Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu „Echos aus dem Hades“

Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.

Mein Name ist Richard Gavin. Ich bin ein kanadischer Autor von Horrorgeschichten mit übersinnlichem Gehalt, und obwohl dies seit fast zwei Jahrzehnten meine Berufung ist, reicht meine Beziehung zum Horror noch weiter zurück, bis in meine prägenden Jahre. Ich hielt es für das Beste, diese ersten Ausgabe von “Echos aus dem Hades” erst einmal als eine Art Einführung vor diesem Hintergrund und einen Ausblick auf solche Themen zu verwenden.

Eine meiner ersten Erinnerungen an Filme ist Tod Brownings Version von Dracula aus dem Jahre 1931. Ich habe ihn damals im Nachmittagsfernsehen gesehen. Der Film hat mich unmittelbar und stark beeinflusst. Monster und das Makabre wurden schnell zu einer Konstante in meinem Leben. Und im Gegensatz zu so vielen Leidenschaften, die in der Kindheit zum Vorschein kommen, verlor der Horror für mich nie seinen Glanz.

Ich glaube nicht, dass ich unehrlich bin, wenn ich sage, dass mein junger Geist, wenn auch nur vage, intuitiv erkannt hat, dass das Grauen etwas Großartiges, etwas Wichtiges an sich hat. Das ganze Feld fühlte sich wie ein Eisberg an: Seine wahre Bedeutung befand sich unter der Oberfläche, brodelte irgendwo unter einer Latexverkleidung und einer gotischen Prosa.

Heute ist der Horror für mich immer noch so wichtig, dass ich das Wort immer mit einer Initiale schreibe, um es von den alltäglichen Empfindungen des Ekels und der Art und Weise des Boulevardjournalismus zu unterscheiden, in der das Gefühl des Grauens mit menschlicher Gräueltat gleichgesetzt wird. Denn während diese Tragödien der realen Welt eindeutig emotionalen Gehalt haben, lehne ich die Vorstellung ab, dass ein Interesse oder sogar eine Besessenheit für den Horror gleichbedeutend ist mit einer sabbernden Faszination für die unzähligen Grausamkeiten, die Menschen einander, Tieren oder dem Planeten selbst antun. Ich betrachte solche Dinge als Travestie und habe den Begriff des Horrors, ob zu Recht oder nicht, aus jeder Verbindung mit ihnen entfernt. Ich entscheide mich stattdessen dafür, den Begriff des Horrors sowohl als erhöhte emotionale Reaktion als auch als die Reize zu unterscheiden, die ihn hervorrufen; Reize, die künstlerisch, rituell, paranormal, philosophisch oder eine Kombination davon sein können.

Als ich mich durch die Adoleszenz bewegte, vertiefte sich mein Interesse am Horror nicht nur, sondern wurde noch vielfältiger. Ich begann, über die etwas engen Grenzen des Horror-als-Unterhaltung-Genres hinauszugehen und an den Rändern zu suchen, wo sich diese Kunstform mit Mythos, Religion und Philosophie überschneidet. Tatsächlich war ein Großteil meines Erwachsenenlebens zu gleichen Teilen mit dem Schreiben von originellen Horrorgeschichten und der Erforschung zeitloser Motive verbunden, die sich durch viele der beeindruckendsten und beständigsten Werke des Genres ziehen.

Die Entdeckung H. P. Lovecrafts war ein Wendepunkt für mich (was vermutlich auch auf viele andere Leser zutrifft). Im Gegensatz zu einigen der treuen Leser Lovecrafts begegnete ich seiner Fiktion jedoch nicht im “richtigen Alter”, nämlich von der späten Kindheit bis zur frühen Jugend. Obwohl ich viele der übernatürlichen Klassiker gelesen hatte, als ich in die High School kam, begegnete ich HPL irgendwie erst mit siebzehn Jahren, als ich zufällig auf eine Del Rey-Taschenbuchausgabe von “The Tomb and Other Tales” mit der auffälligen Michael Whelan-Cover-Illustration stieß.

