschmerzbar, falls der Film keine Gunstzuweisungen erhalten hätte. Die erhielt er aber. Massig. Wohl bekannt. Allein an US-amerikanischen Kino-Kassen spielte Halloween 47 Millionen Dollar ein, weltweit über 70 Millionen. Für die blutjunge Jamie Lee Curtis, im Film die Laurie Strode, Mutter aller Scream-Queens, war’s ein absolutes Sprungbrett, gleichsam eine Art Aber-gern-Verpflichtung, sich zwanzig Jahre später (Halloween 20) und nochmals viel, viel später bis Halloween Ends (2022) an Michael erinnern zu müssen.

Mutter der Scream-Queens, ewige Laurie

Längst schon zählt das Urgestein aller Slasher-Filme, – der im Vergleich zu seinen unzähligen „Zöglingen“ krasserer Natur mit erfrischend wenig Blut auskommt -, zu den erfolgreichsten Horror-Machwerken überhaupt, wurde demzufolge auch 2006 ins National Film Registry aufgenommen und gilt damit unweigerlich als Meisterarbeit: Bildungsarm, wer die nicht kennt. Darf gesagt sein, jeglichem anderen Intellektverständnis zum Trotze.

Carpenter selbst hatte wohl seine eigene Motivation. Sein zentrales Thema, von Sheriff Brackett (Charls Cyphers) durchaus treffsicher genannt…

Heute ist Halloween, da darf jeder jeden mal so richtig erschrecken.“

…war für ihn damit abgehandelt. Mit weniger Gemetzel denn tüchtigem Erschrecken. Wie es sein sollte. Das änderte sich freilich. Dem phantastischen Boom folgte 1981 die unweigerliche Fortsetzung mit Halloween II, – Das Grauen kehrt zurück“, Carpenter agierte als Drehbuchautor, – Regie führte Rick Rosenthal – , und Carpenter befand, dass einige Szenen getrost durchaus blutiger ausfallen dürften. Es wurde derber, der berüchtigte Paragraph 131 (strafbare Gewaltverherrlichung) kam auf den Tisch. Egal.

Michael Myers, im ersten Teil von Psychiater Dr. Loomis (fast) zur Strecke gebracht, dann wohl doch eben doch nicht und im zweiten Teil frisch stumpfsinnig mit wirrem Haar und wächsernem Totengesicht parat stehend für das nächsten wirre Massenmorden, war/ist wieder da. Er erschlägt, vergiftet, durchbohrt, ersticht, steht immer da, irgendwo, irgendwie, guckt, geht, läßt schreien, schreien, ein letztes Mal auch noch. Aus. War klar. Und wird damit endgültig zur…

…Kraft, die nie vergehen wird. (Carpenter)

Michael Myers: Der zur ersten Horror-Ikone unserer Zeit aufgestiegene und vom Podest der ganz großen Bösen nicht mehr wegzudenkende Un-Mensch, dessen Intention, – konzentriert und doch völlig teilnahmslos mit seiner Klingenwaffe Leute, vorzugsweise Verwandte umzubringen – , genauso un(er)fassbar ist wie seine anatomische Beschaffenheit: Michael, der im ersten Film von sechs Kugeln getroffen wird und vom Balkon fällt, überlebt. Und ebnet damit den Weg dafür, unzerstörbar zu bleiben.

Ob mit Stricknadel im Hals, Kleiderbügel im Auge, Messer in der Brust, ob nach einer Gaseplosion, einem Auto-Crash, Sturz vom Abhang, grundsätzlich definitiv tödlichem Stromschlag, – 2002: The Homecoming – , er bleibt der Alte. Ein seltsamer stummer Kerl mit roboterhaften Bewegungen im dunklen Overall, mit eigentümlicher Maske, merkwürdiger Frisur und fiesen Augen, dessen Grund, zu töten, der beste Psychiater nicht herauskitzeln könnte. Lust auf Blut, Aversion gegen Sex, Hass auf alles? Rachewahn (wofür?), blanker Irrsinn, Kindheitstrauma oder plumper schwarzer Humor, gänzlich falsch interpretiert? Am besten: Nichts davon. Es sei einfach nur mit den einladenden Worten von Dr. Loomis gesagt:

„Willkommen in der Hölle!“

Dreizehn Halloween-Filme, zwei davon thematisch ausgebaute Neuverfilmungen, die letzten drei eine Vierzig-Jahre-danach-Trilogie. gibt es. Michael Myers, der bei seinen ersten Morden 1963, – er sticht seine Schwester und deren Freund ab – , ein sechsjähriger Junge war, geht mittlerweile auf die siebzig zu. Rente längst durch also. Normalerweise. Aber bei der Sturheit?

