Tales from the Crypt

Wenn das Grauen spricht

Tales from the Crypt #1
Tales from the Crypt #1

In den knisternden Schatten der amerikanischen Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte wie neue Hausaltäre in den Wohnzimmern flimmerten und das Comicregal noch der subversivste Ort eines Kiosks war, erhob sich eine Stimme aus der Gruft. Tales from the Crypt – dieser Name allein ließ Kinderherzen schneller schlagen, Eltern besorgt die Stirn runzeln und Politiker nach dem Zensurstempel greifen. Die Geschichten aus der Gruft waren nicht einfach nur Horrorcomics. Sie waren ein Tor in eine düstere Parallelwelt, in der Moral und das Makabere ein tückisches Tänzchen aufführten.

Entstanden Anfang der 1950er Jahre bei EC Comics unter der Federführung von William Gaines, war Tales from the Crypt wesentlich mehr als ein simpler Titel. Es war ein Flaggschiff in einer Welle von sogenannten „Horror-Anthologie-Comics“, die dem amerikanischen Traum den Sargdeckel zeigten. Die Geschichten – makaber, blutig, oft mit einer ironischen Pointe – wurden von Erzählern wie dem Crypt-Keeper, dem Vault-Keeper und der Old Witch präsentiert, Figuren, die gleichzeitig Gaukler, Richter und Galgenvögel waren.

Es war eine Zeit, in der Comics noch wild und ungezähmt waren. Wo Zeichner wie Jack Davis, Graham Ingels oder Al Feldstein mit spitzem Stift den Albträumen der Leser eine Form gaben. Ihre Panels trieften förmlich vor Atmosphäre – neblige Friedhöfe, schiefe Herrenhäuser, aufgerissene Gräber. Kein Detail war zu morbide, kein Ende zu grausam. Die Erzählungen waren kleine moralische Opern, in denen Ehebrecher, Gierhälse und Betrüger ihr verdientes Ende fanden – meist mit einem schaurigen Grinsen serviert.

Crypt Keeper
(c) EC Comics

Doch je größer die Fangemeinde, desto lauter wurden auch die Stimmen der Gegner. Der Psychiater Fredric Wertham beschuldigte Comics in seinem berüchtigten Buch Seduction of the Innocent (1954), für Jugendkriminalität verantwortlich zu sein. Tales from the Crypt war dabei das Lieblingsfeindbild. Die Bilder seien zu brutal, die Inhalte verderblich. Die öffentliche Empörung mündete in Anhörungen vor dem Senat und schließlich in der Einführung des Comics Code – ein Zensurkodex, der ECs Horrormärchen faktisch das Genick brach. Gaines’ Verlag überlebte nur, weil er auf das harmlose Mad Magazine umsattelte.

Vault Keeper
Vault-Keeper; (c) EC Comics

Aber das Grauen ließ sich nicht begraben. In den 1980ern und 90ern kam Tales from the Crypt wie ein Zombie aus dem Grab zurück. Zuerst in Form von Nachdrucken, dann als TV-Serie, produziert von niemand Geringerem als Hollywood-Größen wie Richard Donner und Robert Zemeckis. Die HBO-Serie bewahrte sich den zynischen Humor und die freche Atmosphäre der Comics, gab dem Crypt-Keeper ein latexenes Gesicht und eine krächzende Stimme – halb Stand-Up-Komiker, halb Leichenfledderer.

Heute haftet Tales from the Crypt ein nostalgischer Glanz an, der wie Staub auf einem alten Buchdeckel liegt. Man schlägt die vergilbten Seiten auf, sieht die krummen Zähne des Sensenmanns blitzen – und spürt ein wohliges Frösteln. Es war eine Zeit, in der Comics rebellisch, unbequem und gefährlich waren. Und wer als Kind heimlich mit der Taschenlampe unter der Decke las, der weiß: Der wahre Schrecken kommt nicht aus dem Dunkel. Er kommt von einem guten Geschichtenerzähler.

Und der wohnt – so heißt es – immer noch irgendwo dort unten in der Gruft.

