Ash forever: Teufelskerl mit Kettensäge

Ashley J. Williams ist dieser Kerl, der 1987 seine Freundin Linda köpft und sich mit der Kettensäge die Hand abtrennt. Kein Irrer. Kein Killer. Ein Held. Unser ganz spezieller seit dem legendären „Evil Dead“, in dem Regisseur Sam Raimi zum Tanz in der Hütte bittet. Prinzipiell eine alte Geschichte. Wird aber immer wieder gern erzählt. Trotzdem natürlich lange her. Sebastian Vettel, Lionel Messi und Amy McDonald werden 1987 geboren. Berlin feiert 750. Geburtstag, „Dirty Dancing“ kommt in die Kinos, Mathias Rust landet auf dem Roten Platz, Bon Jovi singt „Livin‘ on a Prayer“, Ashley J. Williams wirbelt wirren Blickes durch die genannte Waldhütte, rangelt im Kellerloch mit einer hässlichen Furie und blättert zum zweiten Mal im Necronomicon Exmortis, dem Buch des Todes, mit Blut geschrieben, in Menschenhaut gebunden. Alles in Ordnung soweit, es geht voran.

Prokino

Auch in Tanz der Teufel II, munter versprochen: Jetzt wird noch mehr getanzt, aber merke: Dead by Dawn. So sei es. Ashley „Ash“ J. Williams opfert, wie eingangs mit Vorfreude auf deutlich mehr erwähnt, Linda und seine Hand für den einwandfrei guten Zweck. Es ist eine besessene, böse Hand, keine, die man wirklich vermissen dürfte, wenn einem der eigene Kopf rät, besser ohne sie weiter zu leben. Und da lacht auch keine liebreizende Linda mehr, sondern eine schauerliche Dämonin ohne eventuelle Aussicht auf eine Rückverwandlung. Ash, völlig panisch und (wahn-)sinnig bemüht, nicht den durchaus sympathischen Verstand zu verlieren, zerstückelt und enthauptet sie. Das macht er auch richtig, weil er so ungefähr ahnt, was wir Eingeweihten allemal wissen: Kopflose Höllenmonster, Zombies, Vampire und eben Dämonen sind halb so wild und bleiben meistens unter der Erde, wenn man sie begräbt. Manchmal auch nicht, dann muss man eben noch einmal ran.

Ash ist so einer, der auf seine innere Stimme hört. Nicht immer sofort, öfter auf denkwürdigen, von unfreundlichen Wesen begleiteten Umwegen, aber im Regelfall tapfer und clever genug, um mit heiler Hut davon zu kommen. Um nebenbei die Welt zu retten. Das schöne Mädchen abzukriegen. Und letztendlich bloß nie die Kettensäge zu vergessen.

Ash forever: Wer hätte damals ernsthaft gedacht, dass der schwer traumatisierte, – oder doch nicht so wirklich? – , notwendigerweise toughe und prinzipiell tolle Typ, der den spektakulären ersten „Tanz der Teufel“ 1981 überlebte, zu einer der Ikonen des B-Movie werden sollte? Elijah Wood , Florian Silbereisen und Roger Federer erblicken 1981 das Licht der Welt, Phil Collins singt „In the Air tonight“, Walt Disney zeigt „Cap und Capper“, Wolfgang Petersen „Das Boot“ und Steven Spielberg „Jäger des verlorenen Schatzes“. Sam Raimi zeigt den „Evil Dead“ mit seinem Brüderschafts-Sandkastenfreund Bruce Campbell vor der Kamera.

Der Kerl hat dieses erfrischend unkomplizierte Etwas. Ein junger Heißsporn mit jenem diabolischen Schalk im Nacken, dem man nicht unbedingt böse sein kann, wenn es denn richtig böse wird. Und Raimi selbst hat als grad mal 22jähriger alles im Kasten, was man so braucht, um Kult-Kino zu schaffen: Einen feschen jungen Hauptdarsteller, der ungezwungen beides kann, – Witz und Horror – , eine nicht zu anstrengende Grundidee, die herrlich schreien, Angst haben und trotzdem schräg grinsen lässt, eine Hütte im Wald, die jeder haben sollte, der ganz wunderbar ohne Friede-Freude-Eierkuchen leben kann.

