Spirou – Der Page im roten Kostüm

Rob-Vel

Die Figur des Spirou wurde erstmals 1938 von dem Künstler François Robert Velter (besser bekannt unter seinem Pseudonym „Rob-Vel“) gezeichnet. In dem phantasievollen ersten Comic läuft Spirou buchstäblich vom Blatt, als er auf eine Stellenanzeige als Page antwortet. (Im Laufe der Zeit wechselte Spirou den Beruf und wurde Reporter, aber seine kultige rote Pagenuniform legte er nie ab.) Velters Comics über Spirou und sein Eichhörnchen Pips konzentrierten sich im Allgemeinen auf alberne Gags und verzichteten auf ernsthafte Dramen. Sie erwiesen sich als recht populär, und der Verlag Dupuis bekundete Interesse, die Comics herauszugeben. Für die damalige Zeit ungewöhnlich, verkaufte Velter die Rechte an den Figuren, so dass seither andere Geschichten für Spirou schreiben und zeichnen konnten – und es auch taten! Bis heute haben sich mehr als 20 Autoren und Künstler daran versucht. Am bekanntesten sind André Franquin (der den Comic von 1947 bis 1969 führte) und das Team Philippe ‚Tome‘ Vandevelde und Jean-Richard.

Spirou: Die Goldene Ära unter Franquin

Pips, Spirou
Pips, Spirou, Fantsio, und das Marsupilami

Als Franquin den Comic Ende der 1940er Jahre von Joseph („Jijé“) Gillain übernahm, begann er, längere Geschichten zu entwickeln. Jijé hatte die Figur von Spirous bestem Freund Fantasio eingeführt, aber Franquin erweiterte das Spirou-Universum beträchtlich. Neben dem aufbrausenden Fantasio führte er den exzentrischen Wissenschaftler Graf von Rummelsdorf, die abenteuerlustige Reporterin Steffani und – am bekanntesten – das langschwänzige, tigerähnliche Dschungeltier Marsupilami ein.

Nach 20 Comic-Alben (oder 21, je nachdem, wie man zählt) trennte sich Franquin 1969 von Spirou und Fantasio. Die beiden folgenden Epochen haben zwar ihre Fans, sind aber bei weitem nicht so beliebt wie die von Franquin. Jean-Claude Fournier, der die Nachfolge des Meisters antrat, versuchte, den Comic zu modernisieren, indem er in einigen Geschichten die Politik aus dem Hintergrund ins Zentrum rückte. Aber erst als Tome und Janry 1984 begannen, die Serie zu schreiben und zu illustrieren, erlebte der Comic eine Renaissance.

Spirou: Die silberne Ära

Die Comics von Tome/Janry sind zwar stark von Franquins Kunst und Geschichten beeinflusst, haben aber ihre eigene, unverwechselbare Persönlichkeit. Die Geschichten sind etwas kompakter (im Allgemeinen 45 Seiten statt der bei Franquin üblichen 65), und diese Comics haben eine gewisse Schärfe, die Franquins Werke nicht haben. Sie sind immer noch sehr unterhaltsam, aber schon ihr erstes Werk, Das geheimnisvolle Virus von 1984, befasst sich mit biologischer Kriegsführung, wenn auch auf komische Weise. Janrys Kunst steht eindeutig in der Tradition von Franquin, aber sie ist irgendwie „kratziger“ und besitzt eine gewisse Erdigkeit. Außerdem ist sie detaillierter als in den älteren Comics, mit liebevoll gestalteten Hintergründen.

Spirou von Velter
Das klassische Original von Velter

In der Hauptserie entwickelten die Geschichten von Tome und Janry einen gewissen Biss. Mit der Zeit begannen sie, den Comic an seine Grenzen zu treiben, indem sie ungewöhnliche Erzähltechniken einsetzten und die Figuren in seltsame neue Situationen brachten. 1998 erschien Machine qui rêve („Jagd auf Spirou“), das heftig kritisiert wurde, weil es düster war und sich von den traditionellen Comics von Spirou und Fantasio unterschied. Autor und Zeichner beschlossen, sich aus der Serie zurückzuziehen und sich auf Young Spirou zu konzentrieren.

Kampf um Erfolg

Seither kämpft der Comic darum, die Qualität und Popularität seiner goldenen Ära unter Franquin und seiner silbernen Ära unter Tome und Janry wiederzuerlangen. Autoren und Zeichner haben ihr Bestes gegeben, aber keiner hat die Serie länger als fünf Titel geleitet.