Die Schatten hinter der Gruft

Old Witch
Old Witch von J. Craig

Wer einmal den schmierigen Blick des Crypt-Keepers erwidert hat, vergisst ihn nie. Sein grinsendes Totengesicht, halb Mumie, halb unheimlicher Hofnarr, war mehr als nur ein Maskottchen – er war das groteske Gesicht einer Subkultur, die sich genüsslich an der dunklen Seite der menschlichen Natur labte. Doch Tales from the Crypt war nie bloß Effekthascherei oder Grusel zur bloßen Unterhaltung. Die Geschichten waren fein gesponnene Spiegelbilder gesellschaftlicher Ängste, verpackt in Schauerromantik und satirischer Bissigkeit.

Hinter dem Glanz des Grauens standen Künstler mit Namen, die heute Legendenstatus genießen – Graham Ingels, von Fans als „Ghastly“ gefeiert, war berühmt für seine schwitzenden, fast lebendig wirkenden Untoten. Seine Panels wirkten, als wären sie mit Leichenwasser getränkt. Jack Davis hingegen brachte Geschwindigkeit und Cartoon-Dynamik in die Kadaver. Und Al Feldstein, der Redakteur und oft auch Autor, hatte ein untrügliches Gespür für den moralischen Bumerang – kein Verbrechen blieb ungesühnt, keine Untat unkommentiert. Sie alle schufen ein visuelles Gruselkabinett, das seine Leser nicht einfach erschreckte, sondern verführte.

Im Rückblick wirken die 1950er-Ausgaben von Tales from the Crypt wie morbide Zeitkapseln. Man erkennt darin die Paranoia des Kalten Krieges, die versteckten Ängste vor Entfremdung, Technik, dem Fremden allgemein – alles überdeckt von Blut, Spinnweben und schwarzem Humor. Das Übernatürliche war aber immer nur der Vorwand; die eigentlichen Monster waren meist menschlich.

Dass diese Geschichten ein Comeback feierten, ist kein Wunder – es lag förmlich in ihrer DNA. In den späten 1980ern, als sich das Fernsehen zunehmend traute, moralisch schlüpfrige Inhalte zu zeigen, wurde die TV-Adaption von Tales from the Crypt zu einem popkulturellen Ereignis. In satten Farben, mit glitzerndem Kunstblut und Stars wie Demi Moore, Arnold Schwarzenegger oder Tom Hanks (der sogar Regie führte), kam der EC-Geist auf neue Weise zurück. Erwachsene, die einst heimlich die Comics gelesen hatten, sahen sie nun mit einem Glas Wein auf HBO – noch immer mit einem Schauder, aber diesmal mit einem Augenzwinkern.

Tales from the Crypt: The Keepers
Old Witch, Crypt Keeper, Vault Keeper von Dani Docampo

Was Tales from the Crypt so unsterblich macht, ist vielleicht genau dieses Spiel mit den Erwartungen. Keine Geschichte endete gut – zumindest nicht für die Figuren. Aber für die Leser oder Zuschauer lag darin ein perverses Vergnügen. Man konnte sicher sein: Wer sich schlecht verhielt, bekam die gerechte Strafe. Auf eine verdrehte, überzeichnete, groteske Art und Weise, ja – aber in einer Welt voller moralischer Grauzonen hatte Tales from the Crypt einen erschreckend klaren Kompass.

Heute ist die Reihe längst ein Teil des kollektiven Horrorgedächtnisses. Sie lebt weiter in Hommagen von Filmemachern wie Sam Raimi oder Guillermo del Toro, in modernen Comics, die sich dem Schauer verschreiben, und in der ikonischen Lache des Crypt-Keepers, die irgendwo im Hinterkopf kichert, wenn man nachts das Licht ausschaltet.

Denn eines hat uns Tales from the Crypt beigebracht: Man kann das Grauen unterdrücken, verbieten, zensieren – aber es findet immer einen Weg zurück. Und manchmal erzählt es dir noch eine Geschichte, bevor du einschläfst.