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Bruce Campbell, der Smarte mit dem Charakterkinn, alias Ashley J. Williams macht groß Karriere: Im dritten Teil der Horror-Fun-Splatter-Reihe, Army of Darkness aus dem Jahr 1993, die im finsteren Mittelalter spielt, ist er längst der von seinen Fans sehnsüchtig Erwartete. Ein Mann, der um den Globus geht mit seiner abgedrehten Mimik und Gestik, absoluter Power-Typ, wenn‘ sein muss, – und natürlich muss es! – , aber grundsätzlich wider Willen und Lust, denn eigentlich ist er ja ein ganz Normaler mit ganz normalem Job: Verkäufer im S-Markt, in dem man für den üblichen Hausgebrauch die berühmte Flinte erwerben kann, die Ash nebst Kettensäge als ausgesprochen nützlicher Hand-Ersatz mit sich führt, um mal eben die Lebenden vor den (Un-)Toten zu retten. Und die er den verdutzten, gleichwohl mächtig beeindruckten Rittern mit ihren Schwertern gut siebenhundert Jahre vor seiner eigenen Zeit als seinen „Boomstick“ anpreist, als wäre er kurzfristig wieder hinter seiner Ladentheke, um Provision zu kriegen.

„Okay ihr stumpfsinnigen Blechköpfe, jetzt hört mal zu. Seht ihr das hier? DAS ist mein Zauberstab! Eine doppelläufige Remington Kaliber 12. Das beste Modell im S-Markt. Zu finden in der Sportwaren-Abteilung. Dieses Baby wurde in Grand Rapids, Michigan gefertigt. Und nur 195 Stück für den Einzelhandel. Es hat einen echten Walnussschaft, der Lauf ist eine Kobaltstahl-Legierung mit klassischem Doppelabzug. Ja richtig. Kauf smart! Kauf im S-Markt!“

Die „Armee der Finsternis“ darf es sich leisten, nicht mehr rund um die schäbige Blockhütte im Wald aufzumarschieren. Wurde „Tanz der Teufel“ noch mit sehr wenig Geld, sehr viel Phantasie, Effekt- und Splatter-Zauber und noch mehr Enthusiasmus gedreht, so stand für den dritten und letzten Teil aufgrund des bombastischen Erfolges des Schwarze-Liste-Hits die Finanzierung völlig außer Frage. Auf Phantasie, Zauber und Enthusiasmus setzte man bewährt und goldrichtig.

In Army of Darkness katapultieren vertraut-verhasste dämonische Kräfte, mit denen Ash sich seit 1981 auseinandersetzen muss, ihn und seinen 1973er Oldtimer in eine düstere Epoche, die mit Zombie-Armeen, Skelett-Legionen und einer liebreizenden Schönheit, die zwischenzeitlich unfreiwillig sehr böse wird, dem „normalen Kerl“ mal wieder abverlangt, alles zu geben. Und erneut ist es dieses gruselige Buch, das Necronomicon, das ihm übel mitspielt. Prophezeit wird, dass es, wenn es in die falschen Hände gerät, ganz unsagbaren Schrecken über die Menschheit bringt. Um das zu verhindern, muss Ash sich die richtigen Worte merken. Klaatu barata nikto! Nicht ganz so schwer, aber wenn man recht viel um die Ohren hat, geht schon mal was unter. Ash hat. Davon jede Menge. Er sagt „Klaatu… barata… (räusper)…nekti, Nektarine, Nickel. Nudel. Ein Wort mit ,n‘, es war ein Wort mit ,n‘!“. Ergo nicht ganz korrekt und umso besser für uns alle, denn damit beginnt das eigentliche Schlamassel, für das sein Name steht: Ashley J. Williams. Und so sollte es bleiben.