In Halloween Ends , dem 13., definitiv oder doch nicht letzten Akt des großen Schauderns, Schreckens, Schreiens, wird der Leichnam von Myers in einen Industrieschredder geworfen. So was überlebt prinzipiell der hartgesottenste Hund nicht. Sollte man meinen. Tja nun.

Allemal, noch ein bisschen mehr Halloween geht eh‘ immer. Und solange die Maske nicht fällt… Das hässliche Gummiteil, das sich Michael im ersten Teil nach seinem Ausbruch aus der Anstalt in Haddonfiel pünktlich in dieser einen Nacht der bösen Nächte zwecks Verkleidung aufsetzt und nicht mehr ablegt, zeigte übrigens ursprünglich das Gesicht von Capain Kirk. Unendliche Weiten! Aber das hat nun gar nichts damit zu tun.

Komische Clowns

Wir kennen King’s Clown Pennywise. Sein verschlagenes Grinsen, die bösen Augen, die spitzen Zähne. Wir wissen vom Joker, Gegenspieler des großen Batman. Permanent grotesk belustigt. Ein ewig grinsender Oberschurke, genial, verrückt und de facto ein übler Kerl, faszinierend durchaus und gerade deswegen so herrlich böse abgefahren.

Wir haben vom Serienkiller John Wayne Gacy gehört, der als Clown Pogo in seiner Heimatstadt den allseits beliebten Spaßmacher spielte und Jungs für seine Lust ermordete, wenn die Maske fiel.

Irgendwann, irgendwo mal haben wir auch von den Hofnarren aus längst vergangener Zeit erfahren, die als Urväter des modernen Clowns gelten dürften: Die waren prinzipiell von Natur aus mit physischen und psychischen Defiziten belastet, Randfiguren der Gesellschaft, Prügelknaben und Entertainer der Herrschaften, Zielscheiben oft kleingeistiger Spötter, zugleich selbst Verspottende, da sie sich in Wort, Sinn und Tat so einiges an Frechheiten und Dreistigkeiten herausnehmen durften.

Hofnarren waren die offiziellen Narren, auffällig gekleidet und geschminkt, spezifisch anders mit dieser gewissen Freiheit versehen. Aber eben einer Freiheit, die auch und manchmal extrem von den Launen des Publikums abhing. War dem das alles zu viel der Verulkung, ging der Daumen hinunter. Das Leben der Hofnarren stand stets auf der Kippe. Und außerhalb ihrer Bühne mussten sie damit klar kommen, die ewigen Außenseiter zu sein, skurrile Subjekte, mit denen etwas nicht stimmte. Die weder vertrauenswürdig noch irgendwie sympathisch wirkten. Die Scheu verursachten. Unwohlsein. Und eben auch Angst.

Obacht, wenn die Maske fällt

Geändert hat sich das in all den Jahrhunderten nicht. Sind es auch wirklich anständige Leute mit großen Namen, die den typischen Zirkusclown geprägt haben, – da war der Pantomime Jean-Gaspard Deburau, der 1816 mit schwarzer Kappe, weißem Kittel mit schwarzen Bommeln und schneeweißem Gesicht den französischen Pierrot schuf, Joseph Grimaldi (1799 – 1837), der erste zeitlos moderne Clown, Tom Belling (1843 – 1900), der als „Dummer August“ Vorbildcharakter für drollige Tollpatschigkeit hatte – , so bleibt immer eine Scheu, dieser Argwohn vor ihnen bestehen, sobald sie sicheres Terrain verlassen.

Ein klar zu definierender Clown im Zirkuszelt ist die eine Sache, ein weniger durchschaubarer Vertreter seines Genres nachts auf menschenleerer Straße eine gänzlich andere.

Ha ha, said the Clown, has the king lost his crown.