Doch zurück zum goldenen Zeitalter von Spirou und Fantasio, dem Werk von Franquin. Leser, die mit Tim und Struppi aufgewachsen sind, werden an diesen Comic-Heften ihre helle Freude haben. Jeder Band erzählt eine relativ abgeschlossene Geschichte über die Abenteuer von Spirou und Fantasio. Jede Geschichte ist ein Wirbelwind von Spaß. Die Situationen sind phantasievoll. Die Figuren sind oft komisch, aber auf ihre überlebensgroße Art realistisch. Die Zeichnungen (im Ligne-Claire-Stil, der von Hergé, dem Erfinder von Tim und Struppi, eingeführt wurde) entführen den Leser in eine wunderbare Comicwelt.

Was passiert in den Geschichten?

Zauberer von Rummelsdorf
Carlsen

Doch was passiert in Franquins Geschichten? Meistens geraten die beiden Protagonisten selbst oder einer ihrer Freunde in Schwierigkeiten (zum Beispiel wird ihr tierischer Freund, das Marsupilami, entführt oder jemand, der Fantasio zum Verwechseln ähnlich sieht, begeht ein Verbrechen) und müssen das Problem lösen. Dabei hilft ihnen oft der Graf von Rummelsdorf, eine Figur mit weißen Haaren, die ständig neue fantastische Erfindungen macht. Diese Erfindungen sind oft sehr phantasievoll und es macht Spaß zu sehen, wie sie in den Geschichten eingesetzt werden. Die Reporterin Steffani taucht gelegentlich auf und stiehlt, wenn sie denn auftaucht, jedem die Show. Fantasios Rivalität mit ihr ist urkomisch, und es ist schwer, sich nicht zu wünschen, dass sie ein festerer Bestandteil des Teams wäre, da sie nur in einer Handvoll von Franquins Geschichten vorkommt.

In einigen Geschichten werden die Konflikte durch die Handlungen der Protagonisten oder ihrer Freunde ausgelöst, z. B. wenn der Graf ein in der Tundra gefrorenes Dinosaurierei entdeckt und ausbrütet, was zu einer wilden Situation führt, in der ein Dinosaurier durch eine französische Kleinstadt stolpert. 

Poison Ivy – Die Frau, die die Natur zur Waffe machte

Batman #181
Batman #181

Es gibt Comicfiguren, die aus dem Zeitgeist heraus geboren werden und für immer in ihm stecken bleiben. Und dann gibt es Poison Ivy. Als Robert Kanigher und der Zeichner Sheldon Moldoff die Figur im Juni 1966 für Batman #181 erschufen, dachten sie vermutlich nicht daran, eine der komplexesten Figuren der DC-Geschichte zu erschaffen. Ihr Ziel war bodenständiger: Sie wollten dem immer erfolgreicher werdenden Batman-Franchise mit einer neuen weiblichen Schurkin frischen Wind geben. Dabei ließen sie sich, so geht die Überlieferung, von Bettie Page und dem Stummfilm-Vamp Theda Bara inspirieren. Kanigher war kein unbekannter Name im Comicbusiness. Er hatte Wonder Woman durch die 1950er- und frühen 1960er-Jahre gesteuert, die Metal Men miterfunden und verfügte über einen Instinkt für Figuren, die sich im Gedächtnis festsetzen.

Der erste Auftritt von Pamela Isley alias Poison Ivy war im besten Sinne des Wortes ein Debüt mit Krawall: Sie erschien auf dem Cover in einer knappen Kostümierung aus Blättern und behauptete auf Anhieb, die gefährlichste Verbrecherin der Welt zu sein. Das war mehr Versprechen als Substanz – der Silver-Age-Comic war noch ein Medium der schnellen, bunten Idee, weniger der Tiefenpsychologie. Dennoch steckte in dieser ersten Skizze einer Figur bereits das Potential, das spätere Autoren erst Jahrzehnte später vollständig ausschöpfen sollten.

Hintergrund

Kanigher, Moldoff – und wer danach kam

Robert Kanigher autor

Profiliertester DC-Autor seiner Ära. Erfand neben Poison Ivy auch Black Canary (Co-Creator), Metal Men und Sgt. Rock. Bekannt für seinen schnellen, instinktiven Schreibstil und Figuren mit starkem Wiedererkennungswert.

