Bilbo Beutlin – Hin und wieder zurück

Man könnte aus Tolkiens Kosmos sehr viele Heldenfiguren aufführen, die sich in die populäre Kultur eingeschrieben haben (und ich bin mir sicher, der ein oder andere wird auch noch auftauchen), allerdings stellt sich die Frage nach jener Figur, die auf einer Liste wie dieser unentbehrlich ist. Gandalf zum Beispiel ist nicht der Prototyp der weisen, väterlichen Zauberer des Fantasy-Genres, er hat seine Quelle in Merlin. Mit Bilbo allerdings schuf Tolkien den Vertreter einer Rasse, die völlig originell zu nennen ist.

Bilbo Beutlin, der Protagonist in Der kleine Hobbit, gehört einer Rasse von bartlosen Kreaturen an, die etwa halb so groß sind wie Menschen und haarige Füße haben. Er lebt in einer unbestimmten Zeit (im Buch dem Dritten Zeitalter), die gleichzeitig uralt und doch der viktorianischen Zeit sehr ähnlich ist mit ihren gemütlichen häuslichen Routinen. Wie die meisten Hobbits liebt Bilbo den Komfort von Haus und Herd: Er liebt gutes, einfaches Essen im Überfluss, und er liebt seine Pfeife und seine gut ausgestattete Hobbithöhle.

Bilbo Beutlin

Obwohl alle Versuche, das Auenland als Tolkiens Erinnerungen an seine Kindheit in Sarehole bei Birmingham festzulegen, scheiterten, bildete dieser Landstrich nach eigenem Bekunden die Grundlage für Bilbos grüne Heimat. Oft wird das Auenland als idealisierte Form eines vorindustriellen (und damit in den Augen von Tolkien vorzeitlichen) England angesehen. Tolkien selbst erzählte seinen Verlegern, dass seine Darstellung mehr oder weniger einem Warwickshire-Dorf aus der Zeit von Queen Victorias Herrschaft entspricht.

Das Buch beginnt damit, dass Bilbo eines Morgens vor seinem Haus eine Pfeife raucht; kurz darauf serviert er dreizehn Zwergen „High Tea“, darunter Kaffee, Kuchen, Kekse, Marmelade, Torte und Pasteten. Erinnerungen an diese Art von einfacher englischer Küche folgen Bilbo während den gesamten Schwierigkeiten seiner Reise, wo er oft Hunger leidet. Diese Erinnerungen repräsentieren das, was Heimat für ihn bedeutet. Bilbo ist durchaus auch anspruchsvoll: Er mag das Chaos, das die Zwerge in seinem Haus verursachen, nicht, und obwohl er von Gandalf zu einem dramatischen Abenteuer eingeladen wird, kehrt er in Kapitel 2 beinahe nach Hause zurück, weil er seine Taschentücher und seine Pfeife vergessen hat.

Bilbo ist aufgerufen, mehr zu tun, als er für sich für möglich hält. Er reist nicht gerne und bevorzugt die Sicherheit seiner Hobbithöhle, aber er hat eben auch von der Seite seiner Mutter, den Tuks, eine Spur von Abenteuerlust geerbt. Die abenteuerlustige Tuk-Seite und seine bequeme Beutlin-Seite stehen während des Großteils der Geschichte miteinander in Konflikt. In der ersten Hälfte des Buches ist er oft unglücklich und ziemlich feige. Er bekommt einen Anfall, als er sich gezwungen sieht, sich Gandalf und den Zwergen anzuschließen, und später muss er von Dori getragen werden, als sie den Goblins entkommen. Angesichts der Schwierigkeiten hat er oft Angst und träumt ständig von Speck und Eiern und wünscht sich zurück nach Hause. In Kapitel 2 wird er dabei erwischt, wie er versucht, die Trolle zu bestehlen.