Der Jahrtausendwechsel kam dann scheinbar ohne ihn, er war gestern, und wir sprachen über ihn wie über einen, der den Ozean durchschwommen hat und sich endlich ausruhen darf. Über einen, dessen Name den Stern im Register derer verdient, die uns als Eigenmarke begleitet haben. Über einen, der alt wird wie wir und der uns gleicht. Über einen großen Gewesenen. Stimmt aber so nicht. 2008 kürte ihn das Empire Magazine zum 24. größten Filmcharakter aller Zeiten. So was gilt für die Ewigkeit.

Ash, auch Promi-Figur in Comics und Videospielen, gilt längst schon als statement: Auf T-Shirts steht The guy with the Boomstick, Klaatu barata nikto und, für die ganz Entschlossenen, I am Mrs. Bruce Campbell.

Senator Filmverleih GmbH

2015 tauchte Campbell als Ash an der Seite seines Seelenverwandten Sam Raimi wieder auf, der sich zwischenzeitlich mit Spiderman in drei sensationellen Akten beschäftigt hat. Ash vs. Evil Dead ist eine US-amerikanische Horror-Comedy-Serie in drei Staffeln (2015 – 2018), die dreißig Jahre nach dem Mittelalter-Abenteuer anknüpft. Campbell spielt mit dem charmanten Selbstverständnis eines Profis, der sich selbst nicht überinterpretiert und eben nur so ernst und wichtig nimmt, wie man es im Genre gern hat. Ash, grauer und noch großmäuliger geworden, macht anfangs zwar einen auf zugedröhnter, geiler, schmieriger Fatzke ohne das geringste Interesse an Verantwortung und, ganz wichtig natürlich, an der Vergangenheit. Das aber ändert sich in rasantem Tempo. Das Necronimicon lauert, lechzt und giftet schon, das mächtig Böse holt Ash wieder ein. Er entstaubt Kettensäge und Schrotflinte, holt sich Pablo aus der Mall an die erprobte Seite und nimmt den Kampf auf. Es geht um nicht weniger als um die Rettung der Erde, und die kommt als hochgradig effektvolle, splatter-schaurig-komische Angelegenheit daher. Ash macht’s möglich. Keine Zeit für Unbescheidenheit.

Once again I saved the world. Now it’s time to get the girl.

Vorher ist aber noch Meeting in der Hütte. In der ist’s ungemütlich geblieben, da wollte eigentlich niemand freiwillig wieder hin. Aber bleibt man sitzen, wenn die Musik immer noch zum Tanz aufspielt? Teufel auch, im Leben nicht.

Scream Queens: Eins, zwei, Schrei!

Kreischende Frauen sind zweckgebundene Stimmwunder. Ohne sie wären die meisten Horrorfilme deutlich leiser. Optisch auch unschöner, das nebenbei. Schreiende Frauen sind oft überirdisch attraktiv. Denen steht es gut zu Gesicht, wenn sie die Augen (visuell wichtig) und dann den Mund aufreißen, um akustisch loszulegen. Im Alltag ist das nicht so, aber wir begeben uns auch nicht zuerst in Garderobe und Maske, bevor wir uns genötigt sehen, laut, sehr laut zu werden. Schreien ist ausgesprochen effektiv. Immer. Weil man es HÖREN kann.

Das ist jetzt keine besondere Erkenntnis, zählt aber für Theater, Kino und TV durchaus als Hauptargument. Vera Miles als Lila Crane in Psycho schreit einwandfrei. Eben exakt so, wie man wohl beim Anblick des Leibhaftigen schreien würde. Als Entdeckerin der präparierten Mutterleiche im Keller sieht sie sich mutmaßlich ähnlich konfrontiert. Derart Furchtbares zu erblicken, dann fürchterlich loszukreischen… alles nachvollziehbar. Wie auch der Entsetzensschrei ihrer Schwester Marion (Janet Leigh) unter der weltberühmten Bates-Dusche. Das Bild haben wir im Visier? Gut. Ganz fett und blutrot unterstrichen ist der Leinwandschrei für uns spätestens seit Halloween. Und für Halloween gilt erstmal als Nonplusultra:

Milliarden Fliegen können sich nicht irren.