Sheldon Moldoff zeichner

Langjähriger Batman-Ghost-Zeichner für Bob Kane. Sein Stil prägte das visuell ikonische Design Ivys: das rote Haar, das Blätterkleid, die betont weibliche Silhouette im Kontext des Silver Age.

Bettie Page

Was an der Entstehungsgeschichte von Poison Ivy besonders interessant ist: Moldoff arbeitete jahrelang als Ghost-Artist für Bob Kane – er zeichnete Batman-Comics, die Kane dann offiziell als sein Werk ausgab. Dieses für die frühe Comicbranche typische Ghosting-System bedeutet, dass Moldoff weit mehr zur visuellen Sprache von Gotham City beitrug, als er zu Lebzeiten Anerkennung dafür erhielt. Poison Ivy ist damit auch ein Stück versteckter Comicgeschichte.

Die eigentliche Transformation der Figur begann jedoch erst mit Neil Gaiman, der 1988 in Secret Origins Special #1 eine Herkunftsgeschichte für Ivy schrieb, die zum Fundament aller späteren Interpretationen werden sollte. Gaiman gab Pamela Isley eine Vergangenheit als Botanikstudentin, eine Traumatisierung durch einen skrupellosen Professor, und damit eine psychologische Tiefe, die aus dem Silver-Age-Vamp eine tragische Figur machte. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Poison Ivy, die heute als queere Ikone, Umweltaktivistin und emotionaler Anker einer Superheldinnen-Ehe gilt, zu einem erheblichen Teil auf diesen wenigen Seiten Gaimans aufbaut.

Die Pflanze als Weltanschauung

Was Poison Ivy von den meisten Schurken – und später Antihelden – des DC-Universums unterscheidet, ist die philosophische Kohärenz ihrer Motivation. Batman kämpft gegen das Böse, weil er Trauma erlitten hat. Der Joker sät Chaos, weil er das Chaos liebt. Poison Ivy hingegen handelt aus einer ausformulierten Weltanschauung heraus: Die Menschheit ist eine parasitäre Spezies, die das planetarische Gleichgewicht zerstört. Die Pflanzen, mit denen sie kommuniziert und die sie als ihr Volk betrachtet, sind die eigentlichen Opfer der Zivilisation.

Ivy ist die einzige Figur im Batman-Kosmos, deren Schurkenschaft sich aus einer legitimen ökologischen Prämisse speist – und deren Argumentation mit jedem Jahrzehnt schlüssiger wird.

Das macht sie zu einer Figur, deren moralische Position sich mit dem gesellschaftlichen Diskurs verschoben hat. In den 1980ern war die Umweltschutzdebatte Randthema. Heute, im Zeitalter von Klimakrisen und Artensterben, klingt Ivys radikaler Biozentrismus weniger wahnsinnig als unbequem treffsicher. Die besten Autorinnen und Autoren der letzten Jahre haben genau dieses Unbehagen produktiv gemacht: Ivy als Figur, der man intellektuell folgen kann, während man ihre Methoden (vielleicht) ablehnt.

Ihre Verbindung zu The Green (Das Grün) – dem mystischen Lebensfluss aller Pflanzenwesen im DC-Universum, aus dem auch Swamp Thing seine Kräfte schöpft – verleiht ihr eine kosmische Dimension. Ivy ist damit mehr als eine Botanikschurkin: Sie ist eine Priesterin eines alten, grünen Bewusstseins, das die Erde lange vor den Menschen kannte und das die Menschen wahrscheinlich überleben wird. In den Händen eines sensiblen Autors ist das Material für Tragödie und Mythos zugleich.

Eine der bedeutendsten Liebesgeschichten des Comics

Es gibt kaum einen anderen Fall in der Comicgeschichte, der so deutlich zeigt, wie Beziehungen zwischen Figuren eine völlig eigene Dynamik entwickeln können, die ihre Schöpfer nicht vorhergesehen haben. Als Paul Dini und Bruce Timm für Batman: The Animated Series Harley Quinn erfanden und die Figur in eine freundschaftliche Verbindung zu Poison Ivy setzten, schufen sie damit fast beiläufig das wohl wichtigste queere Paar der Superhelden-Comicgeschichte.