Ha! Ha! said the clown, is it bringing you down…

Ein leicht verstaubtes Lied mit recht beschwingter Melodie. Mighty Garvey hat’s gesungen, 1968 war das. Man könnte es glatt mitsummen. Aber dann fällt einem (wieder) Pennywise ein. Und vielleicht auch Eli Roth’s Clown. Da friert die Stimme ein. Der Film Clown aus dem Jahr 2014 stampft jegliche Art von Humor, die einem trotz ernster Sachlage, – die liegt hier vor! – , in den Sinn kommen könnte, in Grund und Boden. Der „Normalo“ Kent McCoy (Andy Powers) mutiert vom fleißigen, liebenden Familienvater in ein abartiges Wesen, das Kinder frisst.

Vom Spaßvogel zum Alptraum

Die grandios-schauerliche Verwandlung vom Menschen über den Clown zum absoluten Alptraum erinnert ein gutes Stück an die Fliege, der große Rest ist eigene Geschichte: Um seinem Sohn auf dessen Geburtstagsparty eine Freude zu bereiten, schlüpft Immobilienmakler McCoy, der in einem leerstehenden Haus zufällig ein altes Clownskostüm gefunden hat, in eben dieses, tritt als der gute Dumbo auf…und kann sich am Abend weder ausziehen noch gescheit abschminken noch Perücke und Nase absetzen. Alles ist mit ihm verwachsen. McCoy ist verzweifelt. Panisch. Sucht Hilfe. Und verändert sich nach und nach. Tatsächlich ist das Kostüm Dämonenhaut. Es wird schrecklich. Gruselig schlimm. Und die Idee phänomenal.

Ha! Ha! Said the clown, hear the jokes, have a smoke, and a laugh at the clown …

Darüber lachen! Klappt manchmal so gar nicht. Das Lied gehört hier und jetzt in die Schublade, passt nicht. Wobei im Kontext festzuhalten bleibt: So wirklich geeignet furchtbare Lieder über Furcht einflößende Clowns im Herkömmlichen gibt es auch gar nicht. Es gibt das grammatikalisch liebevoll verformte Oh mein Papa sein eine wunderbare Clown… und den wehmütigen Blick Where are the clowns? Send in the clowns… , das sind Hymnen für Gutmenschen und Glückselig-Macher ohne finstere Hintergedanken.

Ennio Morricone hat für den Clown in der Arena, der gar keiner ist, komponiert. Freilich ist Il Mercenario nichts direkt zum Gruseln. Die deliziöse Pasta des Italos wurde mit Blei, selbstredend auch mit Blut, aber nicht mit abgeschälter Gänsehaut gekocht. Horror findet nicht in der Arena statt. Und ist grundsätzlich nicht das Ur-Zuhause eines bunt bemalten und gewandeten Spaßtreibers.

Charlie Rivel tollpatschte weltweit in Manegen und in den 1960ern, -70ern über die Bildschirme, lautstark sein unverkennbares „Akrobat schööön!“ verkündend. Da war der berühmte spanische Clown mit der poppigen Vierkantnase und dem roten Haarkranz um die Glatze schon gut betagt. Und hatte so warmherzige Weisheiten erkannt wie:

Glück ist, wenn man die Persönlichkeit hat, ein Clown zu sein.“

Keine Panik: Akrobat schööön!

(S)eine warmherzige Weisheit. Warum auch nicht, so betrachtet? Ohne Skepsis, ohne graue Wolke am Himmel. Der Clown war lieb. Lustig. Lebensfroh. Manchmal bekümmert, wenn seine Seifenblasen platzten. Das großes Kind mit den riesigen Schuhen und den ganz kleinen Sorgen, das staunt und „Nit möööglich!“ ruft, wenn seine Geige singt. Sein Name war Grock. Fratellino. Popov. Nicht Pennywise, der etwas anderes möglich machte: Vor ihm so richtig Panik zu kriegen. Vor dem Clown.

Charlie Rivel

Der ist als Angstmacher, – Coulrophobie (Furcht vor Clowns) kennen erstaunlich viele umsichtig fröstelnde Zeitgenossen – , nicht King’s Erfindung. Aber dieses entsetzliche Grauen, das tatsächlich greifen und zubeißen kann, wenn das Vertrauen eines Kindes oder eines naiven Erwachsenen in ein vermeintlich gutes, freundliches Gesicht ausgenutzt wird, um Böses in die Tat umzusetzen, ist allein sein genialer Schachzug. Der Clown als Nur-fast-Mensch mit puppenhafter Lächel-Maske bleibt, sei er noch so kumpelhaft.