Und doch zeigt Bilbo bald Anzeichen von Einfallsreichtum. Er nimmt den Schlüssel zur geheimen Höhle der Trolle und versorgt sich so mit einem Schwert aus deren Lager. Obwohl Gandalf ihn und die Zwerge in Kapitel 4 vor den Goblins retten muss, findet Bilbo im nächsten Kapitel den Ring, der ihn unsichtbar macht, und beweist im Austausch von Rätseln seine Konkurrenzfähigkeit mit Gollum. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Bilbo sich dem Impuls widersetzt, Gollum in Kapitel 5 zu töten, weil er denkt, dass dies unfair wäre: Gollum ist unbewaffnet, während Bilbo unsichtbar und bewaffnet ist. Bilbo wird daher nicht nur als klug, sondern auch als ethisch dargestellt. Dies spiegelt sich in der wachsenden Achtung der Zwerge vor ihm in Kapitel 6 wider.

In Kapitel 8, als Bilbo sein Schwert benutzt, um sich aus dem Spinnennetz zu befreien, wird beschrieben, dass er sich selbst gegenüber ein anders Gefühl bekommen hat, dass sein Selbstbewusstsein wächst. An dieser Stelle gibt er seinem Schwert einen Namen, wie es viele legendäre Helden getan haben, und es ist klar, dass in ihm die Qualitäten von Heldentum und Führungsgeist heranreifen. In Kapitel 9 zeigt er Tapferkeit und Intelligenz bei der Ausarbeitung des Plans für die Flucht mit den Zwergen nach Esgaroth; Gandalf ist gegangen und ihr Schicksal liegt in Bilbos Händen. Schließlich ist es in Kapitel 12 nur Bilbo, der in die Drachenhöhle von Smaug hinabsteigt – nachdem er zuerst entdeckt hat, wie man mit Thorins Schlüssel die Tür zum Einsamen Berg öffnet – und einen Becher und den Arkenstein aus dem Hort stiehlt. Er zeigt extreme Tapferkeit, weil er Smaug wirklich nicht reizen will, aber er geht trotzdem. Auch entdeckt er Smaugs verletzliche Stelle, wo er schließlich von Bards Pfeil tödlich getroffen wird.

Nach der Schlacht der fünf Armeen kehrt Bilbo jedoch zu seiner Hobbithöhle zurück und zu einem Leben, das demjenigen, das er verlassen hat, sehr ähnlich ist – mit einigen wichtigen Unterschieden. Er hat mehr Geld, nachdem er einen Teil von Smaugs Hort erhalten hat, und sein Leben nach seiner Rückkehr gestaltet sich etwas exzentrischer als vorher, es ist ein viel mehr von den Tuks geprägtes Leben.

Die Geschichte der Vampire

Wir wissen, dass 1732 das Annus Mirabilis des Vampirs war. In diesem Jahr wurden 12 Bücher und 4 Dissertationen zu diesem Thema veröffentlicht. Laut dem Gothic-Experten Roger Luckhurst taucht der Begriff „Vampir“ in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Archäologische Funde ungewöhnlicher Bestattungen in Europa in den letzten Jahren legen jedoch nahe, dass der Glaube an Vampirismus und Wiedergänger die Menschen schon vor 1500 beschäftigte.

So wird auf einem alten Friedhof in Kamien Pomorski in Polen die Leiche eines 500 Jahre alten „Vampirs“ ausgestellt. Die 2015 entdeckte Vampirleiche wurde in der Weltpresse ausführlich beschrieben. Archäologen bestätigten, dass sie einen Pfahl im Bein hatte (vermutlich um zu verhindern, dass sie ihren Sarg verließ) und einen Stein im Mund (um zu verhindern, dass sie Blut saugte). Noch ältere Bestattungen dieser Art wurden in bulgarischen Dörfern gefunden.

Vampire verkörpern seit jeher die menschliche Angst vor dem Tod. Die Spuren, die diese mythische Gestalt in unserer kollektiven Vorstellungswelt hinterlassen hat, lassen sich über Jahrhunderte bis in den Nahen Osten und nach Südasien zurückverfolgen. Im babylonischen Epos Gilgamesch, genauer gesagt auf der sechsten Tafel, die der Göttin Ischtar gewidmet ist, wird ein Wesen beschrieben, das „fähig ist, anderen das Leben zu nehmen, um sein eigenes zu retten“. Es gibt auch alte griechische Bauernlegenden über Männer und Frauen, die Blut trinken, um jung zu bleiben, und über umherirrende Geister, die große Mengen Blut von den Lebenden trinken, um ihre menschliche Gestalt wiederzuerlangen.