Die Geschichten, die unter die Haut kriechen: Legendäre Albträume aus der Gruft

Man erinnert sich selten an die genauen Panelverläufe oder Seitennummern – aber bestimmte Szenen, bestimmte Wendungen aus Tales from the Crypt brennen sich ins Gedächtnis wie der Schrei aus einem dunklen Keller. Sie sind moderne Moritaten, urbane Legenden in gezeichneter Form. Und einige von ihnen haben über Jahrzehnte hinweg nichts von ihrer Gänsehautwirkung verloren.

Da ist etwa die Geschichte „And All Through the House“ – ein Weihnachtsalptraum sondergleichen. Eine Frau erschlägt ihren Ehemann mit einem Schürhaken, während draußen ein verrückter Serienkiller im Santa-Kostüm entflohen ist. Während sie versucht, die Leiche ihres Mannes verschwinden zu lassen, klopft der blutige Nikolaus an die Tür – und ihre kleine Tochter lässt ihn arglos herein. Ironie, Blut und schwarzer Humor in Reinkultur. Diese Geschichte war so stark, dass sie gleich zweimal für die Leinwand adaptiert wurde: zuerst im Film Tales from the Crypt (1972), dann als Episode der HBO-Serie – beide Male ein Fest für Freunde des bitterbösen Twists.

Unvergessen auch „Reflection of Death“ – ein Mann verlässt seine Familie, um mit seiner Geliebten durchzubrennen. Auf der Flucht haben sie einen Autounfall, und als der Mann aufwacht, erkennt ihn niemand. Menschen schreien, wenn sie ihn sehen. Am Ende blickt er in einen Spiegel – und sieht einen halbverwesten Leichnam. Es war kein Traum. Er ist tot, ein wandelnder Kadaver, der nicht bemerkt hat, dass er längst gestorben ist. Ein meisterhafter Einsatz der Ich-Perspektive und ein Schockmoment, der Hitchcock stolz gemacht hätte.

(c) ’84 Entertainment: Geschichten aus der Gruft

Dann gibt es da noch „Poetic Justice“, vielleicht eine der menschlichsten – und grausamsten – Geschichten aus dem EC-Kanon. Zwei reiche Snobs wollen ihren alten, verwahrlosten Nachbarn, einen freundlichen Tierliebhaber und Ex-Bestatter, aus dem Viertel vertreiben. Sie greifen zu Intrigen, sorgen für den Verlust seiner Hunde und beschuldigen ihn fälschlich. Der Mann erhängt sich aus Trauer. Ein Jahr später kehrt er zurück – und bringt dem Sohn der Snobs zum Valentinstag sein noch pochendes Herz. Die Botschaft: Wer Böses sät, erntet poetische Gerechtigkeit. Diese Story war eine der bewegendsten und wurde mit Sir Peter Cushing in der 1972er-Verfilmung brillant interpretiert.

Diese Geschichten waren oft kurz, auf acht Seiten begrenzt, und doch gelang es den Autoren, mit wenigen Panels komplexe Emotionen zu erzeugen: Ekel, Angst, Schadenfreude – und Mitgefühl. In der knappen Struktur lag die Kunst: Jede Szene musste sitzen, jede Pointe traf wie ein Schuss aus dem Schatten.

Was sie alle verbindet, ist das moralische Rückgrat, das EC Comics – anders als ihre Kritiker behaupteten – durchaus hatten. In Tales from the Crypt wurde niemand grundlos ermordet. Fast immer waren es die Gierigen, die Grausamen, die Ungerechten, die am Ende dem Spatenstich der Gerechtigkeit begegneten. Nicht selten mit einem Reim vom Crypt-Keeper garniert – wie ein viktorianischer Totentanz.

Die Geschichten waren grausam, ja – aber auch ehrlich. Sie sprachen unbequeme Wahrheiten aus, verpackt in Gespenstergewand: Dass Reichtum nicht vor der Strafe schützt. Dass man seine Sünden nicht begraben kann. Dass das Gewissen manchmal der schlimmste aller Geister ist.