Millionen Zuschauer auch nicht. Da wären einerseits ein Riesenhaufen Pferdemist, im speziellen Fall, – Protest sei akzeptiert -, ist HalloweenDie Nacht des Grauens gemeint, und andererseits ein weltweiter Kinokassenknüller und Sofa-TV-Knaller. Und wenn auch der Genre-Klassiker von 1978 inhaltlich hier und da und dort sowieso schwächelt und Tiefgang geschickt vermeidet, um hübsch garstig auf erfolgreichen Fliegenfang (Zitat oben: Lexikon des Horrorfilms, 1989) zu gehen, so zählt das herzlich wenig, wenn die Krone erst mal auf dem Kopf sitzt. Halloween, eine Low-Budget-Regie-Arbeit von John Carpenter, ist absolut Kult und gilt als Vorreiter zahlreicher Klischees, die immer wieder gern in den typischen Slasher-Filmen der 1980er und 90er mal nackt übernommen, leicht umgeändert und noch etwas fieser ausgebaut wurden.

Das unbedingte MUSS dabei: Der SCHREI! In Halloween wurde geschrien. Danach und bis heute und übermorgen immer wieder. Laut. Lang. Hoch. Schrill. Kreischend. Grell. Gellend. Gut. Genial. Man schrie. Sie schrie. Den Anfang machte Jamie Lee Curtis. Sie schrie sich ganz nach oben. Sie war, – und blieb -, die Scream-Queen.

Frauen schreien einfach besser

Diese königliche Gattung Mensch/Frau im Horrorfilm-Genre behauptete sich in der Folgezeit als superbes Schockmittel, um verschreckte Zuschauer noch tiefer in ihre Kinostühle und Sofakissen zu drücken. Die Courage sinkt, dafür steigt der Blutdruck. Schlimmste Schreie sind einfach nur phantastisch, weil sie fürchterlich gut schlimm sind. Männer schaffen das durchaus auch, aber Frauen schreien zweifellos einfach besser, die schreien, wie Schreie klingen müssen, um sich direkt ins Hirn zu bohren und die Nerven zu zerbeissen. Stimmt? Stimmt.

Bewiesen haben das eindrucksvoll und nachhaltig nachhallend Neve Campbell (Scream), Adrienne King (Freitag, der 13.), Heather Langenkamp (Freddy Krueger – A Nightmare on Elm Street), Jennifer Love Hewitt und Sarah Michelle Gellar (Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast), Patricia Tallmann (Armee der Finsternis), Adrienne Barbeau (Das Ding aus dem Sumpf), Nancy Allan (Blow Out), Naomi Watts (King Kong, The Ring) und Jamie Lee Curtis (Halloween, TheFog). Eben.

Janet Leigh, Vera Farmiga, Shelley Duvall, Jamie Lee Curtis

Der Scream-Queen Curtis, Tochter von Janet Leigh und Tony Curtis, zwischenzeitlich aufgrund Beauty-Stählung auch „The Body“ genannt, bescherte der Sensations-Erfolg von Halloween – Die Nacht des Grauens nach dem Kinostart 1978 eine Flut an Angeboten für ähnlich angelegte Rollen. Er gab ihr zugleich die Bühne frei für eine Weltkarriere, sie spielte bis dato in überwiegend anders gelagert starken Filmen, übernahm aber auch weiterhin den Part der Laurie Strode in den (zu) vielen Fortsetzungen um den psychopatischen Killer Michael Myers.

Die erste Frau, die Augen und Mund derart weit aufriss, dass das Knochenmark bis ins nächste Jahrhundert hinein kochte, war Jamie Lee Curtis freilich nicht. Schon im Stummfilm schrie die von Furcht, Abscheu und Angst gepeinigte Heldin. Das hörte man (natürlich) nicht, das sah man, und das war fürwahr im Regelfall dramatisch. Die Bedrängte, Gejagte, Bedrohte, blass geschminkt mit dunklen Lippen und großen Puppenaugen, die Frisur künstlerisch zerzaust, das Kleid dezent zerrissen, war eine Meisterin der Pantomime.

