Am Liebsten mag ich Monster

Emil Ferris

Es ist Emil Ferris‘ Erstlingswerk. Ca. zehn Jahre hat sie es mit sich herumgetragen und daran gearbeitet, sogar als sie zeitweise obdachlos war. Über 400 Seiten zählt der mehrfach prämierte (unter anderem Gewinner des Eisner Awards: in drei Kategorien) erste Teil dieses Meisterwerkes. Eines, an dem eine in die USA eingeschleppte infizierte Stechmücke nicht unwesentlich ihren Anteil hatte. Mit dem West-Nil-Virus infiziert, der Ferris von der Hüfte abwärts lähmte, auch der rechte Arm (wie auch ihre Hand) war betroffen, eroberte sie sich zeichnend ihren Körper weitestgehend zurück und machte sogar einen Abschluss im „Kreativen Schreiben“ an der School of the Art Institute of Chicago und erhielt zudem 2010 das Toby Devan Lewis Fellowship in den Bildenden Künsten. Emil Ferris, die wie ihre zehnjährige Protagonistin Karen Reyes selbst in den turbulenten 1960er Jahren aufgewachsen ist und dort heute noch lebt, war in einem früheren Leben Illustratorin und Spielzeugdesignerin für diverse unterschiedliche Kunden. Nach eigener Aussage liebt sie alles, was mit Monstern oder Horror zu tun hat.

Große Arbeit haben auch geleistet: Alessio Ravazzani, der für das Lettering zuständig war, wie auch Torsten Hempelt, der sich um die deutsche Übersetzung gekümmert hat.

Ein wahrlich monströses Kunstwerk!

Dieses üppige Kunstwerk in Form einer großen Kladde in Softcoverversion, an dessen Skizzen, kindlichem Gekritzel, Portraits, Szenenbildern, die teils wie Radierungen wirken, Panels und Gemälden von real existierenden Gemälden ich mich kaum sattsehen konnte, ist zugleich ein mysteriös monströser Psychothriller, ein Familiendrama, ein Geschichtsepos, eine Coming-of-Age-Geschichte, wie auch ein düsterer Krimi. Es ist eine Hommage an die vergangene Ära der Horror-B-Movies, sowie der Pulpmagazine. Liniertes, gelochtes Ringbuch-Schreibpapier, Kugelschreiber, Blei- und Farbstifte waren dabei alles, was Emil Ferris brauchte, um diese düstere aber enorm bezaubernde Geschichte in die Welt zu heben. Alles Utensilien, die den tagebuchartigen Stil noch verstärken.


Dabei wird der Comic durch die von Emil Ferris nachgezeichneten Titelbilder der Horrormagazine der 60er Jahre in so etwas wie Kapitel unterteilt. Es ist sprichwörtlich neben dem Gang durch die, wie bereits erwähnt, Zeit- und Kulturgeschichte einer Ära, auch ein Gang durchs Museum. Auch lernen wir die Lebensgewohnheiten und -bedingungen der damaligen ausländischen und armen Arbeiterschicht kennen. Neben den abergläubischen Bräuchen von Karens Mutter kommt auch die griechische Mythologie nicht zu kurz. Die vielen Handlungsstränge, die uns nach und nach eröffnet werden, entwickeln einen enormen Sog. Sprunghaft, uns immer wieder auf Zeitreise schickend, entwickelt Ferris dabei die Geschichte(n) vor unseren Augen, lässt uns aber zugleich verweilen. Dies geschieht zum einen durch die Kraft ihrer Bilder und Details, wie z.B. die kleinen versehentlichen Schmierereien und erkennbaren Eselsohren, oder durch kleine gemalte Notizen, die wir finden können, zum anderen, durch ihre Erzählart, in Szenischem in die Tiefe (in die Seele der kleinen Protagonistin) zu gehen, wie z.B. während der Besuche im Museum, wenn Karen in die Gemälde klettert, oder ein andermal, wenn sie sich im Auge ihrer Mutter auf einer kleinen Insel wiederfindet.