Generation Loss

Dem Tod so nah ist kein Pageturner im klassischen Sinne, sondern ein Noir-Horror über das Sehen: über den Blick, das Bild, das Begehren – und den ethischen Preis der Kunst. Der Roman besticht durch eine kompromisslos ehrliche, oft abstoßend faszinierende Ich-Erzählerin, eine messerscharfe Prosa und ein Setting aus Wetter, Holz, Salz und Schatten. Hand verhandelt die Frage, was Bilder mit der Wirklichkeit anstellen – und mit den Menschen, die sie machen.

Cass Neary, einst ein Shooting-Star der New Yorker Punk-Fotografie, heute ausgebrannt, abgehalftert, und gezeichnet von zu viel Pillen und Alkohol, bekommt eine letzte Chance: sie soll eine zurückgezogen lebende Ikone der 70er-Fotokunst auf einer abgelegenen Insel vor der Küste von Maine interviewen. Was wie eine Reportage beginnt, entwickelt sich zur Erkundung einer Landschaft aus Verschwinden, Gewalt und künstlerischer Obsession. Jugendliche werden vermisst, die Dorfgemeinschaft schweigt, und je näher Cass der legendenumwobenen Kollegin kommt, desto deutlicher wird, dass nicht nur Bilder, sondern auch Menschen „entwickelt“ – und dabei zerstört – werden können.

Der Plot bedient die Struktur des Ermittlungsromans, aber Hand löst sie nach und nach in Atmosphären und Wahrnehmungsverschiebungen auf. Die eigentliche „Ermittlung“ findet im Medium des Blicks statt: Was sehe ich? Was will ich sehen? Und was blende ich aus, um weitersehen zu können?

Cass ist eine der großen Antiheldinnen des zeitgenössischen Noir: witzig und zynisch. Sie brilliert in Selbstverachtung und Selbstschutz – und ist gerade dadurch durchlässig für die Geister der Vergangenheit. Ihr Ton ist hart, knapp, präzise; er riecht nach Dunkelkammerchemie. Hand findet für Cass eine Sprache, die wie ein altes Objektiv funktioniert: minimal verzeichnet, maximal ehrlich. Das schafft Nähe, ohne um Sympathie zu werben. Wir vertrauen Cass’ Blick, gerade weil er keineswegs edel ist.

Die Nebenfiguren – Inselbewohner, Künstler, Aussteiger – wirken zunächst wie Archetypen (der wortkarge Fischer, die verbitterte Künstlerin, der zu gefällige Vermittler des Auftrags). Hand nutzt diese Typisierungen allerdings bewusst: Sie sind Masken, die den Charakter dahinter verbergen sollen. Wie in allen guten Kriminalromanen entscheidet am Ende nicht die Exotik des Personals, sondern die Ökologie der Beziehungen: Wer profitiert wovon? Wer schaut wen an – und warum?

Generation Loss als Leitmetapher

Der Begriff „Generation Loss“, der in der deutschen Übersetzung leider (wie so oft bei sprechenden Titeln) ignoriert oder vom Verlag gar nicht erst verstanden wird, bezeichnet im technischen Sinn den Qualitätsverlust bei wiederholtem Kopieren – Körnung, Rauschen, Artefakte, Verlust von Dynamik. Hand überträgt dieses Prinzip aber auf mehrere Ebenen, weshalb der Titel „Dem Tod so nah“ absoluter Blödsinn ist.

Da wäre einmal Kunst als Reproduktion. Die Punk-Fotografie der 70er, einst reine, grobe Authentizität und ein Angriff auf das Glamouröse und Etablierte, ist zum reinen Produkt verkommen – unendlich reproduzierbar, und dadurch museal, also vollkommen entschärft. Was bleibt von der ehemaligen Radikalität, wenn sie tausendmal nachgedruckt wurde?