Stumme Schreie im Panoptikum

Licht aus, Spot an, wir befinden uns im Wald, Keller, in Gasse, Gosse, Schmutz oder Luxus, egal. Eine begehrenswerte Frau. Hilflos. Logisch. Daneben, davor, dahinter, ein Mann oder Monster, auch relativ egal. Sie fuchtelt tänzelnd mit den Händen, zieht an ihren Haaren, öffnet den Mund. Leicht. Der Pianomann neben der Leinwand schlägt gefährlich flüsternde Töne an. Sie wirft den Kopf zurück, in den Nacken, zur Seite, der Körper bebt, zittert, sie öffnet mehr. Vom Mund. Der Pianomann bearbeitet die düsteren Tasten. Sie schwankt hin und her und lässt in Augen blicken, von denen man glaubt, noch runder, erstaunter, entsetzter können die nicht werden. Der Pianomann im schwarzen Anzug gibt alles. Die Musik lebt. Sie ist Angst. Die Akteurin öffnet die Lippen ganz weit. Schrecklich gut weit. Voilá. Der Schrei, die Schreie. Das Publikum im Panoptikum zuckt zusammen, ballt verkrampft die Fäuste, wischt sich den Schweiß von der Stirn, atmet nicht mehr, kaum, dann tief durch, nickt sich gequält und doch so verwirrend begeistert zu: Oh Gott und Teufel auch noch, da schreit eine Frau. Eine schreiende Frau in fürchterlicher Not. Welch großartige Tragödie. Welch großartiger Film.

So war das, so geht das eben auch. Trotzdem erfreulicherweise erfand man für das Kino den Ton. Und der bereitete einigen Schauspielerinnen, bis dato echte Stars ohne für die damalige Zeit nennenswerte Darstellungs-Probleme, ernstzunehmende Kopfschmerzen: Sie konnten nicht so schreien, wie es erwartet und verlangt wurde. Das war Pech. Kurzfristig aber nur bedingt. Pfiffig erfand man in Hollywood den Beruf der „Schreierinnen“. Diese hielten ihre Stimme für die kläglich an eben dieser gescheiterten Schauspielerinnen her. Das geschah meist live im Studio, in späteren Jahren synchronisierten sie unterstützend auch die betreffenden Szenen. Die Schreie wurden bereits in den 1930er Jahren aufgepeppt durch sich weiter entwickelnde Technik. Dazu passende Geräusche dienten zur Untermalung der Flucht vor dem Bösen, die zumindest für die Hauptdarstellerin im Regelfall nicht in einer Blutlache endete. So richtig Paroli bot sie ihrem Verfolger nicht: Sie wurde gehetzt, gejagt, fast geschnappt, schrie sich durch die Kulissen und hoffte auf ihren Retter. Der kam. Gutaussehend. Stark. Schlau. Ein Mann. Der Mann. Er war in den ersten Jahrzehnten des Films bis in die 1990er üblicherweise zur Stelle und machte das schon, weil die Frau schreiend floh und fliehend schrie und ergo nicht groß Zeit zum Nachdenken und wirklich clever reagieren hatte. Wenn die Situation denn so war. Blieb sie ja nicht. Apropos: Weglaufen klappte auch nicht immer. Wer erst mal auf einer Affenhand sitzt…