Karen Reyes

Karen Reyes, deren Vater Mexikaner ist und deren Mutter zu einem Teil von irischen Siedlern aus den Appalachen abstammt und zum anderen von amerikanischen Indianern, ist eine Außenseiterin, die nunmehr gemeinsam mit ihrer kranken Mutter und ihrem Bruder Deeze – ein Frauenschwarm und Künstler – in einer kleinen Wohnung in einem turbulenten Chicago lebt, das bald von der Ermordung Martin Luther Kings in politische Unruhen gestürzt wird. Karen hat es in der Welt nicht leicht, von ihren Mitschülern gehänselt, behauptet sie sich als WerwölfinZeichnerin und Detektivin. Dabei untersucht sie nicht nur den Mord (der Hauptstrang) an ihrer verrückten Nachbarin und Freundin Anka Silverberg, einer Holocaustüberlebenden. Sie gräbt auch immer tiefer in ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie auch in der ihrer weiteren Nachbarn, die alle, wie auch ihre eigene Familie, irgendwie in den Mordfall verstrickt zu sein scheinen. Währenddessen entdeckt sie ihr Geschlecht, ihre Liebe für andere Mädchen. Dabei lernt sie unter anderem Sandy und Franklin kennen, zwei Kinder, die nicht weniger kurios und seltsam sind wie sie es ist. Sie nimmt die beiden unter anderem mit ins Museum, wo sie auf ihre „zuverlässigen“ Freunde (die Figuren in den Bildern) trifft, die sie ansonsten oft mit ihrem Bruder besucht, der ihr die Bildende Kunst schon als kleines Kind näher gebracht hat.

Emil Ferris, die besonders von Künstlern wie Goya, aber auch von anderen, den Pulpmagazinen, Horror-Movies beeinflusst wurde, bekam von ihrer Großmutter die illustrierten Dickens-Romane von Colliers, voll mit Stahlstichen. Als Kind ihrer Zeit und in Anbetracht ihrer eigenen familiären Biografie und Sicht auf die Welt der Menschen hat sie sich mit der Werwölfin Karen Reyes auch ein wenig selbst verewigt.

Expressionistisch und surrealistisch

Einen ungeheuren Sog entwickelt dieses üppige, farbstrotzende Kunstwerk, das ich kaum aus den Händen legen konnte, und das ich, obwohl ich es bereits gelesen habe, immer wieder zur Hand nehme, um darin zu blättern und erneut zu lesen. So stark sind die Bilder, so fein und bedacht ist die Sprache. Nichs ist zuviel, alles ist wesentlich. Man kann sich bis ins kleinste Detail, sei es nun wichtig oder nur beiläufig, verlieren. Die Gesichtsausdrücke sind hierbei besonders stark. Es ist ein düsteres Wunderland, in dem selbst ein kleiner, kurz auftauchender weißer Haushase seinen eigenen witzigen Kopf hat. Die gesamte Figurenentwicklung ist grandios, es sind allesamt extreme Charaktere, die uns in ihren Bann ziehen, unter deren Oberfläche, obwohl sie aussehen wie von sich selbst gezeichnete Karikaturen, dunkle und spannende Geschichten wabern. „Am liebsten mag ich Monster“ ist surrealistischexpressionistisch und extrem atmosphärisch. Eine absolut dichte, bezaubernde und nicht selten sehr poetische Erzählung.

Thomas Ligotti: Der Prinz der Dark Fantasy

Als 1992 mit Die Sekte des Idioten der letzte der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont erschien, war es wie Stille im Universum. Es war ein völlig neuartiges, bis dahin unbekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Kennern unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem „neuen Poe“, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Wenn man Ligottis Geschichten liest, kann man leicht erkennen, warum man das sagt und wie oberflächlich diese Aussage doch ist. Ligotti selbst sagt von sich, dass er gerne den Ton von Bruno Schulz oder Thomas Bernhard anschlägt.

Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Thomas Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.