Aber all diese Beispiele sind nur Schatten, die sich im Laufe der Jahrhunderte ansammeln mussten, um dem Vampir eine Gestalt und eine Mythologie zu geben. Es ist offensichtlich, dass schon lange vor dem Mittelalter in weiten Teilen Europas an eine Form des Vampirs geglaubt wurde. Doch erst 1819, als der erste fiktive Vampir, der satanische Lord Ruthven, in einer Erzählung von John Polidori auftaucht, hinterlässt der verführerische romantische Vampir seine Visitenkarte in der feinen Londoner Gesellschaft. Wie hat sich unsere Vorstellung vom Vampir vom ungepflegten Bauern zum verführerischen byronischen Aristokraten gewandelt? Um die Geschichte des Vampirs vollständig zu verstehen, müssen wir ihn bis zu seinen Anfängen im frühen Volksglauben zurückverfolgen.

In den ersten schriftlichen Berichten über europäische Vampire werden diese Wesen als Wiedergänger oder Heimkehrer dargestellt, oft in Form eines kranken Familienmitglieds, das in der unglücklichen Gestalt eines Vampirs zurückkehrt. In solchen Erzählungen dominiert eine „unerledigte Aufgabe“, auch wenn diese nicht weniger trivial erscheint als das Fehlen von Kleidung oder Schuhen als Grund für die Rückkehr ins Leben.

Das Oxford English Dictionary verwendet beispielsweise sieben Seiten, um einen Vampir zu definieren, aber der älteste Eintrag aus dem Jahr 1734 ist hier am interessantesten: Diese Vampire sollen die Körper von Toten sein, belebt von bösen Geistern, die nachts aus den Gräbern steigen, den Lebenden das Blut aussaugen und sie dabei vernichten.

Diese frühen Wiedergängerfiguren haben offensichtlich wenig Anziehungskraft. Im Gegensatz zu Lord Byrons aristokratischen englischen Vampiren sind diese frühen folkloristischen Vampire Bauern und wirken eher wie moderne Zombies. Agnes Murgoci hat diesen Volksglauben weiter erforscht. Sie erklärte 1926, dass die Reise ins Jenseits gefährlich sei – nach rumänischem Glauben dauert es 40 Tage, bis die Seele des Verstorbenen das Paradies betritt. In einigen Fällen wird angenommen, dass sie jahrelang dort verweilt, und in dieser Zeit gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie verstorbene Familienmitglieder dem Vampirismus verfallen können.

Es wurde vermutet, dass der Tod als Junggeselle, durch Selbstmord oder Ermordung dazu führen könnte, dass eine Person als Vampir zurückkehrt. Bestimmte Ereignisse nach dem Tod könnten eine ähnliche Wirkung haben – eine frische Brise, die über den Leichnam weht, bevor er begraben wird, Hunde oder Katzen, die über Särge laufen, oder Spiegel, die in dieser prekären Zeit nicht gegen die Wand gedreht wurden.

Der literarische Bereich

Es war eine Abhandlung des französischen Mönchs Antoine Augustin Calmet aus dem Jahr 1746, die Schriftstellern den Zugang zu einer Reihe von Begegnungen mit Vampiren ermöglichte. Calmet ließ sich von Joseph Pitton de Tournefort inspirieren, einem Botaniker und Forschungsreisenden, der 1702 auf Mykonos einer Plage blutsaugender Vampire begegnet sein wollte. Sein Bericht wurde noch 1741 viel gelesen.

Drei Jahrzehnte nach Tourneforts Begegnung berichtete das London Journal 1732 von einigen Untersuchungen über „Vampire“ in Madreyga in Ungarn (eine Geschichte, die später von John Polidori erzählt wurde). Griechenland und Ungarn stehen in diesen frühen Berichten im Vordergrund – und das spiegelt sich in der romantischen Literatur wider: Lord Byron zum Beispiel macht Griechenland zum Schauplatz seiner unvollendeten Vampirgeschichte „A Fragment“ (1819).