Dann hätten wir Erinnerung und Trauma. Cass’ eigenes Leben ist eine Kette von Kopien ihres früheren Selbst. Jede einzelne davon (Drogen, ihre bitteren Nächte, ein weiterer Auftrag) verschlechtert das Original. Erinnerungen sind nichts anderes mehr als kontrastverstärkte Abzüge.Des weiteren reproduziert auch die Inselgemeinschaft ihre Erzählungen (etwa über Kunst oder Schuld), bis diese zur zweiten Natur geworden sind. Der Verlust an Nuancen führt zum Ende: Wo das Bild alles beherrscht, stirbt schließlich das Gesehene.

Hand komponiert ihre Metaphern in Motive, Räume, Handlungen hinein und das macht den Roman dichter, als sein Umfang vermuten lässt.

Schönheit am Abgrund

Hand treibt eine Frage vor sich her: Darf Kunst sich am Leid nähren? Cass’ Ruhm gründet auf Bildern, die das Hässliche und Zerbrochene mit einer verstörenden Würde versehen. Doch der Roman rückt die Kosten dieser Ästhetik ins Zentrum. In der Fotografie kommt der Blick dem Besitz gleich: Wer ablichtet, nimmt sich etwas – auch wenn er „nur“ dokumentiert. Generation Loss zwingt die Lesenden zur Komplizenschaft. Wir wollen wissen, was passiert ist – wir sehen hin – und genau dieses Hinsehen reproduziert das, was den Figuren tatsächlich geschieht.

Die Szene-Ökonomie des Textes ist hierfür zentral: Hand zeigt selten Spektakel. Sie zeigt Spuren, Ränder, Nachbilder. Wie in einer Dunkelkammer entstehen die schlimmsten Bilder indirekt: aus Schatten, Lücken, Gerüchen, Geräuschen des Meeres. Das ist nicht nur stilistische Finesse; es ist eine ethische Entscheidung, und die Leser sind mitverantwortlich.

Auch die Insel ist kein bloßes Setting, sondern eine aktive Instanz: Nebel, Kälte, morsches Holz, Salz auf Metall, das Blinken entfernter Bojen. Natur ist hier kein romantischer Gegenpol zur Stadt, sondern ein Medium – sie konserviert und zersetzt zugleich. Wie im klassischen Schauerroman trägt die Landschaft Schuld und Geschichte in sich. Jeder Steg, jedes verfallene Haus wirkt wie eine überbelichtete Stelle auf einem Negativ, an der Information bereits verbrannt ist. Das Meer fungiert als Archiv: Es spült Dinge an – und löscht Spuren.

Noir trifft Folk Horror

Formell arbeitet der Roman mit der Apparatur des Noir (Antiheldin, ein seltsamer Auftrag, Lügen, Korruption), nimmt dann aber Züge des Folk-Horror an: eine abgeschlossene Gemeinschaft, archaische Riten des Blicks (Sammeln, Ausstellen, Fixieren), Natur als Gesetzgeber. Der Übergang geschieht ohne großen Bruch – Hand verlagert schlicht die Definition von „Beweis“. Nicht mehr Fingerabdrücke zählen, sondern Bilder und Erzählungen werden hier herangezogen.

Hand braucht keine Übernatürlichkeit, um kosmische Kälte zu erzeugen; ihr genügt die Konsequenz, mit der Menschen Bilder über Menschen stellen, und deshalb schreibt sie auch photografisch: kurze Brennweiten (scharfe Details), dann wieder Weitwinkel (Landschaften), abrupte Blendenwechsel zwischen Außen und Innen. Der Rhythmus ist hart geschnitten; Dialoge sind nicht dafür da, etwas zu erklären, sondern um die Textur sozialer Reibung hörbar zu machen. Besonders stark ist, wie Hand Fachvokabular der Fotografie ohne Fetisch verwendet: ISO, Körnung, Kontrast erscheinen nicht als Recherche-Trophäen, sondern als Denkmodelle der Figur.