Heute frage ich mich, ob meine, ähm … “Reife” mich vielleicht gegen den jugendlichen Fallstrick immunisiert hat, Lovecraft nur wegen seiner Monster zu bewundern oder wegen seiner scheinbar endlosen Faszination für alles, was grau und degeneriert ist. Denn was mich an der Arbeit des Mannes reizte, war der überirdische Schwung, der seine schönsten Erzählungen färbte.

Obwohl ich schon immer ein Interesse an dem hatte, was man als “Okkultismus” bezeichnen könnte, war es Lovecraft, der mir als wahres Portal diente und mein Interesse an den anspruchsvolleren Werken des Kosmismus, der Philosophie (sowohl der östlichen als auch der westlichen), der Anthropologie und der Magie weckte. Mein Studium in diesen Bereichen hat mein Verständnis und mein allgemeines Interesse am Horror verfeinert, was mich zur Existenzberechtigung dieser Kolumne bringt:

Meiner bescheidenen Meinung nach sind einige der Erklärungen über das Warum und Weshalb des Horrors unbefriedigend. Zum Beispiel ist die oft beschworene Analogie, dass der Horror einer Achterbahnfahrt gleicht, eine der oberflächlichsten und unzugänglichsten Erklärungen der ganzen Populärkultur. Sie suggeriert, dass ein flüchtiger viszeraler Nervenkitzel die primäre Tugend des Genres ist, dass seine Wirkung nur so lange dauert wie die Betrachtung oder Lesung. Ich vermute, dass die Wurzeln dessen, was wir Horror nennen – sowohl die Emotion als auch die Kraft, die sie hervorbringt – viel tiefer liegen. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass sie eine Ligatur bilden, die uns mit der ursprünglichen Ebenen des Seins verbindet.

Der Horror ist das Drama des Abgrunds, das Kino der Wahrheit des Unterbewusstseins. Es ist der zum Ausdruck gebrachte Alptraum, der aus dem brodelnden Sumpf der unlogischen Handlung und der Tabuform herausgerissen und mit Leben erfüllt wird. Es ist das Genre, dessen Wesen unsere vorgefassten Wirklichkeitskonstruktionen erschüttert.

Aus diesem Grund erscheint es bestenfalls unangemessen, den Horror einfach als “Unterhaltung” zu bezeichnen. Das soll natürlich nicht heißen, dass Horror nicht auch Spaß machen kann. Er ist oft ungemein unterhaltsam. (Ich habe die Freude über Lucio Fulcis Über dem Jenseits oder Dan O’Bannons Verdammt, die Zombies kommen noch nicht abgelegt). Allerdings scheint mir, dass die starke Kraft der Motive dieses Genres in eine andere Klasse einzuordnen sind als die Medien, die sich darauf ausgerichtet haben, eine gewisse geistlose Ablenkung von den Gepflogenheiten der Welt zu bieten. Darüber hinaus steigert das Nachdenken über den Horror oft die Freude an der Erfahrung, anstatt sie mit akademischen Wortgefechten trocken zu legen.

Wenn überhaupt, dann wirft der Horror, selbst in seiner lächerlichsten Form, ein grelles Schlaglicht auf den menschlichen Zustand.

Der Bezug dieser Kolumne auf den Hades ist aus verschiedenen Gründen bedeutsam. Hades war natürlich der griechische Gott der Unterwelt und auch der Name der Unterwelt selbst. Aber die griechische Unterwelt mit dem christlichen Konzept der Hölle gleichzusetzen, wäre falsch. Für die Griechen war die Unterwelt kein Ort der höllischen Qualen, sondern ein Reich von außerweltlichen Bildern und tiefen Schatten. Sie war die Domäne der Toten, deren fleischlose Schatten sich schnell und seltsam bewegten.

Wer sich mit einer mythischen Theorie nicht wohlfühlt, braucht sich nicht zu winden: Die Jungsche Psychologie trifft auf meine Belange ebenso gut zu. Denn wie C. G. Jung selbst in Psychologie & Alchemie schrieb:

“Die Furcht und der Widerstand, den jeder normale Mensch erfährt, wenn er zu tief in sich selbst eindringt, ist im Grunde die Angst vor der Reise in den Hades.”