Dichte, künstliche Fassade: Wer oder was sich hinter der gezielt fröhlichen Kostümierung verbirgt, bietet viel Raum für Ahnungen. Misstrauen. Und selbstredend Phantasie. Die vermag es, dass hübsche rosa Wattenwolken fette hässliche blutige Tropfen regnen lassen. Dann wird’s ungemütlich und böse. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Für Kinder ist die erste Konfrontation mit einem Clown natürlich ein Sprung ins kalte Wasser: Spaß? Oder Angst, die bleibt? Laut Sheffield-Studie von 2008 empfinden viele Kinder Clowns nicht als lieb und lustig, sondern einschüchternd und bedrohlich, was jedem Elternteil, das bis dahin zum Kindergeburtstag als Überraschungsbonbon einen kunterbunten Spaßmacher besorgte, noch nachträglich schwer zu schaffen machen dürfte. Freilich muss angemerkt werden, dass den Kindern für diese Studie teils auch wahrlich groteske Fotos vorgelegt wurden, prinzipiell ungeeignet, um spontane Sympathie und Freude erwecken zu können.

Ein klarer Fall bleibt es eh für die berechtigt Vorsichtigen: Der Clown schürt die Ur-Angst vor der Maske, die irgendwas verbirgt. Im Film Zombieland (2009) ist es ein hungriger Untoter, der im verseuchten Vergnügungspark im Kostüm steckt. In (Eli Roth’s) Clown ist es der nette Nachbar. In King’s Es ist es Es. Bei den Simpsons das oberfrech personifizierte Laster. Die nackte, nimmersatte Unmoral. Präsentiert von Krusty, dem Clown. Und im Alltag waren es vor einigen Jahren die als Horror-Clowns verkleideten Mitläufer auf populärer Schiene, die weltweit Aufmerksamkeit suchten, indem sie wüst harmlose Leute erschreckten. Originell ist anders.

Selbstredend gilt: Wenn ein Clowns Menschen lächeln, vielleicht sogar herzlich lachen lassen können, dann ist da nichts Falsches. Ganz im Gegenteil. Aber mich persönlich bringen sie wohl nie dazu. Mag sein, dass ich dafür einfach zu viel weiß. Oder zu wenig.

Die toten Augen von London

Finstere Nacht. Nasser Asphalt. Nebelschwaden über der Themse. Kahler Kopf. Bleiches Gesicht. Weiße Augäpfel. Andy Gerber. Der blinde Jack. Mein erster schwarzer Mann, der im Traum im Keller lauert.

Die toten Augen von London haben bei mir, – seht mich mal als bezopfte Elfjährige -, tiefen Eindruck hinterlassen. Vor kurzem habe ich ein persönliches Exempel statuiert und mir den Gänsehaut-Klassiker von 1961 nochmals angesehen.

Hier spricht Edgar Wallace. Immer noch nicht verstaubt: Dieser Film. Immer wieder gut: Diese Stimme.

Hier spricht Edgar Wallace

Constantin Film

Und dieser Gerber und seine Bande? Immer noch die personifizierten Angst-Schocker.

Fazit: Ich kann den Schauder des unschuldigen Kindes von damals, – ergo meinen -, absolut nachvollziehen. Das Bild von dem Kanaldeckel, der sich in der Dunkelheit hebt, um den Blick auf diesen furchteinflößenden Kerl freizugeben, der von da unten emporkrabbelt, blind, beeindruckend klobig, hässlich und offensichtlich nichts Gutes im Schilde führend, hat sich über all die Jahre sehr lebendig gehalten.

Nie vergessen. Wie den Griff des Zyklopen in einem TV-Vierteiler, der Anfang der 70er in der Vorweihnachtszeit gezeigt wurde. Ein Auge prangte auf seiner Stirn, und mit seiner riesigen Hand holte er sich die Gefährten von Odysseus aus den Höhlenritzen, in denen sie sich vor ihm versteckt hatten. Um sie sich lebendig in den Mund zu stopfen.