Bemerkenswert ist auch die Ökonomie der Metaphern. Hand überlädt nicht; wenn ein Bild auftaucht, trägt es Handlung. Ein Beispieltypus: Metall, das im Salzwasser rostet – das ist Cass, das sind die Archive, das ist die Kunst. Wiederkehrende Gegenstände (Kameras, Abzüge, Leuchtfeuer, Tierkörper) dienen als Scharnier zwischen Psychologie und Plot.

Themenfelder im Detail

1) Kunst vs. Leben

Der Roman verweigert eine romantische Künstlermythologie. Kunst ist hier nicht Rettung, sondern Risiko: eine Praxis, die Leben – eigenes wie fremdes – verbraucht. Wer „starke“ Bilder will, riskiert, den Menschen dahinter zu verlieren. Die Pointe ist nicht moralistisch, sondern tragisch: Es gibt Bilder, die es wert sind, gemacht zu werden – und doch sollte man sie nie machen.

2) Trauma & Erinnerung

Cass’ Rückblenden operieren wie beschädigte Negative. Entscheidend ist, dass die Erzählung nicht „heilt“. Statt Katharsis gibt es Funktionsgewinn: Cass lernt, mit der Beschädigung zu arbeiten, nicht sie zu tilgen. Das ist ungleich ehrlicher als gängige „Recovery“-Bögen – und literarisch überzeugender.

3) Geschlecht & Gewalt

Ohne Parolen zeigt Hand, wie weibliche Körper historisch als Bildträger missbraucht werden: Muse, Model, Opfer. Cass’ Blick konterkariert das, indem er Kontrolle zurückholt – aber nie vollständig. Der Roman erlaubt Ambivalenz: Cass ist Täterin und Zeugin, Nutznießerin und Kritikerin des Systems „Blick“.

4) Subkultur & Kommodifizierung

Punk als Geste gegen Besitzverhältnisse ist zur Ware geworden – Poster, Retrobeiträge, Auktionskataloge. Das ist der vielleicht bitterste Teil des Buchs: Rebellion ist reproduzierbar, weil sie auf Bildträgern geschieht. Die ursprüngliche Energie verkommt zum Look. Das ist der eigentliche „Generation Loss“ des Kulturkapitals.

Vom Rauschen zur Kontur

Die erste Buchhälfte tastet, sammelt Material, baut Atmosphäre auf; wer nur auf billigen Thrill aus ist, wird in sich die Ungeduld des schlechten Lesers aufkeimen spüren. Doch genau dieses Tasten ist funktional: Es simuliert die Dunkelkammer, in der sich die Konturen nur langsam herausschälen. Im letzten Drittel zieht Hand die Belichtungszeit nach oben: Die einzelnen Teile rasten ein, Motiv und Tat werden eins. Die Auflösung ist schlüssig, ohne sich als sauberer Schlussakkord auszugeben. Es werden Kratzer bleiben.

Damit steht der Roman an der Schnittstelle von literarischer Kriminalliteratur und psychologischem Horror. Wer Patricia Highsmiths moralische Kälte, Shirley Jacksons Psychologie der Räume oder die Bildethik einer Susan Sontag schätzt, findet hier einen Text, der das alles in die Gegenwart übersetzt. Innerhalb von Hands Werk markiert der Roman den Beginn einer Serie, aber er funktioniert vollständig autonom: Seine Fragen sind zu Ende gedacht, auch wenn sie notwendigerweise offen bleiben.

Elizabeth Hand hat mit Generation Loss einen seltenen Roman geschrieben: formal sicher, atmosphärisch zwingend, thematisch unbequem. Er fragt nicht, was wir sehen wollen, sondern warum – und was dadurch auf der Strecke bleibt. Wer bereit ist, sich von einer kompromisslosen Erzählerin und einer scharfkantigen Prosa die Haut leicht anritzen zu lassen, findet hier eine der prägnantesten Erkundungen der Kunst-Ethik im Genregewand der letzten Jahrzehnte.

Empfehlung: Lesen – und danach die eigenen Bilder (digital wie mental) noch einmal anschauen, als wären sie Abzüge, die schon die nächste Generation verlieren könnten. Was – ehrlich gesagt – bereits nicht mehr aufzuhalten ist.