Polidori war es jedoch, der den Stammbaum des Vampirs und seine soziale Stellung schuf. Vor dem aristokratischen Vampir Lord Ruthven von 1819 scheint es noch keinen urbanen oder bildungsbürgerlichen Blutsauger gegeben zu haben. Auch eine räuberische Sexualität wird vom Autor eingeführt. Zum ersten Mal sehen wir den Vampir als Wüstling oder Libertin, als echten „Lady Killer“ – eine Tendenz, die sich bis in unsere Zeit verfeinert hat. Später folgten James Malcolm Rymers „Varney the Vampyre“ (1849) und Ende des 19. Jahrhunderts „Dracula“ (1897). Zwar gab es schon vorher Vampire in der Literatur – zum Beispiel das Gedicht „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder aus dem Jahr 1748 und Christabel von Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahr 1816 -, aber keiner von ihnen hat so viel Aufmerksamkeit erregt wie Polidoris Werk und sicherlich hat keiner so viel zu seinem Image beigetragen.

Varney hat die zweifelhafte Ehre, in dieser Aufzählung der Sonderling zu sein, denn erstens hat er durch seine Veröffentlichung in den „Penny Dreadful“-Heften weniger literarischen Ruhm erlangt als die anderen, und zweitens sind Varneys Heldentaten, anstatt sich als ein charmanten Vampir zu präsentieren, der mit der viktorianischen Vision der Schauerliteratur verbunden ist, erschreckend genug, um gut zum „Horror“ der Groschenhefte zu passen. Da sich die Darstellung der Vampire jedoch eher in Richtung Gothic als in Richtung Groteske entwickelte, waren unsere Vampirfreunde anfangs vornehme Leute, oft sogar Aristokraten. Vampire sind edel, das ist eine allgemein akzeptierte Vorstellung. Es gibt Ausnahmen (es gibt immer Ausnahmen!), aber es ist eine nachvollziehbare Faustregel. Die Erhebung des Vampirs in den Quasi-Adelsstand begann mit dem Erscheinen von Polidoris „Der Vampyr“, das ursprünglich mit dem irreführenden Untertitel „Eine Erzählung von Lord Byron“ veröffentlicht wurde. „Der Vampyr“ verdankt einen großen Teil seiner Popularität der Berühmtheit Byrons, und man kann sagen, dass die beiden Figuren untrennbar miteinander verbunden wurden. Diese Vorstellung hat bis heute überlebt, was sich unter anderem in Romanen über Byrons Leben als Vampir und in Geschichten über die Entwicklung des Vampirs zeigt, in denen der Dichter immer wieder auftaucht.

Die Anziehungskraft des Vampirs (den Ruthven damals als aristokratische Figur darstellte, der Charme und Verführung ausstrahlte) wurde erst durch den Skandal um die Veröffentlichung von „The Vampyre“ auf ein allgemein anerkanntes Niveau gehoben. Wäre Ruthven nicht zum Synonym für Byron geworden und hätte nicht jede Frau den Dichter kennen lernen wollen, der – wie es schien – die lebende Verkörperung seines eigenen todgeweihten Helden war, so wäre das öffentliche Interesse an Polidoris Roman wahrscheinlich nur von kurzer Dauer gewesen, denn sowohl „Der Vampyr“ als auch Polidori galten bald als „vulgäre Angelegenheit“. Zu vulgär für die spießige viktorianische Mittel- und Oberschicht. Vulgär, weil er „unchristlich“ war; vulgär, weil er zu „sexy“ war: Der Vampir war zu lieblich und reizvoll für seine Zeit, weshalb er gänzlich in die Gothic (und Erotik(!)-Literatur verbannt wurde. Das erklärt natürlich auch, warum der Vampir in der Gothic- und Urban-Fantasy zu Hause ist.

Der vermenschlichte Vampir

In der Tat ist das Vermächtnis von „The Vampyre“ eher ein Zeugnis von Byrons prominenten Wechselfällen und gleicht eher einer literarischen Verunglimpfung des Dichters als einem gotischen Vampirmärchen. Dies zeigt, dass der Vampir regelmäßig eher als Metapher für menschliche Entsprechungen und Beziehungen denn als übernatürliche Schreckensgestalt verwendet wurde. Der Vampir wurde also zu einer Person, und in Bezug auf seine literarische Stellung sollte er nie wieder derselbe sein – zumindest nicht innerhalb des Genres und der davon abgeleiteten Gattungen, in denen seine Identität wirklich ausgearbeitet wurde. Einmal „vermenschlicht“ – weit entfernt vom mondgesichtigen, leichenblassen Vampir, der beim Anblick einer ungeschützten Jungfrau zu triefen beginnt, wie es im reinen Horrorgenre üblich war -, ließ sich der Vampir nicht mehr von seinem Thron stoßen, und obwohl es immer wieder Darstellungen des Vampirs in einem weniger schmeichelhaften Licht geben wird, bleibt das Bild, das uns die englische Romantik so großzügig hinterlassen hat, ein fester Bestandteil unserer Kultur.