Ligotti wurde einmal gefragt, ob er einen Unterschied zwischen Weird Fiction und Horrorliteratur mache. Er antwortete, dass ohne Lovecrafts „The Supernatural Horror in Literature“ niemand von „Weird Fiction“ sprechen würde. Das sagt uns vor allem eines: Kategorien sind das, was sie immer waren: ein begrenztes Blickfeld. Ich bin mir sicher, dass Kritiker, die etwas auf ihre Bildung geben, verärgert reagieren würden, wenn jemand käme und behauptete, Kafka sei ein Horrorautor gewesen. Für mich ist er das, und für viele andere auch, nur fällt es schwer, den Begriff des Schreckens auf ihn zu übertragen.

Diese Aussage wird schlüssiger, wenn man Ligottis eigene Vorlieben kennt. Er sieht das Grauen nämlich im Leben, in der gesamten Existenz, und nicht nur als literarisches Sujet. Sein früher geistiger Zusammenbruch im Alter von 17 Jahren mag daran nicht ganz unschuldig gewesen sein, aber ob er Ligottis komplexen Nihilismus und seine Hinwendung zum Werk Ciorans erklärt, sei dahingestellt.

Es scheint Ligottis Schicksal zu sein, als unterschätzter Autor ins Grab zu gehen. Der Thron, so scheint es, bleibt denen vorbehalten, die nicht annähernd so gut oder so besonders sind wie er. Liest man seine Erzählungen, spürt man sofort, dass sich hier einer keinen Deut um den kommerziellen Erfolg schert. Ligotti schreibt gerade so, als wehre er sich gegen den Zugriff der „Uneingeweihten“, als wolle er dort gefunden werden, wo er seine Geschichten oft genug ansiedelt, wo der Schrecken sein Maximum erreicht. Thomas Ligotti wird nur von wenigen gelesen, aber wer ihn nicht gelesen hat, hat keine Ahnung, was an Innovation in einem Genre möglich ist, das man (hilflos genug) dunkle Phantastik genannt hat.

Wer mit Ligottis Werk noch nicht vertraut ist, dem sei der Zugang über Das Alptraum-Netzwerk empfohlen. Dafür gibt es mehrere Gründe, vor allem aber diesen: In allen anderen Sammlungen ist der Effekt immer derselbe, ein völliges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft ohne den geringsten Hoffnungsschimmer. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet auf die Kräfte, die an den Rändern der Realität und des Bewusstseins lauern.

In vielen Erzählungen Ligottis geht es um das Zerbrechen der Wirklichkeit, sei es durch übernatürliche Einflüsse, sei es durch den bröckelnden Verstand des Erzählers oder durch beides. Mehr als einmal haben wir es hier mit einem Hauptprodukt von Ligottis Schreibkunst zu tun: dem unzuverlässigen Erzähler.

Besonders deutlich wird dies in Der rote Turm, der Kurzgeschichte, mit der Thomas Ligotti den Bram Stoker Award gewann. (Ich habe sie schließlich mit freundlicher Genehmigung von Frank Festa in die Anthologie „Miskatonic Avenue“ aufgenommen). Bemerkenswert an dieser Erzählung ist das völlige Fehlen menschlicher Figuren. Es gibt einen Ich-Erzähler, der sich im Verlauf der Erzählung nicht zu erkennen gibt und auch sonst keine Rolle spielt. Der Protagonist der ganzen Geschichte ist ausschließlich der rote Turm, eine kaputte Fabrik. Aber es gibt auch einen Antagonisten: die Landschaft, die den Turm umgibt. Der Eröffnungssatz führt beide ein: „Die Fabrikruine erhob sich dreigeschossig in einer sonst gesichtslosen Landschaft.“

Kreativität, Produktion und Innovation stehen in dieser Geschichte für das Kranke, Bizarre. Es folgen detaillierte Beschreibungen dieser surrealen, oft schrecklichen Produkte, die der Rote Turm herstellt. Diese Produktneuheiten sind noch nie da gewesen, verfolgen keinen Zweck, für ihre Produktion scheint nur der Turm als Ganzes verantwortlich zu sein, und ihre Perversion dient nur dazu, die graue Einsamkeit der Nichtexistenz zu stören, die den Turm umgibt. Die Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit ist völlig irrelevant, die Artefakte verändern und erweitern sich ohne Grund und spontan, selbst die Maschinen scheinen mehr gewachsen als gemacht zu sein. Und so schrecklich diese schrecklichen Produkte auch sein mögen, die graue Landschaft, diese weite, seelenlose Ödnis, die den Turm umgibt, ist noch viel schlimmer.