Was als Buddy-Duo begann, eines, das die zerstörerische Harley erdet und Ivy die menschliche Wärme zurückgibt, die sie hinter ihrem Pflanzenmantras vergraben hat, wurde über Jahrzehnte hinweg von Fans als romantische Verbindung gelesen. Die Comicbranche reagierte, langsam zunächst, dann mit zunehmender Deutlichkeit. 2019 bestätigte DC offiziell den romantischen Charakter der Beziehung. In der animierten Harley Quinn-Serie (2019) wurde daraus eine vollwertige, differenziert erzählte Liebesbeziehung, 2022 sogar eine Verlobung und Ehe.

Ivy und Harley, DC

Anekdote

Was diese Beziehung so bemerkenswert macht, ist ihre narrative Funktion für beide Figuren. Harley Quinn, die im Schatten des Jokers und seiner toxischen Obsession gefangen war, findet in Ivy eine Gegenliebe, die auf Gleichwertigkeit beruht. Und Ivy, die sich aus der Menschenwelt zurückgezogen hatte, kehrt durch Harley in eine Verbindung zurück, die sie in ihrer Kälte und Radikalität mildert, ohne sie zu kompromittieren. Es ist keine Erlösungsgeschichte. Es ist eine Liebesgeschichte unter gleichwertigen Komplizinnen.

Ikone, Projektionsfläche, Zeitgeist-Barometer

Poison Ivy ist seit den späten 1980ern eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Debatten – über Umwelt, über weibliche Macht, über Queerness, über die Legitimität von Radikalismus im Dienst einer gerechten Sache. Das ist ungewöhnlich für eine Comicfigur, die ursprünglich als Verführungsklischee konzipiert wurde. Es spricht für die Vitalität des Mediums, dass Ivy diese Transformation durchlaufen konnte.

In feministischen Comicdiskursen taucht sie regelmäßig als Beispiel für eine Figur auf, die sich von einem Entwurf aus männlicher Perspektive zu einer echten Protagonistin ihrer eigenen Geschichte entwickelt hat. Die Herausforderung für Zeichner und Zeichnerinnen besteht bis heute darin, Ivys körperliche Präsenz, die im Design von Anfang an verankert ist, mit einer Würde zu zeigen, die über das rein Dekorative hinausgeht. Die besten Arbeiten, darunter Mikel Janins Zeichnungen in Tom Kings Batman-Run oder Robson Rochas Panels in neueren Solocomics, gelingt dies durch eine Körpersprache, die Macht statt Verfügbarkeit ausstrahlt.

Uma Thurmans Darstellung in Batman & Robin (1997) ist ein eigenes Kapitel: In einem Film, der heute als cineastischer Tiefpunkt gilt, lieferte Thurman eine Performance ab, die den Vamp-Charakter der Figur vollständig verstand und ihn mit vollem Bewusstsein zelebrierte. Ivys Bühnenauftritt mit Gorilla-Kostüm und ihrer zutiefst verderbten Verführungsrede ist einer der wenigen Momente des Films, der sich einer Neubewertung als absurder Kunst nicht verweigert.

Das grüne Versprechen

Poison Ivy verdient ihren Platz in der ersten Reihe der DC-Figuren – trotz, oder vielleicht gerade wegen, ihrer komplizierter gewordenen Moralität. Sie ist ein Beweis dafür, dass Comicfiguren wachsen können. Sie können die Ideen ihrer Zeit aufnehmen, destillieren und als etwas zurückgeben, das mehr trifft als jeder Leitartikel. Eine Botanikwissenschaftlerin, die mit Pflanzen spricht, die Gotham City mit Ranken überwuchert, die Batman in die toxischste aller Romanzen verstrickt – und die am Ende die ruhige Stärke einer Frau zeigt, die weiß, auf welcher Seite der Geschichte sie steht.

Robert Kanigher wollte 1966 nur eine neue Schurkin. Was er lostrat, war einer der beständigsten Charaktere des amerikanischen Comics. Und die Geschichte ist noch lange nicht ausgewachsen.

Nachtrag des Autors: Besonders am Herzen liegt mir dabei die These, die ich im vierten Abschnitt ausarbeite: Ivy ist die einzige Schurkin im Batman-Kosmos, deren Argumentation mit jeder vergangenen Dekade an Plausibilität gewinnt – weil die Wirklichkeit ihr langsam recht gibt. Das macht sie zu einer der interessantesten Figuren, die das Medium je hervorgebracht hat.