Tatsächlich eröffnete sich eine ganze Welt von Möglichkeiten, als der Vampir aufhörte, ein Abbild des Bösen zu sein, und sich in einen echten Menschen mit einem echten Leben verwandelte. Vampire können lieben, hassen, töten, zaubern, mit Schwertern oder Pistolen kämpfen, Werwölfe sind ihre Feinde, Königreiche verteidigen, Verbrechen aufklären und die Straßen der dunklen, gesichtslosen Metropolen bewachen. Vampire sind allgegenwärtig, nicht nur in der Urban Fantasy, in der das Paranormale und Übernatürliche allgegenwärtig ist. Von Malum in Mark Charan Newtons „Stadt der Verlorenen“ bis hin zu Anne Rice‘ Lestat scheint der Vampir eine Figur zu sein, die wie ein Rädchen in die Umgebung passt, in der sie sich befindet. Ob es nun an der Popularität der Twilight-Saga (Meyer, 2005-2008) liegt, am Mainstream-Appeal der verfilmten Serie „True Blood“ oder einfach daran, dass der Vampir wieder en vogue ist, eine Art Vampir-Revival hat in allen literarischen Genres stattgefunden.

Das ist nicht unbedingt neu, aber da es sich um ein langlebiges Phänomen handelt, verdient es Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt für Zombies und Werwölfe, aber ihre Geschichte ist anders und bei weitem nicht so bipolar wie die des Vampirs. In gewissem Sinne erleben diese „Charaktere“ kein Wiederaufleben ihrer Popularität, sondern werden lediglich als nützliche Figuren anerkannt, mit denen sich interessante und abwechslungsreiche Handlungen aufbauen lassen, die zwar ein bestimmtes Genre verkörpern, aber auch kurze Anspielungen auf andere Genres enthalten. Ein Vampir ist per Definition ein Element der Fantasy, da er entweder mythisch, übernatürlich oder einfach nicht existent ist. Das bedeutet nicht, dass jede Geschichte, in der ein Vampir vorkommt, automatisch Fantasy ist, aber es bedeutet zumindest, dass sie für Fantasy-Fans interessant sein könnte.

Elizabeth Kostovas „Der Historiker“ (2005) und John Ajvide Lindqvists „So finster die Nacht“ (2004) sind gute Beispiele dafür, wie der Vampir nahtlos in die „erwachsene“ Fiktion übergehen kann, während verschiedene Manga- und Anime-Neuerzählungen des Vampirs uns daran erinnern, dass der Vampir für so ziemlich jeden attraktiv ist, der ihn haben will. Obwohl diejenigen, die nach einem historischen „echten“ Dracula suchen, oft auf den rumänischen Prinzen Vlad Tepes (1431-1476) verweisen, von dem Stoker einige Aspekte seines Dracula-Charakters übernommen haben soll, ist die Charakterisierung von Tepes als Vampir ausgesprochen westlich; in Rumänien gilt er nicht als bluttrinkender Sadist, sondern als Nationalheld, der sein Reich gegen die osmanischen Türken verteidigt hat.