Sherlock Holmes – Das erste Fandom der Geschichte

Sherlock Holmes ist neben Dracula die am häufigsten adaptierte und inszenierte Kunstfigur der Popkultur. Dass der Detektiv weltweit bekannt ist, liegt jedoch nicht an den genialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Phrasen, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und heute scheinbar zum Kanon gehören – wie etwa der Deerstalker-Hut – kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Doch während diese mit der Mode gehen, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder adaptiert werden, wie nichts zuvor oder danach in unserem kollektiven Bewusstsein verankert zu sein.

Der Reichenbach-Schock

Sherlock Holmes
Sherlock Holmes

Im Jahr 1893 ließ der Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe stürzen. Die Klippe liegt in der Schweiz. Darunter rauschen die berühmten Reichenbachfälle. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Londoner Haus aus, wo er schrieb.

„Mit schwerem Herzen nehme ich die Feder in die Hand, um diese letzten Worte zu schreiben, mit denen ich die einzigartigen Gaben festhalten werde, mit denen mein Freund Sherlock Holmes gesegnet wurde“,

sagt der Erzähler Dr. John Watson in Conan Doyles Geschichte Das letzte Problem, die im Dezember 1893 im Magazin “The Strand” erschien.

Conan Doyle selbst war etwas weniger emotional. “Ich habe Holmes getötet”, schrieb er in sein Tagebuch. Man kann sich Conan Doyle vorstellen, wie sein glattes Haar im Kerzenschein schimmert, wie er seinen üppigen Schnurrbart vor Vergnügen zwirbelt. Später sagte er über seine berühmte Figur: „Ich hatte eine solche Überdosis von ihm, dass ich mich bei ihm fühlte wie bei einer Leberpastete, von der ich einmal zu viel gegessen hatte, so dass mir allein bei seinem Namen noch heute übel wird.

Conan Doyle mag damals geglaubt haben, sich seiner Figur entledigt zu haben, doch er unterschätzte die Fans. Die öffentliche Reaktion auf Holmes’ Tod war anders als alles, was die Welt der Fiktion zuvor erlebt hatte. Mehr als 20.000 Strand-Leser kündigten aus Empörung über Holmes’ frühen Tod ihr Abonnement. Das Magazin überlebte kaum. Selbst die Mitarbeiter bezeichneten Holmes’ Tod als “absolut schreckliches Ereignis”.

Der Legende nach trugen junge Männer in ganz London schwarzen Trauerflor. Leser schrieben wütende Briefe an die Redaktion, Clubs wurden gegründet, um Holmes’ Leben zu retten.

Das erste Fandom

Und Conan Doyle war schockiert über das Verhalten der Fans. So etwas hatte es noch nie gegeben. (Damals nannte man sie noch nicht einmal “Fans”. Der Begriff – eine Kurzform für “Fanatiker” – wurde erst in jüngerer Zeit für die amerikanischen Baseball-Fans verwendet). In der Regel akzeptierten die Leser, was in ihren Büchern geschah. Jetzt begannen sie, ihre Lektüre persönlich zu nehmen, und erwarteten, dass ihre Lieblingswerke bestimmte Erwartungen erfüllten.

Die begeisterten Leser von Sherlock Holmes haben das moderne Fandom ins Leben gerufen. Interessanterweise hält die große Fangemeinde von Holmes bis heute an und hat zu unzähligen Innovationen geführt, wie z. B. der US-Serie Elementary und der BBC-Serie Sherlock. (Es sei darauf hingewiesen, dass das berühmte Zitat “Elementar, mein lieber Watson!”, nach dem die Serie Elementary benannt ist, in den Originaltexten gar nicht vorkommt.)

1887 erschien der erste Roman mit dem Detektiv: Eine Studie in Scharlachrot. Von Anfang an war er so populär, dass Conan Doyle schon bald bereute, ihn überhaupt geschaffen zu haben. Denn diese Geschichten stellten alles in den Schatten, was Doyle für sein “ernsthaftes Werk” hielt, etwa seine historischen Romane.