Der Rote Turm ist eines jener Werke, um die sich keine Gattungsgrenzen ziehen lassen, weil es nur sich selbst zum Vorbild hat, und das auf unvergessliche Weise.

„Aus den frühesten Tagen der Menschheit hat die Überzeugung überdauert, dass es eine Seinsordnung gibt, die uns völlig fremd ist. Es scheint in der Tat so zu sein, dass die strikte Ordnung der sichtbaren Welt nur ein Schein ist, der gewisse grobe Materialien bereitstellt, die zur Basis für subtile ‚Improvisationen‘ unsichtbarer Kräfte werden. Aus diesem Grund mag es einem so erscheinen, als sei ein blattloser Baum nicht ein Baum, sondern ein Wegweiser zu einem anderen Bereich; als sei ein altes Haus nicht ein Haus, sondern ein Ding, das einen eigenen Willen besitzt! als würfen die Toten jenes schwere Laken aus Erde ab, damit sie umherwandeln können in ihrem Schlaf – und in unserem. Und dies sind nur wenige der unendlichen Variationen über die Themen der natürlichen Ordnung, wie sie üblicherweise begriffen wird. Aber gibt es ‚wirklich‘ eine fremde Welt? Natürlich. Gibt es also zwei Welten? Keineswegs. Es existiert nur unsere Welt, und sie allein ist uns fremd: eigentlich bloß wegen ihres Mangels an Geheimnissen.“(TG, S. 28; Das Tagebuch des J.P. Drapneau, Übers.: Michael Siefener)

Diese Aussage bringt Ligottis eigenes Anliegen auf den Punkt: Am Ende ist das Unwirkliche nicht der Ersatz für das Wirkliche, sondern die Umkehrung des Wirklichen von innen nach außen, um zu zeigen, dass die wirkliche Welt von Anfang an unwirklich war. Das Instrument dieser Verwandlung ist die Sprache.

Thomas Ligotti hat scheinbar mühelos einen sehr markanten und eigenwilligen Stil entwickelt, um die Existenz in einen Alptraum zu verwandeln.

Viele von Ligottis Werken könnten so bezeichnet werden: stilistisch verschlungene, mataphernreiche Prosagedichte, die zugleich eine alptraumhafte oder halluzinatorische Atmosphäre voller Unheimlichkeiten erzeugen. Die Handlung ist allenfalls zweitrangig, alles ordnet sich der Stimmung unter. Bei Ligotti findet sich auch viel von Algernon Blackwoods Erforschung der genauen psychologischen Wirkung des Unheimlichen auf das menschliche Bewusstsein.

Ligotti spricht viel über Stil und Sprache, in Essays, Interviews und in den Erzählungen selbst, und jedes seiner Werke ist mit makelloser Akribie geschrieben.

Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu „Echos aus dem Hades“

Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.

Mein Name ist Richard Gavin. Ich bin ein kanadischer Autor von Horrorgeschichten mit übersinnlichem Gehalt, und obwohl dies seit fast zwei Jahrzehnten meine Berufung ist, reicht meine Beziehung zum Horror noch weiter zurück, bis in meine prägenden Jahre. Ich hielt es für das Beste, diese ersten Ausgabe von “Echos aus dem Hades” erst einmal als eine Art Einführung vor diesem Hintergrund und einen Ausblick auf solche Themen zu verwenden.