All dies zeigt, dass die Geschichte der Vampire umstritten und unsicher ist, unabhängig davon, ob man sie aus wissenschaftlicher oder literarischer Perspektive betrachtet. Die in jüngster Zeit von Archäologen entdeckten „Vampir-Bestattungen“ stimmen jedoch mit Praktiken überein, von denen bekannt ist, dass sie auf den Glauben an den Vampirismus hindeuten (wie das Durchbohren des Körpers, das Nageln der Zunge, das Durchbohren des Herzens und das Einfügen von kleinen Steinen und Weihrauch in den Mund und unter die Fingernägel, um das Saugen und Stechen nach Blut zu verhindern). Diese „Vampirleichen“ tragen also dazu bei, herauszufinden, wie alt unser Glaube an Vampire wirklich ist. Matthew Beresford, Autor des Buches „From Demons to Dracula: The Creation of the Modern Vampire Myth“, stellt fest: „Es gibt klare Grundlagen für den Vampir in der Antike, und es ist unmöglich zu beweisen, wann der Mythos zum ersten Mal auftauchte. Es gibt Hinweise darauf, dass der Vampir aus der Magie des alten Ägypten hervorgegangen ist, ein Dämon, der von einem anderen in diese Welt gerufen wurde“.

Vampire gibt es in vielen Variationen auf der ganzen Welt. Es gibt asiatische Vampire, wie die chinesischen jiangshi (ausgesprochen chong-shee), böse Geister, die Menschen angreifen und ihnen die Lebensenergie entziehen; die bluttrinkenden bösen Gottheiten, die im „Tibetischen Totenbuch“ erscheinen, und viele andere. Die Geschichte der Vampire ist also noch nicht mit Sicherheit zu fassen, und bei der Suche nach dem Ursprung des Unholds sollten wir uns wohl an die Aussage des britischen Vampirologen Montague Summers (1880-1948) halten.

Die Vampirin vom Amazonas

Habt ihr schon einmal von Marie Camille Monfort gehört?

Vor kurzem, im Juni 2023, tauchten in den sozialen Netzwerken Bilder einer angeblichen lyrischen Sängerin auf, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte, aus Frankreich eingewandert war und sich in der Stadt Belém do Pará in Brasilien niedergelassen hatte.

Die Geschichte für diejenigen, die sie nicht gelesen haben, lautet wie folgt:

CAMILLE MONFORT, DIE VAMPIRIN DES AMAZONAS

Villa Bologna

Im Jahr 1896 florierte Belém durch den Verkauf von Kautschuk aus dem Amazonasgebiet in die ganze Welt und bereicherte über Nacht die Grundbesitzer, die ihre reichen Paläste mit Materialien aus Europa bauten.

Das Theatro da Paz war das Zentrum des kulturellen Lebens in Amazonien, mit Konzerten europäischer Künstler. Eine von ihnen erregte die besondere Aufmerksamkeit des Publikums: die schöne französische Sängerin Camille Monfort (1869 – 1896), die bei den reichen Herren der Region ungezügelte Begierde und bei ihren Frauen grausame Eifersucht wegen ihrer großen Schönheit auslöste.

Camille Monfort sorgte auch für Empörung wegen ihres von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit losgelösten Verhaltens – man sah sie halbnackt durch die Straßen von Belém tanzen, während sie sich im nachmittäglichen Regen abkühlte; man sah sie auch bei einsamen Abendspaziergängen in ihren langen, wallenden schwarzen Kleidern an den Ufern des Guajará-Flusses.

Schon bald machten Gerüchte über sie die Runde und gaben Anlass zu bösartigen Kommentaren über sie. Man munkelte, sie sei die Geliebte von Francisco Bologna, der sie aus Europa mitgebracht hatte, und dass er sie in der Badewanne seines Palastes mit teurem, aus Frankreich importiertem Champagner badete; Es hieß auch, sie sei in London wegen ihrer Blässe und ihres kränklichen Aussehens vom Vampirismus befallen worden und habe dieses große Übel nach Belém gebracht, da sie ein mysteriöses Bedürfnis habe, menschliches Blut zu trinken, bis hin zu dem Punkt, dass sie in ihren Konzerten junge Mädchen mit ihrer Stimme hypnotisiere, die dann in ihrer Garderobe einschlafen, wo die mysteriöse Dame ihnen das Blut aussaugt (Was seltsamerweise mit Berichten über Ohnmachtsanfälle in den Theaterräumen während ihrer Konzerte zusammenfiel, die als bloße Auswirkung der starken Emotionen erklärt wurden, die ihre Musik in den Ohren des Publikums auslöste); man sagte ihr auch nach, dass sie die Macht besäße, mit den Toten zu kommunizieren und deren Geister in dichten ätherischen Nebeln aus ektoplasmatischen Materialien zu materialisieren, die von ihrem eigenen Körper in medialen Séancen ausgestoßen wurden. (Dies wären dann zweifellos die ersten Manifestationen dessen, was später als Spiritismus bezeichnet wurde und in geheimnisvollen Kulten in Palästen von Belém wie dem Palacete Pinho im Amazonasgebiet praktiziert wurde.)