Die Mumie. Eine vergessene Kreatur

Wenn man an klassische Monster denkt, fallen einem sofort einige ein. Dracula, Frankenstein, der Wolfsmensch. Die Mumie ist immer dabei, aber irgendwie abseits. Wie das Ungeheuer aus der Schwarzen Lagune spielt auch die Mumie im Universal-Pantheon eher eine Nebenrolle. Sie hatte sowohl in der klassischen Universal- als auch in der Hammer-Ära ihr eigenes Franchise. Aber das war sozusagen ihre Blütezeit. Seitdem humpelt die Mumie vor sich hin.

Genrewechsel

© Universal Picture

Tatsächlich musste sie das Genre wechseln, um am Leben zu bleiben. Die meisten Horrorkreaturen haben schon das eine oder andere Genre gekreuzt, sei es in den witzigen Zeitreise-Possen von Frankenstein Unbound oder den Goonies-artigen Abenteuern von Monster Busters. Aber wenn es um die Mumie geht, so scheint dieses Monster tatsächlich vom Horror- ins Action-Genre gewechselt zu sein, nur um sich über Wasser zu halten. Und wenn ich meine Mumien auf diese Weise bekommen muss, dann soll es so sein. Aber um ehrlich zu sein, ich vermisse die einfacheren Zeiten, in denen eine Mumie einfach nur eine watschelnde, vertrocknete Leiche war.

Für viele Leute ist das nicht besonders attraktiv. Aber ich konnte als Kind nicht genug davon bekommen. Genau wie Werwölfe brauchte ich Mumien, um mich richtig unbehaglich zu fühlen. Ich war und bin immer noch auf der Suche nach dem einen Film, der genau das trifft, was eine böse, untote Mumie ausmacht.

Der Klassiker

Jack Pierce verlieh der Mumie 1932 ein unschlagbares Aussehen. Das Make-up, das er für Boris Karloff kreierte, dauerte Stunden, aber das Ergebnis war verblüffend. Natürlich ist die Mumie nur ein paar Sekunden auf der Leinwand zu sehen, bevor Imhotep wieder jünger aussieht. Das war ein weiterer frustrierender Aspekt von Mumien für mich, besonders als Kind. Ich wollte gruselige Leichen, die in Bandagen eingewickelt sind, aber in manchen Filmen werden sie nur für ein oder zwei Minuten gezeigt, bevor die Leiche wieder wie ein normaler Mensch aussieht.

In Universals Originalfilm Die Mumie ist die Titelfigur ebenso großartig wie andere klassische Monster. Imhotep hat sich in eine neue Welt verirrt, seine ganze Zivilisation ist längst tot und wird aus Profitgründen ausgegraben und für Menschen ausgestellt, die er nicht als seine eigenen erkennt. Eine tragische Liebesgeschichte. Eine zum Scheitern verurteilte Reinkarnationsgeschichte, die ironischerweise die Zukunft der Dracula-Filme mehr prägte als die der Mumienfilme. Der Film ist einer der zögerlichen Einträge im Kanon der klassischen Monsterfilme, aber ich schätze ihn heute mehr als in meiner Kindheit. Die Idee der Mumie als gruselige, schlurfende, mörderische Leiche kam erst auf, als Universal mit den Fortsetzungen begann.

Hammer-Horror

Deshalb liebte ich Hammers Die Rache der Pharaonen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Peter Cushing spielt einen anderen Van Helsing, der gegen die Mumie von Christopher Lee kämpft. Was mir an Lees Darstellung dieses Monsters besonders gefällt, ist, dass man von ihm nur die Augen sieht. Die meiste Zeit über schleicht er schweigend herum und ist schweigsam. Damit hat er die Rolle eines Vorläufers der wortlosen Slasher der 80er Jahre gespielt.

Aber diese Augen sind so ausdrucksstark und voller Qual. Zweifellos liegt das zum Teil daran, dass das Make-up so gut eingesetzt wurde. Auf jeden Fall funktioniert es.

In Filmen wie Der Fluch der Mumie und Das Grab der blutigen Mumie spielte die Mumie weiterhin eine wichtige Rolle in der Hammer-Monsterserie. Letzterer ist meiner Meinung nach der beste dieser Filme, der auf Bram Stokers Roman Das Juwel der sieben Sterne basiert. Valerie Leon gibt eine der ersten weiblichen Mumien des Kinos, die sowohl Königin Tera als auch ihre Reinkarnation Margaret Fuchs spielt.