In den kommenden Monaten hoffe ich, dass wir in dieser Kolumne gemeinsam diesen Abstieg schaffen können, indem wir die dunklen Echos beachten, die aus den tiefsten Winkeln unseres Selbst aufsteigen, aus jener chaotischen Sphäre, die gegen den ruhigen Rhythmus des materiellen Fortschritts und der Höflichkeit anbrandet.

Ich freue mich darauf, die Reise mit Ihnen zu unternehmen.

Carmilla, der Vampir

Viel prämiert ist sie mittlerweile, die Gruselkabinett-Hörspielserie aus der Hörschmiede der Titania Medien, die zu ihrem Einstand 2004 die 1872 erschienene Novelle Carmilla des irischen Autors Joseph Sheridan Le Fanu adaptierte und bis dato unzählige veröffentlichte Hörspiele vorgelegt hat. Von der Schauerromantik bis zur Science-Fiction. Meisterwerke der Phantastik. Brilliant vertont?

– Das will ich herausfinden. Und steige seit langem wieder, seit meiner Kindheit, in die Tiefen meiner Gehörgänge hinab, die mich einst in die üppigen Märchenlande und -wälder der Gebrüder Grimm oder eines Hans Christian Andersen führten.

Sicher zählt Carmilla nicht zu Le Fanus herausragendsten Werken, denkt man z.B. an Schalken the Painter von 1851. Doch aber diente Carmilla 25 Jahre später als Inspirationsquelle für Bram Stokers epochemachenden Dracula. Und ist nun auch Auftakt einer Serie, die ihres Gleichen sucht. Wir hören offenbar doch gerne zu. Waren die ersten, die ein Hörspiel in den Äther geschickt haben, und sind heute das Land, in dem die meisten Hörspiele produziert werden. Wir kehren ein, die Lider zu schließen, gewillt, die Phantasie über unsere Ohren kommen zu lassen, mit Stimmen wie diesen: Daniela Hoffmann (Julia Roberts), Manja Doering (Reese Witherspoon), Christian Rode (Christopher Lee), Arianne Borbach (Uma Thurman), David Nathan (Johnny Depp), Joachim Tennstedt (John Malkovich), Ursula Heyer (Joan Collins), Dagmar Altrichter (Ingrid Bergmann) … um nur einige der Sprechakteure zu nennen, die für diese Hörspielserie gecastet wurden.


Interessant ist: Le Fanu träumte seinen weiblichen Vampir, dieses Wesen, das er Carmilla nannte. Carmilla alias Millarca alias die Gräfin Mircalla Karnstein, die eine, wie sich später durch ein Familienportrait herausstellt, Vorfahrin von Laura ist. Die, deren Name du nicht wissen darfst. Die ihren Namen anagrammiert statt ihn zu nennen. Die es scheut beim Namen genannt zu werden, wie Dämonen es tun, um nicht gebannt zu werden. Und Laura. Zwei wie Licht und Schatten. Die eine ätherisch in ihrer Erscheinung, die andere irdisch blühend. Zwei, die sich dennoch gleichen. Jung. Unglaublich schön. Sehnend nach Leben.

Laura, die erzählt, von ihrer Begegnung mit Carmilla. Laura, die als “Siegerin” aus der Geschichte hervorgehen wird, ganz ihrem Namen nach. Wenn auch am Ende traumatisiert. Laura, die Besonnene. Die mit ihrem Vater, einem General, und zwei Gouvernanten auf einem Schloss in der Steiermark lebt. Recht einsam. Sich sehnend nach Austausch mit anderen Menschen, da General Spielsdorf, ein Freund ihres Vaters, erst kürzlich in einem Brief absagte der kleinen Familie gemeinsam mit seiner Nichte Bertha einen Besuch abzustatten. Bertha: ein nicht minder schönes Mädchen, das von einem weiblichen Wesen, das sich ihr als Millarca vorstellte, heimgesucht wurde und zum Opfer fiel, wie schon viele andere Mädchen vor ihr. Laura, die ihre Mutter verloren hat als sie noch sehr klein war. Die keine Furcht kennt, da man ihr, auf Geheiß ihres Vaters, keine Geister- und Gruselgeschichten als Kind erzählen durfte. Laura, die uns zu Beginn verrät: 