An den Erscheinungstagen standen die Leser an den Kiosken Schlange, sobald eine neue Holmes-Geschichte in The Strand erschien. Dank Holmes war Conan Doyle, wie ein Historiker schrieb, “so bekannt wie Königin Victoria”.

Die Nachfrage nach Holmes-Geschichten schien endlos. Doch obwohl The Strand Conan Doyle für seine Geschichten gut bezahlte, hatte dieser nicht vor, den Rest seines Lebens mit Sherlock Holmes zu verbringen. Mit 34 Jahren hatte er genug. Er ließ Professor Moriarty Holmes die Wasserfälle hinunterstoßen. Acht lange Jahre hielt Conan Doyle dem Druck stand, doch mit der Zeit wurde der so groß, dass er 1901 eine neue Geschichte schrieb: Der Hund von Baskerville. Doch an diesem Fall arbeitete Holmes schon vor seinem verhängnisvollen Absturz. Erst 1903, in Das leere Haus, ließ er Sherlock Holmes wieder auferstehen, indem er behauptete, nur Moriarty sei in jenem Herbst gestorben, während Holmes seinen Tod nur vorgetäuscht habe. Die Fans waren zufrieden.

Sherlock – Ein Leben nach dem Tode

Aber seitdem sind die Fans noch viel obsessiver geworden. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass wir uns an ein starkes Fandom gewöhnt haben. Die BBC-Serie Sherlock, die von 2010 bis 2017 in 180 Ländern ausgestrahlt wurde, hat zu dieser Leidenschaft beigetragen. Darin spielt Benedict Cumberbatch in einer atemberaubenden Performance den modernen, aber besten Holmes, den man je gesehen hat, begleitet von Martin Freeman als Watson. Seitdem pilgern unvorstellbare Menschenmassen in die von Holmes und Watson bevorzugten Londoner Sandwichläden oder in Speedy’s Café.

Während der Produktion der Serie kam es sogar zu Problemen, weil sich Tausende Fans am Set tummelten, die dann in die Baker Street weiter zogen, die in Wirklichkeit die Gower Street ist.

Bemerkenswert ist, dass sich die Fans von Sherlock Holmes seit mehr als 120 Jahren intensiv mit dem fiktiven Detektiv beschäftigen, unabhängig davon, in welches Medium er übertragen wurde (es dürfte kein einziges fehlen).

Holmes und Watson

Mark Gatiss, Miterfinder der Sherlock-Serie, hat darauf hingewiesen, dass Holmes einer der ersten fiktiven Detektive war – die meisten anderen, die später geschaffen wurden, waren Kopien oder eine direkte Reaktion auf ihn:

„Alles in allem ziehen die Leute eine Linie unter Sherlock und Watson. Agatha Christie kann ihren Poirot nur klein und rundlich machen – im Gegensatz zu groß und schlank. Er braucht auch einen Watson, also erfindet sie Captain Hastings. Wenn man sich umschaut, ist es immer das gleiche Modell. Es ist unverwüstlich.“

 Nun, selbst Sherlock Holmes hatte einen Vorgänger, und der stammt aus der Feder von Edgar Allan Poe. Dessen Auguste Dupin trat erstmals 1841 in der Erzählung Der Doppelmord in der Rue Morgue und dann in zwei weiteren Erzählungen auf. Conan Doyle hat ihm Referenz erwiesen, indem er ihn in Eine Studie in Scharlachrot auftreten lässt. Dass er sich bei Poe bediente, bedeutet aber nicht, dass sich Sherlock Holmes nicht in eine völlig eigene Richtung entwickelte. Hier wurde der Detektiv in eine definitive Form gegossen.

Sherlock-Mitgestalter Steven Moffat sollte nun das Schlusswort haben:

„Sherlock Holmes ist ein Genie, deshalb ist er ein bisschen seltsam. Ich weiß nicht, wie oft das im wirklichen Leben vorkommt, aber in der Fiktion kommt es doch oft vor. Und das haben wir Sherlock zu verdanken.“