Eine meiner ersten Erinnerungen an Filme ist Tod Brownings Version von Dracula aus dem Jahre 1931. Ich habe ihn damals im Nachmittagsfernsehen gesehen. Der Film hat mich unmittelbar und stark beeinflusst. Monster und das Makabre wurden schnell zu einer Konstante in meinem Leben. Und im Gegensatz zu so vielen Leidenschaften, die in der Kindheit zum Vorschein kommen, verlor der Horror für mich nie seinen Glanz.

Ich glaube nicht, dass ich unehrlich bin, wenn ich sage, dass mein junger Geist, wenn auch nur vage, intuitiv erkannt hat, dass das Grauen etwas Großartiges, etwas Wichtiges an sich hat. Das ganze Feld fühlte sich wie ein Eisberg an: Seine wahre Bedeutung befand sich unter der Oberfläche, brodelte irgendwo unter einer Latexverkleidung und einer gotischen Prosa.

Heute ist der Horror für mich immer noch so wichtig, dass ich das Wort immer mit einer Initiale schreibe, um es von den alltäglichen Empfindungen des Ekels und der Art und Weise des Boulevardjournalismus zu unterscheiden, in der das Gefühl des Grauens mit menschlicher Gräueltat gleichgesetzt wird. Denn während diese Tragödien der realen Welt eindeutig emotionalen Gehalt haben, lehne ich die Vorstellung ab, dass ein Interesse oder sogar eine Besessenheit für den Horror gleichbedeutend ist mit einer sabbernden Faszination für die unzähligen Grausamkeiten, die Menschen einander, Tieren oder dem Planeten selbst antun. Ich betrachte solche Dinge als Travestie und habe den Begriff des Horrors, ob zu Recht oder nicht, aus jeder Verbindung mit ihnen entfernt. Ich entscheide mich stattdessen dafür, den Begriff des Horrors sowohl als erhöhte emotionale Reaktion als auch als die Reize zu unterscheiden, die ihn hervorrufen; Reize, die künstlerisch, rituell, paranormal, philosophisch oder eine Kombination davon sein können.

Als ich mich durch die Adoleszenz bewegte, vertiefte sich mein Interesse am Horror nicht nur, sondern wurde noch vielfältiger. Ich begann, über die etwas engen Grenzen des Horror-als-Unterhaltung-Genres hinauszugehen und an den Rändern zu suchen, wo sich diese Kunstform mit Mythos, Religion und Philosophie überschneidet. Tatsächlich war ein Großteil meines Erwachsenenlebens zu gleichen Teilen mit dem Schreiben von originellen Horrorgeschichten und der Erforschung zeitloser Motive verbunden, die sich durch viele der beeindruckendsten und beständigsten Werke des Genres ziehen.

Die Entdeckung H. P. Lovecrafts war ein Wendepunkt für mich (was vermutlich auch auf viele andere Leser zutrifft). Im Gegensatz zu einigen der treuen Leser Lovecrafts begegnete ich seiner Fiktion jedoch nicht im “richtigen Alter”, nämlich von der späten Kindheit bis zur frühen Jugend. Obwohl ich viele der übernatürlichen Klassiker gelesen hatte, als ich in die High School kam, begegnete ich HPL irgendwie erst mit siebzehn Jahren, als ich zufällig auf eine Del Rey-Taschenbuchausgabe von “The Tomb and Other Tales” mit der auffälligen Michael Whelan-Cover-Illustration stieß.

Heute frage ich mich, ob meine, ähm … “Reife” mich vielleicht gegen den jugendlichen Fallstrick immunisiert hat, Lovecraft nur wegen seiner Monster zu bewundern oder wegen seiner scheinbar endlosen Faszination für alles, was grau und degeneriert ist. Denn was mich an der Arbeit des Mannes reizte, war der überirdische Schwung, der seine schönsten Erzählungen färbte.