Hollywood-Job: Professionelle Schreierin

Der US-amerikanischen Film-Schönheit Fay Wray bescherte ihr mordmäßiger Ton in King Kong einen Auftritt, wie er sich für die erste wahre Scream-Queen gehörte: Sie stieß 1933 als „weiße Frau“ bei ihrer Begegnung mit dem legendären Urwald-Riesen wirklich markerschütternd schreckliche Schreie aus, typisch weiblich hoch, höchst vernehmlich und höchst gekonnt. Das gilt als legendär. In den Folgejahren wurde startklar für Stimmstärke, möglichst perfekt und nach bestem Wissen und Gewissen passioniert geschrien. Das ist wohl tatsächlich eine Kunst für sich, in Fachkreisen schwört man: Das kann nicht jede(r). So nennt Lloyd Kaufmann, Mitgründer der „Troma Entertainment“, die Rollen von Schauspielerinnen, die laut Drehbuch so richtig schreien müssen, sollen, dürfen, „vielfältig und anspruchsvoll“ sein. Wie die von Bette Davis in Wiegelied für eine Leiche. Hammerfilm! Als Charlotte schrie die Davis sich einmal um den Globus.

Die wunderbar wunderschöne Naomi Watts zum Thema: „In The Ring und Mulholland Drive musste ich auch schon exzessiv schreien. Ich bin anscheinend ein Naturtalent. Als ich in Australien auf einem Junket (Interviewtag) für The Ring war, hat mich ein Filmteam gebeten, für deren TV-Show zu schreien. Also habe ich meinen Schrei auf dem Hotelbalkon demonstriert, und die Glastür ist geborsten. (…) Schreien kann furchtbar anstrengend sein, ich habe beim Dreh einige Male meine Stimme verloren.“ ( TV-Spielfilm, 2005)

In der US-amerikanischen Serie Scream Queens (2015) schreien Emma Roberts, Skyler Samuels, Lea Michele und Abigail Breslin. Stilecht schrill, schön und herrlich laut von Ryan Murphy, Brad Falchuk, Dante di Loreto und Ian Brennan in Szene gesetzt. Für die Macher von American Horror Story war / ist die Serie Scream Queens eine mit üblich phantastisch trainiertem Perfektionismus ausgeführte Auftragsarbeit des großen Amerikaners 20th Century Fox, der etwas Schräges, Abgefahrenes mit hübschen Ladies, bösen Jungs (und umgekehrt), Blut, Witz, Schauder, Witz und Wahnsinn haben wollte. Als Horror-Aushängeschild und überhaupt gewichtig mit dabei: „Schreikönigin“ Jamie Lee Curtis.

Männer können das übrigens auch: Den (inoffiziellen) Titel einer ersten männlichen „Scream Queen“ erhielt der Schauspieler Marc Patton 2010 für seine Rolle als Jesse Walsh in Nightmare II – Die Rache. Ehrlich verdient hat sich den aber vor allem Bruce Campbell: In Tanz der Teufel und Armee der Finsternis durfte er derart ungeniert und ungehemmt kreischen und schreien, dass die große Katze nur wohlwollend nicken kann: Gut gebrüllt, Löwe…aber eben doch nichts gegen mich!

Ebenezer Scrooge (Die Geister der Weihnacht)

Weihnachten: Seit Charles Dickens 1843 „Eine Weihnachtsgeschichte“ veröffentlicht hatte, ist der Name Scrooge zu einem Synonym für einen gemeinen, geizigen Menschen geworden. Ebenezer Scrooge ist Dickens‘ berühmteste Figur und eine der berühmtesten Charaktere der so reichen englischen Literatur. Bei der Erschaffung von Schurken hat sich Dickens von jeher mehr ins Zeug gelegt und mehr Energien auf sie verwendet als bei seinen gutherzigen Figuren. In unseren Breitengraden ist Scrooge zwar bekannt, nimmt aber keineswegs die Popularität ein wie in englischsprachigen Ländern. Selbst der bekannteste (und vielleicht beliebteste) Ableger in Form der Ente Scrooge McDuck heißt bei uns „nur“ Dagobert.

Laut imdb gibt es 124 Darstellungen sowohl im Film als auch im Fernsehen über den Misanthropen, der solange von Geistern gequält wird, bis er schließlich geläutert ist. Er mag zwar nicht erfolgreicher als der Weihnachtsmann selbst sein, ist aber aus den jährlichen Dezember-Events nirgendwo mehr wegzudenken.