Das gehört nicht direkt hierher, fällt mir aber augenblicklich wieder ein und will raus. Und obgleich ich längst auf großer Bühne von wahren Meistern das Fürchten gelernt habe, ist diese Szene ein zerfurchter Stein in meinem Kopf. Wie die toten Augen der Auftrags-Killer in Alfred Vohrers (Regie) Kinohit und späterem Straßenfeger. War so. Ist so.

Die Dreharbeiten für die bis dahin sechste Verfilmung eines Wallace-Romans (Originaltitel: The Dark Eyes of London) in der Nachkriegszeit fanden erstaunlicherweise gar nicht in London, sondern in Hamburg und Umgebung statt. Das merkt der staunende Zuschauer so nun nicht. Dass die Themse vor das Fleetschlösschen in der Speicherstadt verlegt wurde…wer hat’s spontan enttarnt? Für echte London-Aufnahmen bediente man sich im Archiv, das war wirtschaftlich gedacht, schadete keineswegs und kam gut britisch zur Geltung.

Rialto-Film erzielte damit einen phantastischen Treffer: Regisseur Vohrer schuf mit Die toten Augen von London den bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichsten Wallace-Film und galt seitdem als Hauptmacher der heiß geliebten Krimi-Reihe, in der Groß-Aufnahmen von Schuhen, hinter Hüten versteckten Gesichtern und Zigarettenkippen im Rinnstein immer auf den Täter weisen. Wer das ist, bleibt neblig, bis…bis dahin fließt Blut, schreien hübsche Frauen, kommen düstere Gestalten um die Ecke, taucht der Held in um Haaresbreite noch rechtzeitig auf, erschreckt man sich schon ganz schön im Wohnzimmer. Da läuft nach unüberlegter Kürzung des Films, ursprünglich freigegeben ab 16, die Originalversion für die ganze Familie ohne Altersbegrenzung.

Wie in den Siebzigern. Nur wir haben einfach geguckt. Notfalls heimlich. Und dann schlecht geschlafen. Herrlich war das.

Die Geschichte: Tote Männer werden aus der Themse gefischt, der smarte Inspektor Larry Holt von Scotland Yard (Joachim Fuchsberger) hat einen Verdacht. Bevor er dem nachgeht und die Sache ernst und (auch!) hübsch gruselig wird, regt Assistent Sunny Harvey (Eddie Arent) sich bei der dritten Wasserleiche erst mal auf. Das ist komisch, das ist typisch, es wird geschmunzelt, bevor die Luft angehalten wird. Dann die Beschwerde: „Empörend! Wird in diesem Land denn überhaupt niemand mehr erschossen?“

Wird hier niemand einfach mal erschossen?

Holt vermutet, dass die blinden Hausierer, eine ihm bekannte und ehemals aktiveVerbrecherbande, wieder aufgetaucht sind und hinter den Morden stecken. Er begibt sich auf die Suche nach Jack, einstiger Chef der Truppe, wird dabei von Harvey und der aparten Nora Ward (Karin Baal), einer Blindenpflegerin, begleitet. Die Spur führt sie in ein unheimliches Blindenheim unter der Leitung von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) und schnurstracks denn auch zum aalglatt-dubiosen Rechtsanwalt Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), bei dem alle versichert waren, die ermordet im Wasser landeten.

Denkwürdig und natürlich nicht zufällig: Die Blinden wurden für schnöden Mammon missbraucht, indem man sie auf mörderische Tour schickte, ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Mitleid muss aber nicht unbedingt sein, furchterregend bleibt die Bande trotzdem, allen voran Wortführer Jack und Flimmer-Fred (Harry Wüstenhagen).

Genialer Wahnsinn bleibt im Trend

Klaus Kinski, legendärer Film-Psychopath mit diesem gewissen Uha-Blick, spielte zum ersten Mal in einer Wallace-Adaption der Rialto Film mit. Der Spiegel, aufmerksam auf den so etwas anderen jungen Schauspieler geworden, brachte wenige Wochen vor dem Kinostart ein Kinski-Porträt mit Titelfoto, das war unverhofft beste Werbung für Die toten Augen von London. Bei Wallace kommt Kinski immer recht dumm um. Die schrägen Vögel, die er gibt, verdienen im Film selten Mitgefühl, wenn sie das Zeitliche segnen.

Und dieser Mann, Exzentriker im Leben und auf der Leinwand, wurde Weltstar. Auch eine Story. Für uns. Genialer Wahnsinn bleibt im Trend.