Obwohl ich schon immer ein Interesse an dem hatte, was man als “Okkultismus” bezeichnen könnte, war es Lovecraft, der mir als wahres Portal diente und mein Interesse an den anspruchsvolleren Werken des Kosmismus, der Philosophie (sowohl der östlichen als auch der westlichen), der Anthropologie und der Magie weckte. Mein Studium in diesen Bereichen hat mein Verständnis und mein allgemeines Interesse am Horror verfeinert, was mich zur Existenzberechtigung dieser Kolumne bringt:

Meiner bescheidenen Meinung nach sind einige der Erklärungen über das Warum und Weshalb des Horrors unbefriedigend. Zum Beispiel ist die oft beschworene Analogie, dass der Horror einer Achterbahnfahrt gleicht, eine der oberflächlichsten und unzugänglichsten Erklärungen der ganzen Populärkultur. Sie suggeriert, dass ein flüchtiger viszeraler Nervenkitzel die primäre Tugend des Genres ist, dass seine Wirkung nur so lange dauert wie die Betrachtung oder Lesung. Ich vermute, dass die Wurzeln dessen, was wir Horror nennen – sowohl die Emotion als auch die Kraft, die sie hervorbringt – viel tiefer liegen. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass sie eine Ligatur bilden, die uns mit der ursprünglichen Ebenen des Seins verbindet.

Der Horror ist das Drama des Abgrunds, das Kino der Wahrheit des Unterbewusstseins. Es ist der zum Ausdruck gebrachte Alptraum, der aus dem brodelnden Sumpf der unlogischen Handlung und der Tabuform herausgerissen und mit Leben erfüllt wird. Es ist das Genre, dessen Wesen unsere vorgefassten Wirklichkeitskonstruktionen erschüttert.

Aus diesem Grund erscheint es bestenfalls unangemessen, den Horror einfach als “Unterhaltung” zu bezeichnen. Das soll natürlich nicht heißen, dass Horror nicht auch Spaß machen kann. Er ist oft ungemein unterhaltsam. (Ich habe die Freude über Lucio Fulcis Über dem Jenseits oder Dan O’Bannons Verdammt, die Zombies kommen noch nicht abgelegt). Allerdings scheint mir, dass die starke Kraft der Motive dieses Genres in eine andere Klasse einzuordnen sind als die Medien, die sich darauf ausgerichtet haben, eine gewisse geistlose Ablenkung von den Gepflogenheiten der Welt zu bieten. Darüber hinaus steigert das Nachdenken über den Horror oft die Freude an der Erfahrung, anstatt sie mit akademischen Wortgefechten trocken zu legen.

Wenn überhaupt, dann wirft der Horror, selbst in seiner lächerlichsten Form, ein grelles Schlaglicht auf den menschlichen Zustand.

Der Bezug dieser Kolumne auf den Hades ist aus verschiedenen Gründen bedeutsam. Hades war natürlich der griechische Gott der Unterwelt und auch der Name der Unterwelt selbst. Aber die griechische Unterwelt mit dem christlichen Konzept der Hölle gleichzusetzen, wäre falsch. Für die Griechen war die Unterwelt kein Ort der höllischen Qualen, sondern ein Reich von außerweltlichen Bildern und tiefen Schatten. Sie war die Domäne der Toten, deren fleischlose Schatten sich schnell und seltsam bewegten.

Wer sich mit einer mythischen Theorie nicht wohlfühlt, braucht sich nicht zu winden: Die Jungsche Psychologie trifft auf meine Belange ebenso gut zu. Denn wie C. G. Jung selbst in Psychologie & Alchemie schrieb:

“Die Furcht und der Widerstand, den jeder normale Mensch erfährt, wenn er zu tief in sich selbst eindringt, ist im Grunde die Angst vor der Reise in den Hades.”

In den kommenden Monaten hoffe ich, dass wir in dieser Kolumne gemeinsam diesen Abstieg schaffen können, indem wir die dunklen Echos beachten, die aus den tiefsten Winkeln unseres Selbst aufsteigen, aus jener chaotischen Sphäre, die gegen den ruhigen Rhythmus des materiellen Fortschritts und der Höflichkeit anbrandet.

Ich freue mich darauf, die Reise mit Ihnen zu unternehmen.