Tatsächlich gab es einst eine Zeit, in der man den Wunsch nach einer „frohen“ oder „fröhlichen“ Weihnacht“ noch als etwas Neues uns Spannendes wahrnahm. In der viktorianischen Epoche der 1840er Jahre begann die festliche Plattitüde „Merry Christmas“ erst in Mode zu kommen – und das dank Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. 1844, also ein Jahr nach der Originalveröffentlichung kam das Werk auch zu uns – mit dem gleichen Effekt. Es mag ein Grund für den andauernden Erfolg der Erzählung sein, dass zu dieser Zeit viele der Traditionen und Praktiken um die Weihnachtszeit noch gar nicht entwickelt waren. Das gegenseitige Beschenken, die Familienzusammenkünfte etc., sind weitere Beispiele der Prägung, die von diesem literarischen Stück übernommen wurden.

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Zweifellos sagt die Novelle mehr über die Bedeutung von Weihnachten aus als jeder religiöse Text, und der Erfolg dieser weltberühmten Geistergeschichte führte zu einem weiteren Phänomen, das bis heute anhält: Dickens schrieb nämlich von da an jedes Jahr eine weitere Weihnachtsgeschichte. Diese Tradition hat sich – auch wenn es zu sonst nichts taugt – ins Fernsehprogramm retten können. Die themenbezogenen Produktionen, die jedes Jahr über den Bildschirm flimmern, sind ein Vermächtnis des großen englischen Romanciers.

In der Weihnachtsgeschichte geht es um einen Menschen, der vom Leben zerschlagen und zerquetscht wurde und sich dadurch in einen Menschenfeind verwandelte. Dann aber geschieht etwas phantastisches: sein Herz öffnet sich für Freundlichkeit und Empathie. Scrooge wird zu einem guten Menschen, und wir alle möchten glauben, dass das möglich ist.

Wenn es darum geht, die besten Geistergeschichten aufzulisten, hat „A Christmas Carol“ zwar starke Konkurrenz, in Sachen Langlebigkeit aber eindeutig die Nase vorn. Und das, obwohl es nicht Dickens‘ einzige ist. Ganz im Gegenteil interessierte er sich sehr für diese literarische Form. In einem kleinen Aufsatz erwähnt er, dass er noch sehr jung war, als ihm seine Amme furchtbare Geistergeschichten erzählte. Das blieb wohl bei ihm haften, auch wenn dieser Teil seines Werkes nicht besonders viel Aufmerksamkeit erhält. Vielleicht, weil nicht jede Geschichte gleichermaßen kulturfördernd sein kann.

Aber die Feiertage waren und sind natürlich immer eine Zeit der Geschichten von Magie und Wundern. Egal, ob die Geschichten in einem Gottesdienst, zu Hause vor dem Kamin oder im Kino erzählt werden, sie werden seit Generationen immer wieder erzählt. Charles Dickens‘ „Eine Weihnachtsgeschichte“ ist dabei vielleicht das, was einer modernen mündlichen Tradition am nächsten kommt. Aber wie vieles, das in der Folklore begann, kennt man heute oft nur noch die verwässerten Disney-Versionen. Aber dieser unsympathische Konzern ist nicht allein für die Glättung und Vernichtung aller Tiefe verantwortlich. Es ist ein Prozess, der mit der Christianisierung begann.

Als sich das Christentum im heidnischen Europa ausbreitete, wurden einige einheimische Wintermärchen so umgestaltet, dass sie eine neue Moral bekamen und ein neues Publikum ansprachen. Andere Elemente wurden einfach gestrichen. Viele Erwähnungen von Dunkelheit, Gewalt oder wilden Geistern wurden aus den Geschichten entfernt. Das ist schade, weil Geschichten, die sowohl Dunkelheit als auch Licht enthalten, viel interessanter sind.