Ende 1896 wurde die Stadt Belém von einer schrecklichen Choleraepidemie heimgesucht, der unter anderem Camille Monfort zum Opfer fiel, die auf dem Friedhof von Soledade begraben wurde.

Heute befindet sich ihr Grab dort, überwuchert von Schlamm, Moos und trockenen Blättern, unter einem riesigen Mangobaum, der das Grab in die Dunkelheit seines Schattens versinken lässt, nur erhellt von ein paar Sonnenstrahlen, die durch seine grünen Blätter dringen. Es ist ein klassizistisches Mausoleum mit einem Tor, das mit einem alten, rostigen Vorhängeschloss versehen ist. Von dort aus kann man eine weibliche Büste aus weißem Marmor auf dem breiten Deckel des verlassenen Grabes sehen und, an der Wand befestigt, ein kleines gerahmtes Bild einer schwarz gekleideten Frau, auf deren Grabstein die Inschrift zu lesen ist:

Hier ruht
Camille Marie Monfort (1869 – 1896)
Die Stimme, die die Welt verzauberte

Aber es gibt auch diejenigen, die bis heute behaupten, dass ihr Grab leer ist, dass ihr Tod und ihr Begräbnis nur eine Inszenierung waren, um ihren Vampirismus zu vertuschen, und dass Camille Monfort heute im Alter von 154 Jahren noch in Europa lebt.

Wenn ihr (zugegeben ein unwahrscheinlicher Fall) den Soledade-Friedhof in Belém besuchen solltet, vergesst also nicht, an ihrem Grab halt zu machen und eine Rose darauf zu legen; und wundert euch nicht, wenn sich die Rose am nächsten Tag in Blut verwandelt hat.

Bei so vielen Details und den daraus resultierenden Auswirkungen fragten sich einige Leute, ob diese lyrische Sängerin wirklich existierte und ob an ihrer Geschichte etwas Wahres dran sein könnte.

Leider ist es wie so oft bei Dingen, die im Internet veröffentlicht werden, gut, wenn man sich mit den Meinungen zurückhält. In diesem Fall ist es leider eine Tatsache, dass die faszinierende Geschichte nichts weiter als ein Märchen ist. Um es ganz offen zu sagen: Das Mädchen hat in der realen Welt nicht existiert.

Nach Angaben von Historikern, die um ihre Meinung zu dieser Geschichte gebeten wurden, gibt es keine Aufzeichnungen über eine Camille Montfort in den Annalen der damaligen Zeit. Wenn sie so berühmt und weltweit anerkannt war, müsste es eine Menge Informationen über sie geben, aber eine kurze Suche führt zu null Ergebnissen.

Darüber hinaus erwähnen die Zeitungen und Zeitschriften von Pará zu jener Zeit (von denen es nicht wenige gab) nicht einen ihrer Besuche und ihrer Auftritte im Nationaltheater. Tatsächlich wurde das Theater zu dieser Zeit renoviert und war geschlossen, was bedeutet, dass in dem Zeitraum, in dem sie auf Tournee gewesen sein soll, niemand dort aufgetreten ist. Es lässt sich zwar nachweisen, dass tatsächlich berühmte Künstler in Belém auftraten, aber es ist unmöglich, dass dies geschah, ohne dass die lokale Presse darüber berichtete. Das sehr rege gesellschaftliche Leben in der Stadt gab Anlass zu mehreren sozialen Kolumnen, und selbst ein kurzer Besuch würde von den Medien nicht unbemerkt bleiben.

Wie bereits erwähnt, erlebten Belém und Manaus, die größten Städte im Amazonasgebiet, zu Beginn des Jahrhunderts dank des Kautschukbooms, der viele Menschen reich machte, eine rasante Entwicklung. Dies ermöglichte es den Städten, sich zu modernisieren und ein überschwängliches kulturelles Leben zu entfalten. Die ungewöhnliche Tatsache, dass es mitten im Amazonasgebiet exquisite Theater gibt, diente auch als Anziehungspunkt für Künstler, die diese Region des Landes besuchen wollten.