Laura, die erfreut ist über den unverhofft über sie hereinbrechenden Gast. Über dieses junge Mädchen, das mit seiner Mutter, eine Gräfin, die unablässig versucht ihre Tochter an ein Mädchen zu bringen, um sie unter der Haube des Lebens zu wissen, in ihrer Kutsche vor ihrem Schloss verunfallt ist. Einer Kutsche wie der Hölle entfahren. Ein Bund mit dir. Ich und du. Du und ich. Carmilla stellt nicht infrage. Sie sehnt. Sehnt sich nach Laura. Nach Leben. Dem ewigen. Schon bei ihrer ersten Begegnung im Schlafzimmer der jungen Laura, viele Jahre zuvor, als Laura noch ein kleines Mädchen war, das da noch nicht ahnen konnte, wem oder was sie da begegnet ist und auch wieder begegnen wird, sagt Carmilla zu ihr:

Hoppla!

In den Spiegeln?

Geben mir Spiegel nicht eigentlich ein eindeutiges Indiz dafür, einen Vampir als solchen zu erkennen und zu entlarven, sehe ich ihn in ihm nicht? Und scheuen Vampire nicht gar auch gänzlich das Tageslicht, so wie sie Kruzifixe und auch Knoblauch scheuen? Und so spaziert Carmilla, zwar beschirmt und im Schatten, mit Laura im Sonnenuntergang. Auch ist weit und breit kein einziges Flapp Flapp zu vernehmen. Anders als wir es vom heutigen Vampirmythos kennen. Vampire und Fledermäuse. Als gäbe es da keinen Zweifel. Als wäre es schon immer so gewesen. Carmilla jedoch erscheint Laura, die sich nicht sicher ist, ob sie in diesen Moment träumt, einmal des Nachts als riesige dunkle Katze, die ihre Zähne ein zweites Mal in ihre Brust, ihr Herz zu schlagen versucht. Denn einmal ist es ihr bereits gelungen. Damals. 

Als sie Laura das erste Mal aufsuchte. Dieses seltsame Erlebnis, das sie, Laura, nicht vergessen konnte, das sie als Kind hatte, als sie eines Nachts erwachte und eine junge Frau neben ihrem Bett knien sah, die sich ihr sogleich näherte, sich zu ihr legte und sie, mich erinnernd an eine Mutter, die sich ihrem Kind zuwendet, liebkoste. Woraufhin Laura wieder einschlief, um erneut zu erwachen, als sie nämlich von ihr gebissen wurde. Da jedoch sah sie sie noch nicht als Katze, sie spürte nur zwei Stiche in ihrem Herz, als ob zwei Nadeln es durchstechen würden. Und tatsächlich: Ihre Brust wies Bissspuren auf. Zwei kleine Löcher, die von ihrem Vater und den beiden Frauen mit Entsetzen entdeckt wurden. Bei ihrem zweiten Treffen, also Jahre später, wird Carmilla angeben, dass sie dies damals auch als Traum erlebt habe.

Vampirinnen und Katzen, meine Damen und Herren! Meine erste Assoziation, die ich Ihnen anbieten kann ist Jacques Tourneurs Film Cat People (zu dt.: Katzenmenschen) von 1942, in dem die Geschichte einer aus Serbien stammenden und nun in New York lebenden jungen Frau erzählt wird, die ihrem frisch vermählten Mann versucht näher zu bringen, dass sie sich, wie es eine “Legende” aus ihrer Heimat erzählt, in einen Panther verwandelt sobald sie sich einem Mann ungehemmt hingibt. Etwas, das er sich von ihr wünscht, zugleich aber, was die Verwandlung betrifft, für einen Aberglauben hält. Und so besucht sie immer wieder im Zoo einen in einem Käfig eingesperrten Panther, zu dem es sie magisch hinzieht, den sie am Ende des Films, ihre Ehe ist längst in die Brüche gegangen, befreit, der aber sogleich von einem Auto erfasst wird.