Nehmen wir zum Beispiel den Weihnachtsmann. Die meisten Menschen stellen ihn sich heute wahrscheinlich in der bekannten Coca-Cola-Version vor: einen bärtigen, dicken Mann in einem roten Anzug. Wahrscheinlich lächelt er und hat einen großen Sack voller Spielzeug dabei. Aber das war nicht immer der Fall. Traditionell wurde er als dünn und in Pelze gekleidet dargestellt. Er wurde oft als streng dargestellt. Einigen Legenden zufolge trug er eine Birkenrute, ein Symbol für Disziplin und Bestrafung. In anderen Legenden stand er eher im Zeichen der Fröhlichkeit und der Trunkenheit. Wenn man bedenkt, dass der Heilige Nikolaus unter anderem der Schutzpatron von Pfandleihern, Piraten, Matrosen, Dieben, Waisenkindern – und von New York ist, ist dieser raue Weihnachtsmann vielleicht auch passender.

Und diese älteren Geschichten über den Weihnachtsmann zeigten ihn oft nicht in Begleitung von Elfen oder Rentieren, sondern von anderen Figuren. Während der Weihnachtsmann die braven Kinder belohnte, quälten diese Gehilfen die bösen Kinder. Dazu gehörten zm Beispiel Knecht Ruprecht und der Krampus.

Der Krampus hat seinen Ursprung in der vorchristlichen Folklore der Alpenregion Europas. Er war ein tierisches, ziegenähnliches, gehörntes Wesen, das mit Fell bedeckt war und eine gespaltene Zunge besaß. Er bestrafte und erschreckte böse Kinder und entführte die schlimmsten von ihnen. Trotzdem luden die Eltern den Krampus oft zu einem Schluck Schnaps ein. Interessanterweise haben einige moderne Darstellungen des Krampus diesen Teufel in eine harmlosere, amorähnliche Kreatur verwandelt.

Obwohl die dämonischen besten Freunde des Weihnachtsmanns weitgehend verschwunden sind, haben viele heidnische Symbole und Zeremonien in der einen oder anderen Form überlebt. Der Dezember war schon immer eine Zeit des Feierns, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist der Winter traditionell eine Zeit des Todes, der Dunkelheit und des wachsenden Chaos. Die Grenzen zwischen dieser und der nächsten Welt werden dünner, und die Toten kehren zurück. Andererseits war die Wintersonnenwende auch die Zeit, in der die Sonne wiedergeboren und die Tage länger wurden.

Eines der ältesten heidnischen Feste ist die Wilde Jagd. Eine geisterhafte Gruppe von Hunden und Jägern, die schon von allen möglichen Wesen angeführt wurde, von König Artus bis zu Knecht Ruprecht, Krampas und Wotan, auch bekannt als Woden, Odin und Jolnir. Der letzte Name ist einer der Ursprünge des Wortes Yule, eines einmonatigen Festes, zu dem Schlemmen, Essen und Opferungen gehörten. Die Familien genossen eine Weihnachtsziege oder einen Schinken. In dieser Zeit der Dunkelheit und des Todes wurden auch immergrüne Bäume gepriesen. Sie wurden ins Haus gebracht, und im Laufe des Monats wurden große Weihnachtsscheite verbrannt.

Ein weiteres Fest ist die Tradition von Koledari. Bei diesem Fest zu Ehren des Gottes der Unterwelt und der Wiederkehr der Sonne zogen Gruppen von Kindern von Haus zu Haus und sangen, um das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres zu feiern. An jedem Haus wurden sie mit Süßigkeiten oder Geld belohnt. Das hat natürlich Ähnlichkeit mit dem Fest All Hallows Eve – Halloween, über das es bereits eine Sendung im Phantastikon gibt.

Wenn ihr euch also dieses Weihnachten von einem mit Essen und Trinken beladenen Tisch zurückziehen, um Lieder zu singen, Geschenke auszutauschen und brave Kinder zu belohnen, denkt daran, dass ihr eine Tradition feiern, die auf eine Zeit zurückgeht, als der Wald draußen ein dunkler, gefährlicher und böser Ort war.