Zu dieser Zeit, in den 1970er Jahren, waren die Mumien bereits wieder in Vergessenheit geraten, zumindest als Filmmonster. Sie tauchten in anderen Fernsehfilmen und Anthologieserien auf, bis Universal in den 1990er Jahren begann, einen Neustart für die große Leinwand zu planen. Unter Beteiligung von Regisseuren wie George Romero und Clive Barker entwickelte sich das Projekt schließlich vom Horrorfilm zu einem weitaus zugänglicheren Action-/Abenteuerfilm. Der Rest ist Geschichte.

Der Reiz der Mumie

Aber was macht eigentlich den Reiz der Mumie aus? Diese Frage scheinen sich viele Horrorfans immer wieder zu stellen, denn es ist schwer, Leute zu finden, die sie zu ihren Lieblingsmonstern zählen. Für mich ist die Mumie jedoch eine Kreatur, die so viel Potenzial hat, das auf der Leinwand noch nicht ausgeschöpft wurde.

Erstens spricht sie Zombie-Fans an und so ziemlich jeden, der sich für besondere Make-up-Effekte interessiert. Wenn man es richtig macht, sehen Mumien cool aus.

Das hat mich als Kind zuerst begeistert. Ich fand das so cool. Wenn es um Zombies geht, vor allem als Kind, ist es ganz natürlich, dass man sich zu den ekligeren, verwesenden Untoten hingezogen fühlt. Das ikonische Plakat für Fulcis Zombie kommt einem sofort in den Sinn, genauso wie Tarman in Die Rückkehr der lebenden Toten.

Das sind die Zombies, die viele Fans sofort als ihre Lieblinge ansehen.

Mumien bieten uns etwas Ähnliches. Sie sind schon lange tot, sehen modrig und verwest aus, sind im Grunde Skelette mit Fleischresten, die noch an den Knochen hängen. Aber sie sind auch einige der einzigen Horrormonster, die uns ein faszinierendes Make-up bieten und gleichzeitig einen Hauch von Geheimnis vermitteln.

Immerhin sind sie bandagiert

Meistens sieht man nur Bruchstücke von dem, was wirklich unter der Mumie vor sich geht. Auch hier denke ich, dass die Mumie ein Vorläufer – in gewisser Weise ein Urahn – des klassischen Slasher-Bösewichts ist. Und ich denke, man kann eine direkte Verbindung herstellen zwischen dem bandagierten Gesicht einer verwesenden Mumie und der rituellen Demaskierung von Jason Voorhees am Ende einer jeden Folge Freitag, der 13.

Die Mumie hat auch eine andere Folklore und eine andere Geschichte als jedes klassische Wesen. Vampire und Werwölfe haben ihre eigene Mythologie, aber die Mumie ist das Tor zu den Mythen und Legenden einer ganzen Zivilisation, ja sogar zu ihrer Geschichte. Nachdem ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte, begann ich mich für die ägyptische Mythologie zu interessieren, und ich glaube, dass nur wenige Horrorfilme – selbst die Klassiker – eine solche Wirkung haben.

Obwohl er nicht mein Favorit unter den Universal-Monsterfilmen war, interessierte er mich so sehr, dass ich anfing, die Bräuche und Legenden zu erforschen, von denen der Film handelte. Dabei stellt man fast immer fest, wie ungenau die meisten dieser Geschichten sind, aber das kann eben auch Spaß machen

Zombies sind unheimlich, weil sie in der Überzahl sind. Nicht ein Zombie macht Angst, sondern Hunderte. Mumien mögen auf den ersten Blick langsam und wenig einschüchternd wirken, aber sie sind eindeutig übernatürlich und mehr als nur wiederauferstandene Leichen. In gewisser Weise sind sie das fehlende Glied zwischen einem Zombie und einer Hexe. Eine Mumie wird in der Regel so dargestellt, als besäße sie magische Kräfte. Selbst wenn das nicht der Fall ist, wird sie von jemand anderem beschworen. Auf jeden Fall sind sie Kreaturen, die auf Magie angewiesen sind. Einer der Gründe, warum sie in Action- und Fantasyfilmen auftauchen, ist, dass man nur so eine Vorstellung davon bekommt, welche Kräfte (von Stürmen bis hin zu Seuchen) eine Mumie technisch entfesseln kann.