Die Mythologie der Katze ist ein weiter Rasen. Kulturabhängig. In der nordischen Mythologie z.B. sind Katzen Begleiterinnen der Freyja, der Göttin der Liebe. Oder denken Sie an Bastet, die Tochter des Sonnengottes Re, eine Katzengöttin aus dem alten Ägypten. Und diese, Le Fanus Katze, kann zudem ja noch durch Wände gehen oder, zurückverwandelt in eine Frau, das Zimmer durch ein ungeöffnetes Fenster verlassen. Von Vampiren oder Fledermäusen weiß ich solches nicht zu sagen. 

Das mag vielleicht daran liegen, dass Fledermäuse von Natur aus nachtaktiv sind, während Carmilla, auch wenn sie tagsüber ebenso schläft, doch eher die Wirkung eines nachtwandlerischen Wesens verströmt. Eines jedoch ist aber auffallend: Es finden sich viele unterschiedliche Kulturen, in denen es wie auch immer geartete Dämonen gibt, die die Gestalt einer Katze annehmen können, um einem anderen Lebewesen das Blut zu saugen. So z.B. die Chordeva (zu dt.: Diebdämonin), eine Vampirhexe des indischen Oraonstammes, die sich als schwarze Katze verwandelt in die Häuser von Kranken schleicht, um ihnen die Nahrung wegzufressen und deren Lippen zu lecken, woraufhin ihre Opfer sterben. Und nicht zu vergessen, dient die Katze in unserem Kulturkreis dem Aberglauben auf viele verschiedene Weisen: z.B. als Schutz vor sog. bösen Hexen, gräbt man ihren Kadaver unter den Dielen gen Osten ein. Oder sie gilt als Unglücksbote, läuft sie einem von links nach rechts über den Weg. Und mehr dergleichen …

Le Fanu hat mit Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, der ja selbst von dieser Quelle inspiriert, die Handlung im ersten Entwurf in der Steiermark spielen ließ. Auch hat Van Helsing nicht wenig Ähnlichkeit mit Dr. Hesselius, den General Spielsdorf konsultiert, um zu erfahren, was mit Bertha geschieht. 

Ebenso Lucy Westenra, Mina Murrays beste Freundin, die in ihrem Wesen an Carmilla erinnert. Und deswegen ist Le Fanus Novelle ein besonderes Fundstück, das unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt. Man kann darin die Liebe einer Frau zu einer anderen Frau bzw. die eines Mädchens zu einem anderen Mädchen lesen. Aber allein das wäre mir zu wenig. Das Besondere an diesem Hörspiel ist, dass die Beziehung von Laura und Carmilla nicht eindeutig und explizit konnotiert wird. 

Die Erotik findet auf vielen unterschiedlichen Ebenen statt, läuft stets subkutan. Es sind diese starken ausgewählten Stimmen, die mich wahrnehmen lassen, was dieser Vampirprototyp Carmilla allen verheißt, wie es Le Fanu selbst in seinem Traum ergangen sein muss, als sie ihm erschien. Carmilla, die sich Laura zu Beginn als mütterliches Wesen nähert, das liebt und beschützt und ihr doch gleich ihren “Dämon” zu spüren gibt, sie “infiziert” mit ihrem Wesen, dem Anderen, dem Andersartigen, dem, was man im Spiegel sieht, schaut man hinein, was man in der Nacht, der Dunkelheit, den Schatten findet. Denn erst später, bei ihrer zweiten Begegnung, nähern sich die beiden einander an und erscheinen darin wie Mädchen an der Schwelle zum Frausein. Und um es zu werden, so scheint es, brauchen sie dafür die jeweils Andere: einen Spiegel.

Alles in allem: ein gelungenes Hörspiel mit starken Stimmen und einer durchaus überzeugenden Atmosphäre.