Die Einfügung berühmter Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Leben von Belém do Pará in jener Zeit verleiht der Fiktion eine gewisse Glaubwürdigkeit. Der Name Francisco Bologna lässt uns die Augenbrauen hochziehen, denn er war wirklich eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt.

Francisco Bologna war der Erbauer des so genannten Bologna-Palastes, eines Herrenhauses in Belém do Pará, in dem es auch spuken soll.

Was das Bild von Camille Montfort betrifft, das angeblich 1901 von einem englischen Studio aufgenommen wurde, so gibt es keine Informationen, die seinen Wahrheitsgehalt bestätigen könnten. Es ist recht einfach, Fotos zu „bearbeiten“ und sie zu verändern, um sie alt aussehen zu lassen. Das fragliche Studio in der Baker Street 55 hat tatsächlich existiert, aber dieser Rahmen mit Adresse kann leicht im Internet gefunden und über ein neueres Foto geklebt werden, das so verändert wurde, dass es authentisch aussieht.

Das betreffende Studio wurde in den 1940er Jahren bei Luftangriffen auf die britische Hauptstadt zerstört. Die Kundenunterlagen verschwanden nach dem Konflikt, und von diesem Foto sind keine Negative mehr vorhanden.

Außerdem haben aufmerksame Leute darauf hingewiesen, dass die Person auf dem Foto ein angebliches Smartphone in der Hand hält (nun, so besonders aufmerksam muss man hier tatsächlich nicht sein). Einige gehen davon aus, dass es sich bei dem, was sie in der Hand hält, um eine Art Visitenkartenhalter handelt, ein zu dieser Zeit recht gängiger Gegenstand.

Es sieht jedoch sehr nach einem nagelneuen Smartphone aus, direkt aus dem Laden.

Ein weiteres Detail, das der Erzählung direkt widerspricht, ist, dass es auf dem Friedhof von Soledade keinen Grabstein oder ein Grab mit dem Namen Montfort gibt. Einige Neugierige besuchten den Friedhof und fragten nach, erhielten aber keinerlei Informationen. Einige gaben sich damit nicht zufrieden und suchten sogar unter den Grabsteinen nach dem Grab der Sängerin. Sie fanden keine Hinweise auf das in der Geschichte erwähnte Mausoleum.

Die Aufzeichnungen des Soledade-Friedhofs sind recht vollständig und ordentlich. Nirgendwo wird die Beerdigung einer Frau namens Camille Montfort oder der Ort ihrer ewigen Ruhe auf dem Friedhofsgelände erwähnt. Es ist praktisch unmöglich, dass das Register manipuliert wurde oder dass das Grab einer Ausländerin, geschweige denn einer Berühmtheit, übersehen wurde.

In Anbetracht all dessen scheint es richtig zu sein, zu behaupten, dass das alles nur eine Erfindung ist. Aber wenn das der Fall ist, woher kommt dann diese Geschichte und zu welchem Zweck wurde sie erfunden?

Die rätselhafte Biografie einer eigenwilligen Sängerin aus Frankreich, die im 19. Jahrhundert für das Frauenwahlrecht kämpft und mit ihrem freigeistigen Verhalten die konservative Gesellschaft von Pará schockiert, wirkt wie aus einem Roman. Und tatsächlich ist sie Teil des des Buches Após a Chuva da Tarde (Etwa: „Nach dem Regen am Nachmittag“) von Bosco Chancen, einem Schriftsteller aus Belém.

Der im Schauerromantik-Stil geschriebene Roman passt sich dem tropischen Klima und den Palästen der Stadt Belém, den realen Personen, amazonischen Legenden, der Romantik und dem Vampirismus an.

Der Autor Bosco Chancen oder jemand, der ihm nahesteht, hat wahrscheinlich die Gelegenheit genutzt, das Gerücht in den sozialen Medien zu verbreiten, um die Aufmerksamkeit auf seine Figur zu lenken. Eine clevere Methode, um Leser für sein Werk zu gewinnen.

Nicht alles ist so, wie es scheint, aber es ist trotzdem eine gute Geschichte.